Afrin: Vertreibung, Gewalt und islamistische Repression

Die Milizen, spezialisiert auf Unterdrückung

Die Milizen, die unter dem euphemistischen Label "Freie Syrische Armee" mit der türkischen Armee in Afrin einmarschiert sind und das Gebiet seither kontrollieren, haben, wie dies der französische Historiker Matteo Puxton, der sich auf Milizen im Irak und Syrien spezialisiert hat, anhand des Beispiels Ahrar al-Sharqia in großem Detail aufzeigt, Verbindungen zu dschihadistischen Hardlinern wie al-Nusra und sind ideologisch eng mit dem Salafismus verknüpft.

Ahrar al-Sharqia mit eindeutigen Beziehungen zu Dschihad-Kreisen spielt bei den FSA-Kräften, die mit der Türkei angeschlossen haben, keine Nebenrolle. Es sei aber, wie Puxton in wissenschaftlicher Akribie und in Nuancen aufzeigt, nicht angebracht, alle Gruppen als Dschihadisten zu bezeichnen.

Die Milizen sind ideologisch oft gespalten, es gibt in ihnen oft mehrere Tendenzen und unterschiedliche Biografien. Manche verfolgen - nicht nur nach seiner Expertise - durchaus verschiedene salafistische Ansätze; manche nehmen auch Abstand zu radikaleren Ausformungen, sie werden deswegen als lediglich "islamistisch" bezeichnet. In der Realität für die im betreffenden "Kontrollgebiet" der nicht-so-extremistischen Radikalen Lebenden sind diese Nuancen möglicherweise nicht bedeutend, weil die Gewalt und Diktatur so oder so stark ausgeprägt sind.

Der Begriff "Islamisten" mag zum Beispiel auf die Miliz Faylaq al-Rahman zureffen, wie sie etwa von der Deutschen Welle beschrieben wird oder von Aron Lund. Dessen Bericht über Faylaq al-Rahman in Ostghouta zeigt aber auch, dass die Gruppe Beziehungen zu den Muslimbrüdern hatte, dass sie sich in dem von ihr kontrollierten Gebiet mit Hayat al-Tahrir al-Sham bzw. al-Nusra arrangiert hatte und - das ist die für Afrin wichtige Charakterisierung: Faylaq al-Rahman regierte in seinem Gebiet autoritär und setzte "konservative religiöse Gesetze durch" und ging gegenüber abweichenden Meinungen und Haltungen repressiv vor.

Die islamistische Erneuerung

Laut einem glaubhaften Bericht des Netzwerks des ominösen SOHR, das allerdings einen bekannt guten Draht zu Oppositionsgruppen in Syrien hat, sind Mitglieder von Faylaq al-Rahman, darunter ihr Chef, nun in Afrin, wo sie sich zu Besprechungen mit der türkischen Vertretern, Armee und oder Geheimdienst getroffen haben, um die Aktivität der Gruppe in Afrin zu besprechen. Dass der Chef der al-Rahman- Legion Abdul Nasr Shamir nun samt Familie nach Afrin umgezogen ist, bestätigt auch ein The Region-Bericht. Dort ist auch von der Verfolgung der Jesiden die Rede.

Auch Berichte über eine strenge islamistische Kleiderordnung lassen darauf schließen, dass in Afrin nun eine rigidere, repressivere Luft der "islamistischen Erneuerung" weht, gekennzeichnet von Gewalt und Plünderungen und einer ausgesprochenen Nicht-Toleranz gegenüber Andersdenken, Andersglaubenden, Anderslebenden.

Es gibt auch ernstzunehmende Angriffe im Zentrum Afrins. Die Plünderungen und Verwüstung, die in den ersten Tagen dokumentiert wurden, werden nun kontrollierter durchgeführt. Die FSA-Mitglieder gehen sogar einen Schritt weiter und entführen Menschen, um ihre Familien zur Zahlung von Lösegeld zu zwingen. Bekannte Journalisten, Schriftsteller und Akademiker werden von den Mitgliedern der sogenannten FSA an unbekannte Orte verschleppt. Es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass einige von ihnen dem türkischen Geheimdienst ausgeliefert und anschließend in der Türkei inhaftiert werden. Andere Fälle betreffen Misshandlungen und Vergewaltigungen. Die regionale Presse berichtet von dutzenden jungen Frauen, die entführt und vergewaltigt wurden. Das Leben ist geprägt von Angst, mit der die Region versucht wird zu kontrollieren. Diese Strategie ähnelt eindeutig der des Islamischen Staates.

Civaka-Azad

Beobachter befürchten, dass durch Ereignisse in Idlib noch mehr radikale Gruppen nach Afrin kommen könnten. Ist das dann die Rückgabe von Afrin an das syrische Volk? (Thomas Pany)