Afrin: Weltweite Proteste gegen türkischen Angriffskrieg

Konvois aus Şengal und Cizîre, die nach Afrin aufbrechen. Bild: Screenshot, Video ANF/YouTube

Unterstützung für die Kurden gibt es auch von der syrischen Regierung, die Nachschub durch ihre Linien lässt. Auch die Flugabwehr soll verstärkt worden sein. Die Schwierigkeiten für Erdogan wachsen

Tausende Menschen aus dem nordirakischen Shengal-Gebiet und ganz Nordsyrien haben sich auf den Weg gemacht, um Afrin zu verteidigen. Weltweit gibt es Demonstrationen gegen Erdogans Angriffskrieg auf Nordsyrien.

Die Liste der internationalen Institutionen, die ein Ende der türkischen Invasion fordern, wird immer länger. Die russische und syrische Regierung scheinen es nicht einfach hinnehmen zu wollen, dass Erdogan einen Krieg gegen die nordsyrische Bevölkerung führt und werden aktiv. Kämpfe unter den Proxytruppen der Türkei schwächen den türkischen Angriff.

Europaparlament: Mehr als 90 von 750 Parlamentarier des Europaparlaments unterzeichneten einen Appell zum Stopp der türkischen Attacken auf Afrin.

Schweiz: 2.500 Schweizer Bürger, darunter Politiker, Akademiker, Menschenrechtsvertreter und Künstler, fordern ein Ende des Invasionsversuches in Afrin und verlangen von der Schweiz einen klaren Standpunkt gegenüber der Türkei. Die Forderungen der Unterzeichner wurden per Brief an den Schweizer Bundesratspräsidenten Alain Berset und die Bundesratsmitglieder übermittelt.

Schweden: Die schwedische Außenministerin Margot Wallström sagte ihren Türkei-Besuch in zwei Wochen ab. Sie wolle damit gegen den türkischen Angriff auf Syrien protestieren, berichtet ANF mit Verweis auf Radio Sweden. Das schwedische Parlament diskutierte die Situation in Afrin in ihrer Sitzung am Montag.

Abgeordnete der Linkspartei und der Grünen trugen dazu Schals in den kurdischen Farben. Im Anschluss gedachten die Außenministerin Wallström, die Parlamentsabgeordneten und die Gäste mit einer Schweigeminute der Menschen, die durch die türkischen Angriffe ums Leben kamen.

Niederlande: Die Niederlande zieht ihren Botschafter aus der Türkei zurück und akzeptiert auch keinen neuen türkischen Botschafter in den Niederlanden.

Iran: Auch Iran rät der Türkei, den Einsatz schnellstens zu beenden: "Eine ausländische Armee sollte nicht einfach in ein Land einmarschieren, ohne vorher die Zustimmung von Regierung und Volk dieses Landes zu haben, sagte Rouhani am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Teheran." Das waren nur einige Beispiele aus der internationalen Politik. Deutschland fehlt auf dieser Ebene.

Viel Zuspruch bekamen die Menschen in Afrin von Intellektuellen, Kirchen, Gewerkschaften und NGOs. Auch in der Türkei gab es Proteste, die jedoch sofort unterbunden wurden. Über 500 Menschen wurden in den letzten 2 Wochen wegen ihrer Proteste gegen den türkischen Angriffskrieg verhaftet.

Akademiker: Internationale Akademiker wie Noam Chomsky und David Graeber fordern in einem Aufruf, "dass die Staatschefs von Russland, Iran und den USA sicherstellen, dass die Souveränität der syrischen Grenzen nicht durch die Türkei verletzt wird und dass der Bevölkerung von Afrin in Syrien erlaubt wird, in Frieden zu leben".

NGOs: Medico international ruft zu Spenden auf für medizinische Nothilfe für Afrin, während die Türkei den kurdischen Roten Halbmond "Heyva Zor", eine medizinische Hilfsorganisation wie der türkische Rote Halbmond oder das deutsche Rote Kreuz bombardiert.

Kirchen: Die Organisation "Kirche in Not" bittet um internationale Unterstützung vor der türkischen Invasion zum Schutz der christlichen Minderheit in Afrin.

Künstler: 90 Kulturschaffende, Künstler und Wissenschaftler haben einen offenen Brief an Kanzlerin Angela Merkel und Außenminister Sigmar Gabriel verfasst. Sie erklären sich mit Afrin und der Demokratischen Föderation Nordsyriens solidarisch. In dem Brief kritisieren sie auch den Einsatz deutscher Waffen.

Gewerkschaften: Die GEW Hamburg veröffentlichte eine Erklärung und forderte "die Bundesregierung auf, den völkerrechtswidrigen Angriff der Türkei mit klarer Haltung zu verurteilen und sich auch in der EU und NATO entsprechend einzusetzen", so Fredrik Dehnerdt, stellvertretender Vorsitzender der GEW Hamburg.

Auch der DGB in Celle startete einen Aufruf zum Stopp des türkischen Angriffs auf Afrin. In ganz Deutschland gibt es seit Beginn des Angriffes täglich Kundgebungen, Demonstrationen und Proteste.

Bevölkerung: Ein ständig aktualisierter Aktionsplan informiert über die deutschlandweiten Protestaktionen.

Die Bilder der riesigen Konvois, die von Qamishlo und Hasaka über Kobane und Manbij nach Afrin unterwegs waren, zeigen, dass große Teile der nordsyrischen Bevölkerung bereit sind, Afrin zu verteidigen. Nun wird es immer deutlicher, dass Erdogan entgegen seiner Verlautbarungen, keinen Krieg gegen die Bevölkerung zu führen, tatsächlich Krieg gegen die nordsyrische Bevölkerung führt.

Aus den Regionen Firat, Aleppo und selbst aus dem 641 km entfernten nordirakischen Shengal haben sich Tausende dem Konvoi angeschlossen; ein TV-Sender überträgt live vom Konvoi. Am Wochenende erreichte der Zug das Stadtzentrum von Afrin.

Fast 100.000 Menschen kamen in Afrin an. Dort fand eine Demonstration statt, an der hunderttausende Menschen teilnahmen. Anhand der vielen verschiedenen Fahnen, den Gesängen in verschiedenen Sprachen, wurde die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung, die sich Erdogan entgegen stellt, deutlich. Arabische, assyrische und kurdische Frauen hielten Reden auf der Bühne.

Nicht nur die Zivilbevölkerung hat sich nach Afrin aufgemacht. Auch die YPG/YPJ hat Truppenverbände aus anderen Regionen nach Afrin verlegt - durch das von der syrischen Armee kontrollierte Gebiet. Ein hochrangiger Kommandeur der YPG, Sipan Hamo, bestätigte am Dienstag, dass das syrische Regime den YPG-Truppen erlaubt habe, ihre Linien von Manbij nach Afrin zu durchqueren.

Medien, die dem Assad-Regime nahestehen, berichten über einen mehr als 100 Fahrzeuge umfassenden YPG-Konvoi, der Afrin über das von Regierungstruppen kontrollierte Gebiet erreicht habe. Die Führung des Assyrischen Militärrates (MFS) der Christen sagte am Sonntag, auch sie würden Verstärkung nach Afrin schicken, "um die Menschen vor der türkischen Invasion zu schützen".

Die Angriffe auf das multikulturelle und multireligiöse Afrin würde die Feindseligkeit der Türkei gegenüber Minderheiten offenbaren. Der Angriff auf Afrin zeige erneut die Feindseligkeit der Türkei gegenüber Minderheiten.

Der MFS erinnerte an den Genozid an den Chaldäern, den Syrisch-Orthodoxen, den Armeniern und den Pontus-Griechen im Jahr 1915. "Die Stadt Afrin mit seinen historischen syrisch-aramäischen alten Kirchen und Klöstern war ein sicherer Zufluchtsort vor dem blutigen Krieg des IS," so der Assyrische Militärrat.

Arabische Guerillakämpfer, die sich den kurdischen Volksverteidigungskräften (HPG) angeschlossen haben, riefen die "arabische Jugend" auf, sich dem Widerstand von Afrin anzuschließen. "Wir haben uns dem Assad-Regime nicht ergeben und kämpfen ebenso gegen die Banden des Islamischen Staates für ein gleichberechtigtes, geschwisterliches Leben der Völker. Wir werden nicht zulassen, das Efrîn besetzt wird," wird der Sprecher der arabischen Einheit zitiert.

Auch wenn sich die syrische Regierung nach wie vor gegen Autonomieforderungen der nordsyrischen Bevölkerung sperrt, akzeptiert sie den türkischen Angriff auf sein Territorium nicht. Deswegen ist es im Moment im Interesse der Regierung Assad, die Blockade gegen die Kurden bzw. die SDF zu lockern und militärischen und logistischen Nachschub durch das von ihr kontrollierte Gebiet zu lassen, um Erdogan zu stoppen.

Es gibt auch Berichte, wonach die syrische Armee Luftabwehr- und Flugabwehrraketen an den Frontlinien in den Gebieten Aleppo und Idlib positioniert haben soll. Dies würde darauf hindeuten, dass der Luftraum für türkische Jets geschlossen ist.

Ein Kommandant der Militärallianz Assads berichtete der Nachrichtenagentur Reuters, die Raketen würden den gesamten nordsyrischen Luftraum abdecken und dies sei eine deutliche Botschaft an alle Beteiligten. Russland scheint ebenfalls Erdogan Einhalt gebieten zu wollen. Seit dem 4. Februar, kurz nach Abschuss des russischen Kampfjets SU-25 hat es keine türkischen Luftangriffe mehr auf Afrin gegeben:

Zwar wird nicht offiziell gesagt, dass der Luftraum wieder für türkische Kampfflugzeuge gesperrt ist, es ist aber bekannt, dass Russland Ankara deutlich zu verstehen gegeben hat, dass man über die türkischen Beziehungen zu den Al-Qaida-Kämpfern von Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die sich zu dem Abschuss bekannt haben, "not amused" sei. Ohne Luftangriffe ist das türkische Unterfangen nur schwer durchzuführen.

Das zeigt sich daran, dass die türkische Armee mit ihren Proxytruppen kaum Gebietsgewinne verzeichnen kann. Der türkische Präsident Erdogan reagierte auf das Abrücken Russlands mit einer Drohung: Er kündigte an, dass die Türkei außer in Notfällen keine Verteidigungssysteme aus dem Ausland kaufen wird. Dies könnte eine Anspielung auf einen milliardenschweren Deal mit Russland sein, nämlich dem Kauf von in Russland hergestellten S-400-Raketenabwehrsystemen.

Es sieht nicht gut aus für Erdogan: Assad lässt sowohl Nachschub für die YPG/YPJ in Afrin durchkommen als auch die zigtausenden Bewohner Nordsyriens. Syrische Luftabwehrraketen sichern den Luftraum Nordsyriens. Russland scheint den Luftraum gesperrt zu haben und die Amerikaner wollen partout nicht aus Manbij abziehen

Jonathan Cohen, der stellvertretende stellvertretende US-Außenminister, reiste am 23. Januar nach Ankara und warnte seine türkischen Amtskollegen vor Aktionen in Manbij mit der Begründung, dass dies die laufenden Operationen der Anti-IS-Allianz gegen IS-Überreste in der Mitte Syriens untergraben würde .

Im türkischen Parlament wütete Erdogan gegen die US-Regierung: "Sie sagen uns: Komm nicht nach Manbij. Wir werden nach Manbij kommen, um diese Gebiete ihren rechtmäßigen Besitzern zu übergeben", sagte er. Fragt sich nur, wen er damit meint. In der Mittwochsausgabe der Frankfurter Rundschau ist eine Antwort zu finden.

Am 27. Januar sagte Erdogan zu Journalisten in Ankara: "Zuerst werden wir die Terroristen ausmerzen und dann die Region lebenswert machen." Für wen? Für 3,5 Millionen Syrer, die unsere Gäste sind." Allerdings ist Afrin kurdisches Herzland. Die FR schreibt, seriöse Schätzungen gingen davon aus, dass 75 bis 90 Prozent der Bevölkerung Kurden sind. Die Co-Verwaltungschefin Afrins, Hevi Mustafa, interpretierte Erdogans Äußerungen in der New York Times daher als "öffentliche Androhung einer ethnischen Säuberung".

Nun scheint auch das islamistische Kanonenfutter Schwierigkeiten zu bereiten, denn einige Gruppen weigern sich mittlerweile, an der Operation Olivenzweig teilzunehmen. In Jarablus kam es zu Gefechten zwischen den islamistischen Truppen der vom türkischen Geheimdienst aufgebauten Sultan Murad Brigade, Ahrar Al-Şam und Nuredin El-Zenki. Dabei gab es der Nachrichtenagentur ANHA zufolge auch Tote.

Tobias Huch, FDP-Mitglied, Nahostexperte und Journalist, zieht in einem Facebook-Post Vergleiche mit dem deutschen Nationalsozialismus und Hitler ("Erdogan will den totalen Krieg und wird die Türkei in den Untergang stürzen").

Solche Vergleiche sind schwierig. Offensichtlich ist aber, dass Erdogan sich nicht nur an einem totalitären Staat baut, sondern auch versucht, sich mit seinen einpeitschenden Reden und eindeutigen Gesten als der neue Herrscher eines totalitären islamischen Religionsstaates zu inszenieren. Zu vielen Gelegenheiten sieht man ihn mit dem Gruß der ägyptischen Muslimbruderschaft, der Rabia-Hand, grüßen.

"Dabei wird der Daumen als einziger Finger auf die Handinnenfläche eingeklappt, alle anderen Finger bleiben gestreckt, als würde man die Zahl 4 anzeigen", beschreibt die Berliner Morgenpost die Geste und erklärt: Die AKP gelte als Unterstützerin der Muslimbruderschaft und die Türkei als sicherer Hafen für Tausende Anhänger der Muslimbruderschaft, die aus Ägypten geflohen waren.

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