Alexander Moszkowski

Ein vergessener Visionär und Virtualist - Teil 1

Für die Redelangweiler im Deutschen Bundestag wäre diese Technik ein echter Gewinn. Für deutsche Ordinarien sollte sie Pflicht werden. Unser Text wäre mit dieser Erfindung bereits hier an dieser Stelle zu Ende. Wir reden von "Breviloquenz", einer "brachistolinguischen" Kurzsprache, die auf Saragalla gesprochen wird.

Alexander Moszkowski

Saragalla ist die hypermechanisierte Insel, Zeitersparnis ist dort die erste Bürgerpflicht: Was du in Sekunden erledigen kannst, sollst du nicht in Stunden tun. Das ist der kategorische Imperativ des Maschinenzeitalters, den alle technisch aufgeklärten Gesellschaften sofort begreifen sollten. 35 Sekunden benötigt ein Redner maximal im saragallesischen Parlament, um seine Botschaft publik zu machen. Und die direkte Botschaft der Saragallesen an die Deutschen lautet gerade in diesen Tagen, dass sie zu wenig mechanisiert seien, statt dessen schwülstige Schwafler, denen es an Exaktheit und zeitsparenden Ausdrücken fehle. "Der Mensch hat die mechanischen Vorbilder in sich selbst, warum sollte er ihnen nicht nacheifern?" Scheitern wir heute an Reformen, weil hinter wabernden Wörtern und fragilen Formelkompromissen keine Konzepte entstehen?

Saragalla ist Teil einer kleinen pazifischen Inselgruppe, irgendwo zwischen Hawaii und den Aleuten, deren weitgehend unentdeckte Bewohner stolz darauf sind, die "Feinmechanisierung" des Menschen so weit vorangebracht zu haben, dass sie zu einer geistigen und moralischen Angelegenheit in einer durch und durch von Technik bestimmten Welt wurde. Folglich gibt es dort seit langer Zeit - von der uns bekannten zivilisierten Welt unentdeckt - Telepathie, Telekinese, Teletherapie ("Telurgie"), Handies und zahllose Gadgets ungeahnter Funktion, aber auch Kernenergie in ihrer Anwendung als Massenvernichtungsmittel. Mit dem "Tele-Gusto" wird jede erdenkliche Speise aus Plankton "gezaubert". Die Kraftübungen im Fitness-Studio werden telekinetisch aus der Erlebniswelt auf nützliche Ziele gelenkt. Der "Trottoir roulant" ist eine flächendeckende Verkehrseinrichtung der "Fußfahrer".

Auch was hierzulande noch als höchst unvollkommene Techno-Vision "Bio-Chip" heißt, wurde in Saragalla vor Jahrzehnten bereits überboten. Die medizinische Heilkunst wird als Simulation im virtuellen OP präsentiert. Die Heilung am Modell, eine Art medizinisches Voodoo, bekämpft Krankheiten in statu nascendi. Technik ist heilsam. Die "Telurgie" behandelt Wachspuppen in effigie und per Fernübertragung wird der reale Mensch von seinen Leiden, auch schleichenden, noch nicht wahrgenommenen Krankheiten geheilt. Selbst den Heilungsprozess nimmt der Rekonvaleszent nicht wahr. Diese Technik funktioniert wirklich subkutan, unaufdringlich und effektiv, so wie wir uns "smart-world" vorstellen, also eine Welt, die uns nicht mehr mit schwerfälligen Apparaten wie Laptops oder iPods behelligt, sondern hinter der Funktion verschwindet.

Gegenüber unserer gleichermaßen apathischen wie angestrengt folgenlosen Technikfolgenabschätzung, die sich oftmals ohne echtes Begreifen von Technik als Verantwortungsethik ausgibt, gilt in Saragalla die radikale Kernlehre: "Alles was mechanisch ausdenkbar ist, lässt sich auch mechanisch verwirklichen. Und es gibt nur eine Unmöglichkeit in der Wirklichkeit, nämlich die: etwas mechanisch Unmögliches zu ersinnen." Freilich handelt es sich hier um eine "gesteigerte Mechanik", die wir vielleicht in unserer Sprache als Cyber- und Nanotechnik, als Virtualität oder Hypertechnik bezeichnen würden, um von jener überlegenen Technik zu reden, die den Menschen so formt, dass Physis und Technik nahezu verschmelzen. "Durch die Maschine und in der Maschine vollzieht sich heute das menschliche Drama", hatten auch die Futuristen 1922 verkündet. Mechanisierung und Ausdifferenzierung des Geistes und der Moral gelten auf Saragalla gleich viel. Wo liegt diese Insel eigentlich genau? Karten existieren nicht, obwohl Saragalla im "Dictionary of Imaginary Places" von Gianni Guadalupi und Alberto Manguel verzeichnet ist. Es gibt nur eine Reportage aus dem Jahre 1922, die Alexander Moszkowski - bisher erstaunlich unbeachtet - vorgelegt hat. Wie gelang es diesem Autor in jenen verhangenen Tagen eines depressiven Nachkriegsdeutschlands, diesen ungewöhnlichen Bericht unter dem Namen "Die Inseln der Weisheit. Geschichte einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt" zu geben?

Im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts war Alexander Moszkowski durch seine satirischen Arbeiten leidlich bekannt geworden und konnte seinen Lebensunterhalt als professioneller "Jokologe" bestreiten. Vor allem für die "Berliner Wespen" von Julius von Stettenheim und danach in Eigenregie für "Die lustigen Blätter" schreibt er unzählige Texte, die vor allem darauf zielen, die Zeit und ihre Grotesken auf die allfällige Pointe zu treiben. Da die Artikel der "Berliner Wespen" regelmäßig keinen Autor aufführen, ist es heute kaum möglich, den Umfang der Beteiligung Moszkowskis noch zu rekonstruieren. Zumindest seiner Biografie nach war er zeitweise der wahre "spiritus-rector" der "lustigen Blätter", eine Ein-Mann-Spaßguerilla, die auch heute noch ihre Opfer finden könnte. Moszkowski und von Stettenheim stritten sich heftig, weil Moszkowski sich nicht länger anonym als pointenproduzierender Mitarbeiter in dem erfolgreichen Satire-Sweatshop engagieren wollte. Die vielleicht genialste, in jedem Fall aber virtuellste Figur war der von Stettenheim ersonnene Kriegsberichterstatter "Wippchen". In Zeiten der Medienkriegsführung müsste dieses "Frontschwein" heute revitalisiert werden, weil seine Schlachtberichte viele Jahre vor Amerikas Medienkriegen einen drastischen Begriff davon geben, was es heißt, ein "embedded journalist" zu sein: "Ich stand auf einem Leichenhaufen und konnte alles genau beobachten."

Julius von Stettenheim

Witze reißen war Moszkowski zufolge Knochenarbeit und man sollte alles andere als lustig sein, um diesem Beruf zu folgen. Diese Zeit sozialer Großkrisen bot reichlichen Stoff für Satiriker, was nicht heißt, dass wir daran arm geworden wären. Satire ist aber weit mehr als Zeitkritik in witziger Form. Satire ist eine virtuelle Kunst, wie es die Weltschöpfungen Jonathan Swifts oder Rabelais‚ erweisen. Denn die Satire parodiert oder travestiert nicht nur ihre Gegenstände, sondern erfindet neue, um alte zu verstehen und zu entlarven. Für Alexander Moszkowski kamen Scherz, Satire, tiefer Witz und spekulative Philosophie aus einer (virtuellen) Wurzel, was Ludwig Wittgenstein mit der von ihm allerdings nicht eingelösten Aussage traf, dass er sich eine Philosophie nur aus Witzen bestehend vorstellen könnte.

Der bekennende "Jokologe" Moszkowski praktizierte das bereits und sah keinen Bruch zwischen seinen satirischen Auseinandersetzungen mit dem zensurfreudigen Deutschen Kaiserreich und seinen "techno-sophischen" Tiefgängen, die gleichwohl mit leichter Feder leserfreundlich und auflagentauglich verfasst wurden. Nur einige seiner Arbeiten zählte er zu seinen "literarisch ernsten, unter wissenschaftlichen Impulsen entstandenen Werken". "Die Inseln der Weisheit" sollten so ernst genommen werden, dass an ihrer Existenz kein Zweifel bestünde. Sie existieren auch wirklich, weil der Unterschied zwischen ihrer literarischen Konstruktion und ihrer Gegenständlichkeit doch dem virtuellen Denken wenig gilt.

Wippchen

Moszkowskis Inseln erstrecken sich auf nur wenigen Quadratmeilen über das Riesengebiet der antiken, europäischen und asiatischen Geistesgeschichte und präsentieren alle uns bekannten Weisen des Menschen, glückselig zu werden: "Baleuto. Die Platonische Insel - Vleha. Die Insel der glücklichen Bedingungen - Kradak. Die Insel der Perversionen - Saragalla. Die mechanisierte Insel - Vorreia. Die rückschrittliche Insel - Helikonda. Die Insel der schönen Künste - Die Zwischen-Inseln (Bei den Zweiflern, die Relativisten und die Als Ob-Leute, Insula complicatoria, die epikureische Insel, die Insel des Einsamen - Allalina und O-Blaha. Die Inseln der Pazifisten." In diesem gedrängten Philosophie- und Technik-Atlas wird versucht, das konkret spekulativ zu Ende zu denken, was sich bislang abstrakt in Formeln versteckt, die in Platons "Staat", Buddhas "Nirwana", aber auch Kants "kategorischem Imperativ" ohne unbestechlichen Praxistest bleiben. Im Herzen dieser so unterschiedlichen Glückssuchen werden die Tücken wirklicher und möglicher Welten verortet, die in den großen Heilslehren und -erzählungen genau so unsichtbar sind wie in den Alltagsversprechen einer technikgläubigen Zeit.

Die Inseln der Weisheit sollten nicht nur Diskurse der abendländischen Geistesgeschichte in ihren ältesten und neuesten Prospekten veranschaulichen, sondern im Zeitraffer die Dramen potenziellen Menschseins aufzeigen, wenn man nur mit äußerster Konsequenz theoretisch hehre, aber praktisch untaugliche Prinzipien zu Ende denkt. Was wäre, wenn wir in diesen Parallelwelten leben würden, die mit David Deutsch gesprochen, doch nicht weniger wahrscheinlich sind, nur weil wir nicht darin leben, sondern " nur" unser mehr oder weniger fernes "alter ego". Moszkowski bescheidet sich nicht auf neue Spekulationen über Philosophie, Politik oder Kunst, sondern führt kasuistisch vor, welche Alternativ-Entwürfe von Welt denkbar wären. Auf den Inseln der Weisheit finden wir jedoch auch keine endgültige Antwort auf die Frage nach dem besseren Leben, es werden nicht lediglich Utopien und Dystopien projiziert, um sich beruhigt wieder in der besten aller möglichen Welten zurückzulehnen und die das Geschäft der Vorhersage so nachhaltig diskreditiert haben.

Moszkowski sympathisiert mit seinen Schöpfungen, denen er jedoch zugleich misstraut, weil Technik, Natur und menschliche Sinnstiftungen verschlagen sind und der Mensch seine gefährdete Mitte nur mühsam in seltenen glücklichen Momenten erkämpfen kann. Es gibt für ihn nichts Sinnloseres als den Kampf gegen das Unvermeidliche, was hinlänglich durch die Unmöglichkeitsprediger in einer langen Geschichte der Blamagen belegt wird. Die Bedeutung der Technik liegt in ihrem Gebrauch. Und doch bleibt der Verantwortungsdiskurs hartnäckig, den der geniale, dem Fortschritt abtrünnige Erfinder Algabbi auf Vorreia, der "rückschrittlichen Insel" dem Technikwahn der Saragallesen entgegenhält: Fort mit der ganzen Technik. Sie verformt die "seelische Figur nach einer Schablone". Der Mensch zahlt mit dem "Einsatz seiner Persönlichkeit". Der Leser muss also selbst entscheiden, ob er so oder anders leben wollte, wie der Autor auch seiner Biografie den für seine Zeit rezeptionsästhetisch fortschrittlichen Hinweis voranstellt, der Leser möge sich selbst in diesem Werk mitproduzieren.

Alexander Moszkowski produziert sich jedenfalls fortwährend neu, sodass die Zeitgenossen überfordert sind, diesen Autor in allen seinen Entwürfen zu folgen. Er ist ein faustischer Vielschreiber, der das Dilemma expansiven Wissens in seiner eigenen Kulturaneignungsgeschichte erlebt hat. Er zeichnet seine heute noch publizierten "Gespräche mit Einstein auf" (1921), um sich dann wieder in Satiren und Spottgedichten über alle abendländischen Werte zu ergehen. Sokrates demontiert er als "Idioten", dessen logisch haarsträubenden, platonisch zu Recht und eher zu Unrecht frisierten Dialogen er den Spottspiegel vorhält. Wer in Deutschland komisch ist, wird meistens nicht ernst genommen, wenn er die Grenzen zwischen "E" und "U" wechselt. Stanislaw Lem gelang dieses Cross-over so heterogener wie oft bizarrer Welten in Zeiten, die transgressiven Höhenflügen nicht mehr so vorurteilsvoll entgegenstanden. Moszkowskis fundierte Technik-Diskurse, die jederzeit belegen, dass er technologisch auf der Höhe der Zeit und oftmals weit darüber hinaus dachte, sind dagegen unbekannt. Er passte schlecht in das Konzept einer Kultur, die Wissenschaftler, Essayisten und Possenreißer diskret trennt und Interdisziplinarität vor allem für ein Desiderat kultusministerieller Sendschreiben hält. Er schrieb eine "Philosophie der Kehrseite" (1920), die dem hoffnungsfrohen Fortschritt der Menschheit zu einem höheren moralischen und kulturellen Standard, zum höheren Glück entgegentrat. Er war weder technikgläubig, wie es in seinen Zeiten viele gewesen sind, noch gefiel er sich in kassandrischen Warnungen.

Der Fortschrittsglaube trieb seine seltsamen Blüten. Die Elektrizität ist das beherrschende Paradigma jener Tage, nicht nur für den Futuristen Luciano Folgore, der in seiner Hymne an die "Elektrizität" versprach, sie "göttlich (zu) verherrlichen die Kraft, die jedes Wunder schafft." Der Rassenfanatiker Jörg Lanz von Liebenfels glaubte seine kruden, "ariosophischen" Thesen durch den Bezug auf eine avancierte Physik zu veredeln, wie es in schwer zu überbietender Komik der Titel seines Hauptwerks "Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron" Wien (1904) manifestiert. Die Götter waren für den selbst ernannten Neutemplerprior ältere Stammformen des Menschengeschlechtes. Als Übermenschen waren sie mit besonderen elektrischen Organen ausgerüstet, die nach dem Sündenfall verkümmerten. Selbstredend, dass die "Rassenzucht" des "höheren Menschen" über Re-Elektrifizierung läuft. Lenin predigte sein Prinzip Hoffnung so:

Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.

Im Zeichen der imperialen Technik vereinigen sich Ideologen und Vorausdenker aller Länder ohne große Vorbehalte. Jules Verne war bereits 1863 im "Paris im 20. Jahrhundert" vom Dämon der Elektrizität erfasst, der ihn einen elektrischen Stuhl zur Hinrichtung entwickeln ließ: "Damit äffte man die himmlische Vergeltung besser nach." Doch es gibt auch erhebendere Anwendungen der allmächtigen Elektrizität wie etwa die zweihundert Klaviere, die unter der Hand eines einzigen Künstlers - elektrisch verbunden - konzertieren.Das Wunderklavier hatte es auch Moszkowski angetan. Er wird nicht müde, die künftigen Freuden des Pianolas (Elektrisch-mechanisches Klavier mit Noten auf Lochstreifen) zu beschreiben, das alle Kompositionen mit mechanischem Ingenium aufführen könnte und zu künstlerischen Darbietungen in der Lage wäre, die von Virtuosen nicht zu überbieten, wenn überhaupt zu erreichen wären.

Pianola

Das Pianola wurde gegen Ende des 19.Jahrhunderts entwickelt und faszinierte die Zeitgenossen, weil die vermeintlich seelenlose Technik und die Kunst eine innige Beziehung eingingen. Superstars jener Tage wie Strawinsky und Hindemith oder später Conlon Nancarrow (1912 - 1997) schrieben speziell für das Pianola bzw. das "Player-Piano" Kompositionen. Selbst Wittgenstein rekurriert für seine Erläuterungen des Sprachspiels auf die Funktionen des Pianolas. Und Marlene Dietrich hätte eher ihren Körper als ihr Pianola hingegeben:

Ich bin die kesse Lola, Der Liebling der Saison. Ich hab ein Pianola Zu Haus in mei'm Salon. Ich bin die kesse Lola, Das liebt ein jeder Mann, Doch an mein Pianola, Da laß ich keinen ran.

Das Risiko, das die Dietrich besang, bestand in der Tat. Denn die Futuristen hatten in dem Manifest "Die mechanische Kunst" ihren exklusiven Anspruch auf die "schönen Maschinen" bereits reklamiert: "In sie verliebt, haben wir männlich, voll Wollust, von ihnen Besitz ergriffen."

Menschen unterscheiden sich darin, welches Verhältnis sie zur Technik einnehmen. Als C. P. Snow die einflussreiche Losung der "two cultures" ausgab, denunzierte er die ungelöste Spannung zwischen naturwissenschaftlich-technischer bzw. szientifischer gegenüber musisch-künstlerischer und literarischer Kultur. Und gilt nicht heute bereits die verstörende Regel, dass der, der im Begriff der Technik zu spät kommt, vom Leben bestraft wird? Es gibt eine Episode des Missverstehens, die der Ausnahme-Physiker Richard Feynman anlässlich seiner Teilnahme auf einem interdisziplinären Kongress fassungslos berichtet. Er reagiert völlig konsterniert ob der Unsauberkeit der Themenstellungen und der Beliebigkeit soziologischer Diskussionen. Er schwört, sich niemals mehr solchen Diskursen im schlechten Sinne des Wortes auszusetzen. Undefinierte Probleme sind für diesen mathematischen Kopf keine. Nach Wittgenstein holt sich der Verstand fortwährend Beulen, wenn er gegen die Mauern des Verstehens läuft, also unsinnige Fragen stellt und Wörter falsch gebraucht. Dass das Problem längst nicht der Vergangenheit angehört, erweist der kürzlich berichtete Eklat um den Dalai Lama, der auf einem Kongress der Neurologen ein Referat zum Thema "Meditationsneurologie" halten sollte. Die Petition von immerhin 700 Teilnehmern plädierte dafür, das tibetische Kirchenoberhaupt nur dann sprechen zu lassen, wenn seine Ausführungen eine solide wissenschaftliche Basis hätten, weil anderenfalls hier lediglich religiöse Wahrheiten wissenschaftlich nobilitiert werden könnte. Aber gibt es keine Wahrheiten jenseits der naturwissenschaftlich (vorläufig) erwiesenen?

Fraglos gibt es viele historische Gestalten, die die Demarkationslinie heterogener Kulturen übersprangen und wie der leidenschaftlich, wenn auch nicht gerade genial Geige spielende Albert Einstein auf beiden Seiten zu finden waren. Gegenüber Moszkowski bekennt Einstein, dass ihn Dostojewski mehr inspiriert habe als irgendein naturwissenschaftlicher Denker, selbst mehr als Carl Friedrich Gauss. Wer Technik über ihre Funktionen hinaus begreifen will und gar ethische Fragen lösen will, kommt womöglich ohne Ästhetik und Poesie nicht zu kreativen Antworten. Moszkowski hatte das Problem der Begegnung von Geistes- und Naturwissenschaften in seiner Person so gelöst, dass analytische, poetische und satirische Sprachspiele neben- und miteinander möglich werden. Denn er war nicht nur ein sehr erfolgreicher Satiriker, der selbst Auflagenstärken von 100.000 Exemplaren realisierte, sondern befasste sich zeitlebens intensiv mit Technik und Naturwissenschaft. Mit dem populären Wissenschaftsschriftsteller Artur Fürst (1880 - 1926), der mit "Die Welt auf Schienen" (1918) einen 2003 wieder aufgelegten Klassiker präsentierte, schrieb er das erfolgreiche, auch den heutigen Leser noch fesselnde "Buch der 1000 Wunder, dessen Motto es war, "des Lesers Sinn für das Außerordentliche zu schärfen, ihm die scheinbaren Realitäten des Daseins vorzuhalten als einen Kosmos der Unbegreiflichkeiten."

Alexander Moszkowski, am 15. Januar 1851 geboren, stammte aus dem "abseitigen Nest" Pilica. Wie sich von dort sein Weg in die Welt entfaltet, hat er in dem lesenswerten "Panorama meines Lebens" witzig niedergelegt. Kurz nach seiner Geburt kaufte sich der Vater in das damalig preussische Breslau ein, um dort der Familie eine weltoffenere Existenz zu vermitteln. Der kleine "Alex" profitiert von dem mitunter abenteuerlichen Kultur- und Sprachgemisch, das sein späteres narratives und sprachliches Ingenium in besonderer Weise gefördert hat. Latein spricht er, bevor er richtig Deutsch kann. Zu Hause spricht man "Orientalisch", aber schon bald "exzelliert" er in Latein und Griechisch. Als Kind erlebt er eine Multi-Kulti-Gesellschaft, die seine späteren Projektionen kulturell sehr verschiedenartig strukturierter Gesellschaften und unvereinbarer Welten besonders plausibel macht.

Seine Visionen, Prognosen, Spekulationen bewegten sich in einem Möglichkeitsraum, den er auf den "Inseln der Weisheit" entfaltet. Ein exotischer Archipel mit erkenntnisfördernden Inseln, die je einem Paradigma der Philosophie oder Technik folgen, soll alle Menschheitsträume mit- und nebeneinander präsentieren. Solche Selbsterkenntnis in der Ferne ist Teil der alteuropäischen Tradition. Kolonisten und Imperialisten suchen die Fremde (heim) und entdecken sich darin selbst. 10 Jahre vor den "Argonauten" Moszkowskis, die sich aufmachen, die Inseln der Weisheit kennen zu lernen, präsentiert Robert Müller in den "Tropen. Der Mythos der Reise" die "Urkunden" eines deutschen Ingenieurs. Nicht nur der Futurismus, auch der Expressionismus verbündet sich mit der Technik und ihren unhintergehbaren Beweisen.

Der "Progressist" Moszkowski schreibt in seiner Autobiografie, dass ihn zu Beginn des 20. Jahrhunderts "die Frage nach der Denkbarkeit anderer Welten mit veränderter Physik und Mathematik" stark beschäftigte. Er lässt Faust und Mephisto durch ein nicht-euklidisches Universum schreiten, er schafft ein neues Weltbild mit "neuer Geometrie und neuer Erfahrung." Auch sein alter Mitschüler Kurd Lasswitz wandelte auf diesem Weg. In "Prost, Der Faust-Tragödie (-n)ter Teil" spricht Mephisto: "Da preisen's die Schüler aller Orten, dass das Gerade ist krumm geworden. Nicht-Euklidisch nennt's die Geometrie, spottet ihrer selbst, und weiß nicht wie." In seiner Parodie auf Faust trifft das Moszkowski so:

"Habe nun ach Philosophie,
Juristerei und Medicin,
Anatomie und Pathologie,
Physiologie und Psychiatrie,
Goniometrie und Astronomie,
Eb'ne und sphärische Geometrie,
Metrik, Grammatik, Physik, Cameralia,
Philologie und Orientalia,
Zoologie, Metaphysik und Ethik,
Optik, Akustik und Arithmetik,
Orthopädie, Pädagogik, Kosmetik,
Geographie und Mythologie,
Planimetrie und Ethnographie. ..."

Doch auch diese Aufrüstung der Disziplinen reicht längst nicht aus, um reif für Mephisto und die "Tiefen der Sinnlichkeit" zu werden, die auch der wissenshungrige Moszkowski Zeit seines Lebens sucht. Die Künste und Wissenschaften wuchern, bis die menschliche Kapazität, also der Bio-PC, erschöpft ist. Schließt Faust nun einen modifizierten Pakt mit Mephisto, eine Art lebenslänglichen Lernvertrag, weil der Teufel im Schnellverfahren bietet, was das eigene lebenslängliche Studium nicht mehr zu erreichen vermag? Denn der Augenblick, der verweilen soll, ist doch längst in Fotografie und Film als prosaische Tatsache verwirklicht. Wenn Mephisto keine überlegene Wissensherrschaft bietet, gibt es keine dämonischen Verlockungen mehr, die nicht längst besser von Medien besorgt werden. (Goedart Palm)

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