Aleppo: Das neue "Srebrenica"?

Propaganda-Tweet von Ahrar al-Sham

Niemand weiß Verlässliches, aber die Entrüstung schlägt hohe Wellen bis hin zur Kanzlerin. Ein Kommentar

Die Bilder des zerstörten Aleppo sind erschütternd, die emotionalen Reaktionen auf die Geschehnisse in der Stadt verständlich. Aber Berichterstattung sollte sich um Distanz bemühen und für die Berichterstattung über das Kriegsgeschehen in der Stadt gilt, dass niemand Handfestes weiß. Aleppo ist ein Politikum, es sind Interessen, welche die Darstellung der Abläufe bestimmen.

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Die Abmachungen zwischen Russland und der Türkei zum Abzug der Milizen im Ostteil der Stadt haben anscheinend nicht funktioniert. Die Busse, die für die Kämpfer bereitgestellt wurden, blieben leer. Die Evakuierung fand nicht statt, wie es der TV-Journalist Dan Rivers, von dem auch die eingangs genannten Bilder der zerstörten Häuserzeilen in Aleppo stammen, in einem eindrucksvollen Bild festhält.

"Die militärischen Aktivitäten in Ost-Aleppo haben aufgehört", zitierte ein Reuters-Bericht gestern Abend den russischen UN-Botschafter Wladimir Tschurkin. In der Meldung von Reuters war von einer Abmachung die Rede, die zwischen der Türkei und Russland ausgehandelt wurde. Demnach hätten Milizenkämpfer und Familien die Gelegenheit gehabt, bis Mittwoch Abend die Stadt zu verlassen.

Die Umsetzung der Abmachung gelang nicht. Heute meldete die Nachrichten-Agentur, dass die Kämpfe weitergehen. Dafür gibt es viele Erklärungen, keine kann mit Verlässlichkeit behaupten, dass sie vollkommen zutreffend oder gar die einzige richtige ist. Mutmaßungen bestimmen die Berichterstattung. Das gilt gleichermaßen für nahe wie für ferne Beobachter.

So ist etwa der zitierte TV-Journalist Dan Rivers in Aleppo, "so nah an der belagerten von Rebellen gehaltenen Zone, soweit wie es uns heute erlaubt ist", auch er muss einräumen: "Wir können nicht mit unseren eigenen Augen sehen, was dort passiert ".

Im Folgenden gibt er der Kriegs-Reporter-Versuchung nach, eine emotionale Kulisse aufzubauen. Rivers spricht vom "dunkelsten Kapitel der Geschichte des syrischen Bürgerkriegs", von der kaputten Humanität. Dann erzählt er, er beruft sich auf Hörensagen, auf "Zeugnisse" und "Videos" von Eingeschlossenen, die auf "Massentötungen" hinweisen.

"Niemand weiß, wie viele Menschen im syrisch-russischen Bombenhagel gestorben sind", wird der Regierungssprecher Seibert aus Berlin zitiert. Dennoch ist von Berlin aus gesehen klar, wer die Verantwortung trägt. Merkel habe mit Putin telefoniert, meldet der Spiegel. Russland stehe "in der Verantwortung", die syrische Regierung zu "überzeugen". Und weiter:

Russland habe "die Verbrechen der letzten Tage nicht verhindert, obwohl das in seiner Macht gestanden hätte", kritisierte der Regierungssprecher. Die Regierung in Moskau habe "alle Appelle ignoriert" und auch die Bemühungen im Uno-Sicherheitsrat blockiert. (…) Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte ebenfalls an Moskau appelliert, auf das Assad-Regime einzuwirken und die Attacken einzustellen. "Es gibt keine Ausrede mehr", so der Minister.

Spiegel Online

Der syrische Präsident Assad betont in seinem aktuellen Interview, dass es erst dann eine Waffenpause vonseiten der syrischen Armee gebe, wenn die Terroristen sich dazu bereit erklären, die Waffen auszuhändigen oder das Areal verlassen. Das begründet er mit Erfahrungen vorangegangener Waffenpausen, die seine Gegner dazu ausnutzten, um sich Luft und Unterstützung für eine Fortsetzung der Kämpfe zu verschaffen.

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Zur Zusammenarbeit mit seinem verbündeten Russland erklärte er, dass von dieser Seite kein Druck auf ihn ausgeübt werde, dass er sich beim Kampf gegen die Terroristen in die Richtung des Westens bewege. Den Westen hält Assad wegen der Unterstützung seiner Gegner für wenig vertrauenswürdig - soweit die Position des syrischen Präsidenten, dem zukommt, die nach seiner Einschätzung angemessenen Entscheidungen über sein Land zu treffen.

Gestern ließen Meldungen über die russisch-türkische Vereinbarung durchscheinen, dass der syrische Präsident nicht vollkommen mit an Bord war, die Frage über die Evakuierung der Zivilisten sei nicht ganz klar - Assad äußerte sich im erwähnten Video nicht dazu, also gehört dies auch zum Bereich "Hörensagen".

Die regierungsnahe al-Masdar-News berichtet, dass der Deal kollabierte, weil es zu viele Menschen seien, über 15.000, einschließlich 4.000 Kämpfer der al-Nusra "und anderer Extremisten".

Laut Reuters soll Iran Bedingungen gestellt haben. Allerdings gibt die Nachrichtenagentur zu, dass sie sich dabei auf Quellen unter den Milizen und bei der UN stützt. Offizielle Aussagen aus der Militärallianz, die mit Assad verbündet ist, seien nicht zu bekommen.

Auch der ARD-Korrespondent Carsten Kühntopp zitiert die beiden genannten Versionen - die syrische Regierung nicht im Boot, iranische Bedingungen - betont aber, dass man letztlich nicht wisse, woran der Deal gescheitert ist.

Wie es dazu kam, dass die Kämpfe in Ost-Aleppo wieder aufgenommen wurden, ist ebenfalls nicht gesichert. Es gab gestern Hinweise darauf, dass Milizen nicht aufgeben und weiterkämpfen wollen. Die genaue Herkunft dieser Angaben Milizenkreisen ist aber nicht genau zu verfolgen.

Laut dem BBC-"Foreign-News-Producer" Riam Dalati hat sich die al-Nusra als verantwortlich für zwei Autobomben im "Jisr Al Haj Circle" in der Innenstadt Aleppos erklärt, die gegen die syrische Armee und die Hizbullah gerichtet waren. Der "Pushback" laufe. In dem Tweet zur Erklärung taucht ein interessantes Gesicht auf.

Es gehört Abu Al-Ab(e)d, dem "Führer, aka Emir, der Milizen in Ost-Aleppo". Er machte bereits in diesem Video von On the Ground News (ONG), ab Minute 1:44 am 10.Dezember in einer Ansprache darauf aufmerksam, dass man entweder als Märtyrer oder als Sieger aus den Kämpfen hervorgehen werde.

Das Problem, das viele westliche Medien haben, ist, dass sie die Milizen falsch einstufen: zugunsten der Rebellen-Story oder dem raunenden Begriff der Opposition und des Widerstandes. Die damit verbundene romantisierende Beschönigung der Dschihadisten führt dazu, dass Quellen aus diesem Umkreis ein Gewicht zukommt, dass sie nicht haben dürften. Sie werden falsch etikettiert.

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