Aktion gegen Zwangsbeschallung

Das Humorprojekt moderne21 will die GEMA zu einer Umkehr ihrer Vergütungsprinzipien bewegen

Kennen Sie das Gefühl der Enttäuschung, wenn auf der Sado-Maso-Party zwar Nilpferdpeitschen, Kneifzangen und Lötkolben ausgegeben werden, aber versäumt wird, die neuste Bravo-Fetenhits CD mit DJ Ötzi, DJ Bobo, U2, No Angels, Sportfreunde Stiller und den Toten Hosen einzulegen? Nun offengestanden wir auch nicht. Dafür kennen wir aber das kalte Grausen, das einen packt, wenn man ohne Wachs in den Ohren ein Fitness-Studio betritt.

Wer hat noch nicht spontan den Weltuntergang als etwas Wunderbares empfunden, während man im Warenhaus mit der Musik von Simply Red, Madonna, Sarah Connor, den Fantastischen Vier, Wolfgang Ambros und Jan Delay dauerbeschallt wurde oder hätte es vorgezogen in einem Bottich voll mit Hundekotze zu baden als in einem Zahnarztwartezimmer parallel zur Focus- oder Bunte-Lektüre in den Genuss sämtlicher Klassiker des Kuschelrock-Genres von Chris De Burgh und Phil Collins über Blumfeld bis Guns'n'Roses zu kommen?

Beim sogenannten Durchschnittskonsumenten soll diese Dauerberieselung zwar anscheinend libidinös gesteigerte Begehrlichkeiten in Richtung Warenkonsum wecken und beim Normalpatienten mutmaßlich eine beruhigende Wirkung hervorrufen, das einzige was diese Harmonien knapp über den Hirntod jedoch bei Menschen bewirken, die ihren Kopf noch immer nicht ausschließlich zum Tür anklopfen benutzen, ist eine einzigartige Mischung aus absoluter Lethargie und totaler Aggression, welche in einem zumindest für Sekunden die Erkenntnis reifen lässt, dass die Taliban auch nur Menschen sind.

In Berlin sollen sich nun Mitglieder der Satiregruppe moderne21 entschlossen haben, den Stier endlich an den Hörnern zu packen und die GEMA zur Umkehr ihrer bisherigen Ausschüttungspolitik zu bewegen. Bislang wurden die an die GEMA abgeführten Pauschalabgaben an die Hersteller der Tatwerkzeuge ausgeschüttet, wovon besonders Firmen und Autoren profitieren, die mit ihren Hits in den Heavy Rotation-Listen der Rundfunksender gelandet sind. Nach dem Willen von moderne21 sollen die Gebühreneinnahmen der GEMA nicht mehr an die Songschreiber und die Plattenfirmen, sondern an die berieselungsgeschädigten Konsumenten fließen. Und um die GEMA von der Dringlichkeit ihres Anliegens näher in Kenntnis zu setzen soll eine Figur namens Hartmut Lühr am 7. Mai zwischen 13 und 15 Uhr vor der GEMA-Generaldirektion in Schöneberg (Bayreuther Straße 37) unter dem Motto “Dudelstopp - Musik ohne Zwang“ eine Aktionsreihe initiieren. Wir wünschen "Herrn Lühr" bei seinem Feldzug viel Glück und hoffen, er möge in Sachen Witz ein besseres Händchen beweisen als seine dezent ulkenden Kollegen von moderne21, die mit ihrem Video "Geld zurück für Dudelmusik!" trotz einiger richtiger und ironisch pointierten Einsichten auf die Dauer bedenklich nahe am Genre "Fernsehcomedy" vorbeischrammen.

Großes Erstaunen ruft außerdem hervor, dass das Vorhaben auf der MySpace-Seite nicht nur von Wir sind Helden, sondern auch von Bands wie Mia, und den Beatsteaks unterstützt wird, gerade so, als ob nicht der dünne New Wave-Aufguss der Sony-Werbeetatkönige oder das Gepolter der punkrockenden Dumpfbacken nicht auch Extremfälle des Dudel-Genres wären.

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