Algerien: Blinde Flecken der Terrorabwehr

Nach der Hinrichtung der französischen Geisel Hervé-Pierre Gourdel spekuliert man in Algerien und Frankreich über die Ausbreitung des IS-Dschihad in Nordafrika

Wie groß ist die Gefahr, dass sich der IS-Dschihad in Nordafrika festsetzt und verbreitet? Wie kommt die algerische Armee, welche die Regierung noch vor kurzem für ihre Sicherungskompetenzen im Kampf gegen Terroristen rühmte, damit zurecht? Das sind die beiden Kernfragen, die aus den Berichten über die Tötung des Franzosen Hervé-Pierre Gourdel aufscheinen. Gourdel war am Sonntag in der Kabylei von der Gruppe Jund al-Khalifa ("Soldaten des Kalifats") als Geisel genommen worden und gestern Abend nach Manier der IS-Milizen ermordet worden.

Frankreich solle umgehend die Angriffe auf den Islamischen Staat im Irak stoppen, forderten die Entführer und stellten ein 48stündiges Ultimatum an das "Mitglied der Kreuzritterallianz". Für Maßnahmen zur Aufspürung und Befreiung der Geisel blieb zu wenig Zeit, wird aus französischen Sicherheitskreisen mitgeteilt. Die offizielle Position der französischen Regierung zur Sache war ein entschiedenes Nein zu jeglicher Verhandlungsbereitschaft. Eine andere Antwort wäre auch angesichts der aktuellen UN-Vollversammlung zum Thema Bedrohung durch den IS gar nicht möglich gewesen.

Angesichts dieser Öffentlichkeit und der Angriffe auf IS-Ziele in Syrien und im Irak entwickelte sich auch ein gewisser "Erfolgsdruck" für die Dschihadisten, wie ein algerischer Journalist anmerkt. Unter den Geiselnehmern war man sich ihm zufolge klar darüber, dass Algerien und Frankreich Spezialtruppen losschicken würden.

Die üblichen, langwierigen Verhandlungen über Lösegeld oder Gefangenenaustausch seien in diesem Fall auch für die Entführer keine Option gewesen, so Ahmed Fattani, weil die Dschihadisten der Jund Al-Khalifa auf die Schockwirkung durch die Hinrichtung setzten. Die "Erfolgsnachricht" konnte gestern mit großer Aufmerskamkeit rechnen.

Bis zu 2.000 Mann, französische und algerische Truppen, waren angeblich auf der Suche in dem Entführungsgebiet um Tizi N'kouilal, vergeblich.

Im Kampf gegen Dschihadisten im Norden Malis und im Süden Libyens hätten Frankreich und Algerien zu einer guten Zusammenarbeit gefunden und Algeriens Außenminister Ramtane Lamamra habe vor kurzem noch auf die verlässliche Sicherheit und den Ruf hingewiesen, den sich die algerische Armee bei ihren Anti-Terroroperationen erworben habe, ist in Le Monde zu lesen: "Algerien ist einer der wenigen Staaten, die es geschafft haben den Terrorismus zu besiegen."

Jetzt entdeckt man die blinden Flecken im Sicherheitsradar, wie sie der Terroristenangriff auf die BP-Erdgasförderanlage In Amenas, Anfang letzten Jahres (45 Ausländer und 150 algerische Mitarbeiter als Geiseln, Algerien: Keine Kompromisse im Kampf gegen Terroristen...), der Angriff auf algerische Soldaten in der Kabylei Ende April dieses Jahres und die Entführung vom Sonntag bloßlegen - wobei zum letzten Punkt angemerkt werden muss, dass die Kabylei seit langem berüchtigt ist für Entführungen. Seit 2005 kam es dort zu mehr als 80 Entführungen.

Mit der Entdeckung der Sicherheitslücken geht nun die erwachte Aufmerksamkeit dafür einher, dass beim üblichen Verdächtigen, der AQMI (al-Qaida im Magreb), einige Veränderungen vonstatten gegangen sind. Seit März 2014 hatte sich die Gruppe von der alten al-Qaida-Führung unter Leitung von as-Sawahiri losgesagt und sich dem al-Qaida-Ableger IS angeschlossen. Die Führung sei ausgetauscht worden, so die Beobachtung des französischen Terrorgruppenexperten Romain Caillet.

Die Gruppe Jund al-Khalifa, die sich zur Entführung und Ermordung des französischen Wanderers Gourdel bekannt hat, sei erst Ende August in der Dschihadszene aufgetaucht, berichtet die algerische Zeitung L'Expression. Sie habe einen Treueschwur auf den IS abgegeben. Als maßgeblicher Leiter der Entführung wird Khaled Abou Selmane genannt.

Laut Caillet war ein Abu Sulayman Khalid zuvor Militär-Chef der AQMI in der Kabylei gewesen. Nun wird er als Emir der Dschund al-Khalifa bezeichnet. Das läßt darauf schließen, dass die Kalifatanhänger AQMI übernommen haben.

Wie stark das Netzwerk in Algerien tatsächlich ist, bleibt aber im Dunklen, wie vieles im Antiterrorkampf Algeriens, der sich durch große Härte auszeichnet und undurchsichtige Verbindungen, deren Wurzeln zum Teil bis in den Bürgerkrieg in 1990er Jahren reichen.

Durch die Ereignisse zeigen sich auch die politischen Versäumnisse der algerischen Regierung in der Kabylei, wo sich, wie al-Watan kommentiert, die Bewohner "vom Staat aufgegeben und verraten" fühlen (vgl. dazu Algerien: In der Kabylei demonstrieren Berber dafür, dass Religion Privatsache bleiben soll).

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