Agrarwirtschaft: "System vor die Wand gefahren"

Kritik an der industriellen Landwirtschaft wird lauter. Bild: Pixnio.com, CC0

Autoren des Agrarkritischen Berichts fordern grundlegenden Umbau der Landwirtschaft

Jeden Januar fahren zehntausende Menschen nach Berlin, um für gutes Essen, nachhaltige Landwirtschaft und für bessere Bedingungen für Bauern zu demonstrieren. Dieses Jahr fand die Demonstration "Wir haben es satt" coronabedingt im Internet statt, ebenso wie die Grüne Woche, die der Anlass für den Protest ist.

Dabei gibt es aus Sicht eines Bündnisses aus Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie Bauernverbänden nach wie vor etliche Punkte, die Anlass zur Kritik an der gegenwärtigen Agrarpolitik und der industriellen Landwirtschaft geben. Ihre Einschätzung haben sie unlängst mit dem "Agrarkritischen Bericht" vorgelegt, der in diesem Jahr den Titel "Welt im Fieber – Klima & Wandel" trägt.

Darin beschreiben die Autoren eine Landwirtschaft und ein Ernährungssystem unter Druck: So sei die Landwirtschaft zugleich Treiber als auch Opfer von Krisen wie Corona oder dem Klimawandel. Beispielsweise habe das Abbrennen von Wäldern für den Anbau von Palmöl die Kontaktzone zwischen Menschen und Tieren verringert. Dadurch können Zoonosen, also zwischen Tier und Mensch übertragene Krankheiten, häufiger auftreten.

Zugleich legt die Corona-Pandemie auch die Missstände im Ernährungssystem offen: Die Corona-Ausbrüche in der Fleischindustrie und unter Erntehelfern stehen in Zusammenhang mit den kaum zumutbaren Arbeitsbedingungen, unter denen die prekär Beschäftigten seit Jahren arbeiten.

"Corona hat im letzten Jahr wie ein Brennglas gewirkt und viele Auswüchse dieses tier- und menschenfeindlichen Systems der Agrar- und insbesondere der Fleischindustrie sichtbar gemacht", sagte der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder. Dieses System sei vor die Wand gefahren. Ein "Weiter so" sei deutlich teurer als die Kosten, mit denen weitgehende Umstellungen gefördert werden müssen.

Industrielle Landwirtschaft und Klimakrise

Ähnlich ist die Problematik beim Klimawandel, so verschärft die Landwirtschaft auch die Klimakrise: In Deutschland gehen zwölf Prozent der Emissionen auf Landwirtschaft zurück. Vor allem die Haltung von Nutztieren, das übermäßige Düngen mit Gülle und Mineraldünger sowie die Landwirtschaft auf trocken gelegten Mooren treiben die Emissionen des Sektors nach oben.

Allerdings hat der Klimawandel die Produktion von Lebensmitteln und damit die Ernährungssicherheit weltweit beeinträchtigt. Vor allem höhere Temperaturen, sich ändernde Niederschlagsmuster und eine höhere Häufigkeit extremer Wetterereignisse verändern die Bedingungen, auf die sich Bäuerinnen und Bauern einstellen müssen. So stehen Ertragsverluste bei der Ernte von Winterweizen, Wintergerste und Kartoffeln in Zusammenhang mit Trockenheit.

Eines der zentralen Probleme aus Sicht der Berichtsautoren: die Landnutzung. Myriam Rapior, Bundesvorständin der BUNDjugend, will deshalb verändern, wie Land genutzt wird. "Wir können uns nicht länger fragen, wie können wir größtmögliche Erträge aus etwas herausquetschen, sondern wir müssen dafür sorgen, dass auch künftige Generationen noch lebenswerte Bedingungen vorfinden können".

Wie das gelingen soll? Mit einer anderen Landwirtschaftspolitik und -förderung: "Wenn die EU-Kommission den Green Deal ernst meint, dann sollten die Agrar-Milliarden aus Brüssel konsequent für umwelt- und klimafreundliche Praktiken in der Landwirtschaft genutzt werden", fordert Rapior.

Die EU will derzeit ihr Herzstück, die Gemeinsame Agrarpolitik, reformieren. 58,2 Milliarden Euro hat die EU 2020 verteilt. Den Großteil davon vergibt sie direkt, abhängig von der Größe der landwirtschaftlichen Fläche.
Künftig sollen die Mittel stärker an Umweltmaßnahmen geknüpft werden. Doch wie das genau aussehen soll, darüber haben die EU-Kommission, die Mitgliedsstaaten und das EU-Parlament unterschiedliche Vorstellungen. Bis zum Sommer soll die Einigung erzielt werden.

EU-Subventionen für Tier- und Umweltschutz?

Aus Sicht von Phillip Brändle von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft sollen Landwirte deshalb über die EU-Agrarsubventionen entlohnt werden, wenn sie Gemeinwohlleistungen erbringen. "Bäuerinnen und Bauern müssen die Möglichkeit bekommen mit Tier- und Umweltschutz Geld zu verdienen", fordert Brändle.

Derzeit liegt der Bruttoverdienst von Bauern in Deutschland laut EU-Kommission 50 Prozent unter dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers in der Wirtschaft. Ein Großteil der Landwirte sei von den Agrarsubventionen abhängig. Würden die Zahlungen mit mehr Engagement für Naturschutz verknüpft, ließen sich auch Ziele im Klima- und Umweltschutz, wie sie etwa die EU-Richtlinie für Luftschadstoffe, der Klimaschutzplan und die nationale Strategie für Biodiversität vorgeben, erfüllen.

Höhere Preise an der Ladentheke könnten nicht garantieren, dass das Geld dann auch bei den Bauern ankommt. Im Zentrum der Kritik des Bündnisses steht deshalb Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner: "Die Politik hat die Verantwortung für den notwendigen Umbau der Tierhaltung und auch für andere Bereiche Geld zu organisieren", sagt Phillip Brändle weiter.

So habe die sogenannte Borchert-Kommission zur Nutztierhaltung gefordert, eine Verbrauchssteuer für Fleisch einzuführen. Mit dem Geld sollten Tierhalter dabei unterstützt werden, ihren Betrieb mehr auf Tierwohl und Umweltschutz auszurichten. Die Kommission hatte eine Abgabe von 40 Cent je Kilogramm Fleisch vorgeschlagen. "Da liegt ein konkretes Konzept vor, das parteiübergreifend und von verschiedenen Verbänden gebilligt wird, und die Ministerin setzt es einfach nicht um", klagt Brändle.

In dem Bericht geht es nicht nur um die Versäumnisse, sondern die Autoren beschreiben auch wie die Agrarwende gelingen kann: durch weniger Verzehr von tierischen Produkten und weniger Pestizideinsatz, mit regionalen Kreisläufen, mit kleinbäuerlichen Strukturen, mit Sortenvielfalt bei den angebauten Kulturpflanzen und mit mehr Ökolandbau.

Auch die EU-Kommission will mehr Ökolandbau. In ihrer Farm-to-Fork-Strategie hat sie sich das Ziel gegeben, bis 2030 den Anteil des Ökolandbaus auf 25 Prozent zu steigern. In Deutschland werden bislang acht Prozent der landwirtschaftlichen Flächen nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. (Sandra Kirchner)