Alarm in der Mittelschicht

Die Gesellschaft bewegt sich. Aber wohin soll es gehen?

Stände- und Klassengesellschaft sind Geschichte, die „nivellierte Mittelschichtgesellschaft“ hat es auch nicht lange mit uns ausgehalten, und ob Schichten– oder Lebensstilgesellschaft mehr Geduld mit den wankelmütigen Zeitgenossen des frühen 21. Jahrhunderts haben, darf ernsthaft bezweifelt werden. Doch Deutschland hätte kein Problem, wenn es allein darum ginge, vorübergehende Begriffsverwirrungen zu beheben, um das soziologische Geschehen dann umso überzeugender zu katalogisieren. Der Namenlosigkeit, mit der sich gesellschaftliche Vorgänge zu ereignen scheinen, entspricht eine fundamentale Orientierungsschwäche des oft zitierten Durchschnittsbürgers in vielen politischen und ökonomischen Bereichen. Hinter den Etiketten „Globalisierung“, „Wissensgesellschaft“ oder „demographischer Faktor“ steht keine Weltanschauung zur Abholung bereit – stattdessen warten immer neue Fragen, widersprüchliche Antworten, Querverbindungen und Antithesen.

Trotzdem gibt es Fakten, die sich von der Unübersichtlichkeit postmodernster Zeiten nicht beirren lassen und offenbar Auswirkungen auf das Empfinden der schweigenden Mehrheit haben: Die zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft hat einen bis dato beispiellosen internationalen Konkurrenzdruck ausgelöst. Deutschland gestaltet diesen Prozess entscheidend mit, bezahlt seine Vorreiterrolle aber mit sinkenden Nettolöhnen, Minijobbern und Zeitarbeitern auf der einen und exzessiven Vermögensgewinnen auf der anderen Seite. Es spiegelt damit im nationalen Rahmen, was die Globalisierung als Weltereignis vorführt: Hier eine astronomische Steigerung des Warenexports, der seit 1950 um 2.650 Prozent zulegte – dort 2,6 Milliarden Arme gegen 800 Milliardäre.

Grund zu Klagen gibt es hierzulande freilich auf beiden Seiten. Während Unternehmer gegen den steigenden Ertragsdruck und die hohe Abgabenlast protestieren, haben Millionen Menschen Angst, dauerhaft ausgegrenzt oder nur noch aus Alibigründen beschäftigt zu werden.

Wer sich von beiden Polen etwa gleich weit entfernt hält, hat ökonomisch und sozialpsychologisch sicher nicht die schlechteste Position, doch zwischen Wohlhabenden und Hartz-IV-Empfängern ist offenbar immer weniger Platz. Im Jahr 2000 durften sich 62 Prozent der Deutschen zur Mittelschicht zählen, 2006 waren es nur noch 54 Prozent.

Was wird aus Deutschland?

Bis 2020 könnte sich dieser Trend weiter verschärfen, glaubt die Unternehmensberatung McKinsey, die Anfang des Monats ihre seitdem viel diskutierte Studie Deutschland 2020 vorgelegt hat. Am Beispiel zweier unterschiedlicher Projektionen versucht McKinsey, zentrale Entwicklungen der kommenden Jahre vorauszuberechnen. Das „Basisszenario“ geht von einem jährlichen Wirtschaftswachstum in Höhe von 1,7 Prozent aus. Dadurch könnten etwa 2,5 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, doch innerhalb der nächsten 12 Jahre würde die „Mitte“ noch einmal zehn Millionen Mitglieder verlieren. Der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die nach der auch von McKinsey vertretenen Definition heute noch dazugehören, weil sie 70 bis 150 Prozent des Durchschnittseinkommens von 25.000 Euro verdienen, läge dann bei unter 50 Prozent.

Um zu verhindern, dass die Mitte keine Mehrheit mehr hat, verlangt die Unternehmensberatung einen „Paradigmenwechsel“, der reine Produktivitätsgewinne und Investitionen in bestehende Strukturen durch die Erschließung neuer Wachstumspotenziale ersetzen soll.

Zu den dringlichsten Aufgaben zählen eine Stärkung des Unternehmertums, ein verbesserter Zugang zum Kapitalmarkt, Strukturreformen an den Universitäten, ein Schließen von Qualifikationslücken am Arbeitsmarkt und die Sicherung von Chancengleichheit in der Bildung sowie gezielte Investitionen in die Infrastruktur.

McKinsey

Wirtschaftsfreundlicher kann man dieses Thema nicht angehen, doch die "weltweit führende Topmanagement-Beratung" schüttet die segensreichen Versprechungen einer plötzlich lernfähigen Marktwirtschaft nicht nur über den Auslandskonten der Superreichen aus. Die gesamte Bevölkerung, so zeigt es das „Chancenszenario“, wird von einem Wirtschaftswachstum, das dauerhaft bei 3 Prozent liegt, profitieren. Dabei steigt das mittlere Jahreseinkommen um sagenhafte 40 Prozent auf dann 36.000 Euro. Ältere Arbeitnehmer kehren auf den Arbeitsmarkt zurück, Frauen finden eine gut bezahlte Anstellung, und sogar im tiefen Tal der Geringqualifizierten zeichnet sich ein Silberstreifen am Horizont ab. Auch wenn kaum noch Autobahnen gebaut werden, naht Deutschland ein Jobwunder von wahrhaft historischen Ausmaßen.

Insgesamt müssten mehr als 6 Millionen zusätzliche Beschäftigte mobilisiert werden.

McKinsey

Überflüssig zu erwähnen, dass in McKinseys schöner neuer Welt auch die Finanzierung der Sozialleistungen „kein beherrschendes Thema“ mehr ist. „Kapitalgedeckte Eigenvorsorge und Selbstverantwortung“ haben der Sozialversicherung freundlicherweise ausgeholfen, und „bei einem solchermaßen stärkeren Wirtschaftswachstum“ lassen sich sogar ehrgeizige Klimaziel umsetzen, meint McKinsey. Ohne eine „neue Einstellung zum Unternehmertum“ wird das alles jedoch nicht realisierbar sein. Die Menschen müssen sich eben entscheiden:

Wird Deutschland im Jahr 2020 ein Land mit einer modernen Wirtschaft und abgesichertem Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten sein oder ein Land, dessen wichtigste Wirtschaftssektoren den internationalen Anschluss verloren haben?

McKinsey

Stärkung der bürgerlichen Werte und Leistungspotenziale

McKinsey steht mit seiner Einschätzung nicht allein. Schon vor einem Jahr veröffentlichte die Herbert Quandt-Stiftung eine Studie, an welcher der Berliner Historiker Paul Nolte federführend beteiligt war. In dem Buch Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland gaben Nolte und andere Autoren der Befürchtung Ausdruck, die sogenannte Mittelschicht könnte einen quantitativen und qualitativen Bedeutungsverlust sowie erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Dagegen empfahlen sie unter anderem „eine Stärkung der ´bürgerlichen´ Werte und Leistungspotenziale“ und einigten sich auf das „Erfolgsrezept Funktionskonservatismus statt Strukturkonservatismus“.

Die CSU, die Anfang Mai ihr neues Steuerkonzept präsentierte und nun mit dem Motto Mehr Netto für alle in den Landtagswahlkampf zieht, versucht sich ebenfalls am Wiederaufbau der Mittelschicht, die im Süden der Republik eben auch als Stammwählerschaft fungiert. Während die Christdemokraten sich Ende vergangenen Jahres noch damit begnügten, der umworbenen und viel gebeutelten Gruppe ein Parteitagsmotto zu widmen („Die Mitte.“), sind den Bayern die praktischen Hilfsmaßnahmen stolze 28 Milliarden Euro wert.

Das Steuerkonzept entlastet die Leistungsträger unserer Gesellschaft, die Normalverdiener und die Familien. Niemand wird schlechter gestellt.

Erwin Huber, CSU-Parteivorsitzender

Jenseits des parteipolitischen Konservatismus stoßen diese Konzepte auf wenig Verständnis. Der Frankfurter Sozialwissenschaftler und grüne Bundestagsabgeordnete Wolfgang Strengmann-Kuhn hat bereits mehrere einschlägige Publikationen („Armut trotz Erwerbstätigkeit“) vorgelegt und warnt eindringlich vor weiteren Privatisierungen und einem Stopp der staatlichen Transferleistungen. Stattdessen müsse alles unternommen werden, „um der Verarmung großer Teile der Bevölkerung entgegenzuwirken“. Zu den dringlichsten Maßnahmen zählt Strengmann-Kuhn die Einführung einer negativen Einkommensteuer nebst Zuschüssen für Geringverdiener und den Aufbau einer solidarischen Bürgerversicherung.

Die Ausgeschlossenen und die Suche nach Zugehörigkeit

Dass sich die bürgerlichen Parteien an die schwindende Mittelschicht klammern, liegt auf der Hand. Stellte sie doch über Jahrzehnte ein verlässliches Wählerreservoir. Noch in den 80er Jahren gehörten rund 64 Prozent der Gesamtbevölkerung zur Mitte der Gesellschaft, und auch die gewaltigen wirtschaftlichen Anstrengungen der Wiedervereinigung konnten daran nichts Entscheidendes ändern. Seit der Jahrtausendwende ist nun ein unverkennbarer Abwärtstrend zu beobachten, den das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung vor kurzem an verschiedenen Parametern nachgezeichnet hat.

So stellten Personen, die weniger als 70 Prozent des Durchschnittseinkommens verdienten, im Jahr 2006 bereits mehr als ein Viertel der Bevölkerung – ihr Anteil stieg in nur sechs Jahren um knapp sieben Prozentpunkte. Entsprechend erhöhte sich das Armutsrisiko der lange in sicheren Verhältnissen lebenden Mittelschicht. Zwischen 1996 und 2000 waren „nur“ 54 Prozent aller armutsgefährdeten Personen auch fünf Jahre später noch in dieser Einkommensschicht - zwischen 2002 und 2006 lag der Wert bei über 66 Prozent.

Die erhöhte Einkommensmobilität der Mittelschicht geht in beide Richtungen, die Abwärtsmobilität überwog dabei aber deutlich. Etwa 14 Prozent der Mittelschicht des Jahres 2002 befand sich 2006 im Bereich der Armutsgefährdung. Dieser Anteil ist um mehr als drei Prozentpunkte höher als für den Zeitraum 1996–2000.

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Am „oberen Rand der Einkommenshierarchie“ ist ebenfalls eine Verfestigung der Strukturen festzustellen, allerdings kann man hier sehr viel besser damit leben.

Die Einkommensstarken haben ihre Einkommensposition (…) in einem höheren Maße halten und zum Teil weiter ausbauen können.

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Heinz Bude, Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel, hat einen ganz eigenen Blick auf diese „zerklüfteten Verhältnisse“ entwickelt. In seinem gerade erschienenen Buch „Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft“ (Sachbücher des Monats: Mai 2008) konzentriert sich Bude ausdrücklich nicht auf den Gegensatz oben gegen unten oder arm gegen reich, sondern auf die Situation von Menschen, bei denen „ökonomische Marginalisierung, ziviler Verfall und räumliche Abschottung“ zusammentreffen.

Es ist zwar ärgerlich, daß die Einkommen der großen Geldvermögensbesitzer verglichen mit denen der erwerbstätigen Masse in den letzten Jahren gewaltig gestiegen sind, das wäre aber hinnehmbar, wenn nicht gleichzeitig bestimmte Gruppen den Anschluß an den Mainstream unserer Gesellschaft verlieren würden. Sie laufen mit, aber sie haben keine Adresse in der kollektiven Selbstauffassung unseres Gemeinwesens.

Heinz Bude

Zu den Ausgeschlossenen gehören laut Bude nicht nur die Bewohner sozialer Randbezirke, sondern auch Großteile der permanent abstiegsgefährdeten Mittelschicht, frühere Besserverdiener und seltsame Baumarkt-Besucher.

Verweilt man zu lange vor der Auslage der Mischbatterien, spricht einen unversehens ein Endfünfziger mit Sommerblouson und Turnschuhen an. Kein Verkäufer, sondern ein Kunde, genau wie man selbst, aber mit genauesten Kenntnissen der Vor- und Nachteile der einzelnen Angebote. Im Gespräch entpuppt er sich als kritischer Kunde ohne spezielle Kaufabsicht. Der Abteilungsleiter des Baumarkts bestätigt die Existenz dieser besonderen Klasse von Kunden, die sich stundenlang im Hause aufhalten, um das Warenangebot zu prüfen, Vergleiche vorzunehmen und Garantien zu erfragen. Wenn sie etwas kaufen, bringen sie es oft schon am nächsten Tag zurück und lassen sich den Kaufpreis erstatten.

Es handelt sich, so der Abteilungsleiter, in der Regel um Männer, die sich im Vorruhestand oder aus sonstigen Gründen jenseits der Erwerbsphase befinden. Zu Hause fällt ihnen die Decke auf den Kopf oder sie gehen der Frau auf die Nerven, eine Parzelle in der Kleingartensiedlung oder ein Posten im Verein fehlt, und schließlich kann man nicht den ganzen Tag fernsehen, weshalb der Gang in den Baumarkt einer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gleichkommt. Der Baumarkt duldet diese Phantomkunden, weil sie besonders in den ruhigen Zeiten am späten Morgen und am frühen Nachmittag für eine gewisse Belebung des Hauses sorgen. Sie sind anwesend, weil sie aber weder Verkäufer noch Käufer sind, gehören sie, gemessen an der Funktionsbestimmung der ganzen Veranstaltung, nicht dazu.

Heinz Bude

Die Ausgeschlossenen sind von den Produktionsmitteln ebenso abgeschnitten wie von den entscheidenden Finanzkreisläufen – für weit problematischer hält Bude jedoch das absehbare Ende jeder gesellschaftlichen Teilhabe, das in der Öffentlichkeit noch längst nicht genügend Aufmerksamkeit gefunden hat.

Die Frage ist nicht, wer oben und wer unten, sondern wer drinnen und wer draußen ist. Diese Menschen leiden darunter, dass ihnen Zugänge verwehrt werden, dass sie Missachtung erfahren und dass sie vom Gefühl der Unabänderlichkeit und Aussichtslosigkeit gelähmt sind.

Heinz Bude

Eines haben der innere Zirkel und die Ausgeschlossenen immerhin gemeinsam: Ihnen fehlt eine gesellschaftliche Zukunftsvision, die über das unmittelbare Eigeninteresse hinausgeht. Ob dieses Defizit unter komplexen Bedingungen und mit kleinen Gestaltungsspielräumen behoben, die Grenze zwischen drinnen und draußen durchbrochen und Budes fatalistische Bilanz vielleicht doch noch korrigiert werden kann, müssen die kommenden Jahre und Jahrzehnte zeigen. (Thorsten Stegemann)

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