Afghanistan: Wie Nato-Truppen die Taliban stärken

Angeblich zahlt Italien Taliban-Kommandeuren viel Geld für einen Nichtangriffspakt, der die militärische ISAF-Mission ad absurdum führen würde

Wie fährt man am sichersten, wenn man sich schon genötigt sieht, Soldaten in ein Kriegsgebiet wie Afghanistan zu schicken? Man könnte, wie die Times anhand des italienischen Geheimdienstes berichtet hat, einfach die Aufständischen heimlich bezahlen, um so einen Nichtangriffspakt herzustellen.

Das sollen nach Informationen der Times, die sie von nicht namentlich genannten Nato-Offizieren erhalten haben will, die Italiener zumindest in den Jahren 2007 und 2008 im Sarobi-Gebiet gemacht haben, wo italienische Soldaten stationiert waren. Zehntausende Dollar seien an Kommandeure der Taliban gezahlt worden, um Angriffe und Anschläge auf die italienischen Soldaten zu unterbinden und so innenpolitische Kritik nicht aufflammen zu lassen, während man sich brav in die Koalition der Willigen einreiht, die ihre Heimat am Hindukusch verteidigen. 2007 war noch Prodi der italienische Regierungschef, 2008 kam wieder Berlusconi an die Macht, der seit 2001 eifriger Bush-Helfer war, aber nun wohl mit Obama nicht zurecht kommt, den er schon mal den "Gebräunten" nennt..

Nachdem die italienischen Soldaten 2008 durch französische ersetzt wurden, die aber nichts von dem Deal wussten, sei in dem bislang ruhigen Gebiet zu einem Angriff gekommen, bei denen 10 französische Soldaten teils auf brutale Weise getötet worden waren. Die Soldaten seien von einer falschen Sicherheitslage ausgegangen und hätten die Patrouille, die überfallen wurde, daher nicht mit schweren Waffen ausgestattet. Angeblich seien US-Geheimdienste auf den Deal zwischen dem italienischen Geheimdienst und den Taliban aufmerksam geworden, der nun natürlich für Unruhe innerhalb der ISAF führt. Die Times berichtet, dass im Oktober 2008 zwei italienische Geheimdienstagenten von den Taliban entführt worden seien, angeblich während sie Zahlungen machten.

Natürlich protestiert die italienische Regierung lautstark. Die Regierung habe niemals solche Zahlungen an ein "Mitglied der Matrix der Taliban" vorgenommen oder sie legitimiert. Man habe auch keine Kenntnis davon, dass die Vorgängerregierung dies machte. Der Verteidigungsminister Ignazio La Russa, der den Times-Artikel als "Müll" bezeichnet, will gegen den Bericht klagen. Er wirft der Times eine anti-italienische Meinungsmache und eine Verunglimpfung der Toten und des Militärs Italiens vor.

Auch der französische General Christophe Prazuc bezeichnete den Artikel als "unbegründet". Der Sprecher der ISAF, der General Eric Tremblay, erklärte, dass man von diesen Zahlungen nichts wisse, räumte aber ein, dass es durchaus "lokale Vereinbarungen" mit den Taliban gebe. Ob nun Zahlungen in diesem Fall geflossen sind oder nicht, so dürften solche Deals nicht ganz ungewöhnlich sein, um die eigenen Soldaten zu schützen, was langfristig aber zur Stärkung der Taliban führt und nicht nur andere Truppen gefährdet, sondern auch die Mission unterminiert. Das sollen auch einige Militärs bestätigt haben. Schließlich stehen alle Regierungen wegen des Afghanistan-Einsatzes unter Druck, der mit den vermehrten Angriffen und Toten, aber auch mit den verunglückten Wahlen noch weiter zunehmen dürfte.

Die Times hat aber auch noch einmal nachgelegt. Angeblich hätten Mohammed Ishmayel, ein Taliban-Kommandeur, und zwei Mitarbeiter der afghanischen Regierung die Informationen bestätigt. Nach Ishmayel sei vereinbart worden, dass man sich nicht gegenseitig angreift. Die Mitarbeiter der afghanischen Regierung sagen, die Italiener würden so auch in anderen Teilen des Landes agieren. Damit wäre die italienische Präsenz tatsächlich nur eine Farce, die Simulation eines Einsatzes, um sich bei den befreundeten Nationen durch scheinbares Engagement lieb Kind zu machen. Auch das ist glaubhaft, denn viele Regierungen handeln nicht wirklich aus Überzeugung, sondern aus Zugzwang. Die Berlusconi-Regierung bestreitet die Vorwürfe weiterhin, auch Prodi weist die Anschuldigungen zurück.

Während das Weiße Haus überlegt, ob es die Truppen in Afghanistan trotz wachsender Kritik im eigenen Land weiter verstärken soll, hat das Pentagon bereits im September eine neue Richtlinie erlassen, so das Reporters Committee for Freedom of the Press, nach der "eingebettete" Journalisten keine Bilder von getöteten US-Soldaten veröffentlichen dürfen. So kehrt die Bush-Zeit wieder. (Florian Rötzer)

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