Al-Qaida droht Frankreich mit neuen Anschlägen
"Rache für die gedemütigten muslimischen Frauen". Der Aufruf folgt der Verhaftung mutmaßlicher Dschihadistinnen. Verhaftungen von minderjährigen IS-Verdächtigen sorgen für Ängste vor lone-wolf-Anschlägen
Kürzlich hat das IS-Kalifat die erste Ausgabe seines Dschihad-Magazins Rumiyah im Netz veröffentlicht, übersetzt in sieben Sprachen; auch ins Russische und Deutsche und selbstverständlich ins Englische und Französische. Rumiyah heißt auf Deutsch "Rom". Erwartungsgemäß geht es um die ganz großen Horizonte, um jahrhundertealte Kämpfe und Prophezeiungen und Endsiege, aber es geht auch um die kleineren Nahziele.
Die Leser werden dazu aufgerufen, beim Dschihad gegen die Ungläubigen mitzutun, auch wenn er oder sie frei nach dem IS-Sprecher al-Adnani gerade nur ein Küchenmesser, einen Löffel oder eine Gabel zur Verfügung hat. Alles kann eine Waffe sein, das hatte al-Adnani in mehreren Ansprachen verdeutlicht.
Unterweisungen für den Assassin-Lifestyle und professionelle Anschläge
Die erste Rumiyah-Ausgabe ist dem kürzlich getöteten Scharfmacher des Kalifats gewidmet. Er prangt auf dem Titelblatt wie auch auf der ersten Seite, mit dem das Jihad-Kinoprogramm eröffnet wird.
Ein paar Tage nach dem IS-Magazin-Auftritt zieht al-Qaida (genauer AQAP) mit der neuesten Ausgabe seines Magazins Inspire nach. Schon in der Ausgabe zuvor hatte Inspire Anschläge zum Coverthema gemacht.
Es ging darum, einsame Wölfen darin zu unterweisen, wie sie ihre Anschläge im Detail möglichst gut planen und wie sie etwa Türbomben in Eigenregie herstellen können.
Dies alles in einer Optik, die nichts mit den blutigen Bildern von Folgen der Anschlägen zu tun haben, wie man sie hier und da im Internet finden kann, sondern mit Bildern, die sich an die Ästhetik von Lifestyle-Zeitschriften halten.
So sitzt das Böse zum Beispiel an Schreibtischen, die auf eine Art präsentiert werden, wie man in anderen Hochglanzzeitungen die "Kreativen" umschmeichelt und lockt, samt Espresso.
In der neuesten Ausgabe führt Inspire das Thema "Anschläge von Einzeltätern" fort und präzisiert es mit einem Kommentar, der sich direkt auf Frankreich bezieht. Es geht um die Verhaftung von drei Muslimas, die erst vor Kurzem in Frankreich verhaftet wurden, weil sie im Verdacht stehen, im Auftrag des IS Anschläge geplant zu haben.
Rache für die Frauen
Daran ist gleich mehreres bemerkenswert: einmal die schnelle Reaktion - die Verhaftungen erfolgten am vergangenen Donnerstag, dann, dass sich al-Qaida zu Verhaftungen von vermutlich vom IS-inspirierten Dschihadistinnen erklärt, und schließlich die Erklärung selbst.
Denn sie ist, wie es nicht nur der französische Journalist Wassim Nasr so auffasst, sondern es auch von anderen Medien berichtet wird, eine "explizite Androhung weiterer Anschläge in Frankreich".
Al-Qaida ruft sich in Erinnerung. Das große Publikum könnte ja vergessen haben, dass die Anschläge am 7.Januar 2015 auf Zeichner, Redaktionsmitglieder und Mitarbeiter der Zeitschrift Charlie Hebdo von al-Qaida ausgeführt wurde und eben nicht vom IS.
Im neuen Inspire wird dem Anschlag ein Bericht gewidmet, um die Jihad-Interessierten daran zu erinnern. Zum anderen präsentiert sich al-Qaida als Beschützer aller Muslimas in Frankreich.
Man will sie rächen. Die Verhaftung der Frauen, die verdächtigt werden, ein Auto mit Gasflaschen in der Nähe der Pariser Kathedrale Notre Dame geparkt zu haben, um damit einen Anschlag auszuüben, wird als Teil einer größeren Demütigungs-Front gegen französische Muslima interpretiert. Auch das Burka-Verbot und der Burkini-Streit wird mit hinein genommen.
Die Ehre der Frauen
Al-Qaida setzt einen Seitenhieb auf die "Mudschahedin-Brüder" im Westen, gemeint sind wohl die IS-inspirierten Brüder. Sie sollen gefälligst keine Frauen für einsame-Wölfe-Dschihad-Operationen einzusetzen, da deren Ehre gewahrt werden soll.
Zugleich aber stellt al-Qaida heraus, dass die Ehre der muslimischen Frauen im Westen großer Aggressivität ausgesetzt ist. Dezidiert warnt die Terrororganisation Frankreich. Die Aggressionen im Namen des Anti-Terrorkampfes gegen die "tugendhaften muslimischen Schwestern" seien sofort zu stoppen. Die muslimischen Brüder in Frankreich, die "Helden des Dschihad auf eigene Faust" (lone Jihad), sollten angesichts dieses Zwischenfalls (der Verhaftung) nicht stillsitzen, sondern "gegen diesen kriminellen Staat zurückschlagen".
Nach Ansicht des französischen Journalisten Wassim Nasr, der sich seit mehreren Jahren mit der Dschihadosphäre befasst, ist dies nicht nur ein Aufruf zum nächsten Anschlag, sondern es zeige sich darin auch die Ambition von al-Qaida, sich in politische Diskussionen im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfes einzumischen.
Speziell gemeint sind die erwähnten Diskussionen über Burka-und Burkini-Verbote, die in Frankreich eine große öffentliche Aufmerksamkeit hatten. Nasr schätzt die Mobilisierungsfähigkeit al-Qaidas als nach wie vor sehr hoch ein.
Der Hinweis, wonach Frauen nicht für den Dschihad eingesetzt werden sollen, bedeute nicht viel. Es habe schon 2003 und 2005 Anschläge von Frauen im Namen al-Qaidas gegeben, man denke nur an die spektakuläre Geiselnahme von tschetschenischen Terroristinnen in einem Theater, die ebenfalls von Frauen ausgeführt wurde. Die Situation bestimme die Vorgehensweise.
Festnahmen von Minderjährigen und ein Netzwerk
Die Drohung der Qaida kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die französische Öffentlichkeit mit einer Reihe von Meldungen konfrontiert wird, die von Festnahmen Minderjähriger berichten, die verdächtigt werden, dass sie zu einem größeren Kreis von "Gefährdern" gehören.
Sie stehen anscheinend alle im engen Kontakt zu einem IS-Terroristen, der wiederum eng mit einem Attentäter und Priestermörder in der Kirche in der Normandie und dem Polizistenmörder in Magnanville verknüpft war.
Drei Minderjährige wurden innerhalb einer Woche verhaftet. Vorgeworfen werden ihnen Mitgliedschaft oder Komplizenschaft zu einer terroristischen Vereinigung, in manchen Fällen spricht man sogar von Attentatsplanungen.
Offenbar sind sie alle mit einem Netzwerk verbunden, dessen Fäden zum IS-Dschihadisten Rachid Kassim führen. In diesem Netz mit dabei sind auch die verhafteten Frauen. Kommuniziert, mit konkreten Anweisungen für Attentate, wurde über den Dienst Telegram.
Viel Wirbel während die Professionellen an der größere Sache arbeiten?
Frankreichs Innenminister Cazeneuve spricht von einem außergewöhnlichen Niveau der Anti-Terror-Mobilisierung, Premierminister Valls von einer "maximalen Bedrohung". Täglich, so Valls, würden von den Geheimdiensten, der Polizei und der Gendarmerie Anschläge vereitelt und irakisch-syrische Netzwerke aufgedeckt.
Der frühere Anti-Terror-Richter Marc Trévidic, der in Frankreich einen bekannten Namen hat, mahnte demgegenüber zur Vorsicht. Man solle nicht glauben, dass die große Gefahr jetzt von Frauen und Minderjährigen ausgehe. Während man nun darauf achte, seien auch wirklich Professionelle an der Arbeit, die eine größere Sache vorbereiten. (Thomas Pany)