After-Eight-Politik

Die NATO agiert auf das türkische False-Flag-Leak nach dem Prinzip: "Wir tun am besten, als hätten wir's nicht bemerkt"

Seit letzter Woche kursiert auf YouTube ein Audiomitschnitt von Gesprächen, in denen sich der türkische Außenminister Ahmet Davutoğlu, Geheimdienstchef Hakan Fidan, Generalleutnant Yaşar Güler und Staatssekretär Feridun Hadi Sinirlioğlu über ein direktes militärisches Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg unterhalten. Fidan teilt darin mit, er könne wenn nötig einen Kriegsgrund herstellen, indem er vier seiner Männer von Syrien aus einen False-Flag-Raketenangriff auf türkisches Territorium durchführen lässt. Und Sinirlioğlu ergänzt, dass man einen Einmarsch in Syrien als Operation gegen die al-Qaida-Abspaltung ISIL darstellen sollte, um das "internationale Recht" auf seiner Seite zu haben.

Diese Unterhaltung ist unter anderem deshalb von besonderer Brisanz, weil die Türkei seit 1952 der North Atlantic Treaty Organization (NATO) angehört, deren Mitglieder sich im Falle eines Angriffs zu gegenseitiger militärischer Hilfeleistung verpflichtet haben. Man würde deshalb erwarten, dass sich das Bündnis von der türkischen Regierung distanziert und gegenüber der Öffentlichkeit darlegt, wie man auf die offensichtliche Verletzung der Statuten reagiert und durch welche Maßnahmen man verhindern will, dass 28 Staaten durch Betrug in vermeintliche Verteidigungskriege verwickelt werden, die in Wirklichkeit Angriffskriege sind.

Doch obwohl die Echtheit der Stimmen im Clip inzwischen bestätigt wurde, gibt es zu den geleakten Geheimgesprächen bislang noch keinen Kommentar aus dem Nordatlantikpakt-Hauptquartier. Stattdessen agiert die NATO bislang wie in den After-Eight-Werbespots aus den 1970er und 1980er Jahren, in denen ein blasierter Engländer rät: "Wir tun am besten, als hätten wir's nicht bemerkt". Das öffnet Raum für Spekulationen. Zum Beispiel darüber, ob die NATO über die türkischen Pläne informiert war und wie häufig es in der Geschichte des Verteidigungsbündnisses schon ähnliche Fälle gab.

Relativ gut erforscht sind die Gladio-Aktivitäten während des Kalten Krieges. Unter diesem Schlagwort finanzierte und betreute die NATO in Italien, der Türkei und mehreren anderen EU-Ländern heimlich paramilitärische Organisationen, die den Auftrag hatten, im Falle eines russischen Einmarschs als sogenannte Stay-Behind-Truppen einen Partisanenkrieg zu führen. In Italien besteht begründeter Verdacht, dass man sich dazu auch rechtsextremer Gruppen bediente, die terroristische Anschläge durchführten, um die Bevölkerung zu ängstigen und Wahlergebnisse zu beeinflussen. In Deutschland und anderen Ländern gibt es Anhaltspunkte dafür, dass dazu gewaltverherrlichende Anarchisten als nützliche Idioten eingesetzt wurden.

Den NATO-Angriff auf Jugoslawien im Frühjahr 1999 rechtfertigten Rudolf Scharping, Joseph Fischer und andere Politiker mit einem angeblichen "Hufeisenplan" zur Vertreibung der Albaner aus dem Kosovo. Dieser Plan stellte sich später als wahrscheinliche Erfindung des bulgarischen Geheimdiensts heraus – in der Wirklichkeit vertrieben stattdessen die Albaner die Serben aus fast dem gesamten von der NATO besetzten Gebiet. Auch das hatte keine Konsequenzen auf die Statuten der NATO, die 2011 mit der Begründung, die Zivilbevölkerung vor Luftangriffen zu schützen, in den libyschen Bürgerkrieg eingriff und dabei unter anderem einen Fernsehsender bombardierte, weil er - so NATO-Sprecher Roland Lavoie damals - "aufrührerische Reden" verbreite. (Peter Mühlbauer)

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