Afrika: Die angekündigte Corona-Katastrophe

… und was daraus geworden ist

Angekündigte Katastrophen treten oft, jedoch nicht immer ein. Und so blieb der afrikanische Kontinent jedenfalls bislang relativ verschont von den katastrophalen Auswirkungen der Covid19-Pandamie, die sich anderswo - etwa in Ländern wie den USA, Brasilien und im Vereinigten Königreich - abzeichnen.

Nicht, dass Afrika von der global sich ausbreitenden Krankheit unberührt geblieben wäre. Am 31. März 2020, also am Ende jenes Monats, der in vielen europäischen Staaten den Umschwung im Umgang mit der Pandemie markierte und oft den Lockdown in der einen oder anderen Variante hervorrief, blieben in Afrika noch fünf Staaten (von insgesamt 54, die der Kontinent seit der Aufspaltung des Sudan im Juli 2011 zählt) ohne offiziell registrierte Covid19-Fälle übrig.

Geringe Infektionszahlen im Vergleich

Es handelte sich um Sierra Leone, den Südsudan, Burundi, Malawi und Lesotho; also ausnahmslos um Staaten, die relativ stark von den internationalen Verkehrsflüssen abgeschnitten sind. Vier der fünf genannten Staaten sind Binnenländer, also alle mit Ausnahme des Küstenstaats Sierra Leone, der wiederum zu Anfang der 2000 durch einen verheerenden Bürgerkrieg und im vorigen Jahrzehnt durch die Ebola-Epidemie heimgesucht wurde und (trotz schöner Atlantikstrände) keinerlei Massentourismus kennt.

Auf der eben zitierten Liste wurden im zurückliegenden Jahrzehnt ferner der 2011 unabhängig gewordene Südsudan, aber auch Burundi (infolge der höchst umstrittenen Wahl von 2015) durch Bürgerkriege oder bürgerkriegsähnliche Konflikte gezeichnet.

Doch bereits am Abend des 31. März kippte das nächste Land von der Liste der von Corona verschonten Länder: In Burundi gab die Regierung die ersten beiden Fälle der Lungenkrankheit Covid 19 bekannt. Als hätte das krisengeschüttelte ostafrikanische Land nicht bereits genügend Probleme aufzuweisen. Seitdem ist sein amtierender Präsident Pierre Nkurunziza, ein Evangelikaler mit ausgeprägtem Machttrieb - er boxte 2015 seine durch die Verfassung verbotene Wiederwahl für ein drittes Mandat, trotz Beschränkung der Amtszeiten auf zwei, mit aller Gewalt durch - im Alter von 56 verstorben - offiziell an Herzversagen. Doch viele Stimmen mutmaßen, in Wirklichkeit sei Covid-19 für sein Ableben verantwortlich.

Die Regierungspartei CNDD-FDD hatte erst vor kurzem seinen Nachfolger wählen lassen, den Armeegeneral Evariste Ndayishime, mitten in einer lokalen Covid19-Epidemie, die zwar durch die Behörden offiziell geleugnet wird (ihnen zufolge gibt es bis heute nur einen Toten im Land infolge von Covid19), und dennoch die Krankenhäuser füllt.

Inzwischen wurden in allen oben genannten Länder auch offiziell mindestens einige auftauchende Covid-19-Erkrankungen verzeichnet, von amtlich registrierten 17 Fällen (ohne Tote) im von Südafrika umschlossenen Binnenland Lesotho bis zu 1.354 Erkrankungsfällen und 56 Toten - mit Stand 26. Juni 2020 - in Sierra Leone.

Dennoch liegt die Gesamtzahl von Covid-19-Erkrankungsfällen und Toten der Krankheit weitaus niedriger als in Europa oder Nordamerika, trotz einer höheren Gesamtbevölkerung (Afrika zählt derzeit gut 1,2 Milliarden Menschen). Der gesamte Riesenkontinent zählte am 26. Juni dieses Jahres, laut verfügbaren Zahlen, 9.070 Tote und 347.836 bekannt gewordene Infektionen.

Am selben Tag zählten die USA, mit gut dreihundert Millionen Einwohnern, rund 2,5 Millionen offiziell registrierte Erkrankungsfälle und 126.000 Tote. Nun mag es sein, dass in Ländern Afrikas wie anderswo nicht alle Erkrankungsfälle auch amtlich registriert und anerkannt wurden. Dennoch ließe sich jedenfalls ein massenhaftes Aufkommen an Toten mit den spezifischen Lungenschäden wohl kaum vor den internationalen Medien und der Weltöffentlichkeit verbergen; dies schiene allenfalls in Nordkorea und vielleicht in der nordostafrikanischen Diktatur Eritrea möglich, wenn überhaupt.

Szenarien, die nicht eintraten

Anfang April dieses Jahres wurde bekannt, dass man in politischen und militärischen Milieus in Frankreich - das nach wie vor eine erhebliche Rolle als neokoloniale Macht in Nord-, West- und Zentralafrika spielt - Überlegungen darüber anstelle, dass mehrere afrikanische Staatsapparate unter der Einwirkung der Covid19-Pandemie und ihrer Folgen zusammenbrechen, implodieren könnten. Auch dazu ist es bislang nicht gekommen.

Grundsätzlich bleibt ein solches Szenario nach wie vor in einigen Ländern denkbar, da die betreffenden Staatsapparate vorwiegend der Selbstversorgung einer schmalen sozialen Gruppe und ihrer (mitunter, jedoch nicht immer, in "ethnischen" Begrifflichkeiten definierten) Klientel dienen. Als unmittelbare Konsequenz des Auftauchens der Covid-19-Pandemie blieben solche Ereignisse jedoch bislang aus.

Regierungsmaßnahmen gegen die Pandemie

Auch in zahlreichen afrikanischen Staaten wurden Maßnahmen verhängt, die zum Teil jene in europäischen Ländern nachvollzogen, ja in manchen Fällen eine direkte Kopie von Teilen der Beschlüsse etwa in Frankreich darstellten.

Überall auf dem Kontinent wurden Mobilitätseinschränkungen verhängt, jedenfalls in den meisten Ländern in Form von Einreiseverboten, Flughafenschließungen oder Quarantänebestimmungen für Ankömmlinge aus europäischen oder asiatischen Staaten. Hinzu kommen zum Teil innerstaatliche oder auch innerstädtische Fortbewegungsbeschränkungen, allerdings nur selten mit allgemeinen Ausgangsverboten wie in Kongo-Brazzaville - mit Ausnahme von Arbeitskräften in systemrelevanten Tätigkeiten - oder für die Bewohner der Hauptstadtregion von Antananarivo in Madagaskar.

Aufgrund der oftmals auch durch die Behörden festgestellten Unmöglichkeit, generelle Ausgangssperren durchsetzen bei einer Bevölkerung, die in relevanten Teilen keine finanzielle Rücklagen aufweist und ohne ihr tägliches Einkommen buchstäblich ohne Nahrung bleiben müsste, nahmen die Mobilitätsbeschränkungen oft die Form von Ausgangsverboten zu bestimmten Tages- oder eher Nachtzeiten ein. Etwa in der westafrikanischen Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) zwischen 21 Uhr und fünf Uhr früh oder im Senegal zwischen 23 Uhr und fünf Uhr morgens.

Im erstgenannten Falle fielen diese nächtlichen Ausgangsverbote zwischenzeitlich wieder; im zweitere Falle, den Senegal betreffend, bleiben sie bis zum 2. Juli in Kraft. Allerdings wurden diese nur bestimmte Uhrzeiten betreffenden Ausgangsverbote kombiniert mit der Schließung bestimmter Örtlichkeiten, an denen viele Menschen zusammentreffen könnten, etwa von Gaststätten (bspw. in der Côte d’Ivoire bis Mitte Mai und im Senegal bis zum 04. Juni, seitdem besteht dort Maskenpflicht), von bestimmten Märkten, von Schulen oder Sporteinrichtungen.

In Südafrika kam seit März dieses Jahres ein Verbot des Alkoholausschanks und -verkaufs hinzu, was in dem von endemischer Gewalt geschüttelten Land nicht nur negative Aspekte hat. Allerdings geriet die dortige Regierung aufgrund ihrer notorischen Inkompetenz bei der Krisenverwaltung unter wachsende Kritik.

Dieses generelle Profil der Regierungsmaßnahmen wirft aber in afrikanischen Staaten in aller Regel ein bedeutendes Problem auf; denn selbst dort, wo der Staat eine Art Kurzarbeitergeld ausbezahlt, betrifft dies im Prinzip nur jene Staatsbediensteten oder auch Privatbeschäftigte, die über gesetzlich regulierte Arbeitsverträge verfügen. Relevante Teile der Bevölkerung arbeiten jedoch, sei es im Maghreb oder im subsaharischen Afrika, im so genannten informellen Sektor, ohne gesetzliche Regulierung oder Sozialversicherung.

Das nordafrikanische Marokko - obwohl eines der Länder mit den größten sozialen Ungleichheiten weltweit, einem autoritär regierenden monarchischen Regime und zum Teil noch halbfeudalen Verhältnissen - schuf dafür eine einigermaßen intelligente Lösung, indem die regierende Monarchie für die Dauer der Epidemie eine Art bedingungsloses Grundeinkommen einführte, auch für die im breiten "informellen Sektor" beschäftigten Menschen.

Haushalte können demnach zwischen 800 und 1.200 Dirham (ein Euro entspricht knapp elf Dirham) gesicherter Zahlungen beziehen, auch ohne Nachweis eines geregelten Einkommens zur Zeit vor der Seuche. Solche Hilfen kamen 4,3 Millionen Menschen, i.d.R. wurden die "Familienoberhäupter" gezählt, zugute.

In der Amtssprache wird unterschieden zwischen Ramedistes, d.h. sozialversicherungspflichtig Arbeitenden bzw. Inhabern einer Krankenkasse-Nachweiskarte innerhalb des "informellen" Sektors (von RAMED für Régime d’assistance médicale) und Personen ohne jeglichen Krankenversicherungsschutz oder non-Ramedistes. An die Erstgenannten wurden ab Anfang April d.J. finanzielle Hilfen ausgeschüttet, und für die non-Ramedistes begann die Auszahlung ab dem 23. April.

Marokko war zugleich während der Corona-Krise ein Land mit rigorosen Kontrollen; in Casablanca und anderen Städten wie Oujda patrouillierte die Armee mit Panzern auf den Straßen und kontrollierte die Passierscheine derer, die im öffentlichen Raum angetroffen wurden.

Allein an einem Wochenende im April, das in Europa dem christlichen Osterwochenende entsprach, kam es zu 4.300 Festnahmen im Land wegen Nichtbeachtung von Ausgangsbeschränkungen.

Am 11. Juni dieses Jahres begann eine Abschwächung der Maßnahmen in Marokko, jedenfalls in der "Zone 1". Dabei wurde das Land, je nach Virulenz des Virus, in zwei Zonen eingeteilt. Zu den Hauptproblemen in Marokko zählen unter anderem die "Fall-Cluster", die in einer Reihe von (meist für den Weltmarkt produzierenden und sich durch Überausbeutung auszeichnenden) Unternehmen wie etwa Lebensmittel-, Fischkonservenfabriken zu verzeichnen sind. Viele Arbeitsplätze sind von Kontaminationsrisiken betroffen. Zeitweilig versuchten i.Ü. auch die Salafisten des Landes, politischen Profit aus der Corona-Krise zu ziehen ihre Aktivitäten wurden jedoch durch die Behörden eingedämmt.

In anderen Ländern des Kontinents überwog die repressive Komponente der Krisenbewältigung. Aus der westafrikanischen Côte d’Ivoire wurden beispielsweise Übergriffe durch eine gewalttätige Polizei vermeldet. Letztere war damit beauftragt, strafbewehrte Mobilitätsbeschränkungen und insbesondere die Schließung der im Land höchst populären maquis (Freiluftrestaurants) und Bars durchzusetzen.

In den letzten Wochen wurden diese restriktiven Maßnahmen jedoch sukzessive aufgehoben: Am 14. Mai dieses Jahres durften in der Côte d’Ivoire die maquis und Kneipen wieder öffnen, am 21. Mai die Schulen; am 31. Mai endeten die Grenzschließung und der wegen Covid19 ausgerufene Ausnahmezustand. Zu den an Covid19 Erkrankten in dem Land, das offiziell bis zum 20. Juni d.J. 6.874 Fälle und 49 Tote infolge der Pandemie aufweist, zählte im April auch einer der engsten Berater von Staatspräsident Alassane Ouattara.

Übergriffe und Rechtsmissbräuche durch Sicherheitskräfte wurden aus einer Reihe von Ländern des Kontinents, unter ihnen auch Uganda und Kenia verzeichnet. Das akute Problem der Durchsetzung von Ausgangsbeschränkungen und -sperren im Zusammenhang mit der Corona-Krise trifft dabei in einer Vielzahl von Fällen mit strukturellen Problemen wie mangelnder Ausbildung, Unterbezahlung von Angehörigen der Sicherheitskräfte (und generell von Staatsbediensteten), Korruption und Straflosigkeit zusammen.

Einige Staatsführungen machten dabei in erkennbarer Weise ganz unmittelbar Politik unter Ausnutzung der Maßnahmen. Das westafrikanische Guinea etwa verbot ab der zweiten Märzwoche dieses Jahres Menschenansammlungen ab einhundert Personen, ab dem 19. März dann schon ab zwanzig Personen.

Dies hinderte die Regierung nicht daran, am 22. März die Bevölkerung in die - kaum in irgendeiner Form gegen eine Ausbreitung der Seuche gesicherten - Wahlbüros zu rufen, um eine heftig umstrittene Verfassungsänderung durchzusetzen, die dem derzeitigen Präsidenten Alpha Condé eine bisher verfassungsrechtlich verbotene dritte Amtszeit ermöglichen soll.

Die Opposition rief zum Boykott dieser Abstimmung auf. (Gewalttaten von Polizeikräften und regierungsnaher Milizen am selben Tag in der Stadt Nzérékoré forderten mutmaßlich 66 Todesopfer). In diesem Zusammenhang wurde überdeutlich, dass die amtierende Regierung des Landes die Versammlungsbeschränkungen lediglich dazu benutzt, die seit Oktober vorigen Jahres anhaltenden, zeitweilig massiven Protestdemonstrationen von Teilen der Bevölkerung einzudämmen.

In der internationalen Presse wurde behauptet, Covid 19 sei ein Verbündeter, ja "der beste Verbündete von (Präsident) Alpha Condé" und besorge derzeit dessen Geschäft. Das Ergebnis daraus ist übrigens unter anderem, dass die Bevölkerung (grundsätzlich eventuell begründete) Anti-Covid19-Schutzmaßnahmen weitgehend boykottiert, denn was diese Regierung vorgeblich bekämpfe, könne ja nicht gar so schlecht sein - zumal diese Krankheit im Land bislang hauptsächlich, ja weitestgehend die Elite trifft.

Auch ökonomisch werden viele afrikanische Länder selbstredend durch die kurz- und mittelfristigen Auswirkungen der Covid19-Krise getroffen. Auf der Ebene der "Westafrikanischen Währungsunion" (UEOMA) wurde Ende April des Jahres mit einer Verringerung des Wirtschaftswachstums auf +2,7 % statt ursprünglich vorhergesagter +6,6 % gerechnet.

Mittelfristig droht der Region jedoch eine Rezession, sofern die Auswirkungen der Krise sich zeitlich verlängern. Zu diesem Zeitpunkt wurde der "Konversionspakt", mittels dessen die Länder der UEOMA eine stärkere Vereinheitlichung ihres jeweiligen wirtschaftlichen Niveaus anstreben wollten - ungefähr vergleichbar mit den im Maastricht-Vertrag 1991/92 festgeschriebenen "Konvergenzkriterien" innerhalb der Europäischen Union -, ausgesetzt.

Weitergehende Schreckensszenarien internationaler Organisationen, die etwa darauf hinausliefen, zwanzig Millionen Arbeitsplätze könnten verschwinden oder fünfzig Millionen seien von Hunger bedroht, traten bislang nicht ein. Möglicherweise auch deswegen nicht, weil die Covid19-Pandemie den afrikanischen Kontinent bis dato nicht in dem bisweilen erwarteten Ausmaß getroffen hat, wie oben dargelegt. Selbstverständlich stellt die Schilderung von Bedrohungen auch stets nur einen von mehreren möglichen Abläufen dar.

Das Klima spielt eine Rolle, erklärt jedoch auf keinen Fall alles

Zwar verfügt die Wissenschaft am heutigen Tag beileibe noch nicht über sämtliche Daten über den "neuartigen Coronavirus" (SARS Cov-2), an dem noch geforscht wird. Neue Aspekte an ihm wurden und werden entdeckt. Dennoch wird in breiten Kreisen davon ausgegangen, dass wärmere Temperaturen seiner Ausbreitung schaden.

Eine chinesische Studie der Universität Lanzhou behauptet, eine Temperatur zwischen 5° C und 15° C sei optimal für die Verbreitung des Virus. Auch eine Untersuchung der französischen Académie nationale de médecine behauptet einen Zusammenhang zwischen einem Anstieg der Außentemperaturen und einem Rückgang der Seuche. Eventuell könnte die fortschreitende Jahreszeit, im Zusammenspiel zweifellos mit anderen Faktoren wie etwa den Auswirkungen der unterschiedlichen Regierungsmaßnahmen, die derzeitige Abschwächung der Pandemie in den meisten europäischen Staaten mit erklären. Ob dies so zutrifft, wird die nähere Zukunft bestätigen müssen.

Nun liegt die jährliche Durchschnittstemperatur auf dem afrikanischen Kontinent in der Regel höher als in Europa, auch wenn es natürlich falsch und billig wäre, anzunehmen, überall in Afrika sei es zu allen Zeiten warm. Dies könnte unter Umständen einen Faktor, der die Ausbreitung der Covid-19-Lungenkrankenheit zu hemmen hilft, darstellen.

Als monofaktorielle, d.h. ausschließliche Erklärung scheidet dieser Ansatz allerdings aus. Denn auf dem südamerikanischen Kontinent, der im Hinblick auf die Nord-Süd-Dimension ungefähr auf gleicher Höhe liegt wie der afrikanische (von dem er sich erdgeschichtlich abtrennte, wie die Silhouetten der brasilianischen Ostküste einerseits und des Golfs von Guinea in Afrika andererseits noch heute klar erkennen lassen…), schritt und schreitet die Covid-19-Pandemie in erheblichem Ausmaß fort.

In Ecuador, einem Land, das - wie der Name unschwer erkennen lässt - am Äquator liegt, wurden in der Stadt Guayaquil schon zu einem frühen Zeitpunkt die Leichen an Covid-19 erkrankter Menschen auf den Straßen gefilmt, bevor die Armee dort 800 Tote aus Privatwohnungen holte. Im Nachbarland Peru, mit derzeit fast 200.000 nachgewiesenen Kontaminationsfällen und offiziell rund 9.000 Toten (jedoch einer Übersterblichkeit von 14.000 Personen im Monat Mai 2020), ist die Seuche noch immer auf dem Vormarsch.

Vom Katastrophenherd Brasilien, das "dank" der wahnwitzigen Politik seines rechtsextremen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro zu dem Staat mit der weltweit zweithöchsten Zahl an Covid-19-Toten weltweit wurde, ganz zu schweigen. Bei allen dreien handelt es sich um Länder mit mehrheitlich tropischem Klima, auch wenn es im Andenhochland natürlich kühler ist als in den Küstenstädten - doch wird das massive Sterben in den urbanen Zentren und nicht auf den Andenhochflächen verzeichnet.

Allein am Klima kann die bislang relativ, relativ glimpfliche Bilanz in Afrika also auch nicht liegen. Dass in Südafrika, einem der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder des Kontinents, die Anzahl der verzeichneten Fälle derzeit wieder steigt und gerade in den letzten Tagen sprunghaft kletterte, könnte auch mit dem Anbruch des Winters auf der Südhalbkugel zusammenhängen. Doch dass in der Mehrzahl der afrikanischen Staaten die Kurve der Pandemiefälle und die Totenzahl - jedenfalls im Zusammenhang mit Covid-19 - bisher relativ niedrig blieben, erklärt sich gerade auch im Vergleich mit Lateinamerika wohl nicht aus dem Klima heraus.

Zugang zu internationaler Mobilität: Die Elite und das erhöhte Kontaminationsrisiko

Die Allgemeinbevölkerung auf dem afrikanischen Kontinent hat in geringerem Ausmaß Zugang zu internationaler Mobilität als die anderer Erdteile. Und wenn diese (in internationalem Maßstab) mobil wird, dann gibt es häufig für mehrere Jahre keine Rückkehrmöglichkeiten auf den Kontinent, da Migranten infolge ihrer Auswanderung entweder in einem Asylverfahren stecken, sich in (gegenüber dem Aufenthaltsrecht) "illegaler" Situation befinden und/oder in eher schlecht bezahlten Berufen tätig sind.

Natürlich ist diese Aussage nicht verallgemeinerbar und gibt es andere Situationen, etwa jene von Angehörigen höherqualifizierter Berufsgruppen oder internationaler Studierender. Dennoch bleibt die internationale Mobilität im Vergleich zur Reisetätigkeit nicht nur von Europäern, sondern auch etwa zu der von Mitgliedern der indischen und chinesischen Mittelklasse relativ geringfügig.

Hauptbetroffene der weltweiten Covid-19-Pandemie in mehreren afrikanischen Ländern sind, auch vor diesem Hintergrund, die Angehörige einer schmalen Oberklasse. Diese Eliten aus Politikern, Geschäftsleuten und Präsidentensöhnchen sind nicht nur reisefreudig, sondern zeichnen sich zumindest zum Teil dadurch aus, dass sie sich geistig oder gar körperlich mehr in Europa als in ihren eigenen Ländern aufhalten - deren Interesse sie entsprechend auch oft in keiner Weise vertreten, jedenfalls die ihrer jeweiligen Mehrheitsbevölkerung, deren Lebenssituation sie unter Umständen kaum kennen.

Bis zur Karikatur verkörpert dies etwa der gealterte kamerunische Staatspräsident Paul Biya, seit 1982 an der Regierung, also schlappe 38 Jährchen - er ist erst das zweite Staatsoberhaupt seines Landes seit der Unabhängigkeit im Jahr 1960. Sein Vorgänger Ahmadou Ahidjo hielt sich dank direkter militärischer Unterstützung durch Frankreich an der Macht, ohne die er sich vor allem in den Anfangsjahren nie hätte im Amt halten können, da von 1948 bis 1971 ein blutiger Krieg mal "niedriger Intensität", mal mit "heißen Phasen" gegen eine linksorientierte Unabhängigkeitsbewegung in Kamerun tobte.

Während vor allem französische Unternehmen sowie eine einheimische staatsnahe Mafia von den natürlichen Rohstoffen Kameruns profitieren, verbrachte Biya noch vor wenigen Jahren buchstäblich mehr Zeit im (überwiegend europäischen) Ausland als im eigenen Land, zählt man tatsächliche oder vorgebliche Staatsbesuche und auch offiziell als privat deklarierte Besuche zusammen.

Insbesondere hielt er sich alljährlich Monate lang in Frankreich und in der Schweiz auf, in Urlaubsorten und Kliniken - zu Hause behandeln lässt er sich ohnehin nicht, da er natürlich weiß, in welchem Zustand er das Krankenhauswesen in Kamerun hinterließ. 2009 rief diese Gewohnheit einige Aufmerksamkeit hervor, als er im westfranzösischen Badeort La Baule mitsamt Gefolge 43 Hotelzimmer belegte, mit Gesamtkosten von 800.000 Euro für einen dreiwöchigen Aufenthalt.

Seitdem wird er bei solchen luxuriösen Auslandsaufenthalten regelmäßig durch die Exilopposition aus Kamerun beobachtet oder belästigt, der Arme; und inzwischen gibt es sogar eine eigene Wikipedia-Seite zum Thema. Unter dem Druck dieser Aktivitäten hat sich sein Reisedrang ein wenig gebremst. Infolge von körperlichen Übergriffen durch seine Leibwächter im Sommer 2019 in der Schweiz, wo es zu einer Demonstration gegen ihn kam, und einer anschließenden gerichtlichen Verurteilung von sechs dieser Leibwächter wird der helvetische Boden ihm nun wohl ein wenig zu heiß.

Zwar wurde bislang nichts über eine Coronavirus-Infektion Paul Biyas bekannt, doch sind es Mitglieder einer ebenso faulen und selbstgefälligen wie eher europäischen (denn afrikanischen) Interessen dienenden Pseudo-Elite wie er, die von diesem Risiko am stärksten betroffen sind. Befinden sie sich doch häufig auf interkontinentalen Flügen. Nun sitzen sie vorübergehend in einer selbstverschuldeten Falle, sehen sie sich doch eine Zeit lang dazu gezwungen, von Reiseplänen Abstand zu nehmen, ja, auf die Krankenhäuser und Gesundheitssysteme im eigenen Land angewiesen, deren Situation sie gar zu gut kennen.

Auch wenn ihnen natürlich die besten aller Behandlungsmöglichkeiten, die auf dem jeweiligen Staatsgebiet verfügbar sind, zuteil werden. Darin mag man nun, wie viele Afrikanerinnen und Afrikaner dies tun, ein kleines Stückchen ausgleichender Gerechtigkeit erkennen, auch wenn dies die Lage der Normalbevölkerung als solche natürlich nicht verbessert.

In der westafrikanischen Republik Guinea, wo bis zum Ende dieser Woche insgesamt 4.841 Infektionsfälle und 26 Tote an Covid-19 (offiziell) registriert wurden, erwischte es etwa hochrangige Regierungspolitiker. Gleich mehrere von ihnen verstarben. Unter ihnen befand sich der Generalsekretär des Regierungskabinetts und Minister Sékou Kourouma, aus dem unmittelbaren Umfeld von Staatspräsident Alpha Condé, aber auch Mory Diamé, der Bruder des mächtigen Verteidigungsministers, oder der Chef der Nationalen Wahlkommission Amadou Salif Kébé.

Aus der Sicht vieler "einfacher" Guineer bedauerlicher ausfallen dürfte die Covid19-Infektion der früheren Grande Dame der einflussreichen Gewerkschaftsbewegung des Landes, Rabiatou Sérah Diallo, heute Vorsitzende des "Wirtschaftlichen und sozialen Rats", einer in der Verfassung vorgesehenen Konzertierungsinstanz. 2007 spielte sie eine zentrale Rolle beim damaligen Generalstreik, dessen - in der Sache vergebliche, da viele Forderungen durchgesetzt werden konnten - Repression durch die damalige Regierung mindestens 137 Menschenleben forderte.

Die mittlerweile Siebzigjährige infizierte sich bei einem Aufenthalt in Frankreich mit dem "neuartigen Coronavirus" (SARS Cov-2), ihre Erkrankung wurde Ende März dieses Jahres bekannt gegeben. Mitte April dieses Jahres wurde sie dann allerdings für "geheilt" erklärt.

Noch zum Thema Mobilität: Hauptbetroffene Staaten in Afrika waren im Übrigen zunächst jene, die dem Massentourismus in der einen oder anderen Form offenstehen, insbesondere Ägypten und Südafrika. Bis Ende Februar war das Auftauchen von SARS Cov-2 kontinentalweit überhaupt nur in Ägypten registriert worden, wo auch ein deutscher Tourist an Covid-19 verstarb, übrigens der erste deutsche Tote der Krankheit. Derzeit verzeichnet Ägypten - am 20. Juni dieses Jahres - mit offiziell 2.017 Covid19-Toten und 52.211 erklärten Fällen die höchste Todesrate auf dem Kontinent, gefolgt von Südafrika mit 1.831 Verstorbenen und 87.715 Erkrankungsfällen.

Es folgen Staaten des Maghreb, unter denen besonders Algerien (11.504 Erkrankungsfälle, 825 Epidemie-Tote) und Marokko mit 9.613 vermeldeten Erkrankten und 213 Verstorbenen relativ hohe Fallzahlen aufweisen. Zwar besteht im algerischen Falle kein nennenswerter Zustrom auswärtiger Touristen, es existiert fast ausschließlich ein Binnentourismus; doch sind alle diese Mittelmeer-Anrainerstaaten, sei es durch Tourismus wie die Nachbarländer Marokko und Tunesien, sei es durch in Europa lebende Migranten (wie im algerischen Kontext), mit einer hohen Zahl von An- und Abreisen konfrontiert.

Erstaunlicherweise sind ebenfalls touristisch geprägte Länder wie Kenia und Tansania, mit derzeit (am 20. Juni dieses Jahres) 119 respektive 21 Toten der Pandemie sowie Fallzahlen von 4.734 respektive 509, bislang nur in geringem Ausmaß betroffen. Umgekehrt weist der Sudan, ohne den 2011 abgetrennten Südsudan, mit 506 Verstorbenen sowie 8.316 erklärten Erkrankungsfällen ein relativ hohes Niveau an Pandamie-Betroffenheit auf, obwohl er bislang definitiv nicht als Tourismuszielland gelten kann.

Dieses Beispiel deutet darauf hin, dass auch regionale Faktoren eine Rolle spielen; in diesem Falle wohl besonders die engen Bindungen an Ägypten, dessen offiziellen Fallzahlen mutmaßlich drastisch untertrieben ausfallen. Beim Sudan könnte hinzukommen, dass zwar Massentourismus keine Rolle spielt, das Land jedoch relativ stark ausgebaute Flugverbindungen zu China aufweist und deswegen als relativ exponiert gilt (Karte 1). China kaufte im vergangenen Jahrzehnt etwa landwirtschaftliche Nutzflächen im Sudan auf.

Hinzu kommen die rechtzeitig oder nicht rechtzeitig einsetzenden Reaktionen der Behörden, im kenianischen Falle etwa wurden die Grenzen und Flughäfen geschlossen.

"Wer kein robustes Immunsystem hat, überlebt sowieso nicht"?

Allgemein wurde zu Anfang der weltweiten Pandemie vielfach befürchtet, dass diese in Afrika besonders fatale Konsequenzen haben könnte, falls die Seuche hier in vergleichbarer Weise wie in Europa ausbricht. Gründe dafür sind der miserable Zustand des Gesundheitswesens in der Mehrheit der Staaten und die Tatsache, dass zumindest in den städtischen Ballungsräumen oft relativ viele Personen eng konzentriert auf mehr oder minder geringem Wohnraum leben.

Allerdings behauptete die französisch-kamerunische Schriftstellerin Odile Biyidi Awala, die Witwe des antikolonialen Intellektuellen Mongo Béti (unter anderem in einem Mailwechsel mit dem Autor vom 21. März d.J.), ihrerseits frühzeitig, angesichts der Lebensumstände und des kaum vorhandenen medizinischen Infektionsschutzes sei in Kamerun ohnehin nur ins Erwachsenenalter gelangt, wer über ein robustes Immunsystem verfüge, weshalb der neue Coronavirus SARS Cov-2 dort ihrer Erwartung zufolge nur vergleichsweise geringe Schäden anrichten werde. (In dem Land starben bislang 282 Menschen und erkrankten 10.638 laut offiziellen Zahlen an Covid-19.)

Viele Beobachter zeigten sich jedoch gegenteiliger Auffassung und verwiesen etwa darauf, dass nur ein Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben in Afrika aufgewendet wird, wo bereits Malaria und HIV wichtige Problematiken darstellten. Ein Arzt oder eine Ärztin und zehn Krankenhausbetten kommen auf je 10.000 Einwohner/innen, im Vergleich zu 36 bzw. 51 im Durchschnitt der EU-Länder. Zu Beginn der Covid-19-Krise versuchten viele afrikanische Länder, ihre Kapazitäten zu steigern - von einem niedrigen Ausgangsniveau aus.

Auf der positiven Seite verbuchen Kommentatoren jedoch - wenigstens für die westafrikanischen Staaten, an vorderster Stelle in Nigeria - die Erfahrungen, die in den Jahren 2014 bis 2016 auf der Ebene des medizinischen Systems mit der Bekämpfung des Ebola-Virus gesammelt wurden. Letzteres ist biologisch nicht sonderlich eng mit den Coronaviren verwandt; die Sterblichkeitsrate lag bei Ebola-infizierten erheblich höher, die Ansteckungsmöglichkeiten fielen jedoch geringer aus.

Polemik über Impfstoff-Testpläne

Ab Anfang April dieses Jahres entspann sich eine zeitweilig wilde Polemik, die von Frankreich ausging und internationale Kreise zog. Dabei ging es um die Hypothese, Impfstoffpräparate könnten zunächst in Afrika an dortigen Bevölkerungsgruppen getestet werden, bevor sie international eingeführt und vermarktet würden.

Gründe für Misstrauen bezüglicher solcher Vorhaben existieren tatsächlich, war dies doch in der Vergangenheit bei anderen Pathologien wirklich der Fall. Besonders ein 2005 bei Le Monde diplomatique erschienener Artikel unter dem Titel "Afrika, Versuchskaninchen der Pharmaindustrie" belegt ausführlich und detailliert die Existenz solcher Praktiken.

Nach bisherigem Erkenntnisstand kam es im Zusammenhang mit der Covid19-Pendamie nicht real dazu. Erst vor kurzem und in bisher geringem Ausmaß scheinen Wirkstoffe mit potenziell gegen Covid19 immunisierender Wirkung (bei welcher fraglich ist, wie lange sie anhalten wird) in ein testreifes Stadium gekommen zu sein.

Zwar erfährt die Öffentlichkeit, gerade im Zusammenhang mit der Pharmaindustrie, sicherlich nicht alles oder nicht zeitnah. Dennoch stößt, aufgrund der frühzeitig einsetzenden harten Auseinandersetzung über ein solches Szenario im Zusammenhang mit Covid19, die Erprobung eines solchen Impfstoffs in Afrika als "Testfeld" wohl gegebenenfalls auf starke Hindernisse und Abwehrreaktionen.

Ausgelöst hatten die Polemik zwei französische Ärzte, die im Rahmen einer TV-Diskussion zum "neuartigen Coronavirus" (am 1. April dieses Jahres - es handelte sich nicht um einen Aprilscherz ) beim Sender LCI die Möglichkeit eines solchen Ausprobierens eines Impfstoffs auf dem Versuchsfeld Afrika locker-flockig andiskutierten. Als erster brachte Jean-Paul Mira diese Option ins Gespräch. Im Anbetracht der rasch aufflammenden Auseinandersetzung dementierten die Diskussionsteilnehmer wenige Tage später, solche Absichten zu hegen, sie seien falsch verstanden oder aus dem Zusammenhang gerissen zitiert worden.

Heftige Reaktionen häuften sich daraufhin schnell. Eine marokkanische Anwaltsvereinigung erstattete Strafanzeige in Frankreich wegen "rassistischer Äußerungen".

Bei den sozialen Medien und anderswo im Netz häuften sich die Reaktionen. Auch das "Netzwerk afrikanischer Journalistinnen" veröffentlichte umgehend eine Erklärung.

Ihrerseits reagierten französisch-afrikanische und afrikanische Fußballstars wie Didier Drogba und Samuel Eto‘o oder der frühere marokkanische Mannschaftskapitän Mehdi Benatia, im Falle des früheren kamerunischen Spielers Eto‘o mit durchaus drastischer Wortwahl ("H…söhne, nicht wahr, Afrika ist Euer Spielfeld?"). Didier Drogba kritisierte diese "schwerwiegenden, rassistischen und verachtenden Äußerungen" und insistierte: "Afrika ist kein Labor.".

Eines der objektiven Ergebnisse ist, dass afrikanische Bevölkerungen überall dort, wo bei ihnen der Anschein erweckt, sie sollten als Versuchskaninchen für Impfstoff- oder andere Tests dienen, von vornherein ausgeprägt misstrauisch sind. In einem ärmeren Stadtteil von Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Côte d’Ivoire, wurde vor diesem Hintergrund ein Gesundheitszentrum Anfang April des Jahres zerstört.

Das Zentrum diente allerdings nicht dem Durchführen von potenziell riskanten Impfstoff- oder Wirksttofftests, sondern im konkreten Falle wurden dort Tests zum Nachweis von Covid19-Infektionen durchgeführt.

Afrikanische Lösungsansätze?

Auch vor diesem Hintergrund weisen viele afrikanische Stimmen nun in zunehmendem Ausmaß die - oftmals herablassend und als Armenhilfe angepriesenen - Hilfsangebote zurück. So wurde eine durch die Europäische Union eingerichtete Luftbrücke von Anfang Mai dieses Jahres in mehrere afrikanische Staaten - die Zentralafrikanische Republik (ZAR), Kamerun, Niger und Burkina Faso - von Staatsangehörigen dieser Länder zum Teil kritisiert.

Dabei wurden Hilfsgüter und medizinisches Material wie Handschuhe dorthin transportiert. Zwar sind solche Gegenstände zweifellos nicht unnütz, und die Aktion mag gute Absichten verfolgt haben, doch wurde vor Ort zum Teil moniert, Masken hätten sich auch in lokaler Produktion herstellen lassen, was dort vielen örtlichen Akteuren Beschäftigung gegeben hätte. Die ZAR, die im vorigen Jahrzehnt ein Bürgerkriegsland war und noch immer mehrere Hunderttausend Binnenflüchtlinge aufweist, mag dabei allerdings gegenüber den übrigen genannten Staaten einen Sonderfall darstellen.

Zustimmung finden demgegenüber Versuche und/oder Behauptungen, die darauf hinauslaufen, afrikanische Rezepte gegen die Pandemie und ihre Folgen zu finden. Eines davon, das inzwischen in weiten Teilen des Kontinents Anklang findet, ist die Vermarktung der Pflanze Artemisia annua.

Es handelt sich um ein Beifußgewächs, das in geringem Ausmaß auch in Österreich vorkommt, vor allem jedoch in Südosteuropa und Asien wächst. In China findet es in der traditionellen Heilkunde Anwendung. In modernen politischen Zusammenhängen wurde sein Gebrauch als Arzneimittel durch die Volksrepublik popularisiert, als es im Vietnamkrieg eingesetzt wurde, um die Zahl der Malariatoten unter den vietnamesischen Kämpferinnen und Kämpfern einzudämmen. Ihm wird eine Heilwirkung zugeschrieben, die mutmaßlich darauf basiert, dass es die körpereigenen Immunkräfte stärkt und zugleich entzündungshemmend wirkt.

Der durch die madagassische Journalistin Lova Rabary-Rakotondravony als "Populist" eingestufte - das Adjektiv ist im lokalen politischen Kontext jedoch fragwürdig - 45jährige Präsident Andry Rajoelina erklärte es nun zur afrikanischen Wunderwaffe gegen die Covid-19-Pandemie, und fand dafür Unterstützung in vielen Ländern des Kontinents. Laut der zentralafrikanischen Ärztin Luisa Dologuélé, die zu deren entschiedensten Befürsworterinnen gehört, sollen diese und andere Pflanzmittel neben modernen Medikamenten "85 Prozent der Covid-Patienten in China" zusätzlich verabreicht worden sein.

Rajoelina lässt daraus nun eine Art Tee zubereiten, dem noch ein einheimisches Lorbeergewächs zugesetzt wird und der unter dem Namen Covid-Organics vermarktet wird. Am 20. April wurde das Produkt offiziell herausgebracht. Es wird auch auf den Straßen der Hauptstadt Antananarivo an die Einwohner verteilt.

Die Liste afrikanischer Länder, die den Stoff bestellten, wurde im Laufe der Wochen immer länger, vom Senegal über Niger und Äquatorial-Guinea bis Tansania. Die Staatsführung des westafrikanischen Guinea-Bissau flog gar eine größere Ladung ein, um Proben davon an alle übrigen 14 Mitgliedsstaaten der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft zu verteilen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hält eine medizinische Wirkung gegen Covid-19 bislang nicht für erwiesen, sprach sich jedoch für Tests aus, wie im deutschsprachigen Raum auch die Pharmazeutische Zeitung berichtete. In Afrika nimmt man dagegen vielerorts an, die bisherige Nichtanerkennung des Naturheilmittels diene ausschließlich dazu, ökonomische Interessen im Norden zu schützen.

Erwiesen ist vorläufig wohl nur eines: Schaden fügt das Biomittel wohl keinen zu. Bei Kindern ist jedoch Vorsicht beim Verabreichen größerer Mengen geboten.