Alleinlebende haben höheres Sterberisiko im mittleren Alter

Während eine Studie ein erhöhtes Risiko bei Alleinlebenden sieht, führt eine andere das höhere Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko auf Einsamkeit zurück, die es auch bei Paaren gibt

Letzte Woche legte das Statistische Bundesamt die neuesten Daten über die Alleinlebenden in Deutschland vor. Zu dieser Bevölkerungsgruppe gehören mittlerweile fast 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Zahl der Alleinlebenden ist in den letzten Jahren stark gestiegen und wird dies weiterhin tun, während die Lebensformen Familien, inklusive Alleinerziehende, ebenso stetig wie Paare ohne Kinder abnimmt (Tendenz zum Alleinleben, Anteil der Familien schrumpft). Alleinlebend bedeutet allerdings nicht, dass es sich um Singles handeln muss, es können auch Partner einer Beziehungen nicht zusammen, sondern in unterschiedlichen Haushalten leben. Das dürfte auch wichtig hinsichtlich einer vor wenigen Tagen online in den Archives of Internal Medicine erschienene Studie sein, die allgemein feststellte, dass Alleinlebende ein höheres allgemeines Todesrisiko und insbesondere ein höheres Risiko haben, an Herzkreislauf-Erkrankungen zu sterben. Eine weitere, ebenfalls in den Archives veröffentlichte Studie, belegt, dass die Alleinlebenden, die sich unglücklich und einsam fühlen, schneller krank und gebrechlich werden.

Für die Studie haben Wissenschaftler der Harvard Medical Study eine Langzeitstudie im Hinblick auf Alleinlebende ausgewertet. Für die Studie wurden fast 45.000 Patienten, die an Atherothrombose litten und über 45 Jahre alt waren, von Ende 2003 bis Ende 2004 in 44 Ländern erfasst und dann vier Jahre lang beobachtet. Fast 8.600, 19 Prozent, waren alleinlebend. Bei diesen zeigte sich, bereinigt nach Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf, ethnischer Herkunft, Rauchen, Fettleibigkeit, Vorerkrankungen etc., ein höheres Sterberisiko als bei den übrigen Partizipanten der Studie (14,1 gegenüber 11,1 Prozent), das Risiko, an Herz-Kreislauferkrankungen zu sterben, lag mit 8,6 gegenüber 6,8 Prozent auch höher.

Das erhöhte Sterberisiko sinkt mit zunehmenden Alter - von 8,6 vs. 6,8 Prozent bei den 45-65-Jährigen auf 13,2 vs. 12,3 Prozent bei den 66-80-Jährigen - und kehrt sich sogar um, ab 80 Jahren liegt der Anteil bei den Alleinlebenden höher als bei denen, die zusammen mit anderen leben. Die Alleinlebenden hatten öfter mehrere Risikofaktoren, allerdings waren sie auch öfter über 80 Jahre alt, da mit zunehmenden Alter die Zahl der Alleinlebenden durch den Tod des Partners wächst. Auch der Anteil der alleinstehenden Frauen nimmt, wie man erwarten sollte, im Alter zu.

Bei den jüngeren alleinlebenden Menschen, bei denen das Todesrisiko höher ist, könnte entweder hinter den Herz-Kreislauferkrankungen oder den daraus resultierenden Todesraten die Folgen sozialer Isolation stecken, vermuten die Wissenschaftler. Alleinleben schlägt sich, zumindest bis zum Alter von 65 Jahren, bei Manchen auf die Gesundheit nieder. Ursache könnten, wobei die Wissenschaftler auf andere Studien verweisen, ein aus der sozialen Isolation und/oder beruflichen Situation entstehender höherer emotionaler Stress oder eine Haltung sein, weniger auf seine Gesundheit zu achten. Bei älteren Menschen könnte Alleinleben eher die Norm sein, wer es als Alleinlebender schafft, 80 Jahre und älter zu werden, der dürfte, kommentieren die Wissenschaftler, auch gelernt haben, unabhängig und gesund zu leben.

Für die zweite Studie befragten Geriater der University of California in San Francisco 2002 - und dann alle zwei Jahre bis 2008 - 1.604 Menschen - im Alter von 60 Jahre und mehr, wie oft sie sich einsam oder ausgeschlossen fühlten oder ihnen Gemeinschaft mit anderen fehlte. Die Auswahl der Teilnehmer war repräsentativ, allerdings waren 81 Prozent Weiße, 59 Prozent Frauen und 75 Prozent verheiratet. Wer "kaum jemals" auf alle drei Fragen antwortete, galt als nicht einsam, wer eine der Fragen mit manchmal oder öfter beantwortete, wurde als einsam eingestuft. Erfasst wurde während der Zeit, ob jemand starb oder wie stark alltägliche Aktivitäten (Baden, Anziehen, Essen etc.), Treppensteigen, allgemeine Mobilität oder Betätigung der Hände und Arme durch körperlichen Abbau eingeschränkt wurden. 18 Prozent der Befragten lebten allein. Die Studie ist eigentlich interessanter, da natürlich auch Menschen, die nicht allein leben, sich einsam fühlen können. Die Hypothese der Studie ging davon aus, dass der Faktor der erlebten Einsamkeit das Sterberisiko erhöht.

In den sechs Jahren änderte sich der Anteil derjenigen, die sich einsam fühlten. Etwas mehr als 43 Prozent wurden so eingestuft. 13 Prozent davon sagten, sie seien oft allein, bei 30 Prozent kommt es manchmal vor. Die Einsamen hatten im Vergleich zu den Nicht-Einsamen ein höheres Sterberisiko (22,8 vs. 14,2 Prozent) waren ein klein wenig älter als der Durchschnitt, es waren eher Frauen und im Vergleich weniger oft Weiße. Sozioökonomisch (Einkommen, Vermögen, Bildung etc.) waren sie eher weiter unten angesiedelt, sie rauchten eher, aber tranken weniger Alkohol, sie waren kränker, stärker funktional und sensorisch behindert (abgesehen von allgemeiner Mobilität), sie betätigten sich weniger körperlich und waren eher depressiv, die meisten Einsamen waren dies jedoch nicht.

Die einsamen Menschen lebten zwar häufiger alleine, aber die Mehrzahl der einsamen Menschen lebte mit einer anderen Person zusammen. 62 Prozent der Einsamen waren verheiratet oder lebten mit einem Partner zusammen, bei den Nicht-Einsamen lag der Anteil der mit einem anderen Menschen zusammenlebenden allerdings bei 83 Prozent. Die Chancen sind also höher bei den Alleinlebenden sich einsam zu fühlen. 27 Prozent der Einsamen lebten allein, bei den Nicht-Einsamen lebten nur 10 Prozent allein. Soziale Isolation ist also nicht die einzige Ursache, sondern eher das Gefühl der Einsamkeit und das Fehlen guter Beziehungen zu anderen Menschen. Die Einsamen hatten zwar geringfügig eher Bluthochdruck, ein Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einen Herzinfarkt, aus den Zahlen geht jedoch nicht hervor, ob dies auch bei den Alleinlebenden so ist, weswegen sich kein direkter Vergleich zwischen beiden Studien herstellen lässt.

Einsamkeit, so die Wissenschaftler, ist ein bedeutsamer und messbarer Faktor für Morbidität und Mortalität. Auszuschließen ist aber auch nicht, dass Behinderungen und Krankheiten die Menschen einsamer werden lassen, schließlich konnten nur statistische Korrelationen erfasst werden. Gleichwohl gehen die Wissenschaftler davon aus, dass Einsamkeit ein wichtiger Risikofaktor ist und dass bei alten Menschen zur Prävention mehr auf das Vorhandensein oder die Herstellung von ausreichend guten zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise durch gemeinsame Mahlzeiten, gemeinsame Aktivitäten oder freiwillige Dienste, geachtet werden müsste. Psychosoziale Maßnahmen könnten einfacher und wirksamer helfen als medizinische Behandlung von Alterskrankheiten.

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