"Alle finden das toll"

Kathrin Hartmann über die "Green Economy" und ihre Folgen

Mit der Green Economy und der damit verbundenen Ideologie des politisch korrekten Einkaufens wird suggeriert, man könne durch den Kauf teurerer Produkte den ökologischen Umbau der Gesellschaft fördern. Kathrin Hartmann hat sich für die Recherchen zu ihrem Buch Aus kontrolliertem Raubbau an ein paar Orte begeben, wo die hochgelobten Produkte dieser Wirtschaftsweise hergestellt werden - und sie hat herausgefunden, dass diese genau zu gegenteiligen Effekten führen kann.

Frau Hartmann, insbesondere die Grünen haben den Begriff der Nachhaltigkeit bis an die Grenzen der Religion ideologisiert und legitimieren bereits potentielle Militäreinsätze damit. Können Sie uns erklären, wie es dazu kommen konnte?
Kathrin Hartmann: Der Begriff "Nachhaltigkeit" ist derart schwammig, dass man darunter alles subsumieren kann. Er bedeutet eben nicht globale soziale und ökologischen Gerechtigkeit, um die es mir geht, sondern schlicht und einfach Besitzstandswahrung und Systemerhalt. Letztlich verwenden den Begriff so auch die Grünen, die zu einer Partei der wohlhabenderen Mittelschicht geworden sind. Beim Bio-Sprit, den sie mit auf den Weg gebracht haben, handelt es sich ja mitnichten um eine Bekämpfung der Ursachen des Klimawandels.
Er steht für eine Umweltpolitik mit geopolitischen Interessen, wie sie auch die aktuelle Regierung verfolgt, die am Ende einer langen Kette von Zerstörung an den Symptomen herumdoktert, um gleichzeitig das System des Wirtschaftswachstums zu erhalten und den Rohstoff- und Energienachschub zu sichern. Insbesondere bei Bio-Sprit geht es nicht um eine andere Mobilität, sondern darum, die Abhängigkeit vom Erdöl zu verringern. Und weil dieser Nachhaltigkeitsbegriff so unglaublich schwammig ist, könnte man eben auch Militäreinsätze damit begründen. Schließlich lässt sich damit ja auch Regenwaldzerstörung und Landraub rechtfertigen.
Sie kritisieren in ihrem Buch die Nachhaltigkeitsindustrie sowie den Bio-Hype, die ihren Ausführungen zufolge genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie propagieren. Was sind die konkreten Folgen des grünen Wohlfühlkapitalismus?
Kathrin Hartmann: Je problematischer die Gewinnung eines Rohstoffs oder die Herstellung eines Produkts ist, desto mehr braucht und bekommt es ein Unbedenklichkeitszertifikat. Ich habe für mein Buch in Indonesien recherchiert und versucht, das nachhaltige Palmöl zu finden, das hier mit dem RSPO-Siegel verkauft wird. Diese nachhaltige Produktion von Palmöl gibt es schlicht und einfach nicht. Der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl ist eine vom WWF mitinitiierte Industrie-Initiative mit mittlerweile 2500 Mitgliedern, von denen der allergrößte Teil aus der Industrie selber entstammt, also Palmöl-Hersteller und ihre Abnehmer sowie Konsumgüterproduzenten wie Unilever, der mit 1,5 Millionen Tonnen im Jahr der größte Palmöleinzelverbraucher der Welt ist.
Resultat dieses Runden Tisches sind nicht nur extrem lasche Nachhaltigkeitskriterien, gegen die die Mitglieder obendrein regelmäßig verstoßen: Brandrodung, illegale Abholzung und Vertreibung von Indigenen und Kleinbauern sind nach wie vor an der Tagesordnung, auch bei RSPO-Mitgliedern. Das ist der beste Beweis für den Unsinn der Green Economy, weil Wachstum, zum Beispiel von Palmölplantagen immer auch Umweltzerstörung, Vertreibung und Ausbeutung bedeutet.
Die Leute dort wollen dementsprechend gar keine Nachhaltigkeits-Siegel, sondern sie wollen ihren Wald zurück und Landrechte - das liegt aber wiederum nicht im Interesse derer, die Palmöl gewinnen wollen, denn Ölpalmen wachsen nun mal nur da, wo vorher der Regenwald stand. Die Macht-, Besitz- und Ausbeutungsverhältnisse bleiben also auch im grünen Kapitalismus dieselben. Und bei Bio ist es natürlich ein Unterschied, ob das Zeug für den Export und das gute Gewissen westlicher Wohlhabender bestimmt ist wie zum Beispiel Shrimps, Kaffee oder Bananen, oder ob mit dem Sigel beispielsweise der Kampf der Kleinbauern für solidarische, selbstbestimmte und agrarökologische Landschaftwirtschaft und Ernährungsunabhängigkeit unterstützt wird, für den sich die Bewegungen des Südens einsetzen.
Kathrin Hartmann. Foto: © Stephanie Füssenich / Blessing Verlag
Welche Akteure sind am Green New Deal beteiligt und wie profitieren sie davon?
Kathrin Hartmann: Letztendlich sind alle daran beteiligt, die Teil des Systems sind: Von globalen Konzernen, der EU, den Vereinten Nationen, bis hin zu den westlichen Staaten und Regierungen der Entwicklungsländer, Entwicklungsorganisationen, unternehmensfreundliche Naturschutzmultis wie der WWF, die Weltbank, FAO und Teile der UN . Bei all diesen Problemen dreht es sich ja um Machtfragen, weil sich ökologische von sozialen Fragen nicht trennen lassen. Das grüne Wachstum hat die Botschaft, es kann weiter gehen so wie bisher. Es suggeriert, dass das System völlig in Ordnung sei, als müsste man nur "Auswüchse" durch "nachhaltigen" Konsum und neue Technologien wie Biosprit korrigieren. Der imperiale Lebensstil ist darin nicht verhandelbar. Die grünen Daniel Düsentriebe sollen die Welt retten.
Bei Inszenierungen wie zum Beispiel der Verleihung des "Deutschen Nachhaltigkeitspreises" bestätigen sich die Akteure, zu denen neben Konzernen wie Henkel, Unilever, Volkswagen und ihren Lobbyverbänden auch die Bundesregierung gehört, gegenseitig, dass dies der richtige Weg ist. Es sind Institutionen des Systems, die es gar nicht ändern wollen.
Dazu gehört zum Beispiel auch die "Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit" (GIZ), die staatlich finanziertes Greenwashing betreibt: sie hilft dem deutschen Konsumgüterherstellern mit dem "Forum nachhaltiges Palmöl" dabei, nur noch RSPO-zertifiziertes Palmöl zu kaufen - aus kontrolliertem Raubbau sozusagen. Letztlich ist die Kooperation dieser Organisationen und der Politik mit der Privatwirtschaft, die in Public Private Partnerships auch in der Entwicklungshilfe zusammenarbeiten, institutionalisierte Verantwortungslosigkeit.
Gibt es irgendeinen Zweig in der Industrie, der derlei kritisiert und ablehnt?
Kathrin Hartmann: Nein, alle finden das toll, besonders die großen Konzerne und das ist ja auch kein Wunder, wenn man sich zum Beispiel das diesjährig erstnominierte Unternehmen für den "Deutschen Nachhaltigkeitspreis" ansieht: Es ist die BASF. Zu den Sponsoren gehören Volkswagen und der Verband der deutschen Automobilindustrie, Schirmherrin ist die "Klimakanzlerin". Ich bin oft überrascht, wie kritiklos das alles so durchgehen kann. Aber es klingt halt so schön beruhigend, dass ausgerechnet die Zerstörer jetzt die "Guten" sind.
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