Aleppo: Die syrische Armee auf dem Weg zur Rückeroberung

Screenshot eines Videos der Syrian Reporters aus Aleppo, am 27.11.16 gepostet

Tausende Flüchtende verlassen Ost-Aleppo. Die Milizen sind am Rand der Niederlage

Die syrische Armee und verbündete Milizen setzten heute nach Meldungen der syrischen Nachrichtenagentur Sana ihre Offensive im Ostteil Aleppos fort. Laut Angaben der regierungsnahen al-Masdar-News brachten sie dabei auch die Wasserversorgungsstation in Suleiman Al-Halabi unter Kontrolle.

Damit sei eines der größten Probleme der Stadt gelöst. Die Dschihadisten hätten die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung als Herrschaftsinstrument missbraucht. Der syrischen Armee ist es in den vergangenen Tagen mit Hilfe ihrer Verbündeten gelungen, Gebiete in Ost-Aleppo zu erobern, Hanano, Midan, Bostan al-Pascha, Helok, Ayn al Tal, Haydariya und Sakhour. Nach einer neueren Karte des syrischen Abgeordneten Fares Shebabi ist der nördliche Teil der bis dato von bewaffneten Milizen kontrollierten Gebiete im Osten Aleppos "befreit".

Befreite Geiseln

Mehrere tausend Bewohner flüchteten. Laut einem Spiegel-Bericht sollen 3.200 Zivilisten in einem Auffanglager der syrischen Regierung eingetroffen sein, 10.000 flüchteten in das kurdische Viertel Scheich Maksud, das von der YPG kontrolliert wird. An diese Meldungen knüpft der Spiegel wie stets eine Spitze gegen den "Diktator Assad":

Die dort herrschende YPG-Miliz ist zwar mit dem Assad-Regime verbündet, trotzdem hoffen die Flüchtlinge, dort vor dem Zugriff der Regierung vorerst sicher zu sein.

SpOn

Indessen verweisen Syrien-Kenner darauf, dass die zunehmende Zahl der Zivilisten, die angesichts der sich abzeichnenden Niederlage der Milizen aus Ost-Aleppo fliehen, zeige, dass sie zuvor von den Dschihadisten und Umstürzlern als Geiseln gehalten wurden. In diese Richtung kann man auch Äußerungen des UN-Hilfschefs Kevin Kennedy verstehen.

Man kann gespannt sein, welche Erfahrungsberichte nun an den Tag kommen. Interessant wird auch sein, wie viele Bewohner tatsächlich in Ost-Aleppo leben. Manche Berichte sollen darauf hindeuten, dass sich in den von der syrischen Armee eroberten Vierteln kaum mehr Zivilisten aufhalten.

Damit würden sich die lange kursierenden Zahlen von 250.000 und mehr Bewohner Ost-Aleppos als weit übertrieben herausstellen. Der französische Syrien-Experte Fabrice Balanche hatte in einem Interview Ende August gegenüber dem Figaro davon gesprochen, dass seiner Einschätzung nach in den von den Dschihadisten beherrschten Vierteln "im Wesentlichen nur mehr Familien von Kämpfern wohnen".

Wie es momentan aussieht, lag er mit seiner Einschätzung näher an der Wirklichkeit als die Erzählungen von den Hunderttausenden, die von Assad und Putin mit Hunger und Bombentod bedroht werden. Einige Tausend Kämpfer der Milizen sollen noch im Ostteil Aleppos sein.

Obschon ihr Widerstand gegen die vorrückenden Truppen nicht unterschätzt werden darf, geht der Tenor vieler Medienberichte dahin, dass die syrische Armee in Bälde ganz Aleppo zurückerobert haben wird. Damit verlieren die Milizen, die die Regierung in Damaskus stürzen und stattdessen einen islamischen Staat errichten wollen, eine eminent wichtige Bastion.

Option der Teilung Syriens vom Tisch

Ihre Offensive auf Aleppo wurde als "Revolution" und "als syrischer Dschihad" ausgerufen. Nun sind sie auf ländliche Gebiete beschränkt - und die Regierungstruppen haben, Aleppo einmal erobert, Kapazitäten frei für die nächsten Rückeroberungen.

Die Teilung Syriens ist nun mehr nicht mehr möglich, ohne Russland anzugreifen, so die Analyse von Elijah Magnier. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist das Vorgehen der Türkei, die offensichtlich nicht von ihren territorialen Wünschen in Nordsyrien lassen kann und freilich auch befürchtet, dass die Kurden doch noch ihre syrischen Gebiete an der Grenze zur Türkei verbinden könnte.

Magnier misst dem Angriff der syrischen Luftwaffe auf türkische Euphrates- Shield-Einheiten, zu denen auch FSA-Kämpfer gehören, am 24. November signifikante Bedeutung bei. Eine Karte veranschaulicht den Grund. Die türkischen Einheiten, die auf al-Bab vorrücken, hatten eine Art Sperre gegen die syrische Armee und die SDF errichtet.

Die syrische Regierung hatte der türkischen zuvor mitgeteilt, dass sie die türkische Offensive auf ihrem Terrain missbilligt, aus Russland hatte es entsprechende Äußerungen gegeben. Die SDF und die syrische Armee hatten vor Wochen eine Kooperation in Aleppo, Scheich Maksud betreffend beschlossen. Zur Vereinbarung gehörte, dass Damaskus den SDF zubilligte, eine Offensive auf al-Bab durchzuführen. Wie es aussieht, gibt es zwischen der syrischen Regierung und den SDF mehr Verständigung, als es der Türkei recht sein kann. (Thomas Pany)