Alle wollen es doch so!.. Kitschig

..oder vielleicht doch nicht?

Franz Grillparzer bemerkte, "Eine Reise ist ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände." In treuem Glauben an diesen Sinnspruch begebe ich mich oft auf Reisen.

Eventuell hat Grillparzer vergessen den obligatorischen Zusatz, "zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Apotheker" anzufügen. Denn viele meiner Reisen verwirren mich mehr und mehr. Geheilt fühle ich mich immer noch nicht, eher extrem kitschgeschädigt.

Reisen bildet

Neulich in Athen, von Langeweile geplagt, das ewige Werbefernsehen und das stille Netsurfen satt, erinnerte ich mich an meine Schulzeit in Aachen, als das Radio meine Hausaufgaben musikalisch untermalte.

Ich hatte einfach genug von Klingeltonwerbungen, Boulevard TV, gestellten Doku-Soaps und all den Segnungen der Programmvielfalt.

Ich suchte die Sender ab. Allerdings kamen meist nur Ansagen über den Äther, die sich irgendwie glichen:

"Meine sehr verehrten Damen und Herren, heute haben wir die große Freude, Ihnen den letzten Schrei der Musik..."
"Wir haben die besten Songs, die neuesten Hits..."
"Die besten Hits, nur bei uns...."

Das Ganze wurde begleitet von einer Aneinanderreihung mehr oder weniger erfolgreicher Versuche stimmlich mittelmäßig begabter Interpreten, zu einem Bauchtanzrhythmen hin und wieder mal eine Note so zu treffen, dass eine Melodie erkennbar war. Bauchtanz ist an sich etwas Feines und auch für Hochschulgruppen interessant. Aber muss es den ganzen Tag sein? Ich begann mich zu fragen:

Wo bleibt die Kultur?

"Was um alles in der Welt hat Griechenland so verändert? Was hat die einst so kulturelle Nation in einen Haufen Kitschjunkies gemacht?"

Ich dachte an den Geschichts- und Griechischunterricht in der Schule, an Sokrates, Platon, Aristoteles und Xenophon.

Ich erinnerte mich an Konzerte von Theodorakis in überfüllten Hörsälen der TH Aachen, an Fernsehdokumentationen über den Dichter Jannis Ritsos und an Giorgos Seferis.

Ist Kitsch so gut?

Gut, Kultur ist nicht alles, aber muss deshalb nur Kitsch gesendet werden?

Ich beschloss der Sache auf den Grund zu gehen und rief ganz frech die Pressestelle eines Radiosenders an. Ich bat die freundliche Dame am anderen Ende der Leitung um eine Auskunft über die Gründe der Programmgestaltung.

Das verkauft sich gut. Alle wollen das! Je mehr wir davon bringen, umso besser die Einschaltquoten, die wir von der AGB, der griechischen Medienstatistik, erhalten. Und je besser die Einschaltquoten, umso mehr verdienen wir. Noch Fragen?

Ich versuchte einen Einwand vorzubringen, denn mir war gerade eingefallen, dass in den Werbeunterbrechungen der Radiosender oft Evergreens eingespielt werden. Ich wollte aufschreien, nachfragen und ....

Aber die Leitung war tot. Aufgelegt.

Aber es war egal. Die Kitschmusik verfolgte mich. Auch ohne Radio. Auch ohne die kleineren Fernsehsender, die ihre Kasse offensichtlich mit der Dauerwiederholung auserlesener Musikvideos füllen.

Same procedure as last hour?

Es kommt in Griechenland oft vor, dass diese Spartensender das gleiche Musikvideo eines gerade aktuellen Künstlers innerhalb einer Sendestunde bis zu acht mal wiederholen.

Auch hier habe ich versucht der Sache auf den Grund zu gehen.

Mir wurde erklärt, dass entweder die Künstler selbst, deren Manager oder die Produzenten die Sender mittels geldwerter Gegenleistung für die Dauerberieselung entschädigen.

Die gleiche Dauerberieselung verfolgt einen, sobald man ein Fenster öffnet, das Haus verlässt oder einfach an einer Ampel oder im Stau steht.

Selbst Geschäftsleute beschallen ihre Gäste neuerdings mit der populären Tanzmusik statt mit Easy-Listening.

Es hat alles seinen tieferen Sinn...

Die Songtexte haben sicherlich einen tieferen Sinn, der sich mir aber nicht erschließt: Refrains wie:

Ich hatte ein Herz so groß wie der Äquator,
und Du hast es zertrennt es wie ein Bürgerkrieg

erheitern die Griechen offenbar ebenso wie "Ich hab die Haare schön" die gesamte deutsche Musikwelt bis auf Dieter Bohlen erobert hat.

Zurück nach Athen, wo der folgende Refrain mich tief beeindruckte. Ich fühlte mich in den Deutschunterricht der Mittelstufe versetzt, als Nietzsche mich zum Staunen brachte:

Denke nicht schlecht über den Betonmischer,
denn er gibt uns Nahrung

Kitsch ist Kult!

Ist das eventuell sogar schon Kunst? Ist in unserer Zeit des Kults Kitsch gar der Megakult? Gilt der Spruch, "Kitsch rules". Oder ist der Kitsch nur ein Ergebnis einer "Geiz ist geil" - Einstellung der Industrie?

Der Ausdruck Kitsch an sich ist doch das Synonym für billige, effekthaschereiartige Kunst.

Bei der Beurteilung eines Kitschprodukts werden meist zwei Kategorien unterschieden. Zur ersten Kategorie zählt die auf Kommerz ausgerichtete Billigware.

Es gibt aber auch Produkte, die für unsere Kulturkreise als Kitsch erscheinen in ihrem Ursprungsland aber zur Kunst zählen. Diese zweite Kategorie wird meist milder beurteilt. Denn wer kann reinen Gewissens die farbenfrohen Trachten der Chinesen oder der Inder mit Billigprodukten vergleichen?

Die Trennlinie zwischen Kunst und Kitsch ist oft sehr schmal, im Fall der Musik ist sie besonders schmal.

Gerade in südlichen Ländern existiert eine große Variation verschiedener Musikstile. Es steht außer Frage, dass über Geschmack nicht streiten sollte. Die traditionelle volkstümliche Musik der Epirus-Griechen mit ihren lang gezogenen, recht langsamen Melodien klingt nicht nur für die meisten europäischen Ohren seltsam, auch Insel-Griechen bevorzugen fröhlichere, schnellere Melodien.

Dies ist in Deutschland nicht anders, ein Bayerisches Volkslied ist in den meisten Hamburger Kneipen sicherlich ein Rausschmeißer, während umgekehrt plattdeutsche Lieder vom Nordseestrand beim Münchner Oktoberfest kein Klatschen sondern eher Watschn auslösen würden.

Die Madonna von Milo und die griechische Pam

Sicher gibt es viele, die fremdartige Musik als kitschig betrachten. Die meisten davon werden allerdings ihre Meinung ändern und den wahren Kitsch erkennen, wenn sie folgenden Liedtext hören, der lustig am besagten Nachmittag aus meinem Athener Radio klang:

Auf den Felsen von Alonisos
Fand ich deine Hose
Im schönen Kastella
Shorts und Unterhemd
Im schönen Giannena
Sportschuhe
Und im lustigen Patras
Die rote Kravatte...

Das gesamte Lied, im Original voller Schüttelreime, endet, nachdem die Vortragende alle möglichen und unmöglichen Kleidungsstücke ihres Liebsten quer durch Griechenland aufgelesen hat mit dem sinnvollen Spruch:

Und mit wird schwindelig, weil ich weiß Du ziehst umher
Nackt durch Griechenland, das quält mich sehr.

Das Lied findet sich auch auf einer CD mit dem aufreizenden Titel, "Nackt in Griechenland", die Interpretin, Efi Sarri sieht aus, wie eine griechische Pamela Andersson. Was Bohlen dazu wohl sagen würde?

Die Radiosender jedenfalls bestehen darauf: "Das ist es, was die Leute wollen, das verkauft sich gut!"

Kann Werbung irren?

Wenn das zutrifft, dann Frage ich mich, warum die meisten der Griechischen Zeitungen und Zeitschriften in der Wahl der CD oder DVD Beilagen regelmäßig auf Rembetiko Musik zurückgreifen. Wobei die verkauften Auflagen offensichtlich so gut sind, dass die Beilagenserien, immer wieder als "Anthologie des Rembetiko" oder "Goldene griechische Hits" wiederholt werden. Der gleiche Musikstil, Rembetiko, wird mehr und mehr dazu benutzt, die Werbungen griechischer Unternehmen zu untermalen.

Entweder irren sich die Werbetexter, oder die Produzenten der Rundfunksender.

Oder gibt es eine bessere Antwort? Kann es sein, dass die mittlerweile globalisierte Musikindustrie bestimmt, was die Menschheit hören will?

Im Mutterland aller Medientrends, gibt es unter anderen eine Madonna, eine Britney Spears, einen Michael Jackson, eine Christina Aguilera und einen Eminem.

Diese Künstler haben einen jeweils eigenen Stil geprägt, sie haben es geschafft über Jahre Verkaufsgaranten für ihre Produzenten zu sein. Sie haben offensichtlich jeweils ein Erfolgsrezept. Was liegt da näher, diese Erfolgsrezepte auch im Ausland zu kopieren?

Kolonialisierung der Kultur?

Haben nicht die ersten Kolonisten Glasperlen und billigen Modeschmuck nach Amerika gebracht? Ist dies vielleicht die Antwort Amerikas an das "Alte Europa"?

Ebenso wie die Glasperlen nur eine nahezu wertlose Kopie der Diamanten der Kolonisten waren, kann man in Griechenland, Deutschland, aber auch in einigen arabischen Staaten sowie in den meisten nicht englischsprachigen Ländern mehr oder weniger gelungene Kopien von Madonna, Eminem oder Jennifer Lopez.

Während die großen Vorbilder, ihre Eskapaden hinsichtlich Kleidung, Auftreten oder Religionen meist als Spleen hinter ihren beachtlichen künstlerischen Leistungen verstecken, dienen zumindest die meisten griechischen Kopien offenbar nur als wandelnde Kleiderständer.

Ein positiver Nebeneffekt für die Industrie ist der steigende Bedarf an den modischen Accessoires, der die Eleni von nebenan in Nullkommanichts in eine erfolgreich trällernde Helena verwandelt.

Euro- und andere Visionen

Und wenn es wie 2004 und 2005 auch mit guten Platzierungen beim Eurovision Song Contest klappt, dann können die neuen griechischen Stars auch als Puppen - Made in China, auf T-Shirts, Untertassen, Unterhose und Bettwäsche vermarktet werden. Wenn es, wie 2006 mal nicht klappt, war bestimmt eine böse Verschwörung im Ausland schuld.

CDs, mp3-downloads oder Klingeltöne kann man in Griechenland immer verkaufen. Hauptsache, die DJs der Nachtclubs spielen das entsprechende Lied ebenso oft wie die Rundfunkstationen.

Der Erfolg eines Künstlers hängt nicht mehr davon ab, wie gut er seine Kunst interpretiert. Neben gutem, sexy Aussehen benötigen die Künstler nur noch eine gute Portion schauspielerisches Talent. So können sie dermaßen überzeugt von sich selbst auftreten, dass auch der kritischste Zuschauer glauben muss, dass "Das wollen die Menschen sehen und hören, das verkauft sich!" gilt.

Alljährlich werden außerdem von den Rundfunkstationen, die praktischerweise auch eigene Plattenlabels haben, "Preisverleihungen" ausgerichtet. Wer nicht gut schauspielern kann, würde bei derartigen Selbstbeweihräucherungen sicher rot werden.

Im Vergleich zwischen Griechenland und Deutschland fällt auf, dass die hier so beliebten "Zickenkriege" in Griechenland nur im Notfall ausgetragen werden. Der Notfall tritt immer dann ein, wenn entweder die Verkaufszahlen einer CD oder aber die Einschaltquoten einer "Deutschland sucht den Superstar" - Kopie sinken.

Die griechische Version von Kaya Yanar, der Satirekünstler Tzimis Panousis, diagnostizierte den durchschnittlichen Griechen wie folgt:

Ich springe in Abflüssen mit Bildern
meine Brust stärke ich mit Hormonen
Ich will werden wie die Amerikaner
Doch insgeheim mag ich Mitropanos.

Jeder, der die Schlussfeier der Olympischen Spiele von Athen 2004 gesehen hat, kann sich ein Bild vom Zustand der griechischen Musik bilden.

Viele Griechen, die ich auf der Strasse zu dem Thema befragte sind heute, mehr als zwei Jahre danach immer noch verstört, empört und entsetzt über die musikalische Darbietung die zum Abschluss der Spiele geboten wurde.

Während bei der Eröffnungsfeier kulturell anspruchsvolle Darbietungen in alle Welt übertragen wurden, endete die Schlussfeier mit einem musikalischen Potpourri der Athener Nachtklubmusik.

Reisen bildet, aber Vorsicht...

Sollten Sie auch einmal reisen, eventuell auch nach Athen, vergessen Sie nicht Eulen mitzubringen und denken Sie bevor sie mit dem Wörterbuch in der Hand das Radio einschalten oder vor einem Nachtklubbesuch daran, zu Risiken und Nebenwirkungen den Arzt oder Apotheker zu fragen.

Gute Unterhaltung! (Karl Wassilios Aswestopoulos)

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