Aleppo: Der syrische Dschihad und der Etikettenschwindel

Propagandabild. In der linken oberen Ecke sind die beiden Logos von Ahrar al-Sham und Jaish-al-Fateh zu sehen

Al-Qaida freut sich über den Abschuss eines russischen Hubschraubers

Wer den russischen Hubschrauber über der syrischen Provinz Idlib abgeschossen hat, ist noch unbekannt. Feststeht, dass alle 5 Insassen des Mi-8-Helikopters tot sind, wie die russische Nachrichtenagentur Tass bekannt gab. Der Hubschrauber wurde vom Boden aus beschossen. Er habe sich auf dem Rückflug von Aleppo zum Luftwaffenstützpunkt Hmeymim (oder auch: Khmeimim) bei Latakia befunden. In Aleppo habe die Besatzung humanitäre Hilfe geleistet, teilte das russische Verteidigungsministerium mit.

Al-Qaida freut sich

Die Freude über den Abschuss des russischen Hubschraubers ist groß in den Kurznachrichtenzirkeln von al-Qaida auf Twitter und Telegram, wie der amerikanische Journalist Thomas Joscelyn meldet. Die bejubelten Bilder von der Abschussstelle zeigen wie üblichen einen demonstrativ niederträchtigen, grauenhaften Umgang mit Leichen.

Thomas Joscelyn ist einer der Autoren der US-Webseite Long War Journal. Was ihn auszeichnet, ist ein sehr genauer Blick darauf, wer zu den Takfiris, Dschihadisten oder zur al-Qaida zählt. Die Berichterstattung ist anders als etwa bei Moon of Alabama nicht unbedingt darauf ausgerichtet, die PR-Arbeit der US-Regierung zu zerlegen. Mancher Beitrag steht der Regierungsposition nahe. Aber wenn es darum geht, Milizen, die in Syrien operieren, als dschihadistisch, salafistisch oder terroristisch zu identifizieren, macht die Seite verlässlich genaue Arbeit.

Der Belagerungsring und die "Rebellen"

Bei deutschen Nachrichten aus Syrien wäre solche Genauigkeit auch zu wünschen, gerade wenn es um Aleppo geht. So berichtet die Tagesschau nach wie vor von "Rebellen", die versuchen, den Belagerungsring der Regierungstruppen zu durchbrechen.

Maßgeblich treibende Kräfte hinter der Offensive, die den Belagerungsring brechen wollen, sind zwei Gruppenverbände: die Koalition Jaysh al Fateh ("Armee der Eroberung"), deren Mitbegründer die al-Qaida-Miliz al-Nusra-Front ist und deren andere bedeutende Miliz Ahrar al-Sham ist. Diese Miliz, die dem militantem Salafismus zugerechnet wird und sich mit grausamen Akten gegen Schiiten einen furchterregenden Ruf zugelegt hat, steckt auch im Kern des anderen Gruppenverbandes: der Fatah Halab ("Befreiung Aleppos").

Wenn nun Webseiten, die mit dieser Milizen-Koalition sympathisieren bei der Aufzählung der Mitwirkenden betonen, dass es sich um "nicht-terroristische" Gruppen handelt, so ist das eine Irreführung der Öffentlichkeit durch falsche Etikettierung.

"Ohne jede Ausnahme der Scharia verpflichtet"

Der Zweck wird unverhohlen geäußert: Der Ausschluss von Gruppen mit dem Terroristenlabel hat eine größere Chance auf Unterstützung mit Waffen. Dem muss sich die Tageschau und andere Berichterstatter doch nicht anschließen … (zumal sich unter den "nicht-terroristischen" Gruppen dschihadistische Urgesteine wie Harakat Nour al-Din al-Zenki befinden).

Das Spiel mit irreführenden Etiketten macht sich insbesondere die al-Nusra-Front sehr zu nutze. Die Dschihadisten haben sich offiziell von al-Qaida getrennt mit Einverständnis der al-Qaida - und sich einen neuen Namen gegeben. Ziel der Aktion ist, möglichst große Bündnisse mit anderen Milizen zu bilden, da die "Terrorismus-Verbindung" als Hindernis nominell beiseite geschafft wurde.

So ist es auch keine Überraschung, dass die beiden Koalitionen Jaysh al Fateh und Fatah Halab gemeinsame militärische Operationen im Süden Aleppos durchführen. Was nicht sonderlich überrascht, fungiert doch bei beiden Koalitionen Ahrar al-Sham an zentraler Stelle.

Dagegen wird in westlichen Berichten die Teilnahme von FSA-Gruppierungen herausgestellt. Nicht beachtet wird dabei Grundsätzliches in der albtraumhaften Ausrichtung der bewaffneten syrischen Opposition:

Ohne jede Ausnahme(!) hat sich jede bewaffnete Gruppe heute auf die Sharia-Gesetzgebung verpflichtet.

Die Machtverhältnisse vor Ort geben Hinweise darauf, wie rigide und brutal die Sharia-Interpretation der Salafisten und Dschihadisten in Syrien aussieht. Es sind nicht die FSA-Gruppierungen, die vom Westen seit Jahren Geld und vor allem Waffen bekommen, die hier zu bestimmen hätten. Al-Nusra und Ahrar al-Sham setzen die Vorgaben in der Gerichtsbarkeit. Die Ausrichtung im Kampf um die "Befreiung Aleppos" heißt klar und deutlich "syrischer Dschihad".

Aleppo: Die Hoffnung auf Hilfskorridore

Dieser Hintergrund ist bei Berichten zu bedenken, die das Angebot der syrischen Regierung und ihrer russischen Verbündeten zur Einrichtung von Hilfskorridoren in Aleppo, auf eine Weise darstellen, die dieses Angebot als "nicht glaubwürdig" oder als Kriegslist erscheinen lassen. Auch der deutsche Außenminister Steinmeier streicht das zynische Spiel des syrischen Regimes hervor.

Das große Bild von Steinmeier, wie von der Tagesschau, aber auch von anderen größeren Medien hierzulande zum Kampf in Aleppo gemacht wird, zeichnet die syrische Armee und die verbündete russische Armee als Bombenwerfer und Belagerer, denen es gelungen ist, die östlichen Viertel einzukreisen, und die nun die Versorgungsnöte militärtaktisch ausnutzen.

Bei diesem Bild wird einiges ausgelassen: grundlegend die Verstrickung der westlichen Staaten und ihrer arabischen Partner im syrischen Konflikt, welche die Dschihadisten unterstützt hat. Dass sie eine solche bedeutende Rolle spielen, haben sie den USA und deren Alliierte zu verdanken. Auch das ist ein "zynisches Spiel".

Am konkreten gegenwärtigen Geschehen wird ausgelassen, dass vonseiten der syrischen Regierung und Russlands Versorgung bereitgestellt wird und Hilfskorridore eingerichtet werden. Dass die Milizen, die Stadtviertel im Osten kontrollieren, sich der Versorgungsgütern bemächtigen - auf Kosten der Zivilbevölkerung - bleibt weitgehend unbeachtet, wie auch wenig die Rede davon ist, dass die "nicht-terroristischen" Gruppen die dortige Bevölkerung als Geiseln halten. Dem Dilemma, in der sich die Bevölkerung befindet, ist hinzufügen, dass sie Angst vor Racheakten auf der anderen Seite hat.

Manche beklagen laut Berichten, dass sie fürchten, dem Verdacht ausgesetzt zu werden, mit al-Nusra und anderen Milizen paktiert zu haben. Diese Angst wird von den Milizen im Osten der Stadt ausgenutzt. Meldungen darüber, wie viele die Flucht unternehmen - laut al-Jazeera sind es ca. 150 - variieren in den Zahlen. Wie auch im Großen mit den Zahlen der Bevölkerung in den östlichen Stadtviertel Politik gemacht wird. Die UN sprach zu Anfang von 300.000, mittlerweile hat man die Zahl auf 250.000 herunter korrigiert.

Die Zahlen sind sehr umstritten. Es gibt Berichte,die von weitaus weniger ausgehen. Der britische Journalist Chulov berichtete im vergangenen Jahr von 40.000 Einwohnern in den Vierteln unter Kontrolle der Salafisten/Dschihadisten. Die genauen Zahlen kenne man nicht einmal in Aleppo, auch die Regierung wisse es nicht, berichtet eine Autorin aus Aleppo. Ihre Schätzung beläuft sich auf 60- bis 100.000.

Wie die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden kann, ist im Augenblick schwer zu beurteilen. Die Dschihad-Milizen kämpfen derzeit darum, ihre eigene Versorgung sicherzustellen. Ziel ihrer Offensive der letzten beiden Tage war es, die von der syrischen Armee kontrollierten Versorgungswege im Süden der Stadt unter eigene Kontrolle zu bringen. Nach Anfangserfolgen der Milizen wird ihre Offensive nach Informationen einer regierungsfreundlichen Webseite von der SAA zurückgeschlagen. Wie es aussieht, werden die Kämpfe noch einige Zeit anhalten. Es wäre gut, wenn die Hilfskorridore funktionieren würden. (Thomas Pany)

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