Aliens und San Marino Skala

Bild: NASA, ESA, the Hubble SM4 ERO Team, and ST-ECF

Wie gefährlich ist ein Kontakt via Licht- und Radiowellen? Interstellare Büchse der Pandora? - Teil 4

Es wäre in der Tat höchst unwissenschaftlich, hochintelligenten Zivilisationen automatisch nur räuberische und mörderische Absichten zu unterstellen oder ihnen ausschließlich positive Tugenden wie Ehrlichkeit, Nächstenliebe oder Weisheit zuzuschreiben. Sollten wir dereinst ein Alien-Signal einfangen, müssen wir beide Möglichkeiten ins Kalkül ziehen. Für eine aktive Botschaft gilt dies umso mehr, weil das Entsenden einer informationsreichen irdischen Flaschenpost mit ungeahnten Risiken einhergehen könnte. Um den Gefahren- und Risikograd einer gezielten interstellaren Botschaft zu spezifizieren, entwickelten einige SETI-Forscher in Anlehnung an die Richter-Skala ein ähnliches metrisches System, dem zufolge die legendäre Arecibo-Botschaft von 1974 alles andere als ungefährlich gewesen war.

Teil 3: Könnten sie nicht gute Gründe haben, zu schweigen?

Die Angst vor dem Unbekannten, dem völlig Fremdartigen, die in der einschlägigen Literatur unter dem Namen Xenophobie firmiert, ist in der menschlichen, womöglich auch außerirdischen Psyche tief verankert. Was vor allem wir als Homo sapiens mit unseren Sinnen nicht zu tasten, zu sehen und zu hören vermögen, wirkt auf uns zeitweilig höchst bedrohlich.

Oft assoziieren wir mit dem Andersartigen, dem Unsichtbaren etwas Gefahrvolles, schlimmstenfalls etwas Todbringendes in Gestalt einer irdischen oder gar einer furchteinflößenden außerirdischen Kreatur.

Alien und Aliens

Das englische Wort "Alien" bildet sowohl sprachlich als auch inhaltlich eine Brücke zwischen dem Unbekannten sowie Fremdartigen und dem Außerirdischen. Einerseits steht das Adjektiv alien für "fremd", "fremdartig" und "ausländisch", andererseits scheint sich das Nomen ausschließlich auf ein außerirdisches Individuum respektive eine fremde Lebensform zu beziehen, ja geradezu für eine solche reserviert zu sein. So verwenden viele den Begriff "Alien" als Synonym für ET (Extraterrestrials = Außerirdische) oder ETI (Extraterrestrial Intelligence = außerirdische Intelligenz), allerdings mit einer negativeren Ausprägung.

Denn seitdem in dem amerikanischen Kino- und Science-Fiction-Gruselklassiker Alien. Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt aus dem Jahr 1979 - filmtechnisch und von der Spannungsdramaturgie her in diesem SF-Subgenre sicherlich unübertroffen - das Fremdartige und Böse seinen Meister in einer aggressiven außerirdischen Lebensform fand, assoziieren viele mit dem eigentlich wertneutralen Begriff Alien, bewusst oder unterbewusst, eine höchst feindselige extraterrestrische intelligente Kreatur, die ihren chancenlosen Opfern keine Gnade oder Mitleid zuteilwerden lässt.

Dass derart kriegerische Geschöpfe auch in der Gedankenwelt vieler seriöser Wissenschaftler und SETI-Anhänger Jahr für Jahr immer mehr an Raum einnehmen, ohne dass dabei Science-Fiction-Vorlagen eine Rolle spielen, ist ein relativ neuer Trend.

Das 1957 errichtete Lovell-Teleskop des Jodrell-Bank-Radioobservatoriums (JBO) liegt im Nordwesten Englands. Mit ihm wurden bereits mehrfach SETI-Observationen durchgeführt. Benannt wurde es nach dem englischen Astronom und Wegbereiter der Radioastronomie, Sir Bernard Lovell, der 1987 über ETI sagte: "Es ist eine Unterstellung, dass sie friedliebend sein werden - eine gefährliche Unterstellung." Bild: Anthony Holloway, Jodrell Bank

Tatsachlich prägt eine neue Qualität die gegenwärtige wissenschaftliche Debatte über Aliens, von der in akademischen Kreisen vor vier Jahrzehnten kaum einer ernsthaft Notiz genommen hatte. Im Mittelpunkt stehen dabei - wie in dem legendären Alien-Film mit seinen drei Fortsetzungsstreifen - ausgesprochen angriffslustige Wesen aus dem All, gleichwohl nur als "Denkmöglichkeit", als theoretische Gefahr, aus der aber nach Meinung einiger pessimistisch gestimmter Forscher durchaus eine reale für die Menschheit erwachsen könnte.

Ryles aggressive Außerirdische

Während das Szenarium eines Angriffs einer außerirdischen Rasse auf die Menschheit seit dem Buchklassiker "War of the Worlds" ("Krieg der Welten") von H.G. Wells (1898) eines der beliebtesten Motive in der SF-Literatur wurde, ignorierten Wissenschaftler solcherlei Gedankenspiele bis zum Jahr 1974 beharrlich. Diese Haltung änderte sich erstmals nach der Arecibo-Botschaft von Frank Drake.

Als geistiger Vorreiter trat der Radioastronom und britisch-königliche Hofastronom Sir Martin Ryle (1918-1984) in Erscheinung, der sich - kurz nachdem Drake und einige Kollegen eine auf die Schnelle selbst entworfene Nachricht zu einem 25.000 Lichtjahre entfernten Kugelsternhaufen ins All gesandt hatten - zu Wort meldete. Nachdem die Nachricht über das Piktogramm von Arecibo über die Ticker gegangen und von vielen Zeitungen sensationslüstern kolportiert worden war, schimpfte der Brite über die in seinen Augen verantwortungslose, spontane und höchst gefährliche Aktion.

Martin Ryle erhielt 1974 zusammen mit Antony Hewish den Nobelpreis für Physik. Bild: The Nobel Foundation 1974

Ryle, dem in Astronomenkreisen der Ruf vorauseilte, ausgesprochen exzentrisch zu sein, verlieh damals in einer Petition an den Präsidenten der Internationalen Astronomischen Union (IAU) seiner Sorge Ausdruck, dass das versandte starke Signal durchaus böswillige und aggressive außerirdische Zivilisationen anlocken könnte. Immerhin habe es die Position der Erde verraten und könne daher schlimmstenfalls feindlich gesinnte Aliens zu einem kosmischen Eroberungsfeldzug mit dem Hauptziel Erde ermuntern. Obwohl Ryles Aufforderung an die IAU, weitere Sendungen dieser Art per Resolution strikt zu unterbinden, seinerzeit kein Gehör fand, veränderte sich Ryles Standpunkt hierzu mitnichten:

Wir können nie wissen, ob es dort draußen feindselige oder hungrige Geschöpfe gibt, und wenn sie von uns erfahren, könnten sie vielleicht kommen und uns angreifen oder auffressen.

Abgesehen von Frank Drake, der seinerzeit im Bestreben, die Wogen zu glätten, mit Ryle den Kontakt suchte, nahmen viele SETI-Anhänger die Anmerkungen des frisch gekürten Nobelpreisträgers in Physik anfangs noch stillschweigend, später sogar mit Erheiterung zur Kenntnis.

Paradigmenwechsel und Kardinalfrage

Doch nach den beiden Cosmic Calls von 1999 und 2003 änderte sich die Situation schlagartig. Es kam zu einem Paradigmenwechsel, der in einem offenen Streit mit teilweise hart geführten Wortduellen gipfelte. Bei diesen verbalen Scharmützeln drängten mit einem Mal Fragen in den Vordergrund, die in dieser offenen Form zuvor keiner jemals zu stellen gewagt hatte und die noch heute auf Außenstehende anmuten müssen, als seien sie allesamt einem schlechten Science-Fiction-Roman entliehen. Im Zentrum des Interesses stehen vier unbeantwortete Fragen, die gelegentlich die Gemüter immer wieder erhitzen:

  1. Ist es angemessen und sinnvoll, die Initiative zu ergreifen und aktiv Radio- oder Lichtbotschaften ins All zu pulsen, um einen Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation herzustellen?
  2. Wie soll eine solche Botschaft im Idealfall aussehen? Welche Informationen soll sie enthalten?
  3. Wer soll sie formulieren? Wer spricht für die Erde?
  4. Welche Risiken gehen mit einer aktiven Suche einher?
Stephans Quintett, so der Name dieser außergewöhnlichen Galaxiengruppe, befindet sich 300 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Wie viele intelligente Lebensformen mögen die fünf Welteninseln bislang beherbergt haben? Bild: NASA, ESA, and the Hubble SM4 ERO Team

Bei diesen vier Fragen geht es nicht darum - und darauf sei explizit verwiesen -, wie eine Botschaft nach einem "First Contact" verfasst und codiert werden soll. Welches Prozedere nach dem Erhalt einer verifizierten außerirdischen Flaschenpost angedacht ist, welche abgesprochenen staatlichen und internationalen Bürokratismen und Automatismen für den Fall der Fälle greifen sollen, bevor eine Antwortbotschaft formuliert und entsandt wird, ist nicht Bestandteil der Active-SETI- und METI-Diskussionen, sondern fällt ausschließlich in den Bereich CETI.

Zur Kardinalfrage innerhalb der Active-SETI- und METI-Diskussion indes erhob sich eine, die vielmehr das gesamte Spektrum der Science-Fiction-Ängste widerspiegelt: Wie hoch ist das Risiko, dass wir feindlich gesinnten Zivilisationen via Kosmogramm nicht nur die Position der Erde verraten, sondern von uns selbst vorschnell Informationen preisgeben, die eine oder mehrere aggressiv geartete Spezies auf den Plan rufen oder eine halbwegs neutrale dazu ermuntern konnte, unser Wissen ohne eine Gegenantwort einfach zu inkorporieren?

Iván Almár links. Bild: SETILeague

Flaschenpost-Kalkulator

Um das theoretische Risiko einer aktiven Funkbotschaft abzuschätzen, schlug der ungarische Astronom Iván Almár während des sechsten "World Symposium on the Exploration of Space and Life in the Universe" im März 2005 in San Marino vor, in Anlehnung an die Richter-Skala ein ähnlich geartetes metrisches System zu entwickeln. Zusammen mit dem SETI-Forscher Paul H. Shuch, dem Vorsitzenden der SETI League, einer Vereinigung von sehr engagierten SETI-Amateurastronomen, verfasste er kurz darauf einen Aufsatz. In dem Papier initiierten und konzipierten beide Wissenschaftler die San Marino Skala, die Mitglieder der IAA "SETI Permanent Study Group" (SPSG) ergänzten sowie verfeinerten und 2007 absegneten.

Der Sinn und Zweck dieses Risikogradmessers besteht nicht darin, eingehende Funksignale, sondern ausschließlich abgesandte METI-Botschaften auf ihr Gefahrenpotenzial hin zu messen, unabhängig davon, ob es sich hierbei um einen einseitigen "irdischen" Kontaktversuch oder sogar um ein "Antwortschreiben", also eine Replik auf ein außerirdisches Signal handelt.

Bislang verfügten wir noch über kein analytisches Werkzeug, um die Auswirkungen von irdischen Sendungen ins All zu messen", betonten Almár und Shuch in ihrer 2005 veröffentlichten Studie. "Nicht alle Übertragungen haben den gleichen Gefahren- oder Risikograd.

Den Unterschied machen charakteristische Parameter wie die Stärke der Transmission (im Verhältnis zur natürlichen Hintergrundstrahlung der Erde), die Senderichtung und Sendedauer, der Inhalt der Nachricht, insbesondere die damit einhergehende Intention des Absenders. Das Bewertungsspektrum reicht von eins (keine Gefahr) bis zehn (außerordentlich hoch).

Unter Anwendung des auf der SPSG-Website abgelegten "San Marino Scale Calculator" lässt sich das Risiko jeder Sendung berechnen. Von den Werten vergangener Active-SETI-Botschaften haben aber bislang nur Insider und ausgewiesene METI-Gegner Notiz genommen. Ihnen durfte jedenfalls geläufig sein, dass die 1974 versandte Arecibo-Botschaft von Frank Drake als "tiefgreifend und weitreichend" eingestuft und mit dem San-Marino-Skalenwert 8 versehen wurde, obwohl die Flaschenpost das anvisierte Ziel, den Kugelsternhaufen M13, erst in 25.000 Jahren erreichen wird.

Wer Lust und Laune hat, kann den "San Marino Scale Calculator" hier testen.

Teil 5: Keine Furcht vor dem First Contact

(Harald Zaun)