Alarmstufe Rot im Wald

Bild: Lars Kröger/CC BY-SA 4.0

Stürme, Trockenheit und Schädlinge setzen den Wäldern zu. Während hierzulande Hilfsmaßnahmen diskutiert werden, brennen in Sibirien die Urwälder ab. Und der amazonische Regenwald stirbt schneller denn je

Seit dem vergangenen Jahr fielen in Deutschland rund 110.000 Hektar Wald Stürmen und Borkenkäfern zum Opfer. Allein 2018 und 2019 fielen 70 Millionen Festmeter Schadholz an. Dabei handelt es sich vor allem um vom Raupenfraß beschädigte und vom Sturm umgeknickte Bäume.

Um zu verhindern, dass die Insekten auch die Nachbarbäume befallen, müssen von Borkenkäfern geschädigte Fichten eigentlich schnell aus dem Wald entfernt werden. Doch dafür fehlen die Kapazitäten. So schätzt die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) die Kosten für den Abtransport der Schadhölzer auf rund zwei Milliarden Euro.

Insekten und Pilze reagieren besonders schnell auf Klimaveränderungen. In den letzten 15 Jahren haben sich der Schwamm- und der Eichenprozessionsspinner explosionsartig vermehrt. In manchen Regionen fressen ihre Raupen Eichen und andere Laubbäume komplett kahl. Normalerweise wehrt sich die Fichte gegen die Käfer, indem sie Harz bildet. Dafür aber braucht sie ausreichend Wasser. Gibt es zu wenig davon, sterben die Bäume innerhalb weniger Wochen.

Für eine Wiederaufforstung, schätzen die Waldeigentümer, müssen etwa 300 Millionen Bäume nachgepflanzt werden. Das würde rund 640 Millionen Euro kosten. Um die geschädigten Wälder wieder aufzuforsten, Waldbestände zu erhalten und an den Klimawandel anzupassen, soll der Bund rund 800 Millionen Euro zahlen, forderten kürzlich Forstminister aus mehreren Bundesländern bei einem Treffen im sächsischen Moritzburg.

"Waldumbau"

Fünf Prozent der Waldfläche sollten vollständig der Natur überlassen werden, fordert Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt. Mit Hilfe eines Fonds im Umfang von einer Milliarde Euro soll der Waldumbau in den kommenden zehn Jahren finanziert werden. Der BUND setzt sich für die Kultivierung naturnaher Laubmischwälder ein, weil diese stabiler und widerstandsfähiger gegen Klimastress sind.

Gleichzeitig braucht es mehr Engagement beim Klimaschutz. Der Ausstoß an Treibhausgasen muss reduziert werden, sonst können die Maßnahmen zum Schutz der Wälder nicht greifen. Statt Geldgeschenke an Waldgroßbesitzer zu verteilen, so fordert Greenpeace, möge Agrarministerin Klöckner bitte mehr Druck beim Ausstieg aus Kohle und Verbrennungsmotor im Bundeskabinett ausüben.

Schließlich sei seit dem Beschluss des Kohle-Ausstiegs Ende Januar noch kein einziges Kohlekraftwerk abgeschaltet worden. Angesichts der Dringlichkeit in Sachen Wald kündigte Julia Klöckner einen "Nationalen Waldgipfel" für September an.

Brennende Wälder in Sibirien

Auch woanders steht es mit dem Wald nicht zum Besten. So wüteten die Waldbrände in Sibirien in diesem Sommer besonders krass. In der russischen Taiga, Lebensraum für viele Tierarten wie Wolf, Elch, Bär und zahlreichen Vogelarten mit zentraler Bedeutung für das Weltklima, brennen alle Jahre wieder die Wälder.

Weil in den zumeist unzulänglichen Waldgebieten Löschungsarbeiten unökonomisch sind, ordnete die russische Regierung Löschungsarbeiten bei Bränden in den Vorjahren gar nicht erst an. Doch drei Millionen Hektar brennender Wald in der nördlichen Taiga - das sprengt den Rahmen aller bisherigen sibirischen Waldbrände.

Bereits im Frühjahr wüteten in der Region schlimme Wald- und Steppenbrände, bei denen auch Gebäude zerstört wurden. Im Juni folgte eine Rekordhitze. In vielen Regionen Sibiriens herrschten ungewöhnlich hohe Temperaturen von mehr als 30 Grad. Schließlich wurden ganze Regionen durch lange Regenfälle mit Hochwasser überschwemmt, bei denen Menschen starben und verletzt wurden.

Hitze und beißender Rauch belasteten die Menschen zusätzlich. Während starke Winde die Feuer immer wieder entfachten, litten die Einwohner in Jakutiens, Krasnojarsk und Irkutsk tagelang unter Atemnot. Erst als sich die Feuer auf 3,2 Millionen Hektar ausweiteten, reagierten die russischen Behörden. Die Reaktionen kamen viel zu spät, kritisieren Greenpeace-Aktivisten.

Trotz der Hilfsangebote aus den USA versuchten das technische Hilfswerk und russisches Militär, die Brände im Alleingang zu löschen. Sollte es vorher nicht regnen, so heißt es, werden die letzten Brände erst im Spätherbst gelöscht sein.

Anfang August standen laut Greenpeace Russland bereits 4,3 Millionen Hektar Wald in Flammen- eine Fläche, größer als die Schweiz. Inzwischen schätzen Experten den Feuerschaden in der Taiga auf mehr als 33 Millionen Euro. Die Brände setzen große Mengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre frei - mit entsprechenden Auswirkungen aufs Weltklima.

Waldbrände in Sibirien seien nicht unnormal, erklärt Latif Mojib vom Helmholtzzentrum für Ozeanforschung in Kiel gegenüber der ARD. Außergewöhnlich seien die gewaltigen Dimensionen. Die Ursachen sieht der Klimaexperte in den hohen Temperaturen der letzten Jahre. Die Intensität, Dauer und Ausdehnung der Feuer hält auch Klimaforscherin Elisabeth Dietze vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam für besonders dramatisch.

Zusätzlich beschleunigt die Hitze das Auftauen der Permafrost-Böden, welche wiederum Kohlenstoff und Methan freisetzen. Brennt die isolierende Schicht aus Sträuchern, Flechten und Moosen, dringt die immer stärker werdende Hitze in tiefere Bodenschichten ein. Dann besteht die Gefahr, dass das Eis in der nahegelegenen Arktis noch schneller taut.

Etwa 100 Jahre brauchen die Wälder im Norden, um sich zu regenerieren, betont der Wissenschaftler Alexander Brjuchanow. Vorausgesetzt, sie haben Gelegenheit dazu. Denn mit zunehmendem Klimawandel werde es nicht nur für die aufwachsende Vegetation, sondern auch für den Permafrost immer schwieriger, sich zu regenerieren, erklärt Kirsten Thonicke vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in einem Interview mit dem WDR.

Westliche Konzerne plündern sibirische Wälder

Viele Brände in Sibirien sollen auch deshalb gelegt worden sein, um illegale Waldrodungen zu verschleiern, heißt es. Umweltschützer beklagen seit längerem die Untätigkeit der Behörden. Um das Ausmaß der Brände kleinzureden, haben die lokalen Behörden in Irkutsk angeblich sogar Statistiken verfälscht.

Schon seit Jahren warnen Umweltorganisationen vor dem sorglosen Umgang mit Rohstoffen und illegalen Abholzungen und beklagen Verstöße gegen die Brandvorschriften. Einer Greenpeace-Studie von 2001 zufolge gab es um die Jahrtausendwende im europäischen Teil Russlands nur noch 14 Prozent (entspricht 32 Millionen Hektar) intakte, große und unberührte Urwälder. Der Großteil davon liegt im hohen Norden. Nirgendwo sonst im europäischen Russland kommen Urwälder in diesem Umfang überhaupt noch vor.

Die Waldlandschaft der Taiga rund um die Subarktis macht fast ein Drittel des weltweiten Waldgebiets aus. Knapp drei Prozent davon stehen offiziell unter Schutz. Der Rest wird durch Abholzung und den Holzhandel mit internationalen Konzernen ausgebeutet. Glaubt man den Angaben von Greenpeace, gingen zwischen 2000 und 2013 rund 2,5 Millionen Hektar Urwald verloren.

In den borealen Nadelwäldern werden seit Jahrzehnten große Waldflächen abgeholzt, denn auf dem Gelände kommen moderne Holzerntemaschinen besonders gut voran. Die kommerzielle Forstindustrie hat das Ökosystem der sibirischen Wälder nachhaltig verändert.

Schwere Waldbrände wurden im August auch aus Griechenland und Zypern gemeldet. Bei anhaltender Hitze und starken Winden waren allein in Griechenland rund 50 Waldbrände ausgebrochen. So wurden aus einem dichten Pinienwald in Nähe der griechischen Stadt Chalkida 30 Meter hohe Stichflammen gemeldet. Auf der griechischen Insel Euböa soll es eine zwölf Kilometer lange Feuerwand gegeben haben.

Im letzten Jahr waren mehr als 100 Menschen bei einem Waldbrand nordöstlich von Athen ums Leben gekommen. Auch auf der kanarischen Insel Gran Canaria vor der Westküste Afrikas wurde Anfang August ein Feuer auf rund 1000 Hektar Waldfläche durch Funken sprühende Schweißarbeiten ausgelöst. Rund tausend Menschen wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.