Afrika: Die angekündigte Corona-Katastrophe

Das Klima spielt eine Rolle, erklärt jedoch auf keinen Fall alles

Zwar verfügt die Wissenschaft am heutigen Tag beileibe noch nicht über sämtliche Daten über den "neuartigen Coronavirus" (SARS Cov-2), an dem noch geforscht wird. Neue Aspekte an ihm wurden und werden entdeckt. Dennoch wird in breiten Kreisen davon ausgegangen, dass wärmere Temperaturen seiner Ausbreitung schaden.

Eine chinesische Studie der Universität Lanzhou behauptet, eine Temperatur zwischen 5° C und 15° C sei optimal für die Verbreitung des Virus. Auch eine Untersuchung der französischen Académie nationale de médecine behauptet einen Zusammenhang zwischen einem Anstieg der Außentemperaturen und einem Rückgang der Seuche. Eventuell könnte die fortschreitende Jahreszeit, im Zusammenspiel zweifellos mit anderen Faktoren wie etwa den Auswirkungen der unterschiedlichen Regierungsmaßnahmen, die derzeitige Abschwächung der Pandemie in den meisten europäischen Staaten mit erklären. Ob dies so zutrifft, wird die nähere Zukunft bestätigen müssen.

Nun liegt die jährliche Durchschnittstemperatur auf dem afrikanischen Kontinent in der Regel höher als in Europa, auch wenn es natürlich falsch und billig wäre, anzunehmen, überall in Afrika sei es zu allen Zeiten warm. Dies könnte unter Umständen einen Faktor, der die Ausbreitung der Covid-19-Lungenkrankenheit zu hemmen hilft, darstellen.

Als monofaktorielle, d.h. ausschließliche Erklärung scheidet dieser Ansatz allerdings aus. Denn auf dem südamerikanischen Kontinent, der im Hinblick auf die Nord-Süd-Dimension ungefähr auf gleicher Höhe liegt wie der afrikanische (von dem er sich erdgeschichtlich abtrennte, wie die Silhouetten der brasilianischen Ostküste einerseits und des Golfs von Guinea in Afrika andererseits noch heute klar erkennen lassen…), schritt und schreitet die Covid-19-Pandemie in erheblichem Ausmaß fort.

In Ecuador, einem Land, das - wie der Name unschwer erkennen lässt - am Äquator liegt, wurden in der Stadt Guayaquil schon zu einem frühen Zeitpunkt die Leichen an Covid-19 erkrankter Menschen auf den Straßen gefilmt, bevor die Armee dort 800 Tote aus Privatwohnungen holte. Im Nachbarland Peru, mit derzeit fast 200.000 nachgewiesenen Kontaminationsfällen und offiziell rund 9.000 Toten (jedoch einer Übersterblichkeit von 14.000 Personen im Monat Mai 2020), ist die Seuche noch immer auf dem Vormarsch.

Vom Katastrophenherd Brasilien, das "dank" der wahnwitzigen Politik seines rechtsextremen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro zu dem Staat mit der weltweit zweithöchsten Zahl an Covid-19-Toten weltweit wurde, ganz zu schweigen. Bei allen dreien handelt es sich um Länder mit mehrheitlich tropischem Klima, auch wenn es im Andenhochland natürlich kühler ist als in den Küstenstädten - doch wird das massive Sterben in den urbanen Zentren und nicht auf den Andenhochflächen verzeichnet.

Allein am Klima kann die bislang relativ, relativ glimpfliche Bilanz in Afrika also auch nicht liegen. Dass in Südafrika, einem der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder des Kontinents, die Anzahl der verzeichneten Fälle derzeit wieder steigt und gerade in den letzten Tagen sprunghaft kletterte, könnte auch mit dem Anbruch des Winters auf der Südhalbkugel zusammenhängen. Doch dass in der Mehrzahl der afrikanischen Staaten die Kurve der Pandemiefälle und die Totenzahl - jedenfalls im Zusammenhang mit Covid-19 - bisher relativ niedrig blieben, erklärt sich gerade auch im Vergleich mit Lateinamerika wohl nicht aus dem Klima heraus.

Zugang zu internationaler Mobilität: Die Elite und das erhöhte Kontaminationsrisiko

Die Allgemeinbevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent hat in geringerem Ausmaß Zugang zu internationaler Mobilität als die anderer Erdteile. Und wenn diese (in internationalem Maßstab) mobil wird, dann gibt es häufig für mehrere Jahre keine Rückkehrmöglichkeiten auf den Kontinent, da Migranten infolge ihrer Auswanderung entweder in einem Asylverfahren stecken, sich in (gegenüber dem Aufenthaltsrecht) "illegaler" Situation befinden und/oder in eher schlecht bezahlten Berufen tätig sind.

Natürlich ist diese Aussage nicht verallgemeinerbar und gibt es andere Situationen, etwa jene von Angehörigen höherqualifizierter Berufsgruppen oder internationaler Studierender. Dennoch bleibt die internationale Mobilität im Vergleich zur Reisetätigkeit nicht nur von Europäern, sondern auch etwa zu der von Mitgliedern der indischen und chinesischen Mittelklasse relativ geringfügig.

Hauptbetroffene der weltweiten Covid-19-Pandemie in mehreren afrikanischen Ländern sind, auch vor diesem Hintergrund, die Angehörige einer schmalen Oberklasse. Diese Eliten aus Politikern, Geschäftsleuten und Präsidentensöhnchen sind nicht nur reisefreudig, sondern zeichnen sich zumindest zum Teil dadurch aus, dass sie sich geistig oder gar körperlich mehr in Europa als in ihren eigenen Ländern aufhalten - deren Interesse sie entsprechend auch oft in keiner Weise vertreten, jedenfalls die ihrer jeweiligen Mehrheitsbevölkerung, deren Lebenssituation sie unter Umständen kaum kennen.

Bis zur Karikatur verkörpert dies etwa der gealterte kamerunische Staatspräsident Paul Biya, seit 1982 an der Regierung, also schlappe 38 Jährchen - er ist erst das zweite Staatsoberhaupt seines Landes seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960. Sein Vorgänger Ahmadou Ahidjo hielt sich dank direkter militärischer Unterstützung durch Frankreich an der Macht, ohne die er sich vor allem in den Anfangsjahren nie hätte im Amt halten können, da von 1948 bis 1971 ein blutiger Krieg mal "niedriger Intensität", mal mit "heißen Phasen" gegen eine linksorientierte Unabhängigkeitsbewegung in Kamerun tobte.

Während vor allem französische Unternehmen sowie eine einheimische staatsnahe Mafia von den natürlichen Rohstoffen Kameruns profitieren, verbrachte Biya noch vor wenigen Jahren buchstäblich mehr Zeit im (überwiegend europäischen) Ausland als im eigenen Land, zählt man tatsächliche oder vorgebliche Staatsbesuche und auch offiziell als privat deklarierte Besuche zusammen.

Insbesondere hielt er sich alljährlich Monate lang in Frankreich und in der Schweiz auf, in Urlaubsorten und Kliniken - zu Hause behandeln lässt er sich ohnehin nicht, da er natürlich weiß, in welchem Zustand er das Krankenhauswesen in Kamerun hinterließ. 2009 rief diese Gewohnheit einige Aufmerksamkeit hervor, als er im westfranzösischen Badeort La Baule mitsamt Gefolge 43 Hotelzimmer belegte, mit Gesamtkosten von 800.000 Euro für einen dreiwöchigen Aufenthalt.

Seitdem wird er bei solchen luxuriösen Auslandsaufenthalten regelmäßig durch die Exilopposition aus Kamerun beobachtet oder belästigt, der Arme; und inzwischen gibt es sogar eine eigene Wikipedia-Seite zum Thema. Unter dem Druck dieser Aktivitäten hat sich sein Reisedrang ein wenig gebremst. Infolge von körperlichen Übergriffen durch seine Leibwächter im Sommer 2019 in der Schweiz, wo es zu einer Demonstration gegen ihn kam, und einer anschließenden gerichtlichen Verurteilung von sechs dieser Leibwächter wird der helvetische Boden ihm nun wohl ein wenig zu heiß.

Zwar wurde bislang nichts über eine Coronavirus-Infektion Paul Biyas bekannt, doch sind es Mitglieder einer ebenso faulen und selbstgefälligen wie eher europäischen (denn afrikanischen) Interessen dienenden Pseudo-Elite wie er, die von diesem Risiko am stärksten betroffen sind. Befinden sie sich doch häufig auf interkontinentalen Flügen. Nun sitzen sie vorübergehend in einer selbstverschuldeten Falle, sehen sie sich doch eine Zeit lang dazu gezwungen, von Reiseplänen Abstand zu nehmen, ja, auf die Krankenhäuser und Gesundheitssysteme im eigenen Land angewiesen, deren Situation sie gar zu gut kennen.

Auch wenn ihnen natürlich die besten aller Behandlungsmöglichkeiten, die auf dem jeweiligen Staatsgebiet verfügbar sind, zuteil werden. Darin mag man nun, wie viele Afrikanerinnen und Afrikaner dies tun, ein kleines Stückchen ausgleichender Gerechtigkeit erkennen, auch wenn dies die Lage der Normalbevölkerung als solche natürlich nicht verbessert.

In der westafrikanischen Republik Guinea, wo bis zum Ende dieser Woche insgesamt 4.841 Infektionsfälle und 26 Tote an Covid-19 (offiziell) registriert wurden, erwischte es etwa hochrangige Regierungspolitiker. Gleich mehrere von ihnen verstarben. Unter ihnen befand sich der Generalsekretär des Regierungskabinetts und Minister Sékou Kourouma, aus dem unmittelbaren Umfeld von Staatspräsident Alpha Condé, aber auch Mory Diamé, der Bruder des mächtigen Verteidigungsministers, oder der Chef der Nationalen Wahlkommission Amadou Salif Kébé.

Aus der Sicht vieler "einfacher" Guineer bedauerlicher ausfallen dürfte die Covid19-Infektion der früheren Grande Dame der einflussreichen Gewerkschaftsbewegung des Landes, Rabiatou Sérah Diallo, heute Vorsitzende des "Wirtschaftlichen und sozialen Rats", einer in der Verfassung vorgesehenen Konzertierungsinstanz. 2007 spielte sie eine zentrale Rolle beim damaligen Generalstreik, dessen - in der Sache vergebliche, da viele Forderungen durchgesetzt werden konnten - Repression durch die damalige Regierung mindestens 137 Menschenleben forderte.

Die mittlerweile Siebzigjährige infizierte sich bei einem Aufenthalt in Frankreich mit dem "neuartigen Coronavirus" (SARS Cov-2), ihre Erkrankung wurde Ende März dieses Jahres bekannt gegeben. Mitte April dieses Jahres wurde sie dann allerdings für "geheilt" erklärt.

Noch zum Thema Mobilität: Hauptbetroffene Staaten in Afrika waren im Übrigen zunächst jene, die dem Massentourismus in der einen oder anderen Form offenstehen, insbesondere Ägypten und Südafrika. Bis Ende Februar war das Auftauchen von SARS Cov-2 kontinentalweit überhaupt nur in Ägypten registriert worden, wo auch ein deutscher Tourist an Covid-19 verstarb, übrigens der erste deutsche Tote der Krankheit. Derzeit verzeichnet Ägypten - am 20. Juni dieses Jahres - mit offiziell 2.017 Covid19-Toten und 52.211 erklärten Fällen die höchste Todesrate auf dem Kontinent, gefolgt von Südafrika mit 1.831 Verstorbenen und 87.715 Erkrankungsfällen.

Es folgen Staaten des Maghreb, unter denen besonders Algerien (11.504 Erkrankungsfälle, 825 Epidemie-Tote) und Marokko mit 9.613 vermeldeten Erkrankten und 213 Verstorbenen relativ hohe Fallzahlen aufweisen. Zwar besteht im algerischen Falle kein nennenswerter Zustrom auswärtiger Touristen, es existiert fast ausschließlich ein Binnentourismus; doch sind alle diese Mittelmeer-Anrainerstaaten, sei es durch Tourismus wie die Nachbarländer Marokko und Tunesien, sei es durch in Europa lebende Migranten (wie im algerischen Kontext), mit einer hohen Zahl von An- und Abreisen konfrontiert.

Erstaunlicherweise sind ebenfalls touristisch geprägte Länder wie Kenia und Tansania, mit derzeit (am 20. Juni dieses Jahres) 119 respektive 21 Toten der Pandemie sowie Fallzahlen von 4.734 respektive 509, bislang nur in geringem Ausmaß betroffen. Umgekehrt weist der Sudan, ohne den 2011 abgetrennten Südsudan, mit 506 Verstorbenen sowie 8.316 erklärten Erkrankungsfällen ein relativ hohes Niveau an Pandamie-Betroffenheit auf, obwohl er bislang definitiv nicht als Tourismuszielland gelten kann.

Dieses Beispiel deutet darauf hin, dass auch regionale Faktoren eine Rolle spielen; in diesem Falle wohl besonders die engen Bindungen an Ägypten, dessen offiziellen Fallzahlen mutmaßlich drastisch untertrieben ausfallen. Beim Sudan könnte hinzukommen, dass zwar Massentourismus keine Rolle spielt, das Land jedoch relativ stark ausgebaute Flugverbindungen zu China aufweist und deswegen als relativ exponiert gilt (Karte 1). China kaufte im vergangenen Jahrzehnt etwa landwirtschaftliche Nutzflächen im Sudan auf.

Hinzu kommen die rechtzeitig oder nicht rechtzeitig einsetzenden Reaktionen der Behörden, im kenianischen Falle etwa wurden die Grenzen und Flughäfen geschlossen.

"Wer kein robustes Immunsystem hat, überlebt sowieso nicht"?

Allgemein wurde zu Anfang der weltweiten Pandemie vielfach befürchtet, dass diese in Afrika besonders fatale Konsequenzen haben könnte, falls die Seuche hier in vergleichbarer Weise wie in Europa ausbricht. Gründe dafür sind der miserable Zustand des Gesundheitswesens in der Mehrheit der Staaten und die Tatsache, dass zumindest in den städtischen Ballungsräumen oft relativ viele Personen eng konzentriert auf mehr oder minder geringem Wohnraum leben.

Allerdings behauptete die französisch-kamerunische Schriftstellerin Odile Biyidi Awala, die Witwe des antikolonialen Intellektuellen Mongo Béti (unter anderem in einem Mailwechsel mit dem Autor vom 21. März d.J.), ihrerseits frühzeitig, angesichts der Lebensumstände und des kaum vorhandenen medizinischen Infektionsschutzes sei in Kamerun ohnehin nur ins Erwachsenenalter gelangt, wer über ein robustes Immunsystem verfüge, weshalb der neue Coronavirus SARS Cov-2 dort ihrer Erwartung zufolge nur vergleichsweise geringe Schäden anrichten werde. (In dem Land starben bislang 282 Menschen und erkrankten 10.638 laut offiziellen Zahlen an Covid-19.)

Viele Beobachter zeigten sich jedoch gegenteiliger Auffassung und verwiesen etwa darauf, dass nur ein Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben in Afrika aufgewendet wird, wo bereits Malaria und HIV wichtige Problematiken darstellten. Ein Arzt oder eine Ärztin und zehn Krankenhausbetten kommen auf je 10.000 Einwohner/innen, im Vergleich zu 36 bzw. 51 im Durchschnitt der EU-Länder. Zu Beginn der Covid-19-Krise versuchten viele afrikanische Länder, ihre Kapazitäten zu steigern - von einem niedrigen Ausgangsniveau aus.

Auf der positiven Seite verbuchen Kommentatoren jedoch - wenigstens für die westafrikanischen Staaten, an vorderster Stelle in Nigeria - die Erfahrungen, die in den Jahren 2014 bis 2016 auf der Ebene des medizinischen Systems mit der Bekämpfung des Ebola-Virus gesammelt wurden. Letzteres ist biologisch nicht sonderlich eng mit den Coronaviren verwandt; die Sterblichkeitsrate lag bei Ebola-infizierten erheblich höher, die Ansteckungsmöglichkeiten fielen jedoch geringer aus.