Afrin ein Jahr unter türkischer Besatzung

Vertreibung von Yeziden, Christen und Aleviten aus Afrin

Außer sunnitischen Kurden beherbergte Afrin auch kurdische Yeziden (häufig auch: Jesiden oder Esiden), Aleviten/Alawiten sowie Christen. Im Februar 2015, als ein GfbV-Mitarbeiter Afrin besuchte, lebte dort nur noch ein Armenier mit seinem Sohn. Da die Region im Norden und Westen nahezu vollständig von der Türkei und im Süden und Osten von syrischen islamistischen Rebellen abgeriegelt war, durften sich diese Armenier nur noch innerhalb von Afrin bewegen.

Die anderen Christen in Afrin waren in den vergangenen Jahren vom Islam zum Christentum konvertiert. Laut der Evangelical Christian Union Church gab es vor dem Einmarsch der türkischen Armee ungefähr 200 bis 250 christliche Familien in Afrin (etwa 1.200 Personen). Alle diese Christen mussten aus Afrin fliehen. Dort leben jetzt keine Christen mehr.

Die türkische Besatzung stellt eine große Bedrohung für viele Minderheiten dar. Besonders weil die meisten Kämpfer, die von der Türkei unterstützt werden, radikale Islamisten sind, die Hass gegen Anders-Gläubige verspüren. So sind zum Beispiel Yeziden besonders gefährdet: Am Rand der Region Afrin im Süden und Osten wurden entlang des Berges Lelun (Mount Simon) kurdisch-yezidische Dörfer oder Dörfer mit yezidischer Bevökerung wie Basufan, Baadi, Barad, Kimar, Iska, Shadere, Ghazzawiya, Burj Abdalo und Ain Dara von türkischen Kampfflugzeugen angegriffen.

Die Bewohner mussten in die nahegelegenen Berghöhlen von Mount Simon fliehen. Dabei sind die Yeziden fester Bestandteil von Afrin: ihre Jahrtausende zurückreichende Präsenz ist dort durch Funde yezidischer Zeichen an Wänden von Tempeln und Denkmälern belegt worden.

Wie viele Yeziden noch in Afrin leben, wissen wir nicht. Bis zum türkischen Einmarsch gab es dort etwa 20.000 bis 30.000 von ihnen. Zu Recht fürchten sie sich vor radikalen Islamisten, die an der Seite der Türkei kämpfen, da sie glauben, dass sich unter ihnen auch ehemalige IS-Kämpfer befinden.3

Am 14. März 2018 gaben die von der Türkei unterstützten Islamisten bekannt, dass sie das yezidische Dorf Feqira (Qizilbas), welches eines der wenigen rein yezidischen Dörfer in der Region Afrin ist, "befreit" hätten. In einem von ihnen auf Facebook veröffentlichten Video rufen sie: "Allahu Akbar!" Das war seit dem Ende der osmanischen Herrschaft 1918 wohl das erste Mal, dass dieser Ruf in dem Dorf ertönte.

Das gleiche Schicksal erlitt die etwa 5.000-köpfige alevitische Gemeinschaft. Aleviten leben vor allem im Distrik Mabata. Wie die Yeziden sind auch sie in tödlicher Gefahr, denn für die Radikalislamisten gelten die Aleviten als Abtrünnige, die beseitigt werden müssen.

Nun droht der türkische Präsident Erdogan Kurden und anderen Volksgruppen auch im Nordosten Syriens, östlich des Flusses Euphrat, mit einem neuen Krieg. Wann und ob Erdogan seine Drohungen wahrmacht, ist vor allem von der Haltung der beiden Großmächte USA und Russland abhängig. Nur Putin oder Trump sind in der Lage Erdogans Kriegen in Syrien ein Ende zu setzen.

Der Autor Kamal Sido ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV).

(Kamal Sido)