Alle Jahre wieder …

Hubschrauberlandeplatz des Lingotto-Kongresszentrums in Turin, Veranstaltungsort des diesjährigen Bilderberg-Treffens. Foto: Jean-Pierre Dalbéra / CC BY 2.0

…treffen sich die Mächtigen dieser Welt zur Bilderberg-Konferenz. Wirklich?

Auch die legendäre Bilderberg-Konferenz ist nicht mehr das, was sie mal war. Ihre 2018er Ausgabe fand statt in Turin, in einem Hotel auf dem ehemaligen Gelände der Autofabrik FIAT. Schmucklos und beengt sollen hier die Reichen und Mächtigen dieser Welt ein Wochenende lang brennende Themen der Gegenwart und Zukunft abarbeiten.

Über vier Jahrzehnte, seit ihrer ersten Sitzung im legendären Hotel De Bilderberg in den Niederlanden, hatte diese extrem diskrete Tafelrunde niemand bemerkt. Unter der Schirmherrschaft des Prinzen Bernhard der Niederlande wurden so folgenreiche Dinge wie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft angestoßen.

Doch Ende der 1990er Jahre ging ein immer lauteres Raunen durch die Stammtische: Es gäbe da eine geheimnisvolle Runde der Superreichen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Richtlinien der Politik bestimmen würden. Im Internet-Zeitalter gab es dann kein Halten mehr. Heute sind die Bilderberg-Treffen in aller Munde.

Der Verlust der Heimlichkeit hat der Bilderberg-Runde nicht gutgetan. Bereits die Liste der Teilnehmer jener vermeintlichen Artus-Runde der letzten zehn Jahre zeigt deutlich: Hier tummelt sich schon lange nur noch die zweite oder dritte Garnitur der Machtträger auf diesem Globus. Multimilliardäre mit Visionen (wie seltsam diese auch sein mögen) wie George Soros, Jeff Bezos, Bill Gates oder der bizarre Richard Branson bleiben den Bilderbergern fern.

Stattdessen: farblose "Domestiken der Superreichen" und sogar deren Unterlinge. Da sitzt die Meinungsforscherin Renate Köchel aus Allensbach neben Albert Rivera von der spanischen Partei Ciudadanos. Ach ja, ein paar Urgesteine aus besseren Tagen sind auch noch dabei, wie z.B. der hochbetagte Meisterstratege Henry A. Kissinger oder der hochdekorierte Vier-Sterne-General und ehemalige CIA-Chef David Petraeus. Dann das Milliardärs-Ehepaar Marie-Josée und Henry Kravis, die den Bilderbergern als Organisatoren und Sponsoren seit Jahren verbunden sind.

Und die Themen? Hier dreht sich ein bunter Reigen: Herausforderung durch Ungleichheit, Rechtspopulismus, die Zukunft der Arbeit, die USA vor den Zwischenwahlen von Senat und Abgeordnetenhaus im Oktober, die Zukunft des freien Handels oder kryptisch: "Die Welt nach der Wahrheit (post-truth)". Wenig wahrscheinlich, dass ein solches Bouquet von aktuellen Themen in drei Tagen abgehandelt werden konnte.

Obendrein wollte man noch über "Russland" reden (ein russischer Gast ist allerdings nicht eingeladen); über die Weltherrschaft der USA, über Künstliche Intelligenz und Quantencomputer, und schließlich noch über die delikate Beziehung Saudi-Arabiens zum Iran.

Alles spricht dafür, dass die letztgenannten drei Themen die Bilderberg-Konferenz 2018 beherrschen. Denn zu Russland haben auffällig viele Teilnehmer eine delikate Beziehung. Das fängt an mit der deutschen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Überflüssig zu betonen, wie oft die Ministerin die russische Gefahr heraufbeschworen und wie sehr sie sich die Erfüllung des Zieles, den Rüstungsetat auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erfüllen, zu eigen gemacht hat.

Und da finden wir auch den NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Die NATO hat bekanntlich die Gangart gegenüber Russland markant verschärft. Erschreckend ist im Augenblick noch gar nicht mal so sehr die pure Quantität des NATO-Aufmarsches an der Westgrenze Russlands, sondern vielmehr das Tempo der Beschleunigung.

Im Jahre 2016 wurden 1000 Soldaten in das Baltikum und nach Polen entsandt. In diesem Frühjahr sind bei dem NATO-Manöver Saber Strike vor der russischen Haustür bereits 18.000 Soldaten beteiligt.

Insgesamt sind an NATO-Manövern im Baltikum und Polen 12.000 Bundeswehr-Soldaten beteiligt - dreimal mehr als noch im Vorjahr. Und schon in diesem Herbst werden im Manöver Trident Juncture 40.000 Soldaten, davon 8.000 Soldaten der Bundeswehr, an der russischen Grenze ihre Einsatzbereitschaft erproben.

Dieses Säbelrasseln an Russlands Grenzen spiegelt sich in der Bilderberg-Konferenz 2018, die bellizistisch geprägt ist wie wohl kaum eine Bilderberg Konferenz seit dem Kalten Krieg. Geladen sind Politiker aus dem Baltikum, aus Polen, und mit Ana Brnabic sogar die serbische Regierungschefin. Wolfgang Ischinger, der Geschäftsführer der Münchner Sicherheitskonferenz ist auch anwesend.

Der transatlantische Thomas Enders (zunächst rascher Aufstieg über Atlantikbrücke, jetzt schon viele Jahre festgenagelt als Airbus-Chef) hat mit seinem Senkbleiflugzeug, dem Truppentransporter AM-400M, allerdings augenblicklich nicht viel zu bieten. Trotzdem darf er dabei sein. Dazu stößt vorsichtshalber auch noch der Ire Eamonn Brennan, der Chef der Luftfahrtbehörde Eurocontrol, zuständig für die zivile und militärische Koordination des Luftraums in Europa.

In dieses bellizistische Gruppenbild mit Damen (es sind diesmal so viele Frauen dabei wie noch nie zuvor) passt Nadia Schadlow, die für kurze Zeit Präsident Trumps Assistentin und stellvertretende Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates der US-Regierung gewesen ist. Ihr Chef und Mentor im Nationalen Sicherheitsrat war General Herbert Raymond McMaster, dem die Öffentlichkeit zuschrieb, dass er auf den Brausekopf Trump mäßigend einwirken könnte.

Als McMaster durch den allseits gefürchteten Hardliner John R. Bolton ersetzt wurde, trat auch Nadia Schadlow von ihrem Amt zurück. Es wäre absolut fahrlässig, aus ihrem Rücktritt eine moderate Haltung ableiten zu wollen. Sie bereitete schon in den 1990er Jahren im Pentagon die heute gültige Strategie für die Ukraine vor. Sie ist Mitautorin der National Security Strategy 2017. Als Vollmitglied im Council on Foreign Relations sowie im Defense Policy Board gehört sie zu den politischen Schwergewichten in Washington.

Eher als Propagandistin und Lobbyistin denn als Politikerin profiliert sich Anne Applebaum. Nach einem grandiosen Abschluss summa cum laude an der Eliteuniversität Yale reüssierte Applebaum mit geopolitischen Artikeln in allen einschlägigen Mainstream-Medien von Economist bis New York Times. Unermüdlich trommelt sie für die Lobbyorganisation Center for European Policy Analysis, CEPA. Finanziert wird CEPA u.a. von Bell Helicopter, Boeing, Lockheed Martin, Raytheon, Sikorski Aircraft, der Smith Richardson Foundation sowie dem Pentagon.

Ihr Ehegatte Radoslaw Sikorski darf ebenfalls nicht fehlen in der olivgrünen Bilderberger-Gruppe 2018. Sikorski war schon als Schüler bei Solidarnosc aktiv, studierte in den 1980er Jahren in England, wo er Zugang fand zu raubeinigen elitären Jungmännerverbindungen, die dem exzessiven Genuss geistiger Getränke sehr zugeneigt waren.

Persönliche Freundschaften verbinden ihn seitdem u.a. mit dem amtierenden britischen Außenminister Boris Johnson. Im Jahre 2002 wurde er Direktor der New Atlantic Initiative im neokonservativen Thinktank American Enterprise Institute.

Die Aufnahme in solche Netzwerke erleichterte Sikorski den Aufstieg in Regierungsämter, zunächst ab 2005 als polnischer Verteidigungsminister, dann bis 2014 als Außenminister. Es überrascht wohl kaum, dass er sich als Regierungsmitglied vehement für die Installierung US-amerikanischer Abwehrraketen auf polnischem Territorium einsetzte, und deren Installierung 2010 in Krakau mit Hillary Clinton feierlich besiegelte.

Dennoch ist die transatlantische Harmonie ein wenig getrübt, seitdem die Aufzeichnung eines Telefongesprächs Sikorskis mit einem nicht genannten Partner geleakt wurde, in der Sikorski den Schutz durch die NATO als trügerisch einstufte, denn: "Wir geraten mit Deutschland und Russland in Konflikt und denken, dass alles super ist, nur weil wir den Amerikanern einen geblasen haben …Das Problem in Polen ist, dass wir einen zu flachen Stolz und eine zu geringe Selbsteinschätzung haben … So ein Negertum!"

Um die Funktionsweise von Quantencomputern wirklich verstehen zu können, muss man wohl fortgeschrittene Kenntnisse der theoretischen Physik und Mathematik erworben haben.

Quantencomputer, wenn sie denn einmal funktionstüchtig sind, arbeiten nicht mehr auf der binären Logik von 1 und 0, von "An" und "Aus". Sondern irgendwo dazwischen oder auch beides gleichzeitig. Wie das geht, erklärt der in Kalifornien lebende deutsche Chefentwickler von Google, Hartmut Neven1, seinem Publikum bei der Bilderberg-Konferenz.

Denn während Neven uns einfachen Leuten vor allen Dingen die Vorzüge in der Entwicklung von Batterien schmackhaft macht, ist längst klar, dass sich für machtbewusste Strategen die Büchse der Pandora auftut. Der Abstand zwischen Regierenden und Regierten, der jetzt bereits erschreckende Ausmaße angenommen hat, könnte sich noch einmal epochal vergrößern.

Zu den Verschlimmbesserungen gehören "Quantensprünge" in der Gesichtserkennung, Spracherkennung, Lösung komplexer Probleme, automatisierte Lenkungssysteme in Verkehr, Allokation, um nur einige Aspekte zu nennen. Und welche Macht zuerst Quantencomputer in ihre Rüstungssysteme einbindet, könnte vielleicht sogar andere Mächte damit in die Knie zwingen. Aus diesen Gründen hat ein hektischer Wettlauf eingesetzt, an dem sich Google, die NSA, das Pentagon, Russland und last but not least China beteiligen.

Dazu passt noch Klaus Kleinfeld, früher Top-Manager bei Siemens, dann beim US-Aluminiumriesen Alcoa, zuletzt beim US-Konzern Arconic. Im Herbst 2017 sah man ihn plötzlich in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman auftreten. Es geht um ein futuristisches Megaprojekt: eine ultramoderne Großstadt namens Neom soll aus dem Wüstensand an der Küste des Roten Meeres, gegenüber der ägyptischen Ferienressorts Sharm-El-Sheik und Dahab entstehen.

So groß wie Mecklenburg-Vorpommern und mit einem Etat von 500 Milliarden Dollar. Und Neu-Bilderberger Klaus Kleinfeld soll das Projekt als Geschäftsführer umsetzen. Die Mega-City Neom soll quasi mit einem Handstreich alle Probleme der Menschheit lösen. Hundert Prozent nachhaltige Energie aus Solar und Wind.

Alle stumpfsinnigen Arbeiten werden von Computern und Robotern ausgeführt. Kaufmärkte wird es nicht mehr geben, denn Roboter liefern alles Gewünschte frei Haus. Nur gesunde und schöne Menschen leben hier, mit dem nötigen Geldbeutel. Rechtlich entsteht eine Sonderzone, so dass Frauen hier mehr als nur Auto fahren dürfen und keine Köpfe oder Hände mehr auf dem Marktplatz nach schöner alter salafistischer Sitte abgehackt werden.

Es soll Religionsfreiheit herrschen. Und so will der junge Prinz aus feudaler Selbstherrlichkeit heraus Saudi-Arabien aus dem Mittelalter direkt in den real existierenden Futurismus führen. Nebenan in Ägypten wird ebenfalls eine neue Hauptstadt gebaut. Hier soll allerdings das Volk hungern, um die neue gated community zu ermöglichen.

Aber zunächst einmal muss der Iran, unter anderem über den Völkermord im Jemen, gebührend in seine Schranken gewiesen werden, um Luft zu schaffen für die ehrgeizigen Pläne des saudischen Kronprinzen. Die Option, 500 Milliarden Dollar in die Hand zu nehmen, um zuerst die ramponierte Umwelt und die vernachlässigten Städte wieder zu reparieren und eine angemessene soziale und kulturelle Infrastruktur aufzubauen, erscheint in diesen Kreisen offenbar als viel zu langweilig und spießig.

Es wird nichts beschlossen in Turin bei der dritten Liga der Weltmächtigen. Es wird uns gewiss kein Paradigmenwechsel entgangen sein. Aber man kann aus den uns zugeworfenen Informations-Knochen doch erkennen, wie diese Szene der selbsterklärten Elitemenschen tickt.

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