Airbus 321-231: Hinweise auf Anschlag

Weiteres Flugzeug im Südsudan abgestürzt

Am Samstag stürzte ein Airbus 321-231 der russischen Fluggesellschaft Kogalymavia mit 217 Passagieren und sieben Besatzungsmitgliedern an Bord auf dem Weg vom ägyptischen Badeort Scharm el-Scheich nach Sankt Petersburg über der Sinai-Halbinsel ab (vgl. Russische Passagiermaschine auf der Sinai-Halbinsel abgestürzt). Keiner der mehrheitlich russischen Reisenden überlebte den Absturz. Auch die Besatzung kam vollständig ums Leben. Nun mehren sich die Anzeichen dafür, dass die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) einen Anschlag verübt haben könnte.

Die Salafisten hatten noch am Absturztag in Sozialen Medien damit geprahlt, die Maschine "zum Fallen gebracht" zu haben. Als Motiv nannten sie Rache für die russische Unterstützung der syrischen Regierung, die der IS stürzen will. Der ägyptische Staatspräsident as-Sisi bezeichnete diese Selbstbezichtigung in der BBC als "Propaganda" - aber auch die Analysten von Stratfor kamen unter Verweis auf frühere komplexe Sprengstoffanschläge ägyptischer Dschihadisten und die "besonders schlechten" Passagier- und Gepäckkontrollen am Flughafen von Scharm el-Scheich zum Ergebnis, dass ein Sprengsatz an Bord der Maschine die wahrscheinlichste Absturzursache ist.

Obwohl Kremlsprecher Dmitri Peskow Anfang der Woche ein Ende der Spekulationen bis zum Abschluss der Untersuchungen gefordert hat, mehren sich auch in russischen Medien Berichte über Hinweise auf solch ein Verbrechen: Dem Portal Sputniknews zufolge, das sich auf einen nicht namentlich genannten (aber an den Ermittlungen beteiligten) ägyptischen Forensiker beruft, deutet die Vielzahl kleiner Leichenfragmente darauf hin, dass vor dem Aufprall der Maschine eine Explosion in der Luft stattfand. Die meisten Toten sind dem Gerichtsmediziner nach derart zerfetzt, dass sie mit DNS-Analysen identifiziert und für eine Bestattung zusammengesetzt werden müssen.

Die Nachrichtenagentur TASS meldete unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten Informanten aus Kairo, dass unter den Wrackteilen "Elemente" gefunden wurden, die nicht nicht zu einem Airbus 321-231 zu passen scheinen. Da sich die Absturzstelle über 20 Quadratkilometer erstreckt, könnte es allerdings sein, dass die Trümmer aus militärischen Auseinandersetzungen oder Unfällen aus der Vergangenheit stammen, die nichts mit dem Absturz zu tun haben.

Auch die beiden Flugschreiber der Maschine wurden gefunden und werden ausgewertet: Interfax will erfahren haben, dass der Stimmenrekorder vor dem Absturz Cockpitgeräusche aufnahm, die "nicht charakteristisch für einen Standardflug" seien. Die Piloten wurden diesem Bericht zufolge von einer Situation an Bord überrascht und kamen offenbar nicht mehr dazu, ein Notsignal zu senden.

Kogalymavia-Flug 7K9268 vom Start bis zum Absturz. Foto: Nzeemin. Lizenz: CC BY-SA 4.0.

Alexander Smirnow, der Vizechef von Kogalymavia, glaubt ebenfalls an eine "mechanische Einwirkung" als wahrscheinliche Absturzursache. Dass diese mechanische Einwirkung nicht von einer Bombe, sondern von einer Rakete stammt, gilt trotz der vom Pentagon festgestellten "militärischen Aktivitäten" in dem von der IS-Division Ansar Beit al-Makdis beanspruchten Gebiet als unwahrscheinlich: Auf Satellitenaufnahmen finden sich zwar Wärmeblitze (die zum Beispiel von Bomben oder einem explodierenden Tank herrühren können), aber kein Schweif, wie ihn eine Boden-Luft-Raketen hinterlassen würde.

Das deutsche Nachrichtenmagazin Focus will gestern erfahren haben, dass die Ermittler nach der Auswertung der Blackbox davon ausgehen, dass eine Explosion im Triebwerk zum Absturz führte. Über die Ursache dieser Explosion soll weiterhin Unklarheit herrschen. Die britische Regierung hält die Hinweise auf eine Bombe aber für so ernst, dass sie nach einer Dringlichkeitssitzung am Mittwochabend den vorläufigen Stopp aller Flüge von Scharm el-Scheich in das Vereinigte Königreich verkündete, bis britische Experten die Sicherheitsvorkehrungen am dortigen Flughafen überprüft haben.

Gestern stürzte im Südsudan ein weiteres Flugzeug ab: Hier war es eine Antonow-An-12-Frachtmaschine, die einen Russen, fünf Armenier und zwölf Südsudanesen an Bord hatte. Davon kamen alle bis auf drei (oder nach anderen Meldungen zwei) Südsudanesen ums Leben. Die kurz nach dem Start der Maschine in der südsudanesischen Hauptstadt Juba herabstürzenden Trümmer erschlugen außerdem mindestens 21 Südsudanesen in ihren Häusern und auf der Straße.

Das Flugzeug war auf dem Weg von der Hauptstadt in den südsudanesischen Bundesstaat Upper Nile. Im Südsudan tobt - ebenso wie im Sinai - ein Bürgerkrieg. Hier bekämpfen sich jedoch nicht Dschihadisten und eine säkulare Regierung, sondern die beiden Volksgruppen der Dinka und der Nuer (vgl. Sollbruchstellen eines neuen Staates). Allerdings gibt es auch in diesem Land, das bis 2011 zum islamistisch regierten und arabisch dominierten Sudan gehörte, Anhänger des IS. (Peter Mühlbauer)

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