Afrin: Die Einnahme einer verlassenen Stadt

Eine mythische persische Figur, Kāve Āhangar ("Blacksmith of Isfahan"), wird abgeräumt. Bild: Twitter

Angeblich sollen bis zu 200.000 Einwohner geflohen sein, die YPG haben die Stadt kampflos geräumt. Freie Bahn für eine demografische Neuordnung im Sinne Erdogans?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verkündete einen wichtigen Sieg an einem symbolischen Tag. Die türkische Armee und die mit ihr verbündete "Freie Syrische Armee" hatten die vollständige Kontrolle über das Zentrum der Stadt Afrin erlangt, sagte Erdogan nicht ohne Wohlgefallen bei einer Zeremonie in Çanakkale, wo er den Jahrestag der Schlacht von Gallipoli feierte (Türken nehmen Afrin ein).

Bei der Schlacht im Jahr 1915 erlebten die Briten und Franzosen ein Desaster, so fasste der Spiegel vor zwei Jahren zusammen. Ein Auszug: "'Eure Mütter haben euch nur für diesen Tag geboren', hatte ein türkischer Offizier seine Soldaten angespornt. Den Feinden drohte er an: 'Das Meer wird ihr Grab werden.'"

Für Martialisches und Erinnerungen an das osmanische Reich hat der türkische Präsident einen gewissen Hang und nichts mag er weniger als Terroristen, sagt er dauernd. Mit dem "Terroristenkorridor" in Afrin sei seit Sonntagmorgen, 8 Uhr 30 Ortszeit Schluss, da nämlich drangen türkische Militärs und mit der Türkei verbündete Einheiten in die Stadt Afrin ein und brachte sie am 58ten Tag der Offensive "Olivenzweig" vollständig unter Kontrolle, auf jeden Fall das Stadtzentrum.

So wird Erdogan von Hurriyet zitiert und die Tagesschau, wie wohl auch viele andere große Medien, verbreiteten diese Botschaft des türkischen Präsidenten ans große internationale Publikum.

Schon bei Erdogans Worten klingt an, dass der Einmarsch ohne große Widerstände ablief. Deutlich wird das Eigentümliche an der Eroberung Afrins durch einen Satz am Ende des Hurriyet-Artikels. Dort ist zu erfahren, dass die FSA mit Unterstützung der türkischen Luftwaffe laut einer Twittermeldung des türkischen Verteidigungsministers Canikli schon zuvor einmarschiert waren, nämlich bereits gestern. Der heutige Tag war aber besser zum Feiern.

Der "Terrorkorridor" (Erdogan) war also schon zuvor durchbrochen worden. Die große Öffentlichkeit dürfte das überraschen, ist der kurdische Widerstand gegen die türkische Armee doch für ausdauernde Kampfbereitschaft gegen die Übermächtigen bekannt. Im Südosten der Türkei dauerten die Straßenkämpfe 2015/2016 etwa 70 Tage und Experten gingen davon aus, dass der Widerstand außerhalb des Landes der türkischen Militäroperation noch größere Probleme bereiten könnte.

Die Frage ist nun, warum die YPG der Türkei und den islamistischen Milizen die Stadt kampflos überlassen hat. Man habe sich Freitagnacht zurückgezogen, heißt es in einer Twitter-Erklärung der YPG. Die FSA und die türkische Armee hätten dann den Gallipoli-Gedenktag abgewartet, um dort einzumarschieren.

Angesichts der Zivilisten, die gegen alle Beteuerungen seitens der türkischen Führung durch die Angriffe erheblich bedroht waren und durch sie umkamen - wie das zum Beispiel aktuelle Bilder und Berichte von einem angegriffenen Konvoi zeigen -, wäre der Rückzug als Strategie zu verstehen, die das Leben von Zivilisten verschont.

Nach Schätzungen sollen bis weit über 100.000 Einwohner in den letzten Tagen die Stadt verlassen hatten, SOHR spricht laut Tagesschau von 200.000, und manche Quellen, wie Martin Chulov im Guardian, bezifferten die Zahl verbliebenen Einwohner auf etwa 200.000.

Demnach würde Afrin beinahe einer Geisterstadt gleichen, wie dies auch in einem deutsch-sprachigen Bericht ganz ähnlich geschildert wird: "Die Stadt ist wie ausgestorben, nicht mal 1.000 Einwohner sollen sich von den einst über 100.000 Menschen in Afrin aufhalten."

Dafür sind nun aber Islamisten - laut kurdischen Angaben auch Dschihadisten von al-Nusra/al-Qaida und anderen Brutalo-Milizen - in Afrin, die dort ihre Rachegelüste ausleben können. So stellt die Verhaltensweise der YPG ein paar Fragen, deren Antworten wohl erst mit der Zeit ans Licht kommen.

War es die Wahl zwischen "Skylla" (Türkei plus Islamisten/Dschihadisten) und "Charybdis" (Übergabe sämtlicher Macht an die Regierung in Damaskus) oder hatte die YPG überhaupt keine Wahl? Weil die USA ihnen keine ließen oder Russland?

Die syrische Regierung hatte den YPG Wochen zuvor angeboten, Afrin gegen die türkische Militäroperation zu verteidigen. Offensichtlich haben die Verhandlungen, von denen Insider berichteten (Afrin: Syrische Regierungsmilizen unterstützen nun doch YPG gegen Türkei?), zu keinem Abkommen geführt. Weil die Bedingungen, welche die syrische Regierung an die kurdischen Vertreter stellte, unakzeptabel waren?

Weil die Zentralregierung alle Macht für sich reklamierte, die ihr aber immerhin verfassungsgemäß zusteht? Weil alle politische Autonomie mit den demokratischen Fortschritten, derer sich die Kurden rühmten, mit einem Schlag von einem repressiven Staatsapparat erledigt worden wäre? Weil dann alle jungen Kurden ihren Wehrpflicht in der syrischen Armee ableisten müssten und noch andere teure Preise zu bezahlen wären?

Oder sind das alles müßige Spekulationen, weil das Big Game ohnehin anders lief - gegen die YPG -, weil sich die Großen und Größeren, die USA, Russland, Türkei, Iran und Syrien in direkten wie indirekten Abgleichungen auf eine vorläufige Aufteilung der Einflusszonen in Syrien geeinigt haben, die Afrin der Türkei zuschrieb?

Indessen demonstrieren die Islamisten, die Erdogan angeheuert hat, wie die "syrische Revolution", die sie nun seit sieben Jahren anstreben, aussieht. Alles, was nicht der religiösen Diktatur entspricht, wird weggeräumt. Es soll auch zu Enthauptungen gekommen sein.

Interessant wird sein, wie manche westliche Politiker reagieren. Zum Beispiel Emmanuel Macron, der Ende Januar noch drohte, dass es für Frankreich ein "echtes Problem" darstellen werde, wenn sich zeige, dass es bei der türkischen Militäraktion nicht um den Kampf gegen eine terroristische Bedrohung an der türkischen Grenze geht, sondern um einen Einmarsch.

Für die Kurden ist längst klar, dass es sich bei Erdogans Operation um eine größere demografische Neuordnung Afrins im Sinne der Türkei handelt. Das wollen die Nato-Partner der Türkei bislang nicht offiziell als Wirklichkeit anerkennen, obwohl alles dafür spricht. Die Nato, die Russland vorhält, dass es sich die Krim "gegriffen" hätte, trotz des Referendums, bleibt stumm. Im Grunde hat sie wohl nichts gegen die Entwicklung.

Laut YPG-News ist "kampflos" nicht die richtige Kennzeichnung. Weil es noch Kämpfe in der Stadt Afrin selbst gibt. Erobert worden seien nur bestimmte Teile von Afrin um das Verwaltungszentrum ("Local council") herum (Mahmudiyah, Ashrafiyah, Kawa Platz u.a.) und weil, so der YPG-Sprecher Brusk Haseke, es einen Guerilla-Krieg geben wird: "Wir versprechen unseren Leuten, dass wir sie und unser Land nicht den Besatzern überlassen. Bislang war unsere Sorge, die Bevölkerung zu beschützen. Jetzt sind wir für neue Offensiven bereit, um Afrin zu befreien." (Thomas Pany)

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