Aleppo: Das neue "Srebrenica"?

"Letzte Grüße aus einer sterbenden Stadt"

Ein Anschauungsbeispiel liefert die FAZ heute, die mit emotionsgeladenen Bildern Netzbotschaften aus Aleppo unter dem Titel "Letzte Grüße aus einer sterbenden Stadt" präsentiert.

Das erste Video zeigt eine Frau, die von einem "Genozid" spricht, bei zweiten kommt Bilal Abdul Kareem von On the Ground News zu Wort, der die Ansprache Abu Al-Ab(e)d unter die Zuhörer brachte. Bilal Abdul Kareem steht den Dschihadisten nahe, er hat Sympathien für sie, wie sich jeder überzeugen kann, der sich seine Videos anschaut. Seine Interessenslage ist eindeutig.

Das dritte Video zeigt einen weiteren ONG-Mitarbeiter, den Deutsch-Türken Abdussamad Dagül (der Name wird vollständig angezeigt), den nach weiterführenden Informationen allem Anschein nach einiges mit al-Nusra verbindet. Er stammt aus Hanau und ist nach Syrien zum Dschihad gereist. Informationen des Erasmus-Monitor legen nahe, dass er bei al-Nusra eine Ausbildung gemacht hat, was Terrorfahnder hellhörig werden lassen könnte.

Am Ende des längeren Textes über die Aktivitäten von "Samet D" ist zu lesen, dass der Text "inhaltlich überarbeitet" wurde (möglicherweise nach Erscheinen dieses Stern-Berichts). Später gemachte Aussagen von "Samet D" seien hinzugefügt worden. Der Text wurde an bestimmten Stellen bereinigt mit Worten wie "wahrscheinlich", weil die Aussagen sonst brenzlig werden könnten: "In der Folge betätigte er sich wahrscheinlich weiterhin als Jihad-Propagandist der Nusra-Front."

Wenn ein seriöses bürgerliches Qualitätsmedium auf solche Quellen zurückgreift, um das Leid in Aleppo, womit ja eigentlich die Bevölkerung gemeint sein sollte, zu veranschaulichen, dann zeigt sich, auf welch dünnen Boden solche Dokumentationen stehen, die vor allem auf die Emotion zielen - und das führt auch vor, wie geschickt die Öffentlichkeitsarbeit der dschihadistisch-salafistischen Milizen ist.

Würde die FAZ ihn denn auch als Zeugen in Auseinandersetzungen zwischen dem deutschen Staat und salafistisch/dschihadistischen Oppositionellen leichtfertig einen derartig positiv besetzten, von kritischen Anmerkungen unberührten Platz einräumen? Als "Aktivist" und "Gegner des Regimes"?

Dieses Beispiel soll nicht denunzieren, sondern vor Augen führen, welches Schindluder mit Berichten aus ungenannten Quellen, die aus Ost-Aleppo stammen, wo es keine unbeteiligten Berichterstatter gibt, angerichtet werden kann. Die Nachweise für "Massenhinrichtungen" und "Massentötungen" stehen allesamt noch aus.

Sie fußen bislang auf Hörensagen. So seriös, so engagiert ihre Mitarbeiter sind, die sich mit größtem Goodwill engagieren, so seriös die UN sein mag, über die Seriösität ihrer Quellen dieser Berichte gibt es keinen einzigen Nachweis. Die UN bleibt ihn bislang schuldig.

Die Berichte in den seriösen Medien geben ihr Kredit, ohne einen Nachweis zu fordern. Für die Öffentlichkeit sind sie trotzdem plausibel, bisher aus vor allem aus einem einzigen Grund: Weil man Assad und seiner Armee alles zutraut. Aber liegt es nicht in seinem politischen Interesse gerade jetzt sehr darauf zu achten, dass genau solche Ausschreitungen nicht vorkommen?

Die Storys passen zu einem Narrativ, das bislang sehr darauf geachtet hat, von "Rebellen" zu sprechen und nicht von al-Qaida, Dschihadisten, Selbstmordattentätern oder Terroristen. Eine Version, die man auf Verhältnisse hierzulande übertragen niemals so erzählen würde. Ein Narrativ, das fälschlicherweise und irreführend die Story von einer "Opposition" gegen ein brutales Regime erzählt.

Dass die Luftangriffe auf Aleppo zivile Opfer gefordert haben und unfassbare Verwüstungen angerichtet haben, dass sie mit brutalen Mitteln durchgeführt wurden, liefert Grund zur Empörung - vor allem wenn man die Aktionen der bewaffneten Gegenseite ausblendet oder als zu vernachlässigende Größe behandelt (so gut wie in jedem Bericht der deutschen Leitmedien!) - aber warum fällt die Empörung gerade bei Aleppo so groß aus, und in Falludscha, Ramadi, Mosul und im Jemen so leise? Sind Terroristen nur dann Terroristen, wenn sie der Westen bekämpft?

Es gibt im Westen ein großes Problem mit doppelten Standards, das dem Terrorismus zuarbeitet. Damit arbeiten die Videos des IS, damit arbeitet sämtliche andere Propaganda der Dschihadisten. Das muss in einem größeren Bild zur Kenntnis genommen werden.

Die USA haben mehrere Milliarden in die syrischen Milizen investiert. Es stimmt nicht, dass die Führungsmacht des Westens nichts getan hätte. Nach der Eroberung des Ostens von Aleppo durch die Vorläufer der Dschihadisten im Juli 2012 startete die damalige US-Außenministerin Clinton das große Unterstützungsprogramm für die Milizen. Al-Nusra wurde bis zuletzt verschont. Laut dem russischen Außenminister Lawrow noch immer.

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