Afrin ist erst der Anfang

Nicht wirklich moderat: Mitglieder der Miliz Faylaq al-Sham, die für die türkische Regierung Afrin "säubern" hilft. Bild: Propaganda/Twitter

Erdogan kündigt an, dass sich die türkische Militäroperation auf ganz Nordsyrien ausdehnen könnte. In Afrin-Stadt wächst die Angst vor einem Massaker

Präsident Erdogan macht klar: Afrin ist erst der Anfang seines Eroberungsfeldzuges. Erklärtes Ziel ist für ihn, ganz Nordsyrien von denjenigen Menschen zu säubern, die sich seinen neo-osmanischen, islamistischen Expansionsplänen in den Weg stellen, allen voran von den Kurden der "Demokratischen Föderation Nordsyriens".

Am 10. März begrüßte er seine Anhängerschaft auf dem AKP-Kongress in Mersin mit dem Wolfsgruß der faschistischen Grauen Wölfe. Das gab es noch nie: Der türkische Präsident benutzt einen faschistischen Gruß und bekräftigt sein Recht auf "Selbstverteidigung" auf syrischem Territorium. Das wäre in etwa so, wenn Kanzlerin Merkel in Polen einmarschieren ließ, um die deutsche Demokratie zu verteidigen und zur Bestärkung die Hand zum Hitlergruß erheben würde.

Erdogan forderte die Versammlung auf, gemeinsam "Eine Nation, eine Flagge, eine Heimat, ein Staat" zu skandieren, während er seine Hand zum Wolfsgruß erhob. Die Grauen Wölfe sind eine türkische faschistische Organisation, deren Beteiligung an Morden und an Massakern gegen nicht-muslimische Minderheiten, Aleviten, Kurden und Linke seit den 1970er Jahren auch in Deutschland bekannt ist.

Der stellvertretende Ministerpräsident Lutfi Elvan begleitete seinerseits den Wolfsgruß mit dem Rabbia-Gruß der ägyptischen Muslimbruderschaft. Diesen Gruß verwendet Erdogan schon seit längerem, um seine Anhängerschaft auf den islamistischen Kurs einzustimmen.

Später wechselte Erdogan auf der Versammlung ebenfalls zum Rabbia-Gruß wie auf dem Screenshot der landesweit im Fernsehen übertragenen Veranstaltung zu sehen ist.

Dem Gruß der ägyptischen Muslimbruderschaft hat Erdogan nun eine neue Bedeutung gegeben: Wenn er, den Daumen eingeklappt, die vier Finger nacheinander erhebt, skandiert er ebenfalls den Slogan "Eine Nation, eine Flagge, eine Heimat, ein Staat". Wolfsgruß und Rabbia-Gruß - ist das die neue ideologische Ausrichtung der Türkei?

Die faschistische Graue Wölfe-Partei MHP scheint dies genau so zu verstehen, denn sie ließ in mehreren türkischen Städten - in Anspielung auf die bestehenden 81 Provinzen der Türkei - Plakate aufhängen, auf denen steht: "82 Kirkuk, 83 Mosul und nun 84 Afrin".

Auf dem Kongress gab Erdogan ebenfalls unmissverständlich zu verstehen, dass nach Afrin Manbij, Kobani, Tel Abyad, Sere Kaniye und Qamischlo auf der Agenda stehen.

Die islamistischen Gruppen und türkische Spezialeinheiten stehen 2 km vor der Stadt Afrin, berichtet die Deutsche Welle. Im Nordosten der Stadt gebe es heftige Kämpfe mit Luftangriffen und Artilleriebeschuss. 850.000 Menschen sind nahezu umzingelt und "zum Abschlachten preisgegeben". So drastisch muss man dies benennen, wenn man die erschütternden Bilder und Videos sieht, die aus Afrin herauskommen.

Es häufen sich die Gründe für die Angst vor einem großen Massaker, das sich gerade Bahn bricht - an Kurden, Christen, Eziden und Araber, die sich den Syrian Democratic Forces (SDF) angeschlossen haben und für ein demokratisches Syrien kämpfen. Trotzdem halten die Regierungen der USA, Russlands und Europas die Füße still.

Der französische Journalist Jeremy Andre, der gerade aus Afrin zurückgekehrt ist, warnt davor, dass die humanitäre Situation in Afrin schlimmer sein könnte als in Ost-Ghouta. Er kritisierte die internationale Medienberichterstattung über Afrin, die völlig versagt habe, ausgewogen über den Konflikt zu berichten:

In den Fällen Aleppo, Idlib, Ghouta, aber auch Raqqa und Mosul hatten Fernsehsender nie Probleme, Videos von lokalen Journalisten oder Aktivisten zu verwenden - sogar vom IS! Warum zeigen sie dann nicht die türkischen Angriffe auf Afrin?

Jeremy Andre

Er berichtet über extrem gewalttätige radikale Gruppen, die an der Seite der Türkei kämpfen. Die Menschen aus Afrin hätten nur die Wahl, in die islamistischen "Rebellengebiete" zu fliehen oder in die von der syrischen Regierung kontrollierte Gebiete, wo die Männer festgenommen würden und für die syrische Armee zwangsrekrutiert werden.

Der französische Journalist berichtet von über einer Million Menschen, die sich in Afrin-Stadt und Umgebung aufhalten. Die türkischen Truppen hätten zudem die Wasser-und Stromversorgung von Afrin unterbrochen, da sie den Midanki-Staudamm unter ihre Kontrolle gebracht hätten.

Der Zentralrat der Eziden in Deutschland berichtet über Hilferufe aus Afrin und fordert die Internationale Gemeinschaft auf, sofort einzugreifen, um ein Blutbad an der Zivilbevölkerung zu verhindern. Die Eziden säßen in der Falle, so der Leiter des ezidischen Krisenstabs Sheikh Esmad Barimou.

Wir hatten noch die Hoffnung, dass die Weltgemeinschaft interveniert, um diesen Krieg zu beenden...unsere Hoffnung scheint jedoch vergeblich zu sein. Afrin ist eingekesselt und unsere Verwandten befinden sich in der Falle. Ähnlich wie in Shengal rechnen wir mit einem Massaker durch die Dschihadisten ...

ZED, Zentralrat der Êzîden in Deutschland

Die Angst der Eziden ist berechtigt, denn mittlerweile teilte eine angeblich IS-nahe Dschihadisten-Miliz offiziell in einer Videobotschaft mit, man werde die Türken und al-Qaida beim Kampf gegen die Kurden unterstützen.

Türkische Militärs und Islamisten haben schon mehrere ezidische Dörfer eingenommen und geplündert. Ein Beispiel ist das ezidische Dorf Qastel Jando. Auf einem Video sind die Islamisten zu sehen, wie sie schreiend, lachend und jubelnd den Dorfplatz zeigen: "Das ist der Markt dieser Schweine", gemeint sind die Eziden.

Drei der Dorfbewohner werden seit dem Überfall der Islamisten vermisst. Befürchtet wird, dass sich die Ereignisse von 2014 im irakischen Shengal nun mit Hilfe der Türkei im syrischen Afrin wiederholen könnten. Wieder sind besonders die Eziden von Verschleppung, Ermordung und Vertreibung bedroht.

Besonders beschämend mutet die Doppelmoral der deutschen Bundesregierung an, die sich einerseits zum Schutzpatron der Eziden erklärt hat und sich damit rühmt, mit einem Sonderprogramm geretteten ezidischen Frauen in Deutschland eine vorübergehende Bleibe und psychologische Unterstützung zu gewähren, die aber andererseits zu dem drohenden Massaker in Afrin schweigt.

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