Afrin: Die Ängste der Êzîden

Bild: ANF

Christen und Êzîden befürchten erneute Massaker und Vertreibung durch das türkische Militär und damit verbündete Dschihadisten

In dem Kanton Afrin leben tausende Êzîden, die sich vor dem IS dorthin geflüchtet haben, weil Afrin als der sicherste Ort in Nordsyrien galt. Bis nun die türkischen Horden mit ihren islamistischen Milizen eingefallen sind und êzîdische Heiligtümer zerstören. Auch die dort ansässigen Christen sind in Panik.

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Die Befürchtungen sind nicht von der Hand zu weisen. Der FDP-Politiker Tobias Huch veröffentlichte ein Video, auf dem zu sehen ist, wie die Islamisten den Grenzübertritt von der Türkei nach Afrin mit "Allahu Akhbar"-Rufen feierten. Bekannt ist auch, dass es ein Abkommen zwischen Islamisten und der Türkei gibt, wonach ehemalige IS-Mitglieder mit einer Zahlung von 5.000 Dollar "Aufwandsentschädigung" in den Reihen der türkeitreuen Milizen aufgenommen werden.

In einer Pressemitteilung des êzîdischen Zentralrates in Deutschland wird berichtet, dass an den Angriffen der türkischen Armee auch in der Region bekannte dschihadistische Gruppen beteiligt sind. Sie fordern die internationale Gemeinschaft auf, schnell einzugreifen, um ein Blutbad an Êzîden und anderen Minderheiten zu verhindern.

In der Region Afrin gibt es mehrere akut gefährdete êzîdische Dörfer. Islamistische Kämpfer ständen unmittelbar vor den Dörfern Qastel Cindo, Baflane, Ali Yeqin, Qatmah, Basoufanê, Khezawiye, Şa Dêrê und Iskan, berichtet der Leiter des ezidischen Krisenstabes, Sheikh Esmat Barimou.

Berichten nach sollen die Islamisten Listen über êzîdische Familien in der Region Afrin führen, die getötet werden sollen. Barimou weiter: "Im Falle einer Besetzung durch dschihadistische Gruppen und der Türkei wird in der Region weder ein êzîdisches noch ein alevitisches bzw. christliches Leben existieren. Daher appelliere ich eindringlich an Russland und die USA, diesen Krieg sofort zu unterbinden."

Dr. Irfan Ortac, Vorsitzender des Zentralrates ruft dazu auf, sich an den weltweiten friedlichen Protestkundgebungen zu beteiligen. Er selbst werde mit dem deutschen Außenministerium Kontakt aufnehmen und auf die Gefahr eines erneuten Massakers wie im Irak hinweisen. Er wolle dort die Frage stellen, wie die Êzîden in Syrien oder im Irak eine Bleibeperspektive haben können, wenn sie von dort vertrieben werden.

Es darf bezweifelt werden, dass er dort Gehör findet. Erneute Flucht und Migration werden die Folge von Erdogans Annektion von Afrin und der Sheba-Region sein. Auch wenn das Wort "Annektion" in den Medien nicht erwähnt wird, so ist es das faktisch. Denn die vor Monaten eroberte Region um Jarablus-Azaz-al Bab zeigt, dass es dort zur Vertreibung der kurdischen Bevölkerung kam und die Türkei dort eine massive Türkisierung betreibt.

Wie an dieser Stelle bereits berichtet (vgl. Deutsche Schützenhilfe für Krieg gegen Kurden), wird dort in den Schulen mittlerweile Türkisch gelehrt, sind öffentliche Gebäude mit türkischen Fahnen bestückt, wird auf Werbetafeln für türkische Produkte geworben.

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Seit dem 22. Januar sind die Êzîden Ziel von Vertreibung, diesmal nicht durch den IS, sondern durch das türkische Militär. Der Zentralverband der Êzîdîschen Vereine e. V, NAV-YÊK berichtet am Mittwoch über die Bombardierung des Heiligtums der "Xatûna Fexra" im Dorf Qesteya Cindo auf dem Berg Persê:

Dieser Ort ist ein heiliger Ort der Êzîden und für die Glaubensgemeinschaft von großer Bedeutung. Die Heiligenstätte von Xatûna Fexra ist eine uralte Stätte. In der Êzîdîschen Mythologie ist Xatûna Fexra die Schutzpatronin der Geburt und der Vermehrung. Sie ist auch die "Wächterin" von Tag und Nacht und sorgt für Gleichgewicht. Sie hat für die êzîdîsche Glaubensgemeinschaft einen besonderen Stellwert.

Auszug aus der Presseerklärung von NAV-YÊK

Die türkische Regierung versuche mit dem Militäreinsatz die êzîdîschen Heiligtümer zu vernichten, da das Êzîdentum, bis vor der Zwangskonvertierung durch die Osmanen, der ursprüngliche Glaube aller Kurden war und heute noch die wichtigste Grundlage des Kurdentums sei. Auch dieser Zentralverband ruft die internationale Öffentlichkeit auf, nicht wieder tatenlos zuzusehen, wie ein erneuter Genozid an den Êzîden geschieht.

Ortac, der Vorsitzende des Zentralrates der Êzîden und Kamal Sido, der Nahostexperte der Gesellschaft für bedrohte Völker, dessen 90-jährige Mutter selbst in Afrin lebt, berichteten im hessischen Rundfunk von dschihadistischen Gruppen, die die Dörfer mit "Allahu Akbar"-Rufen überfallen, selbst die türkische Armee ziehe mit "Allahu Akbar"-Rufen in den Kampf. Dr. Irfan Ortac ist sich sicher, dass wieder die êzîdischen Männer getötet und die Frauen verschleppt werden, wenn die dort mit der Türkei operierenden Gruppen in die êzîdischen Dörfer eindringen.

Nur diesmal wird die Weltöffentlichkeit nicht davon überrascht, wenn es ein zweites Shengal geben wird. Diesmal muss sich die russische, amerikanische und deutsche Regierung den Vorwurf gefallen lassen, sehenden Auges diesen Gräueltaten durch die Türkei stattgegeben und - im Falle Deutschlands, noch mit deutschen Waffen indirekt unterstützt zu haben.

Auch die Christen in Afrin sind in Panik vor den türkischen Militärs und den angeschlossenen islamistischen Milizen. Im Gespräch mit der ""Welt" bat etwa ein Pfarrer einer christlichen Gemeinde in Afrin um Hilfe vor dem "Angriff der Türkei und ihrer Dschihadisten".

Der Pastor der Evangelischen Kirche in Aleppo, die auch für Afrin zuständig ist, verurteilt den Angriffskrieg der Türkei gegen "syrische Bürger mit kurdischem Hintergrund, die sicher und friedlich in Afrin lebten". (Elke Dangeleit)

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