Akademiker mit Arbeiterhintergrund

In Münster soll zum ersten Male in Deutschland ein Kongress der "working-class academics" stattfinden

Im "Flying Fish" an der President Clinton Avenue werden auch an diesem Samstagmittag frittierte Fische serviert, während aus den Lautsprechern der Blues dringt - der Mississippi ist nur zwei Autostunden weg. Nur knapp sechs Kilometer entfernt geht es im Hörsaal 106 an der Universität von Little Rock, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Arkansas, aber um einen Blues ganz anderer Art.

"Es ist ein schwieriger Platz zwischen den Stühlen", sagt Jim Vander Putten. "Du sitzt zwischen den sozialen Klassen und kannst nicht mehr zurück zu der Arbeiterklasse, aus der du kommst. Aber du gehörst auch nicht zu der Mittelklasse, die an den Universitäten den Ton angibt. Das ist eine sehr isolierte und einsam machende Erfahrung."

Ähnlich Brenda Resch:

Einen Großteil meines Studiums dachte ich, ich wäre verrückt. Es gab immer einen Unterton, einen Subtext, den ich nicht verstand. Ich fühlte mich alleine und hatte das Gefühl, ich würde nicht hereinpassen. Als ich zum ersten Male auf diese Konferenz hier kam, dachte ich: Ich bin gerettet, ich bin nicht verrückt. Es geht auch anderen so wie mir.

Zum 14. Male trafen sich vergangenen Sommer in den USA die Working-class/Poverty-class Academics (WCPCA), also die Akademiker mit Arbeiterklassen- oder Armutshintergrund, diesmal im Little Rock. Eine überschaubare Stadt mit 600.000 Einwohnern. Wenn man von ihr schon mal gehört hat, dann weil der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hier als Gouverneur seine Karriere begann. In der in der Stadt angesiedelten Clinton-Bibliothek ist die Geschichte nachzulesen. Die Geschichte der Working-class Academics ist demgegenüber schneller erzählt.

1993 hervorgegangen aus einer Mailing-Liste hatten die Diskussionsteilnehmer vor etlichen Jahren beschlossen, sich auf jährlichen Kongressen persönlich kennen zu lernen und sich auszutauschen. Darüber, wie es ist, als Angehöriger der Arbeiterschicht oder Arbeiterklasse zu einem Akademiker zu werden und an Hochschulen zu arbeiten. Der deutsche Soziologe Rolf Dahrendorf hatte diese Erfahrung von Arbeiterkindern an den Universitäten 1965 so in Worte gefasst: "Die eine seiner Welten ist tot, und doch ist er ohnmächtig, die andere zu gewinnen ..."

Jim Vander Putten stammt aus Wisconsin und ist Professor an der Universität von Little Rock. Er hat diesmal den Kongress organisiert, dessen Anliegen er so formuliert:

Wie gehst du damit um, aus der Arbeiterklasse zu kommen und nun in einer Mittelklasse-Umgebung zu arbeiten?

Eine fremde, unbekannte Umgebung, deren Verhaltensweisen und Sprachregeln erst zu erlernen sind wie eine Fremdsprache. Jim erzählt von einem Gespräch mit einer Hochschulkollegin und von seinen Fehlern, die er dabei machte: Es ging um eine Reise im Sommer nach Edinburgh in Schottland. "Der erste Fehler war", so Jim, "dass ich erst mit 35 Jahren meine erste Auslandsreise machte." Der zweite Fehler lag in seiner Aussprache. Er sagte "Edinburgh" wie man "Pittsburgh" ausspricht. Dabei heißt es doch "Edinboroh". Seine soziale Herkunft lag offen zutage.

Brenda wiederum, die in El Paso Medien und Genderstudies lehrt, wuchs auf einer kleinen Farm auf. "Ich stehe zwischen den Klassen", sagt sie. Das Gespräch mit ihren Verwandten zu Hause ist schwierig, mit einem Bruder – einem Installateur – ist kein Gespräch mehr möglich. Brenda leitet auf dem Kongress eine Diskussion zum Thema Film und den Überschneidungen von sozialer Klasse, Gender und Ethnie. Die Vorträge des Kongresses gehen über Themen wie über den Erfolg von Studierenden in Abhängigkeit von der sozialen Herkunft oder über die Bedürfnisse weißer Arbeiter in Weiterbildungseinrichtungen. Kenneth Oldfield, ein Hochschullehrer im Ruhestand, sprach über die doppelte Hürde von sozialer Herkunft und abweichenden – "queerem" – Verhalten. Wie es sich für Akademiker gehört, ist es ein wissenschaftlicher Kongress, eine Dozentin ist über das Internet aus Chicago zugeschaltet wie auch die ganze Veranstaltung im Netz zu sehen ist.

Die amerikanischen Akademiker mit Arbeiterhintergrund sind eine Art Selbsthilfegruppe, in der es darum geht, sich der eigenen spezifischen Erfahrung im akademischen Milieu zu versichern, sich darüber auszutauschen, sich gegenseitig zu helfen und diese spezifische Erfahrung auch wissenschaftlich zu thematisieren. Die Gruppe steht für auch für die Vielfalt amerikanischen Geisteslebens jenseits oder unterhalb massenmedialer Klischees. Obwohl die Gruppe sich nicht als unpolitisch versteht, entbehrt sie jeden missionarischen Eifers. Was sie vom "mainstream" allerdings unterscheidet, ist alleine schon die Einschätzung, dass es so was wie soziale Klassen in den USA überhaupt gibt.

Für den Sozialpädagogen David Greene zum Beispiel war es eine Art Erweckungserlebnis, als er seine Gefühle der Entfremdung und Unsicherheit an der Hochschule in einen sozialen Kontext einordnen konnte:

Das Thema der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse wird in den USA vermieden. Jeder hält sich für Mittelklasse. Die Wirklichkeit mit ihrer Verteilung von Reichtum sieht aber anders aus.

Szenenwechsel an die westfälische Universität in Münster. Hier ist der Soziologiestudent Andreas Kemper im Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende des AStA der Universität tätig. Das Referat existiert seit sechs Jahren und stellt eines der wenigen Gremien dar, die sich mit sozialen Klassenschranken im Bildungsbereich praktisch auseinandersetzen und die eine Interessensvertretung für Studierende aus Arbeiterhaushalten organisieren. Nur an der Universität Wien gibt es ebenfalls ein Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende.

Im Sommer war Kemper online zum WCPCA-Kongress in Little Rock zugeschaltet, sein Beitrag war ein Film über die Proteste der Studierenden in Münster gegen die Studiengebühren. In Kontakt mit den Akademikern mit Arbeiterhintergrund kam Kemper bei einem USA-Besuch. Jetzt will er den Kongress im kommenden Jahr nach Deutschland holen. An der Uni Münster [http://wcpca.wordpress.com/ soll] es voraussichtlich in der zweiten Juliwoche um das Thema "Klassismus" im Bildungssystem gehen. Klassismus meint dabei eine Benachteiligung durch den sozialen Hintergrund (Vom Rassismus und Sexismus zum Klassismus).

Für Kemper ist es eine "spannende Sache", dass ein derartiges Thema von den Betroffenen selbst behandelt wird. In der Tat ist die soziale Herkunft von Hochschulangehörigen und Studierenden und deren kritische Thematisierung bislang in Deutschland ein weißer Fleck. In den USA ist man diesbezüglich schon ein paar Kongresse weiter. (Rudolf Stumberger)

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