Alles Schiefgegangen

Der von einem jungen irakischen Familienvater geplante Terroranschlag in Stockholm verweist auf die Ähnlichkeit mit den Amokläufen verzweifelter Jugendlicher

Schweden hatte offenbar am Samstag Glück. Ein Selbstmordattentäter wollte in üblicher Manier der gleichzeitigen Anschläge ein Auto in die Luft sprengen und dann sich selbst. Beides ist nicht geglückt. Im Fahrzeug flogen die Kanister mit Flüssiggas nicht in die Luft. Und irgendwie hat der junge Mann es auch nicht geschafft, in die belebte Einkaufsstraße vorzudringen, um dort ein Blutband anzurichten. Zu früh scheint eine der sechs Rohrbomben explodiert zu sein, die er sich umgebunden hatte.

Und vermutlich wäre auch kein so großer Schaden entstanden, denn die Rohrbomben sollen maximal 100 Gramm Sprengstoff enthalten haben. Die Selbstmordattentäter hatten 5 kg Sprengstoff bei sich. Vermutet wird, dass die Bomben nicht richtig verdrahtet waren. Vermutlich waren sie mit einem Handy gezündet worden, das sich bei der Leiche des Mannes fand. Auch die Tasche mit den Nägeln, die man gefunden hat, scheint eher sinnlos gewesen zu sein, wenn der Attentäter nicht plante, den Sprengstoff in der Tasche zu zünden. Möglicherweise hatte er dies vor und wurde nur durch Zufall zu einem Selbstmordattentäter.

Der tote Selbstmordattentäter und Erklärungen von Aftonbladet

Auch die Autobombe hätte wohl auch dann, wenn die Gasflaschen explodiert wären, keinen großen Schaden angerichtet, wie Aftonbladet berichtet. Andere sind anderer Meinung. Allerdings vermuten Terrorexperten, dass der junge Mann vielleicht auch zuerst das Fahrzeug sprengen wollte, um so Leute anzulocken und dann in der Menge sich in die Luft zu sprengen.

Damit reiht sich der Mann ein in die vom Terror, dem Abenteuer und der durch Aufmerksamkeit erzeugten Prominenz verführten jungen Amateure, die – Gottlob – es nicht einmal schaffen, ihre Technik zu beherrschen (Zum Glück verstehen Terroristen nichts von Physik) und so nicht zu gefürchteten oder verklärten, sondern zu bemitleidenswerten Menschen werden, die ihr Leben für Nichts opfern. Noch ist unklar, ob er Mitglied in einer Gruppe war oder als Einzeltäter handelte, wozu die Säpo noch immer neigt. Dafür spricht auch das amateurhafte Vorgehen. Die Polizei geht davon aus, dass der Tote auch der Halter des Fahrzeugs ist, das in Flammen aufging, ein Audi 80 Avant. Die Spur könnte nach Großbritannien zeigen, das trotz oder wegen der Kriegsbeteiligung in Afghanistan und im Irak und der scharfen Antiterror- und Überwachungsgesetze zum Rekrutierungsland wurde.

Vermutlich handelt es sich, wie Medien berichten, um einen 28-29-jährigen Mann aus dem südschwedischen Tranas, der aus dem Irak stammt, verheiratet war und zwei kleine Kinder hatte. Offenbar wollte Taimour Abdulwahab sich wieder verheiraten, seine erste Frau habe zugestimmt, dann wolle er in ein arabisches Land ziehen, schrieb er auf der Website muslima.com. Nach den Audioaufzeichnungen der vor dem gescheiterten Anschlag verschickten Email hatte er noch eine Reise in den "Mittleren Osten" gemacht, vermutlich nach Jordanien, und er hatte sich von seiner Frau und seinen Kindern verabschiedet, dass er die Reise nur aufgrund des Dschihad gemacht habe. Die Familie steht mittlerweile unter Polizeischutz, nachdem die Identität des Mannes über das Internet bekannt wurde und Drohungen geäußert wurden.

Taimour Abdulwahab noch ganz zuversichtlich auf seiner Reise in Jordanien

Nach seiner inzwischen vom Netz genommenen Facebook-Seite soll er an der University of Bedfordshire in Luton bis 2004 Sporttherapie studiert haben. Zu dieser Stadt hatten auch die Selbstmordattentäter Verbindungen, die 2005 die Anschläge in London ausführten, auch seine Familie wohnt noch hier. Erst vor zwei Wochen soll er Luton wieder verlassen haben und nach Schweden gereist sein, wo seine Eltern leben. Er hatte auch zahlreiche Videos über Irak und Tschetschenien gepostet, seine Lieblingsseiten waren Yawm al-Qiyaamah, Day of Ressurection oder Islamic Caliphate State. Für Taimour Abdulwahab wurde eine Facebook-Erinnerungsseite online gestellt, andere Facebook-Seiten machen sich über den unfähigen Terroristen lustig.

Wenn es sich tatsächlich um einen Einzeltäter handelt, dann müsste sich allmählich die Perspektive verschieben und würde deutlicher, dass die Selbstmordattentäter im Westen den Amokläufern ähnlich sind, die ihrem Leben ganz unpolitisch ein spektakuläres Ende setzen wollen (Mörderische Wut).

Die Kriege und die empfundene Ungerechtigkeit gegenüber Muslimen dürften nur ein, wenn auch nicht zu vernachlässigender Anlass für die oft entwurzelten jungen Männer im Westen sein, ihrem Leben einen Sinn durch ein Fanal zu setzen, indem sie das Gefühl haben, irgendwie wichtige Akteure der Weltgeschichte zu sein oder ein Fanal durch die Propaganda der Tat zu setzen, was dann zu einem Flächenbrand führen könnte. Es könnte aber auch bedeuten, dass die Strategie von al-Qaida, auf den Open Source Jihad zu setzen (Was erwartet die islamistischen Märtyrer oder Terroristen?), erfolgreich ist, Menschen, die keine Verbindung zu islamistischen Netzwerken haben, zur Ausführung von Terroranschlägen zu bewegen. Damit würde freilich die Antiterror-Strategie, Netzwerke zu überwachen, ins Leere laufen.

Man fragt sich freilich auch, was Politiker meinen zu bekunden, wenn sie den versuchten Selbstmordanschlag verurteilen. Was bezweckt eine solche Verurteilung? Die potenziellen Terroristen dürfte dies nicht beeindrucken. Im deutschen Innenministerium sieht man keinen Bezug zu Deutschland, wo man seit Ende November vor einem erhöhten Anschlagsrisiko warnt. Das könnte man auch so verstehen, dass man hier weiterhin mit einem erhöhten Risiko rechnen will, auch wenn Ende November nichts geschehen ist und offenbar auch keine konkreten Hinweise auf drohende Anschläge vorhanden sind. Die Schweden haben in Afghanistan allerdings nur 500 Soldaten, die Deutschen zehnmal mehr. (Florian Rötzer)