Afrika: Die angekündigte Corona-Katastrophe

Polemik über Impfstoff-Testpläne

Ab Anfang April dieses Jahres entspann sich eine zeitweilig wilde Polemik, die von Frankreich ausging und internationale Kreise zog. Dabei ging es um die Hypothese, Impfstoffpräparate könnten zunächst in Afrika an dortigen Bevölkerungsgruppen getestet werden, bevor sie international eingeführt und vermarktet würden.

Gründe für Misstrauen bezüglicher solcher Vorhaben existieren tatsächlich, war dies doch in der Vergangenheit bei anderen Pathologien wirklich der Fall. Besonders ein 2005 bei Le Monde diplomatique erschienener Artikel unter dem Titel "Afrika, Versuchskaninchen der Pharmaindustrie" belegt ausführlich und detailliert die Existenz solcher Praktiken.

Nach bisherigem Erkenntnisstand kam es im Zusammenhang mit der Covid19-Pendamie nicht real dazu. Erst vor kurzem und in bisher geringem Ausmaß scheinen Wirkstoffe mit potenziell gegen Covid19 immunisierender Wirkung (bei welcher fraglich ist, wie lange sie anhalten wird) in ein testreifes Stadium gekommen zu sein.

Zwar erfährt die Öffentlichkeit, gerade im Zusammenhang mit der Pharmaindustrie, sicherlich nicht alles oder nicht zeitnah. Dennoch stößt, aufgrund der frühzeitig einsetzenden harten Auseinandersetzung über ein solches Szenario im Zusammenhang mit Covid19, die Erprobung eines solchen Impfstoffs in Afrika als "Testfeld" wohl gegebenenfalls auf starke Hindernisse und Abwehrreaktionen.

Ausgelöst hatten die Polemik zwei französische Ärzte, die im Rahmen einer TV-Diskussion zum "neuartigen Coronavirus" (am 1. April dieses Jahres - es handelte sich nicht um einen Aprilscherz ) beim Sender LCI die Möglichkeit eines solchen Ausprobierens eines Impfstoffs auf dem Versuchsfeld Afrika locker-flockig andiskutierten. Als erster brachte Jean-Paul Mira diese Option ins Gespräch. Im Anbetracht der rasch aufflammenden Auseinandersetzung dementierten die Diskussionsteilnehmer wenige Tage später, solche Absichten zu hegen, sie seien falsch verstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen zitiert worden.

Heftige Reaktionen häuften sich daraufhin schnell. Eine marokkanische Anwaltsvereinigung erstattete Strafanzeige in Frankreich wegen "rassistischer Äußerungen".

Bei den sozialen Medien und anderswo im Netz häuften sich die Reaktionen. Auch das "Netzwerk afrikanischer Journalistinnen" veröffentlichte umgehend eine Erklärung.

Ihrerseits reagierten französisch-afrikanische und afrikanische Fußballstars wie Didier Drogba und Samuel Eto‘o oder der frühere marokkanische Mannschaftskapitän Mehdi Benatia, im Falle des früheren kamerunischen Spielers Eto‘o mit durchaus drastischer Wortwahl ("H…söhne, nicht wahr, Afrika ist Euer Spielfeld?"). Didier Drogba kritisierte diese "schwerwiegenden, rassistischen und verachtenden Äußerungen" und insistierte: "Afrika ist kein Labor.".

Eines der objektiven Ergebnisse ist, dass afrikanische Bevölkerungen überall dort, wo bei ihnen der Anschein erweckt, sie sollten als Versuchskaninchen für Impfstoff- oder andere Tests dienen, von vornherein ausgeprägt misstrauisch sind. In einem ärmeren Stadtteil von Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Côte d’Ivoire, wurde vor diesem Hintergrund ein Gesundheitszentrum Anfang April des Jahres zerstört.

Das Zentrum diente allerdings nicht dem Durchführen von potenziell riskanten Impfstoff- oder Wirksttofftests, sondern im konkreten Falle wurden dort Tests zum Nachweis von Covid19-Infektionen durchgeführt.

Afrikanische Lösungsansätze?

Auch vor diesem Hintergrund weisen viele afrikanische Stimmen nun in zunehmendem Ausmaß die - oftmals herablassend und als Armenhilfe angepriesenen - Hilfsangebote zurück. So wurde eine durch die Europäische Union eingerichtete Luftbrücke von Anfang Mai dieses Jahres in mehrere afrikanische Staaten - die Zentralafrikanische Republik (ZAR), Kamerun, Niger und Burkina Faso - von Staatsangehörigen dieser Länder zum Teil kritisiert.

Dabei wurden Hilfsgüter und medizinisches Material wie Handschuhe dorthin transportiert. Zwar sind solche Gegenstände zweifellos nicht unnütz, und die Aktion mag gute Absichten verfolgt haben, doch wurde vor Ort zum Teil moniert, Masken hätten sich auch in lokaler Produktion herstellen lassen, was dort vielen örtlichen Akteuren Beschäftigung gegeben hätte. Die ZAR, die im vorigen Jahrzehnt ein Bürgerkriegsland war und noch immer mehrere Hunderttausend Binnenflüchtlinge aufweist, mag dabei allerdings gegenüber den übrigen genannten Staaten einen Sonderfall darstellen.

Zustimmung finden demgegenüber Versuche und/oder Behauptungen, die darauf hinauslaufen, afrikanische Rezepte gegen die Pandemie und ihre Folgen zu finden. Eines davon, das inzwischen in weiten Teilen des Kontinents Anklang findet, ist die Vermarktung der Pflanze Artemisia annua.

Es handelt sich um ein Beifußgewächs, das in geringem Ausmaß auch in Österreich vorkommt, vor allem jedoch in Südosteuropa und Asien wächst. In China findet es in der traditionellen Heilkunde Anwendung. In modernen politischen Zusammenhängen wurde sein Gebrauch als Arzneimittel durch die Volksrepublik popularisiert, als es im Vietnamkrieg eingesetzt wurde, um die Zahl der Malariatoten unter den vietnamesischen Kämpferinnen und Kämpfern einzudämmen. Ihm wird eine Heilwirkung zugeschrieben, die mutmaßlich darauf basiert, dass es die körpereigenen Immunkräfte stärkt und zugleich entzündungshemmend wirkt.

Der durch die madagassische Journalistin Lova Rabary-Rakotondravony als "Populist" eingestufte - das Adjektiv ist im lokalen politischen Kontext jedoch fragwürdig - 45jährige Präsident Andry Rajoelina erklärte es nun zur afrikanischen Wunderwaffe gegen die Covid-19-Pandemie, und fand dafür Unterstützung in vielen Ländern des Kontinents. Laut der zentralafrikanischen Ärztin Luisa Dologuélé, die zu deren entschiedensten Befürsworterinnen gehört, sollen diese und andere Pflanzmittel neben modernen Medikamenten "85 Prozent der Covid-Patienten in China" zusätzlich verabreicht worden sein.

Rajoelina lässt daraus nun eine Art Tee zubereiten, dem noch ein einheimisches Lorbeergewächs zugesetzt wird und der unter dem Namen Covid-Organics vermarktet wird. Am 20. April wurde das Produkt offiziell herausgebracht. Es wird auch auf den Straßen der Hauptstadt Antananarivo an die Einwohner verteilt.

Die Liste afrikanischer Länder, die den Stoff bestellten, wurde im Laufe der Wochen immer länger, vom Senegal über Niger und Äquatorial-Guinea bis Tansania. Die Staatsführung des westafrikanischen Guinea-Bissau flog gar eine größere Ladung ein, um Proben davon an alle übrigen 14 Mitgliedsstaaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft zu verteilen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält eine medizinische Wirkung gegen Covid-19 bislang nicht für erwiesen, sprach sich jedoch für Tests aus, wie im deutschsprachigen Raum auch die Pharmazeutische Zeitung berichtete. In Afrika nimmt man dagegen vielerorts an, die bisherige Nichtanerkennung des Naturheilmittels diene ausschließlich dazu, ökonomische Interessen im Norden zu schützen.

Erwiesen ist vorläufig wohl nur eines: Schaden fügt das Biomittel wohl keinen zu. Bei Kindern ist jedoch Vorsicht beim Verabreichen größerer Mengen geboten. (Bernard Schmid)