Afrin: Türkei schickt Spezialkräfte für Häuserkampf

Afrin Stadt, vom Süden aus gesehen. Bild: Bertramz / CC BY 3.0

Türkische Nachrichtenagentur berichtet von einer anstehenden Militäroperation gegen die Stadt mit 100.000 Bewohnern

Die türkische Regierung wies die amerikanischen und französischen Ermahnungen zurück. Ankara sollte sich doch die UN-Resolution zur Waffenruhe in Syrien genau durchlesen, mahnte Macron und auch die US-Botschafterin Heather Nauert hatte ganz ähnlich darauf hingewiesen, dass laut Sicherheitsrats-Dokument Kampfhandlungen in ganz Syrien, also auch in Afrin einzustellen seien.

"Wir brauchen keine Erlaubnis, um diese Aufgabe zu beenden. Man lässt einen Drachen nicht halb lebendig", wird Präsident Erdogan zitiert. Erdogan bestritt demnach auch, dass Macron überhaupt auf die UN-Resolution und Afrin hingewiesen habe.

Dessen ungeachtet erklärte der Sprecher des Außenministeriums in Ankara, Hami Aksoy, öffentlich, dass Afrin nicht eigens in der UN-Sicherheitsratsresolution erwähnt wurde und dass das Ziel der Operation "Olivenzweig" gegen Terroristen gerichtet sei, welche die "nationale Sicherheit der Türkei" und die "Einheit Syriens" gefährden würden.

Die Angriffe auf Afrin sind in der Darstellung der türkischen Regierung, wie sie stets betont, "Selbstverteidigung". Der nächste Akt dieser "Selbstverteidigung" sieht sehr nach Straßenkampf in der Stadt Afrin aus. Das geht aus einer Meldungen der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu hervor, der zufolge Spezialeinheiten "der Polizei und der Gendarmerie" nach Syrien geschickt wurden, "um an einer Operation teilzunehmen, die zum Ziel hat, die Stadt (Afrin, Einf. d. Verf.) von der YPG/PKK und Daesh-Terroristen zu befreien".

Die Erwähnung von Daesh-Terroristen ist nur mit Propaganda zu erklären, da es überhaupt keine Hinweise auf die Präsenz von IS-Milizen in Afrin gibt und YPG-Kämpfer dies auch verhindern.

Mit dem formalen Hinweis, dass die türkischen Spezialkräfte in Afrin gegen den IS kämpfen, folgt man den Vorgaben der UN-Resolution 2401, aber das dürfte niemanden darüber hinwegtäuschen, wonach die Türkei vorhat, Afrin von der YPG zu säubern, um anschließend ein Umsiedelungsprogramm vorzunehmen.

Die Kräfte, die das "Säuberungsprogramm" in Syrien durch die Eroberung oder Einkesselung der Stadt Afrin vorantreiben sollen, sind, wie die Nachrichtenagentur hinweist, erfahren im brutalen Krieg gegen die Kurden, den die Regierung Erdogan im Südosten der Türkei geführt hat.

Die Spezialkräfte der Polizei und der Gendarmerie haben bedeutende Erfahrungen im Häuserkampf gesammelt, als sie 2016 Anti-Terror-Operationen gegen die Städte Silopi, Cizre, Idil, Yuksekova, Nusaybin and Sirnak durchgeführt haben.

Anadolu Agency

Der Blick ins Telepolis-Archiv zeigt, dass die Spezialeinheiten damals etwa in Cizre mit einer grauenhaften Brutalität vorgegangen sind - unter weitflächiger Ausschaltung kritischer Medienberichterstattung.

Laut Hurriyet werde die Militäroperation in der Stadt Afrin demnächst beginnen. Die Regierung in Ankara habe am 26. Februar angekündigt, dass man anfangen werde, die Stadt zu belagern. Nach Angaben der Zeitung leben dort mehr als 100.000 Bewohner.

Patrick Cockburn, ein Kriegsreporter des britischen Independent, der bereits vom Irakkrieg der USA im letzten Jahrzehnt berichtete und sich einen Ruf als kritischer Beobachter erworben hat, der sich keinem parteiischen, kriegstreiberischen Interesse andient, hält sich derzeit in Kamischli (auch Qamishli) auf, im Nordosten Syriens, wo er auch mit einem höherrangigen kurdischen Vertreter sprach. Geht es nach den Informationen Cockburns, so könnte Afrin ein schlimmes Bombardement bevorstehen.

Die türkischen Streitkräfte haben trotz der UN-Sicherheitsratsresolution (…) in den vergangenen Tagen die Grenzen von Afrin eingenommen. Es gibt täglich Luftangriffe, aber auf die Stadt Afrin nur ein oder zwei Mal die Woche, Artilleriebeschuss gibt es dagegen schon.

Die Situation dürfte sich ändern, da die türkische Armee und verbündete arabische Milizen sich nun zu urbanen Zonen vorkämpfen und dabei schwere Verluste hinnehmen müssen.

Die Lektion aus so vielen Belagerungen in den Kriegen in Syrien und im Irak ist, dass es damit endet, dass Luftangriffe und Artillerie fast alles zerstören, um den Weg für die Infanterie freizumachen. Die Aussichten für Afrin, das bisher sieben Jahre Krieg in Syrien unberührt überstand, sind düster.

Patrick Cockburn

Ob der drohenden Angriff auf Afrin die Verhandlungen zwischen der YPG und der Regierung in Damaskus weiter antreibt? Es hieß zuletzt, dass beide Seiten keine Einigung in wichtigen Punkten erzielt hätten, weshalb es bislang nur zu einer Unterstützung der YPG durch schiitische Milizen aus den Kleinstädten Nubl und Zahraa kam. Die Bewohner der Städte erhielten bei einer früheren Belagerung von islamistischen Gruppen, die nun aufseiten der Türken kämpfen, Hilfe von der YPG, so kann man die jetztige Unterstützung als Dank bezeichnen.

Laut einem YPG-Sprecher reicht diese Unterstützung aber nicht, um die türkische Militäroperation aufzuhalten (siehe Afrin: YPG in der Zwickmühle). Die syrische Regierung hätte durchaus Gründe, um sehr an einer Vereinbarung mit den Kurden der PYD/YPG interessiert zu sein, allerdings wird die Baath-Regierung darauf bestehen, dass sich die Kurden stärker von den USA distanzieren.

US-General Votel teilte kürzlich dem Ausschuss für die Streitkräfte (House Armed Services Committee) mit, dass er die YPG, die den Kern der SDF ausmachen, für die Kampf gegen den IS unbedingt brauche ("And we need them to finish this — to finish this fight"). Man kann es auch anders sagen: Ohne die syrischen Kurden würde es für die USA sehr schwierig, ihre Präsenz in Syrien nach außen zu legitimieren. (Thomas Pany)

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