Ajax rein und Kurs 360°

Surfen und kooperieren im zweiten Netz

Eine Webadresse in die Browserzeile eintippen, auf einer Seite einen Hyperlink anklicken, in ein Textfeld ein paar Wörter eintippen und auf "Absenden" klicken, das ist das altgewohnte Web, wie es jeder kennt. Was aber hat es mit dem "Web 2.0" auf sich, von dem in Online-Artikeln, Foren und Blogs so viel die Rede ist? Stellt man diese Frage netzbewanderten Zeitgenossen, erhält man ebenso viele Antworten, wie man Experten gefragt hat. Für den einen ist es ein Buzzword für die wieder einmal hereinbrechende Goldgräberstimmung im Internet, der nächste sieht es als eine Verbindung von Techniken, die schon lange selbstverständlich sind, die aber kein Mensch braucht. Wenn man Web 2.0 als einen Sammelbegriff für neue Möglichkeiten für die Vernetzung und die freiwillige Zusammenarbeit von Computeranwendern nimmt, dann hilft das, einen Überblick darüber zu bekommen, in welche Richtung sich das weltweite Netz entwickelt. Im Folgenden wird eine Handvoll deutschsprachiger Web-2.0-Angebote vorgestellt.

Taggle, Icio und Leze sind Nachkömmlinge von Del.icio.us, der US-amerikanischen Online-Bookmark-Community, die ihre Anziehungskraft aus dem gemeinsamen Heraussuchen und Verschlagworten von bemerkenswerten Hyperlinks bezieht. Ein Taggle-Teilnehmer, der beim Surfen über irgendetwas Interessantes stolpert, kann hier einen Link und eine kurze Beschreibung seiner Entdeckung veröffentlichen. Dabei kann es um alles Mögliche gehen, eine gut gemachte Website, einen interessanten Online-Artikel, ein Blog-Posting, ein sehenswertes Foto – die Vielfalt ist unbegrenzt.

Das Taggen, also das Bezeichnen eines Hyperlinks mit ein paar themenbezogenen Stichworten, ist dabei eines der Community-gesteuerten Verfahren, durch das die Tätigkeit eines Einzelnen für die Gemeinschaft so aufgewertet wird. Zum Beispiel gibt der Vorschlagende zu einem Hinweis auf eine klickenswerte Kinofilm-Website das Stichwort "Film" ein, eine Audio-Datei mit einer Bloglesung wird mit "Podcast" getaggt und so weiter. So werden die vielen Vorschläge, die nach kurzer Zeit durch die Community zusammen kommen, so geordnet, dass sie für die Vielzahl von Nutzern mit ihren unterschiedlichen Interessen praktikabel werden.

Natürlich kann man sich statt einer an Stichworten ausgerichteten Vorauswahl auch die beliebtesten Links über alle Themenbereiche hinweg anzeigen lassen. Wer aber auf seiner persönlichen Taggle-Seite ein Set von passgenauen Stichworten vorgibt, hat damit einen brauchbaren Weg, die Menge der empfohlenen Seiten zu kanalisieren. Eine andere Möglichkeit ist, sich nur die Linktipps eines bestimmten anderen Teilnehmers anzeigen zu lassen, zum Beispiel, weil man gemeinsame Interessengebiete hat, oder weil man die von ihm bisher geposteten Hinweise schätzt.

Geht es bei den genannten Bookmark-Diensten um das Ordnen einer bunten Vielfalt, sozusagen um Wegweiser zu den Trauminseln im Daten-Ozean, steht bei Yigg.de mehr der sportliche Wettbewerb im Vordergrund. Die hier aktive Gemeinde stellt neue Links nicht nur vor, man liefert sich gleich eine Art Wettkampf um die besten Vorschläge. Die Mitglieder können nämlich mit einem Mausklick eine positive Bewertung für einen neuen Tipp abgeben. Neuigkeiten mit vielen Yiggs, das heißt Zustimmungen, wandern auf der Seite nach oben, sodass jeder Besucher die besten Links übersichtlich gesammelt vorfindet.

Vorteil einer solchen Gemeinde aus News-Geeks ist, dass dort auch Meldungen an die Oberfläche gefördert werden, die im netzüblichen Wirbel der Nichtigkeiten leicht untergehen. Die ungeklärten Vorgänge um die Beeinflussung von Radar-Aufnahmen für die Wettervorhersage, zum Beispiel, war schon auf Yigg zu finden, bevor Telepolis das Thema aufgriff.

Auf über 4800 Teilnehmer knapp zwei Monate nach dem Start kann das Portal Lycos Europe bei seinem Projekt Lycos IQ hinweisen. Die Community befasst sich ähnlich wie die bisher genannten Websites auch mit dem Veröffentlichen und Verschlagworten von Hyperlinks, doch im Vordergrund steht hier der Wissensaustausch untereinander. Jeder Besucher der Site kann hier eine Frage aus einem frei gewählten Themenbereich stellen und von den Mitgliedern beantworten lassen.

Das Beantworten einer gestellten Frage setzt eine Registrierung voraus, wobei die Angabe von Name, Geburtsdatum und Wohnort-Postleitzahl verpflichtend sind – ungewöhnlich für Web-2.0-Projekte, bei denen für die Anmeldung meist eine E-Mail-Adresse und ein Fantasiename genügen. Schließlich soll die Hemmschwelle für den Einstieg eines neuen Teilnehmers möglichst niedrig sein.

Wer bei Lycos IQ Fragen beantwortet oder interessante Links postet, bekommt Punkte von den anderen Mitgliedern übertragen und rückt damit in der Rangfolge nach oben. Ein sehr durchdachtes System aus Bewertungen und Status-Punkten, die ein Community-Member auf sich vereinigt hat, erlaubt es den anderen, ihn als Experten für die Beantwortung einer Frage auszusortieren oder auch zu bevorzugen.

Die Verwendung von Ajax-Applikationen erlaubt es, beim Eintippen von Fragen oder beim Anbringen von Tags Wörter automatisch zu vervollständigen und aus der Datenbank Vorschläge für verwandte Begriffe zu erzeugen, eine nützliche Sache, mit der den Anwendern die Scheu vor dem Eintippen langer Sätze oder komplizierter Wörter genommen werden soll.

Die Lycos-Verantwortlichen sehen in der Wissen spendenden Eigenentwicklung eine Alternative zu den computererzeugt ermittelten Treffern der gewohnten WWW-Suchmaschinen, und fügen Antworten aus dem durch die Community zustande gekommenen Bestand in die Suchergebnisse ein, die bei einer Websuche im Lycos-Portal erscheinen.

Dem Netzwerk-Gedanken am nächsten unter den hier vorgestellten Web-2.0-Angeboten kommt OpenBC, das zweieinhalb Jahre nach der Gründung auf immerhin eine Million Mitglieder verweisen kann, die Sites in anderen Ländern einbezogen. Auf dieser Plattform bewegen sich vorwiegend beruflich und geschäftlich interessierte Teilnehmer. Sie stellen sich auf einer persönlichen Profil-Seite mit ihrem Tätigkeitsfeld und ihren Kontakten innerhalb der OpenBC-Community vor. Über gemeinsame Bekannte oder aufgrund gleicher Interessen können so neue Beziehungen entstehen, die über das Netzwerk-eigene Nachrichtensystem angestoßen werden.

Darüber hinaus findet in den Foren ein offener Meinungsaustausch statt, zum Beispiel sind unter Social Software Gesprächsforen zu Web-2.0-Themen einsehbar. Eine kurze Flash-animierte Einführung in die Nutzung von OpenBC ist unter http://www.powerflasher.de/ref/openBC/ abrufbar.

Die vor einigen Wochen in deutscher Sprache gestartete Plattform Yahoo! 360° legt ihren Schwerpunkt auf den Austausch mit Freunden und auf das Kennenlernen von neuen Menschen. Nach der obligatorischen Registrierung hat ein Teilnehmer so ziemlich alle Möglichkeiten, sich selbst darzustellen, die das Netz heutzutage bietet. Mit einem eigenen Weblog oder einer Homepage, mit Fotos, Videos und Text-Anmerkungen zu seinen ganz eigenen Interessen kann er zeigen, was ihm so im Kopf herumgeht. Auf einer persönlich zusammengestellten Seite werden Freunde aufgelistet, den Musikgeschmack bedienende Radiostationen zusammengestellt, oder die Themen-Newsgroups aufgezählt, bei denen er mitmacht.

Andere Community-Mitglieder, die sich durch die Seiten klicken, sollen über Interessen, die sie mit der vorgestellten Person teilen, sympathische Leute finden können, und das erste Anbandeln erfolgt etwa durch eine persönliche Nachricht oder eine Instant-Message. Nützlich, wenn auf der jeweiligen Personen-Seite angegeben ist, ob der oder die Betreffende gerade online und damit erreichbar ist.

Yahoo bewegt sich mit 360° auf derselben Schiene wie die US-amerikanische Social-Networking-Plattform Myspace.com, die vor einem halben Jahr von Rupert Murdochs News Corporation für 580 Millionen Dollar übernommen wurde. Communities, in denen sich Millionen von Jugendlichen tummeln und offenherzig über ihre privaten Vorlieben plaudern, sind eben ein ideales Werbe-Umfeld.

Lassen sich die bisher genannten Projekte unter dem Oberbegriff 'vernetzte Nutzer erzeugen Inhalte' zusammenfassen, steht das letzte hier vorgestellte Angebot eher als Beispiel für die Weiterentwicklung von Schnittstellen für eine erweiterte Interaktion zwischen Benutzer und Web-Anwendung. Das Musik-Vorschlagssystem Musiclens basiert auf dem Versuch, das subjektive Erlebnis, das eine Person beim Anhören eines Stücks hat, in allgemeingültige Merkmale zu fassen. Anhand dieser Merkmale soll der Anwender seinem Musikgeschmack entsprechende neue Stücke finden können.

Beim Öffnen der Seite wird dem Nutzer eine Flash-erzeugte Grafik mit einem Mischpult mit zehn Schiebereglern angezeigt. Diese Stellknöpfe dienen der Beschreibung des eigenen Musikgeschmacks, sie ermöglichen eine Feineinstellung von Kriterien wie laut-leise, schnell-langsam, bevorzugter Hörsituation oder Entstehungszeit des Tracks (nach Jahrzehnt). Manche Merkmale wie vokal-instrumental erschließen sich von selbst, andere wie die Farbe eines Musikstücks sind eher dem individuellen Empfinden eines Hörers zuzuordnen, und setzen beim Anwender auf den Lerneffekt bei eingehender Beschäftigung mit dem System.

Zeitgleich mit dem Verstellen der Schieber ändern sich in der unteren Hälfte der Seite die angezeigten Musikstücke, die mit Titel, Interpret und Genre zu sehen sind. Man kann kurze Ausschnitte der so zustande gekommenen Tracks anhören, und wenn man einen ansprechenden Titel gefunden hat, werden mit einem Klick auf "More" weitere aus einer ähnlichen Einstufung angezeigt. Die Vor-Auswahl über das Mischpult ist mit einer Suchworteingabe und mit einer Filterung nach Genre kombinierbar, und seine passende Regler-Einstellung kann man mit einer Bookmark-Funktion abspeichern.

Die Zuordnung der vordefinierten Merkmale zu einem bestimmten Titel beruht auf Daten, die von Freiwilligen erstellt werden. Auf einer separaten Website kann man sich als sogenannter Profiler bewerben, der Einstiegstest umfasst die fachgerechte Bearbeitung von zehn Titeln. Als Gegenleistung für die regelmäßige Tätigkeit können akzeptierte Profiler die in dem Online-Shop Finetunes verfügbaren Titel komplett anhören und nicht nur angespielt bekommen.

Inzwischen sind zwei Drittel der Bundesbürger im Netz unterwegs, viele davon mit langen Jahren Web-Erfahrung, sodass die Ansprüche an die gebotenen Inhalte mittlerweile gestiegen sind. Zielloses Herumklicken und passives Aufnehmen von Informationen, wie wir sie durch die Zeitungs- und Magazinlektüre trainiert lange Zeit praktiziert haben, scheint jedenfalls vielen Usern nicht mehr zu genügen. Ob die hier beschriebenen Projekte den gern geäußerten Vorwurf bestätigen, Web 2.0 sei eigentlich nur ein beschönigender Ausdruck für das Verfahren, die Surfer die Inhalte selbst erstellen zu lassen, um sie ihnen dann mit Werbung garniert wieder vorsetzen zu können, das muss jeder Nutzer selbst entscheiden. Ebenso vielgestaltig wie die genannten Anwendungen sind die dahinter steckenden Geschäftsmodelle. Während sich Yigg ausdrücklich als nichtkommerzielle Entwicklung versteht, ist bei Lycos IQ in der Zukunft das Schalten von Werbetexten geplant, und OpenBC setzt auf zahlende Mitglieder.

In diesem Artikel nicht zum Zuge gekommen sind Angebote, die auf Telepolis schon behandelt wurden, wie Wikipedia und Google Mail, oder Projekte wie reliwa.de, die noch zu neu sind, um schon beurteilt zu werden.

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