Al-Dschasira unter Druck

Der umstrittene Sender soll privatisiert werden, da das Staatsoberhaupt Scheich Al-Thani von Katar von arabischen Ländern und der US-Regierung bedrängt wird - Reporter ohne Grenzen rügen hingegen die Zensur des Senders

Schon seit seiner Gründung im Jahr 1996 durch den ein Jahr zuvor in Katar an die Macht gekommenen Scheich Achmad Bin Chalifa al-Thani löste der Nachrichtensender Kontroversen aus. Al-Thani gründete den Sender und finanziert ihn trotz seiner globalen Reichweite noch immer, hielt sich aber im Unterschied zu den sonstigen Gepflogenheit in der arabischen Region inhaltlich heraus. Er revolutionierte damit nicht nur die arabische Medienwelt, sondern war auch politisch ein Vorreiter und ordnete den Aufbau eines Parlaments, die Einführung des Frauenwahlrechts und andere Reformen an. Unter heftigem Druck vor allem von der US-Regierung überlegt nun der Scheich, den Sender zu verkaufen.

Richtig bekannt wurde der Sender, der als eine Art arabischer CNN angetreten ist, weltweit nach dem 11.9. und vor allem seit dem Afghanistan-Krieg, da er als einziger Sender direkt aus Kabul berichtete (US-Regierung im Medienkrieg), bis eine amerikanische Präzisionsbombe - versehentlich oder gezielt? - das Haus, in dem sich due Redaktion befand, zerstörte. Gleiches passierte - wieder zufällig - mit dem Redaktionsgebäude in Bagdad, kurz bevor die Amerikaner in die Stadt einmarschierten (Bombenzensur oder "Kollateralschaden"?, Beseitigung und Einschüchterung der Augen der Weltöffentlichlichkeit). Beide Male kam übrigens der al-Dschasira-Redakteur Taysir Alluni mit dem Leben davon. Als er anschließend nach Spanien ging, wurde er dort im September 2003 festgenommen, weil er angeblich für al-Qaida gearbeitet haben soll (Reporter unter Verdacht).

Schon 2001 forderte der damalige US-Außenminister Powell die Schließung des Senders, weil er Anti-Amerikanismus verbreite (Sex, Religion und Politik). Unerwünscht war vor allem die Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet und die Sendung von Botschaften Osama bin Ladens. Allerdings war al-Dschasira auch in der Region bei den arabischen Regimen wegen der ungewöhnlich expliziten kritischen Äußerungen nicht beliebt. Immer wieder wurden Redaktionen geschlossen und mussten Mitarbeiter das Land verlassen, das war In Kuwait oder Saudi-Arabien, in Jordanien oder Bahrein, aber auch im Irak unter Hussein und im befreiten Irak (Schwierigkeiten mit der Pressefreiheit im Irak, Verantwortlich für Chaos und Auflehnung). Von Dubai aus erhielt al-Dschasira mit "Al-Arabiya" rechtzeitig vor dem Irak-Krieg Konkurrenz (Konkurrenz für Al-Dschasira).

Nach Informationen der New York Times wurde der Druck von Seiten der USA auf den verbündeten Scheich in Katar so groß, dass dieser zwar nicht die Schließung überlegt, aber an dessen Verkauf denkt, um aus der Kritik herauszukommen. Die Bush-Regierung hat den Sender wiederholt beschuldigt, für al-Qaida und den Widerstand im Irak zu arbeiten oder zumindest den Aufstand zu schüren (Medienkrieg im Irak). Erst vor kurzem hat die US-Regierung in einem bislang einmaligen Vorgang den der Hisbolla nahestehenden Fernsehsender al-Manar mit Sitz im Libanon als Terrororganisation eingestuft). Gleichzeitig entzog die französische Regierung dem Sender wegen anti-israelischer Propaganda die Sendelizenz (Start eines west-östlichen Medienkriegs?). Auf der anderen Seite hat die US-Regierung durch Gründung eigener Sender versucht, die Öffentlichkeit in der Region positiver gegenüber ihrer Politik zu beeinflussen. Richtigen Erfolg aber hatte man damit bislang nicht erzielt (Die Wahrheit im Morgenland).

Ein Mitarbeiter der Regierung von Katar sagte der Times, dass kürzlich neue Mitglieder in die Leitung von al-Dschasira aufgenommen wurden, um zu sondieren, wie der Sender am besten zu privatisieren wäre: "Wir haben wirklich Sorgen, nicht vor wegen der USA, sondern auch wegen der Werbung und auch wegen anderen Ländern." Angeblich will der Scheich von Katar seit 2003 den Sender verkaufen, nachdem dieser immer wieder sowohl von arabischer Seite, vor allem aber auch von der US-Regierung scharf kritisiert wurde. Das Budget von al-Dschasira, der 30-50 Millionen Menschen erreichen soll, hat letztes Jahr 120 Millionen US-Dollar betragen, davon steuerte der Scheich von Katar 40 Millionen bei. Jihad Ballout, ein Sprecher des Senders, bestätigte, dass man nach Möglichkeiten der Privatisierung sucht, die aber gleichzeitig die redaktionelle Unabhängigkeit garantieren soll. Allerdings sei dies schon immer die Absicht gewesen.

Angeblich würden Werbekunden sich zurückhalten, weil sie Angst haben, dann Schwierigkeiten mit anderen arabischen Regierungen oder der USA zu erhalten. Das aber spricht, ebenso wie die explizite Kritik aus einigen arabischen Ländern von Algerien, Tunesien und Ägypten über Saudi-Arabien bis Iran dafür, dass al-Dschasira zumindest nicht einseitig ist. Der Sender behauptet sich von sich, stets unabhängig und objektiv zu berichten. Probleme machen die Sendungen, in denen auch extreme Positionen zu Wort kommen. Allerdings werden auch Regierungsmitglieder der arabischen Ländern eingeladen, ihre Meinung zu äußern. Das trifft auch auf die britische und amerikanische Regierung zu. Allerdings will al-Dschasira, der bereits seit einiger Zeit eine englischsprachige Website betreibt, ab November auch in englischer Sprache senden und so direkt in Konkurrenz etwa zu CNN oder BBC oder anderen amerikanischen bzw. britischen Sendern treten.

Erst vor wenigen Tagen rügte die Organisation "Reporter ohne Grenzen" die ständigen Einschränkungen der Pressefreiheit gegenüber al-Dschasira. Anlass war das Verbot Saudi-Arabiens, über die Mekka-Pilger berichten zu dürfen, und die Schließung der Redaktion in Bagdad durch die irakische Übergangsregierung im letzten Sommer. Kritisiert wird die US-Regierung auch, weil sie den Kameramann Sami Al-Haj in Guantanamo festhält.

Wir bedauern, dass einige Regierungen nicht zögern, den führenden arabischen Nachrichtensender al-Dschasira zu zensieren, um ihre politischen und diplomatischen Interessen zu schützen. Solche Methoden zeigen deren Intoleranz gegenüber Kritik.

In der konservativen und Bush-freundlichen Washington Times wird beispielsweise Stimmung gegen die arabischen Sender gemacht, die angeblich Terroristen unterstützen und den Antiamerikanismus unterstützen und deshalb als "Dschihad-" oder "Hass-Sender" bezeichnet werden. So heißt es über al-Dschasira:

Many Americans find Al Jazeera loathesome, and it's not hard to see why. The news network's connections to al Qaeda and Saddam Hussein, its ample coverage of terrorists and terrorist acts and its portrayal of the Israeli-Palestinian conflict are all ample fodder for anti-American sentiment. Its talk shows are cauldrons of anti-Western vitriole. Even its reporters can seem complicit. They call Palestinian suicide bombers "martyrs." They append "so-called" before the phrase "war on terror." They referred to Hussein as "president," not the dictator he was, and they call Iraqi insurgents "the resistance" and coalition troops "invasion forces.

Und in einem Kommentar wird die US.-Regierung dazu gedrängt, endlich entschlossener gegen die Dschihad-Sender vorzugehen, die als terroristische Propagandamedien gelten:

As time is running out before the next terror attack, on al-Jazeera and al-Manar, preachers and propagandists are still calling for death to the infidels. Somewhere, another ignorant 16-year-old is being recruited by an al Qaeda operative in an on-line chat room, another "mother of shahid" is being given her 30 seconds of global glory in return for the willful death of her child and the murder of many others. It is time to stop the bloody charade of the global electronic jihad.

(Florian Rötzer)

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