Al-Bab: Russland und Türkei pokern um Konfliktlösung in Syrien

Eine iranische Kampfdrohne des Typs Shahed-129, die der Iran in Syrien seit 2015 einsetzen soll.

Um die gewünschte "Normalisierung" der Beziehungen voranzutreiben, soll nun der Angriff auf türkische Soldaten bei al-Bab von einer Drohne iranischen Ursprungs ausgegangen sein

Am 24. November waren türkische Truppen und die sie begleitenden Milizen, von der Türkei "Freie Syrische Armee" genannt, in Syrien vor der vom Islamischen Staat noch besetzten Stadt al-Bab unter Beschuss aus der Luft geraten. Drei türkischen Soldaten wurden dabei getötet, die Türkei machte syrische Kampfflugzeuge und damit Assad verantwortlich. Das führte zu Spannungen zwischen Ankara und Moskau, wo man zunächst beteuerte, dass es sich um keine russischen Flugzeuge gehandelt habe, und dann auch zurückwies, dass syrische Flugzeuge beteiligt waren. Es lag die Drohung im Raum, dass die Türkei militärisch gegen das mit Russland und dem Iran verbündete Assad-Regime vorgehen könnte (Gefährlicher Konflikt: Türkei droht Damaskus mit Vergeltung).

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Den türkischen Truppen geht es beim Kampf um al-Bab nicht nur um die Vertreibung des IS, sondern vor allem darum, die Stadt schneller einzunehmen, als die ebenfalls vorrückenden kurdischen Verbände der SDF, die offensichtlich von der syrischen Armee unterstützt werden. Die türkische Regierung will um jeden Preis verhindern, dass die Kurden den Korridor zwischen Manbij und Afrin schließen, um so ein durchgängiges Gebiet kontrollieren zu können und den Nachschubweg für den IS und den anderen "Rebellen" abzuschneiden. Die Türkei ist erst dann gegen den IS an der Grenze vorgegangen, als die SDF die Stadt Manbij erobert hatten und weiter Richtung al-Bab und Afrin vorrücken wollten. Von den USA verlangt Ankara weiterhin den Rückzug der Kurden hinter den Euphrat (Der Kampf um al-Bab).

Mit Moskau hat die türkische Regierung offenbar vereinbart, dass Russland und Syrien Aleppo erobern können, was kurz bevor zu stehen scheint (Aleppo: US-Regierung sträubt sich gegen den russischen Sieg), während die Türkei freie Hand hat, zumindest bis zu einem Teil den Korridor zwischen den Kurdengebieten einnehmen und kontrollieren zu können. Ob hier al-Bab mit eingeschlossen ist, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob die Türkei weiterhin die "Rebellen" in und um Aleppo mit Waffen versorgt. Der Angriff auf die türkischen Truppen ließ zunächst einmal die Vermutung entstehen, dass das Assad-Regime womöglich die Türken daran hindern wollte, die Stadt einzunehmen, die dann auch für "Rebellengruppen", die gegen Assad kämpfen, zu einem Stützpunkt würde.

Mindestens zweimal telefonierten Putin und Erdogan miteinander, um die Krise zu lösen. Dabei wurde verabredet, dass der Angriff von einer Drohne ausgegangen war. Russland schloss aus, dass es sich um eine russische Drohne gehandelt hat, das Assad-Regime verfüge über keine bewaffneten Drohnen. Es blieb aber unklar, wer die Drohne dann geflogen haben soll.

Jetzt berichtet die türkische Zeitung Hürriyet unter Berufung auf einen hohen türkischen Regierungsmitarbeiter, dass es sich weder um russische noch um syrische Flugzeuge gehandelt habe, sondern um eine iranische Drohne. Damit würde der primäre Konflikt zwischen Russland/Syrien und der Türkei beseitigt sein, weil man einen dritten Schuldigen gefunden hat, der allerdings auch mit Moskau und Damaskus verbunden ist. Man habe nur festgestellt, dass es eine vom Iran hergestellte Drohne gewesen ist. Wie das geschehen sein soll, wird von der Zeitung nicht gesagt. Die "Lösung" des Konflikts klingt wie die nach dem Abschuss des russischen Kampfflugzeugs. Ankara erklärte schließlich, das sei von dem Gülen-Netzwerk ausgegangen, das auch den gescheiterten Putschversuch unternommen habe.

Offen bleibt weiterhin, wer sie geflogen hat. In Frage kommen schiitische Milizen, die Hisbollah, aber etwa auch al-Quds-Einheiten der iranischen Revolutionsgarden, die auch in Syrien auf der Seite von Assad kämpfen. Man muss vermuten, dass mit dieser Wende die Türkei ihr Gesicht wahren und ein neuer Konflikt mit Russland abgewendet werden kann. Anscheinend wurde der Türkei von Russland zugesagt, weiter al-Bab angreifen zu können.

Gestern besuchte der türkische Regierungschef Binali Yıldırım Moskau, während gleichzeitig türkische Flugzeuge in den syrischen Luftraum eindrangen und Ziele in der Stadt angriffen. In einem Beitrag für die russische Nachrichtenagentur Tass machte Yıldırım den Wunsch nach einer "Normalisierung" der Beziehungen zu Russland in Bezug auf Syrien, aber auch wirtschaftlich klar. Er sprach wieder über eine engere Kooperation mit der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Russland ist neben geopolitischen Interessen vor allem am Ausbau des Energiesektors wie an der Pipeline Turkish Stream, deren Bau 2017 beginnen soll, und dem Bau von AKW interessiert. Putin betonte gestern, er sei erfreut, dass sich "auf fast allen Bereichen" die Beziehungen wieder normalisiert haben.

Schon am 26. November waren der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu und Hakan Fidan, der Chef des türkischen Geheimdienstes, zu einem außerplanmäßigen Besuch in Teheran. Der Angriff sei zumindest damals nicht besprochen worden, es sei um einen Waffenstillstand in Syrien und Hilfslieferungen gegangen. Kompliziert könnte die Lage anderweitig werden, wenn Berichte zutreffen, dass Israel mit mehreren Raketen, die von den Golanhöhen abgeschossen worden sein sollen, einen Militärflughafen bei Damaskus während der Nacht angegriffen hat. Überdies sollen Stellungen der Hisbollah angegriffen worden sein.

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Nachtrag: Der israelische Verteidigungsminister Avigdor Liberman gab heute Nachmittag zu, dass Israel Angriffe in Syrien ausgeführt habe. Damit habe man verhindern wollen, dass die Hisbollah mit "modernen Waffen, militärischer Ausrüstung und Massenvernichtungswaffen" aus Syrien beliefert werden. Um welche Massenvernichtungswaffen es sich handelt, sagte er allerdings nicht. (Florian Rötzer)

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