Aleppo: Großoffensive der syrischen Armee und Zigtausende auf der Flucht

Unterstützt von russischen Luftangriffen, der Hisbollah und iranischen Milizen sind die syrischen Regierungstruppen dabei, die wichtige Stadt im Nordwesten Syriens einzukreisen

Wenn es die Verbündeten der syrischen Regierung schaffen, die große Nachschublinie der gegnerischen Milizen im Nordwesten Aleppos aus der Türkei abzuschneiden, dann wäre dies der Anfang vom Ende des "Aufstandes", prophezeit das US-Magazin Moon of Alabama.

Es ist eine derjenigen amerikanischen Publikationen, die dem US-Militär und ihrer Führung sehr kritisch gegenüberstehen, mit einer unverhohlenen Sympathie für den russischen Militäreinsatz in Syrien.

Kampfflugzeuge starten zum Einsatz vom Khmeimim-Stützpunkt in Syrien. Bild: Russisches Verteidigungsministerium

Auch die Seite SYRIA:direct, die der FSA und angeschlossenen oder damit verbundenen "Rebellengruppen" nahesteht, spricht davon, dass die russische Unterstützung die "Patt-Situation" zwischen der syrischen Regierung und den gegnerischen Milizen aufgebrochen hat.

Kurz gesagt: Die Aleppo-Offensive könnte eine entscheidende Wende im syrischen Kriegsgeschehen herbeiführen. Milizenführer sprechen gegenüber SYRIA:direct davon, dass die von russischen Luftangriffen unterstützte Regierungsarmee dabei sei, die Stadt Aleppo einzukreisen, um "damit der Welt eine Botschaft zu senden: dass die syrische Armee mit russischer Hilfe Boden gewinnt".

Foto: Sana

Die Offensive war gut vorbereitet. Nachdem mithilfe der Luftunterstützung der Gegner an vitalen Orten für den Schutz der syrischen Regierung (und der russischen Positionen) bei Latakia, Homs, Hama und in der Provinz Idlib geschwächt worden war, begann eine große Bodenoffensive südlich von Aleppo, ein Überraschungsangriff, begleitet mit Offensiven zur Sicherung der syrischen Militärbasis im Südosten Aleppos - al-Safira - und dem nahegelegenen Militär-Flughafen Kweiris, der von IS-Milizen bedrängt wird.

Über 600 Angriffe auf 380 IS-Stellungen, Militär- oder Versorgungszentren sei die russische Luftwaffe seit Beginn der Operation geflogen, meldete das russische Militär am vergangenen Freitag. In den letzten 24 Stunden waren es 33 Flüge, die 49 IS-Ziele angriffen, hieß es heute bei der Nachrichtenagentur Tass. Aufgeführt werden Ziele in den oben genannten vitalen Zonen sowie der Raum Aleppo und Damaskus (dass von russischer Seite unter IS sämtliche Dschihadisten als islamistische Terroristen subsummiert werden, ist mittlerweile bekannt). Auch die syrische Luftwaffe ist mit Angriffe auf Ziele im Osten Aleppos beteiligt.

Am Boden wurden in den Süden Aleppos vorrückende syrische Armeeverbände angeblich von iranischen Kämpfern aus dem Irak und 3.000 Hisbollah-Kämpfern sowie von "russischen Freiwilligen" unterstützt. Man schätzt, dass insgesamt etwa 10.000 Bodentruppen aufseiten der syrischen Regierung die Aleppo-Offensive durchführen. (Grafiken dazu: hier, hier und hier).

OCHA: 35.000 im Südwesten Aleppos auf der Flucht

Laut OCHA hat die Offensive im Südwesten Aleppos zur Flucht von 35.000 Bewohnern von Vororten geführt; der Vertreter einer Hilfsorganisation in Aleppo wird mit der Zahl von 55.000 Flüchtlingen seit Freitag zitiert.

Seitens des Uno-Amtes für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) heißt es, dass die meisten Zuflucht in ländlichen Gebieten im Westen Aleppos gefunden haben. Laut der genannten Hilfsorganisation, die mit den "Aufständischen" in enger Verbindung zu stehen scheint, werden Flüchtlinge notdürftig in Zelten untergebracht. Schuld an der Flucht hätten die russischen bzw. syrischen Luftangriffe, die nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterscheiden würden.

Entsprechend wird diese Verwantwortungszuweisung auch in verschiedenen westlichen Medien wiedergegeben, womit wieder die Zahnräder des begleitenden "Informationskriegs" greifen. Es ist einerseits schwer vorstellbar, dass es bei dieser Fülle an Luftangriffen nicht zu zivilen Toten und zur Panik unter der Bevölkerung kommt, anderseits können die westlichen Verbündeten der maßgeblich und hauptsächlich von Dschihadisten geführten gegnerischen Milizen hier kein moralisches Gelände gewinnen oder reklamieren.

Wie auch jüngste Meldungen zeigen, werden die islamistischen Gegner der syrischen Regierung und deren russischen Schutzmacht weiterhin mit Waffen beliefert und somit der Proxy-Krieg kräftig angeheizt. Das nennt man Doppelzüngigkeit.

Die Frage, welchen Effekt die Lieferungen etwa von Panzerabwehrwaffen auf die militärischen Operationen Syriens, Russlands und Irans haben, ist umstritten. Von der Seite der syrischen Regierung und ihrer Verbündeten gibt es offiziell keine entsprechenden Meldungen, die dies bestätigen. Auf der anderen Seite wird dagegen davon gesprochen, dass die Panzerabwehrlenkwaffen (TOWs) den Vormarsch der Bodentruppen erheblich verzögern. (Thomas Pany)