Alles im Fluss

Across the Wide Missouri

Rassenmischung bringt Freud und Leid - Rot-weiße Beziehungen im Indianerfilm, Teil 2

Teil 1: Nscho-tschi muss leider sterben

Unter den vielen mittelmäßigen, oft auch richtig schlechten Indianerfilmen, die im Windschatten von Broken Arrow entstanden, ragen zwei heraus, die nicht, wie die klassischen Western, nach dem Bürgerkrieg spielen, sondern in der Zeit davor. Damit passen sie nicht in ein vorgegebenes, das Schreiben von Kritiken erleichterndes Muster. Das mag ein Grund dafür sein, dass beide - Across the Wide Missouri (1951) von William Wellman und The Big Sky (1952) von Howard Hawks - bis heute als mindere Werke ihrer Regisseure gelten und ähnlich unterschätzt geblieben sind wie Devil's Doorway von Anthony Mann. Ein anderer Grund dürfte die unkonventionelle Behandlung der "Indianerfrage" sein.

Rendezvous mit Schotten, Franzosen und Indianern

Ermutigt durch den Erfolg von Broken Arrow, brachte die MGM nicht nur Manns Noir-Western doch noch ins Kino; man war dort auch bereit, den Indianern eine weitere Chance zu geben. Also schickte man den Regie-Veteranen William Wellman zu großzügig budgetierten Außenaufnahmen in den Nordwesten der USA. Weil die Fox mit Authentizität gepunktet hatte, mit historischen Figuren wie Tom Jeffords und mit echten (oder echt wirkenden) indianischen Gebräuchen, wollte die MGM das auch so haben. Als Drehbuchvorlage diente das 1947 erschienene Werk Across the Wide Missouri von Bernard DeVoto. Der Flint Mitchell (Clark Gable) des Films ist ein Konglomerat aus der historischen Figur und anderen Mountain Men, über die DeVoto berichtet. Ob man bei der MGM wirklich glaubte, dass der unberechenbare Wellman das abliefern würde, was von ihm erwartet wurde, ist unbekannt. Jedenfalls kam eine lyrische, offenbar in gemächlichem Rhythmus erzählte Geschichte dabei heraus. Genau weiß man das nicht, weil der MGM-Boss Dore Schary den Film erheblich kürzen ließ. Trotzdem ist Across the Wide Missouri auch in der erhaltenen Version noch einer der schönsten Western der 1950er.

Ort der Handlung sind die Rocky Mountains im Gebiet der heutigen Bundesstaaten Idaho und Montana, die, wie man im Film erfährt, damals in den 1830ern noch namenlos waren (Colorado, der deutsche Verleihtitel, ist irreführend). Es beginnt mit dem in jedem Sommer stattfindenden Treffen der Mountain Men und einem babylonischen Sprachgemisch. Die Nicht-Angloamerikaner in diesem Film sagen weder Tarzan-Sätze auf, noch muss man sich (wie in Broken Arrow) dazudenken, dass sie eine eigene Sprache haben, sich hier aber als Dienst am Kinogänger des Englischen bedienen, damit das Publikum sie verstehen kann. Bei Wellman redet jeder, wie er es gelernt hat; die Franzosen genauso wie die Indianer.

Der Rezensent des Branchenblattes Variety beklagte sich erwartungsgemäß darüber, wie furchtbar langweilig das sei, wenn man erst den Indianern beim Absondern unverständlicher Laute zuhören muss, bevor der sprachbegabte Trapper Pierre (Adolphe Menjou mit Vollbart) die Übersetzung nachreicht. Hätte der Mann genauer hingeschaut, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass Wellman die solcherart verlängerten Dialogpassagen mit visuellen Informationen füllt, für die sonst keine Zeit geblieben wäre. Gerade weil doppelt geredet wird, erhält das Sehen einen höheren Stellenwert als das Hören. Einem Film sollte man das nicht vorwerfen. Auch wenn Pierre einmal nicht dabei ist, um zu übersetzen, ist das durchaus zu ertragen. Und wenn Captain Humberstone Lyon aus Schottland vor erstaunten Indianern mit seinem zum weißen Schwarzfuß gewordenen Landsmann Brecan einen schottischen Schwerttanz hinlegt, oder wenn Kamiah versucht, auf der Maultrommel von Clark Gable zu spielen, sagt das ohnehin mehr als tausend Worte.

Across the Wide Missouri

Kamiah (María Elena Marqués) ist die Enkelin von Bear Ghost, Häuptling und oberster Medizinmann der Blackfeet. Als Kind wurde sie von den Nez Perce geraubt. Flint Mitchell kauft sie deren Häuptling ab (für ein paar Pferde und eine Ritterrüstung). Die Gründe sind rein kommerziell. Flint hat sein ganzes Geld in eine Expedition gesteckt, die ihn und ein paar Dutzend Trapper zur Biberjagd in das Gebiet der Blackfeet führen wird. Mit der sehr selbstbewussten, gar nicht unterwürfigen Enkelin des Medizinmanns verheiratet zu sein (Wellman ist auch der Regisseur des prä-feministischen Western Westward the Women), kann da nur nützen, zumal Ironshirt, der Kriegshäuptling der Schwarzfuß-Indianer, dafür bekannt ist, Eindringlinge sofort umzubringen.

Across the Wide Missouri

Was als reine Zweckehe beginnt, wird schon in der Hochzeitsnacht viel mehr: Flint tritt die gefährliche Reise als frisch Verliebter an. Kamiah führt ihn und seine Leute auf einer nur den Nez Perce bekannten Route durch das Hochgebirge in das Gebiet der Blackfeet. Nach ersten Scharmützeln mit Ironshirt treffen die Eheleute Kamiahs Großvater. Die Weißen können nun unbehindert Biber jagen. Flint lernt, dass die Blackfeet keine Wilden sind, sondern Menschen mit einer eigenen Kultur. Der Film geht mit dieser Tatsache viel unbefangener um als Broken Arrow, wo die Apachen bei jeder Gelegenheit zeremonielle Tänze aufführen müssen, als lebten sie in einem Museumsdorf. "Die Indianer", schreibt Joe Hembus, "haben ihr Gesicht, ihre Sprache und ihr Recht so selbstverständlich wie in wenigen anderen Western."

Across the Wide Missouri

Wellman ist wie Flint Mitchell: so zärtlich der Blick des Biberjägers regelmäßig bei seiner indianischen Frau verweilt, so zärtlich verharrt die Kamera auf den Charakteren, wenn sie ein französisches Weihnachtslied singen, sich unterhalten oder ihre Toten betrauern. Weil jeder so genommen wird, wie er ist, gibt es auch nicht die stereotypen Indianerhasser. Einer von den frankokanadischen Trappern überlässt Flint ganz selbstverständlich eine Jagdtrophäe, damit er ein Geschenk für Kamiah daraus machen kann. Wenn derselbe Trapper später Bear Ghost erschießt, geschieht das weniger aus Rassismus als aus Rache (DuNord schießt auf den obersten Repräsentanten der Blackfeet, die seinen Bruder getötet haben, nicht auf den Indianer).

Persönlicher und systematischer Rassismus

Im Frühjahr tritt ein Ereignis ein, das sich damals, Anfang der 1950er, höchstens billige B-Western leisten konnten: Kamiah und Flint bekommen einen Sohn. In einem Western der A-Kategorie wie diesem war das unerhört. Natürlich wird das böse enden, denkt man sich. Das tut es auch, aber nur zum Teil. Nach dem Tod von Bear Ghost leben die Trapper wieder im Belagerungszustand. Als sie die Rückreise antreten, werden sie von Ironshirt überfallen. Kamiah wird von einem Pfeil getroffen. Aber sie stirbt nach der Geburt ihres Sohnes, nicht gleich nach der Hochzeitsnacht wie Sonseeahray - und vorher haben wir viel vom Leben eines sich liebenden Paares gesehen, keine weichgezeichnete, am Rande der Haupthandlung angesiedelte Romanze (Broken Arrow), was die Verlustgefühle intensiviert. In Across the Wide Missouri überwiegt die Trauer und nicht die bittere Erkenntnis, dass so eine Beziehung zwischen einem Weißen und einer Indianerin zum Scheitern verurteilt ist.

Across the Wide Missouri

Nach den Gesetzen der Filmdramaturgie muss auch Ironshirt sein Leben lassen. Da dem so ist, kommt es darauf an, unter welchen Umständen es geschieht. Ironshirt ist der einzige richtige Rassist im Film. Für ihn ist nur ein toter Weißer ein guter Weißer. Er und seine Leute töten Kamiah aus dem Hinterhalt, weil sie Flint Mitchell geheiratet hat. Das könnte wieder einer der üblichen Kniffe von Drehbuch und Regie sein, eine unerwünschte Figur aus der Filmwelt hinauszuexpedieren. Hier folgt aber ein (sehr ungewöhnlicher) Kampf auf Leben und Tod zwischen Flint und Ironshirt, der auch noch das Kind ermorden will. Der Tod des Rassisten stellt hier nicht den Frieden sicher oder etwas ähnlich Abstraktes, er rettet das Leben des Halbbluts, in dem nichts Minderwertiges und Gefährliches gesehen wird wie in anderen Filmen.

Across the Wide Missouri

Der Kontakt mit den Indianern ist nicht degenerierend wie so oft in Hollywood-Filmen, er ist bereichernd. Und am Ende reitet der Held auch nicht einsam davon wie in Broken Arrow. Er kehrt vielmehr zurück zu den Blackfeet, um seinen Sohn dort aufzuziehen. In der erhaltenen Version ist es dieser erwachsen gewordene Sohn, der uns die Geschichte erzählt. Damit wird er zur Integrationsfigur, nicht zum Symbol eines unlösbaren Konflikts. Das haben wir kurioserweise dem MGM-Boss zu verdanken, der diesen Off-Kommentar verfügte (wahrscheinlich, weil es in Broken Arrow auch einen gibt). So erfahren wir nun, dass Mitchell jun. die ersten neun Jahre seines Lebens bei den Blackfeet verbrachte, um anschließend eine Schule der Weißen zu besuchen. Ohne den Kommentar würde die Geschichte mit Vater und Sohn enden, die glücklich und zufrieden bei den Indianern leben. Die meisten Indianerfilme der 1950er muss man nicht gesehen haben. Diesen schon.

Across the Wide Missouri

Man kann solche vor dem Bürgerkrieg angesiedelten Geschichten als Eskapismus deuten, als die Sehnsucht nach einer längst vergangenen Zeit, als die Utopie noch möglich schien. Indem solche Filme in Territorien spielen, die noch nicht zu den USA gehören, kommt aber auch eine politische Dimension ins Spiel. Devil's Doorway macht das deutlich, indem er zwischen der Zeit vor und nach der Aufnahme Wyomings in den Staatenbund unterscheidet. Vorher gibt es individuellen, persönlichen Rassismus. Den gibt es nachher auch. Jetzt ist er aber in einen systemimmanenten Rassismus eingebettet, der sich zum Beispiel in einer indianerfeindlichen Gesetzgebung zeigt.

Filme wie Broken Arrow behaupten das Gegenteil. Das dürfte ein Grund dafür sein, dass sie kommerziell erfolgreicher waren. Von rassistischen Ranchern und Geschäftemachern distanziert man sich leichter als von einem rassistischen System. In Broken Arrow will der ranghöchste Repräsentant des Systems, US-Präsident Grant, das Gute und schickt General Howard nach Tucson, um einen fairen Frieden auszuhandeln. Am Anfang von Drum Beat (1954), auch von Delmer Daves, tritt er sogar persönlich auf. Der Indianerkämpfer Johnny MacKay (Alan Ladd) wird ins Weiße Haus gebeten. Grant beauftragt ihn, auf gewaltfreiem Weg Frieden mit den aufständischen Modocs zu schließen.

Drum Beat

Mit im Salon des Präsidenten sitzt bereits die weiße Frau, in die Johnny sich verlieben kann. Das wirkt, als wolle sich der Film versichern, dass er die Annäherung an die Modocs nicht zu weit treibt. Denn Johnnys Jugendfreundin Toby (Marisa Pavan) ist eine Indianerin und will ihn heiraten. Ganz so gewaltfrei, wie vom Präsidenten gewünscht, geht es dann doch nicht zu, weil mit Captain Jack, dem Führer der Aufständischen (Charles Buchinsky, der sich hier erstmals Charles Bronson nennt), nicht zu reden ist. Das friedliche Miteinander von Rot und Weiß wird erst möglich, nachdem Captain Jack aufgehängt wurde und auch die heiratswillige Toby nicht mehr lebt. Dafür kriegt sie aber eine schöne, von ihrem Bruder (ein guter Indianer) organisierte Beisetzung mit viel Folklore.

Drum Beat

Delmer Daves war immer sehr stolz darauf, wie genau seine Western recherchiert waren. In Drum Beat geht allerdings ein wenig unter, dass die Modocs 1864, nach Abschluss eines Friedensvertrags, in eine Reservation geschickt wurden. Weil die Regierung ihre Versprechen nicht einhielt und die Indianer langsam verhungern ließ, brach Captain Jack 1870 aus der Reservation aus und kehrte in seine Heimat zurück. Aus dem Dorf, das sie sich gebaut hatten, mussten die Modocs ins Gebirge fliehen, als die Regierung 3000 Soldaten schickte (gegen weniger als 100 Indianer). Zum netten Präsidenten des Films passt das nicht so gut.

Utopie am Snake River

Kehren wir also zurück in die Zeit, als man sich um den Präsidenten noch nicht kümmern musste, weil er nicht zuständig war. The Big Sky erzählt die gleiche Geschichte wie Across the Wide Missouri, mit anderem Transportmittel. Vorlage war der (sehr lesenswerte) Roman von A.B. Guthrie. Jim Deakins und sein Freund Boone Caudill schließen sich im Jahre 1832 einer von "Frenchy" Jourdonnais ausgerüsteten Expedition an, die Boones Onkel Zeb Calloway (mit Arthur Hunnicutt ideal besetzt) in das Gebiet der Schwarzfuß-Indianer (im heutigen Montana) führen soll. Frenchy ist kein Jäger wie Flint Mitchell, sondern Pelzhändler. Er will mit den Blackfeet Handelsbeziehungen anknüpfen. Die Reise beginnt in St. Louis, wird mit dem Boot Mandan zurückgelegt und führt mehr als 2000 Meilen den Missouri und einen seiner Nebenflüsse, den Yellowstone River hinauf. Zur Förderung der Beziehungen ist auch Teal Eye, eine von den Crowe-Indianern (Todfeinde der Blackfeet) verschleppte und von Zeb gerettete Häuptlingstochter, mit an Bord.

The Big Sky

In The Big Sky doubelt der Snake River den Missouri. Die Außenaufnahmen fanden im Gebiet des spektakulären Grand Teton National Park in Wyoming statt. Eine wichtige Funktion kommt daher der Landschaft zu, für die mehr Zeit bleibt, weil sich Howard Hawks in seinen Nachkriegsfilmen immer weniger für eine straffe Handlungsführung interessierte. Er erzählte lieber episodisch und mit Szenen, die aus Sicht der konventionellen Hollywood-Dramaturgie verzichtbar scheinen, aber für eine dichtere Atmosphäre sorgen. Zu The Big Sky passte das besonders gut. Rhythmus und Struktur des Films entsprechen einer solchen Reise den Fluss hinauf, in eine unbekannte Region, wo man nie weiß, was einen hinter der nächsten Biegung, beim nächsten Anlegen erwartet.

Die Schurkenrolle fällt dem Monopolkapitalismus zu. Die Pelzgesellschaft, die versucht, den Handel am oberen Missouri zu monopolisieren und dabei über Leichen geht, hat zwei Gesichter (den schnöseligen Chef McMasters und Streak, den Mann fürs Grobe), ist aber im Grunde eine allgegenwärtige Bedrohung, die nur selten aus der Anonymität heraustritt und lieber im Hintergrund bleibt, während andere die Drecksarbeit erledigen. Die lange friedlichen Crowes greifen die Mandan an, weil Streak sie aufgehetzt hat. Hawks hatte da einen Einfall, der John Ford zu einer viel gerühmten Szene in The Searchers (1956) inspirierte: Die Mandan hält sich in der Mitte des Flusses. Am Ufer reitet die Prozession der Crowes auf gleicher Höhe mit dem Boot und gibt den Weißen, auf eine Gelegenheit zur Attacke wartend, das unheimliche Geleit.

The Big Sky, The Searchers

Das ist kein schlechtes Bild für zwei Parallelgesellschaften. Es könnte auch aus einem Horrorfilm stammen. Die Indianer wären dann die Doppelgänger der Weißen; eine Projektionsfläche für deren Ängste und für das, was diese an sich selbst bedrohlich finden. Mit solch subversiven, ganz unaufdringlich daherkommenden Botschaften muss man bei Hawks immer rechnen. Das beliebte Klischee vom betrunkenen Indianer habe ich schon erwähnt. In The Big Sky gibt es den Schwarzfuß Poordevil, der immer Whiskey will und dafür von der Häuptlingstochter scharf zurechtgewiesen wird, weil das würdelos sei. In anderen Filmen wäre Poordevil mit seinem Alkoholbedürfnis der typische Indianer. In The Big Sky ist er ein geistig zurückgebliebener Mensch und bei den Blackfeet der Außenseiter. Das Alkoholproblem haben die Weißen (der größte Säufer ist der Erzähler, Zeb Calloway). Es fällt nur kaum auf, weil das dauernde Whiskeytrinken gesellschaftlich akzeptiert ist.

The Big Sky

In vielen Western ist die Gewalt positiv besetzt. Das gilt vor allem dann, wenn die Kavallerie angeritten kommt, um die Indianer umzubringen, die gerade die Postkutsche überfallen. Delmer Daves (Broken Arrow) ändert im Prinzip nichts an diesem Muster, wenn er die Kavallerie durch die guten Apachen ersetzt, die die bösen Apachen in die Flucht schlagen. In The Big Sky ist das Kämpfen nur eine Etappe auf einer auch spirituellen Reise, die es hinter sich zu bringen gilt. In der Szene, in der Streak und seine Kumpane erschossen werden, kommt kein Hochgefühl darüber auf, dass die Guten gesiegt haben. Kurz vor dem Ziel fährt sich die Mandan im Treibholz fest und ist manövrierunfähig. Wieder tauchen am Ufer die Indianer auf. Aber diesmal sind es die von Teal Eye zu Hilfe geholten Blackfeet. Sie spannen sich mit ihren Pferden vor das Boot, befreien die Mandan aus einer scheinbar ausweglosen Lage, und niemand muss umgebracht werden. Das ist einer der großen utopischen Momente im Western der 1950er.

The Big Sky

Elizabeth Threatt als Teal Eye zu engagieren, war ein typischer Hawks-Einfall. Sie hatte einen weißen Vater und eine Cherokee-Indianerin zur Mutter und war ein Model. Bei ihrem ersten Auftritt ist kaum etwas von ihr zu erkennen, weil sie in eine Decke gehüllt ist, aber ihr auf dem Laufsteg eingeübter Gang reicht völlig aus. Von da an ist klar: das ist keine unterwürfige Squaw, die ihrem Mann das Mokassinleder weich kaut. Hawks mochte starke Frauen, und Teal Eye ist eine davon. Vermutlich hatte er nichts dagegen, dass Kirk Douglas, der eine Affäre mit ihr angefangen hatte, Elizabeth Threatt ermunterte, den einem Star wie ihr gebührenden Respekt einzufordern. Danach trug sie den Kopf noch höher. Ihre Wirkung kann man daran ablesen, dass oft geschrieben wird, Teal Eye sei eine indianische Prinzessin.

The Big Sky

An der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit Kirk Douglas (Jim Deakins) und Dewey Martin (Boone Caudill) ist schon viel herumgemäkelt worden. Man kann kaum anders, als der verpassten Gelegenheit nachzutrauern, wenn man liest, dass John Wayne (unabkömmlich) und Robert Mitchum (von Howard Hughes, damals Eigentümer der Produktionsfirma RKO, nicht freigegeben) im Gespräch gewesen waren. Trotzdem frage ich mich, ob die Quengelei nicht auch mit der ungewöhnlichen Figurenkonstellation zu tun hat. Die schöne Indianerin müsste Jims Liebe erwidern, weil er vom Star Kirk Douglas gespielt wird. Aber Teal Eye zieht ihm Boone Caudill vor, obwohl Dewey Martin ein Unbekannter war und es nie zum echten Star brachte. Das ist ein Affront gegen die Hollywood-Regeln.

Boone ist der einzige Indianerhasser im Film. Symbolisiert wird das durch den Skalp eines Blackfoot-Kriegers, der angeblich seinen älteren Bruder umgebracht hat und dafür von Onkel Zeb getötet wurde. Boone hütet diesen Skalp wie einen Schatz. Aber die Geschichte hat Zeb erfunden, um die banale Wirklichkeit (der Bruder ist ins Wasser gefallen und ertrunken, weil er nicht schwimmen konnte) zu dramatisieren. Mit Hawks'scher Beiläufigkeit erfährt man dabei noch, dass die Weißen mit Indianerskalpen handeln. Der einzige Schwarzfuß, der einen Feind skalpiert, ist Poordevil; er ist auch der einzige, der schon Kontakt zur "zivilisierten Welt" hatte.

Boone erfährt nie, wie es tatsächlich war. Doch am Ende verbrennt er den Skalp - als äußeres Zeichen eines inneren Reifeprozesses, der schließlich dazu führt, dass er bei Teal Eye und den Blackfeet bleibt, während Jim, Zeb, Frenchy und die anderen zurück nach St. Louis fahren. Die Zensoren stellten sich lange quer, weil sie die Hochzeitsnacht verhindern wollten. Erlaubt wurde schließlich, dass Boone Teal Eye ein Messer reicht, mit dem diese symbolisch den Lederriemen durchschneidet, der die Verschlussklappe ihres Wigwams fixiert. Nach einem Stück Schwarzfilm (als Zeichen des Geschlechtsverkehrs) ruft ein Indianer zum allgemeinen Jubelfest. Ob das so war, wie es sich die Zensoren vorgestellt hatten, ist nicht überliefert.

The Big Sky

Vielleicht war die Beziehung Boones zu Teal Eye 1952 in einer Großproduktion wie dieser überhaupt nur möglich, weil der unbekannte Dewey Martin die Indianerin heiratet und nicht Kirk Douglas, der Star des Films. In einem Western, wo das Töten von Indianern traditionell zur Identitätsbildung der Weißen beitrug, muss dieses Ende trotzdem sehr beunruhigend gewirkt haben. Das mag dazu beigetragen haben, dass The Big Sky hinter den kommerziellen Erwartungen zurückblieb. Man ist auf Vermutungen angewiesen, weil kaum darüber gesprochen wurde, dass eigentlich nur der Indianerfilm ein guter Indianerfilm war, in dem die Heldin getötet wird. Schuld daran waren weiße Verbrecher und böse Rothäute, nicht aber die Macher solcher Filme, die sich die Handlung ausgedacht hatten.

Nach elf Kassenschlagern in 13 Jahren war The Big Sky der erste Hawks-Film seit den 1930ern, der in den USA deutlich unter zwei Millionen Dollar einspielte. Anfangs lief noch eine 138-Minuten-Fassung. Aber nach einigen Wochen beschloss die RKO, 16 Minuten herauszuschneiden. In Deutschland war es noch schlimmer. Hier lief der Film unter blöden Verleihtiteln wie Das Geheimnis der Indianerin oder Flußpiraten am Missouri. Zunächst wollte man dem deutschen Publikum nur eine 87-minütige Version zumuten, die später auf 95 Minuten verlängert wurde. Die Studiofassung (122 Minuten) wurde 1971 erstmals im Fernsehen gezeigt.

The Big Sky

Inzwischen ist auch die Langfassung wieder aufgetaucht - leider stark ramponiert und mit einst von der RKO entfernten Teilen, die nur auf 16 mm erhalten sind. Man kann jetzt also sehen, was das Studio für verzichtbar oder störend hielt. Der Hinweis am Anfang, dass es sich um eine Reise in paradiesische Gefilde handelt, gehört ebenso dazu wie einige Szenen, mit denen die Dreierbeziehung zwischen Jim, Boone und Teal Eye genauer charakterisiert wird. Der zeremonielle Tanz, mit dem die Blackfeet Teal Eyes Heirat feiern, durfte bleiben. Solche musealen Trachtenvereins-Aufführungen gehörten zum Indianerklischee. Entfernt wurde das Tanzvergnügen, das nur aus Spaß an der Freud' veranstaltet wird und das so ungewöhnlich ist, dass es sogar der Blackfeet-Kenner Zeb Calloway nicht erklären kann. Tanzen aus purer Lebensfreude, sowas machten Film-Indianer nicht. Sie waren entweder wilde Bestien (Geronimo) oder edle Wilde (Cochise), die würdevoll dem eigenen Untergang entgegenblickten - aber bitte keine Spaßgesellschaft mit Fortpflanzungsgelüsten.

Beim Baden mit Elsa Martinelli

Hollywood setzt auf den Wiedererkennungswert von Handlungselementen und von Stars, die nicht mit jedem neuen Film bei Null anfangen, sondern die Rollen mitbringen, die sie vorher gespielt haben. Im Kopf des Zuschauers entsteht so eine Fortsetzungsgeschichte, der Film um Film neue Kapitel hinzugefügt werden. Kirk Douglas, der in The Big Sky untröstlich darüber ist, dass sich Teale Eye für Boone und nicht für ihn entscheidet, durfte das am Missouri Versäumte mehr als nachholen, als er in The Indian Fighter (1955) als Scout Johnny Hawks (!) aus dem Bürgerkrieg zurückkehrte, um Frieden zwischen den Sioux und den weißen Siedlern zu stiften. (Hank Worden, Poordevil in The Big Sky, ist wieder als indianischer Whiskeyliebhaber mit dabei.)

The Indian Fighter

An dem Film fällt auf, mit welcher Geschwindigkeit André de Toth, einer der unbesungenen Regiehelden Hollywoods, die Actionszenen inszeniert (sogar der Siedlertreck ist im Laufschritt unterwegs), damit er mehr Zeit hat, sich den im Einklang mit der Natur lebenden Indianern und ganz besonders der schönen Onathi (Elsa Martinelli) zu widmen. Im Indianergebiet erklingt eine bukolische Flötenmusik, als würde gleich ein Faun oder eine Nymphe aus der grünen Landschaft auftauchen, und Onathi begegnen wir erstmals, als sie ihre Kleider ablegt, um im Fluss ein Bad zu nehmen. Zufällig kommt gerade Johnny Hawks durch den Wald geritten, der Onathi beim Baden zusieht, während er seinerseits von Grey Wolf beobachtet wird, dem grimmigen Onkel der Indianerin. Schon ist der erste Konflikt etabliert.

The Indian Fighter

Es gehört zu den Klischees des Indianerfilms, dass man der Heldin am Fluss begegnen kann. Aber mit Elsa Martinelli hielt die Nacktheit im bislang eher prüden Western Einzug. Was heute sehr dezent wirkt, war damals sensationell. Der stramme Kirk, der auch produzierte und immer so wirkt, als würde gleich sein Hemd aufplatzen (mindestens das Hemd), wenn er Onathi sieht, musste sich bestimmt voll ins Zeug legen, um Elsas nackten, durch Gebüsch und Wasser nur teilweise verdeckten Körper durch die Zensur zu bringen.

Man merkt dem Film die Freude an, mit der Douglas, de Toth und der Drehbuchautor Ben Hecht mit der Publikumserwartung spielen. Manche Dialoge könnte auch Humphrey Bogart in einem Film noir sprechen. Einige der Nebendarsteller treten im Wald als Indianer und im Fort als Kavalleristen vor die Kamera, was nicht etwa der Sparsamkeit des Produzenten geschuldet, sondern als ironischer Kommentar zur Besetzungspraxis Hollywoods zu verstehen ist. Johnny trägt mit Grey Wolf ein Duell zu Pferde aus, mit Lanzen und mit Tomahawks, das jedem Ritterturnier Ehre machen würde. Und einen Scout, der mit dem von ihm geführten Siedlertreck einen Umweg über die Berge macht, weil er sich davon ein Schäferstündchen mit der schönen Indianerin verspricht, hatte man so auch noch nicht gesehen.

The Indian Fighter

Am Ende muss sich Johnny Hawks zwischen dem Leben der Indianer und dem der Siedler entscheiden, zwischen der schwarzhaarigen Onathi und der properen Pioniersfrau Susan - eine Entscheidung mit autobiographischer Komponente, weil Susan von Diana Douglas gespielt wird, Kirks Ex-Frau (und Michaels Mutter). Bis zum Schluss muss man befürchten - bzw., je nach Standpunkt: darf man hoffen -, dass er die Brünette nehmen wird, wie es sich gehört. Aber dann fragt er Häuptling Red Cloud, seinen künftigen Schwiegervater, auf wessen Seite einmal sein Enkel kämpfen soll, den er und Onathi ihm bald schenken werden. Dem kann sich auch der Häuptling nicht verschließen. Das letzte Gefecht zwischen Weißen und Indianern fällt danach aus.

The Indian Fighter

Der böse Weiße (Walter Matthau in einer seiner frühen Schurkenrollen) und der böse Indianer sind unschädlich gemacht, weshalb nun keiner mehr da ist, der Onathi am Fluss töten könnte, wie das Debra Paget in Broken Arrow widerfährt. Susan und die Pioniere ziehen weiter, um in Oregon ein Haus zu bauen und Apfelbäume zu pflanzen. Johnny und Onathi bleiben lieber im naturbelassenen Paradies, baden jetzt gemeinsam und sehen den Siedlern mit strahlendem Lächeln hinterher. Dann lassen sie sich aus dem Bild treiben, um das Red Cloud gegebene Versprechen einzulösen. "Den meisten Eindruck an diesem gelungenen Werk, für das Kirk Douglas auch als Produzent zeichnet", schreibt Joe Hembus im Western-Lexikon, "hat immer der Spaß gemacht, mit dem er und die Martinelli ihre Rassenmischung betreiben." Man kann es auch so formulieren wie der französische Kritiker Patrick Bureau, der in The Indian Fighter "eines der schönsten pantheistischen Poeme" sieht, "die der Western uns geschenkt hat." Recht hat er.

The Indian Fighter

Auch Debra Paget darf mal heiraten

Mitte der 1950er, als das Hollywood-Studiosystem tief in der Krise steckte und wagemutige, (halb) unabhängige Produzenten wie Kirk Douglas die Bühne betraten, öffnete sich kurz ein Zeitfenster, in dem solche Filme wie The Indian Fighter möglich waren und sogar ein Publikum finden konnten, ohne zuvor von Studiobossen verstümmelt zu werden. Davon profitierte auch Debra Paget, die in White Feather (1955) dieselbe Rolle spielt wie in Broken Arrow, diesmal aber nicht dafür umgebracht wird, dass sie den weißen Helden liebt.

Nach einem Drehbuch, an dem auch Delmer Daves mitschrieb, hätte ein sehr guter Film entstehen können. Leider beweist Robert Webb, was für ein grottenschlechter Regisseur er war. Weil Webb viele grüne Wiesen und noch mehr Statisten zur Verfügung hatte, und weil das CinemaScope-Format gefüllt werden musste, stehen beim Palaver gelangweilte Kleinstdarsteller im Hintergrund herum, oder wir sehen den Indianern (und manchmal auch der Kavallerie) dabei zu, wie sie von hier nach dort reiten. Das wirkt schon bald ermüdend, weil "Dramaturgie" für diesen Regisseur ein Fremdwort war. So ist ein (von Lucien Ballard eindrucksvoll photographierter) Film dabei herausgekommen, der wenigstens irgendwie gut gemeint ist.

White Feather

Der Landvermesser Josh Tanner (Robert Wagner) reist 1877 im Auftrag einer Immobilienfirma nach Fort Laramie in Wyoming. Unterwegs trifft er den Häuptlingssohn Little Dog (Jeffrey Hunter) und American Horse (Hugh O'Brian), zwei halbstarke Cheyenne-Indianer, die ihn erst beschnuppern und sich dann mit ihm anfreunden. Little Dog hat eine schöne Schwester, Appearing Day (Paget), in die sich Josh verliebt. Während sich die jungen Leute näher kommen, muss sich Häuptling Broken Hand entscheiden, ob er Krieg gegen die Weißen führen oder mit seinen Cheyenne in ein ihnen zugewiesenes Gebiet abziehen soll. Broken Hand unterschreibt den Friedensvertrag. Little Dog und American Horse wollen lieber sterben, als in einer Reservation zu leben. Dabei wird ihnen von der Kavallerie geholfen. Appearing Day bleibt bei Josh Tanner.

White Feather

Wie es dann weiterging, erzählt John Ford in Cheyenne Autumn: mit einem Völkermord in mehreren Etappen. So ist das Ende voll bitterer Ironie, die wohl nicht beabsichtigt war. Während Debra Paget als Gattin von Robert Wagner weiterleben darf, ziehen ihre unter sich bleibenden Stammesgenossen in den Tod (so sagt das der Film natürlich nicht). Die interessanteste Figur ist Ann Magruder (Virginia Leith), die Tochter des rassistischen Ladenbesitzers. Webb, der Meister der Subtilität, zeigt sie erstmals neben einem Bett. Mit der sanften, gutaussehenden Ann reitet Josh aus, sie könnte er einmal heiraten. Dann klärt ihn ihr Vater darüber auf, dass sie für die Ehe nicht mehr zu gebrauchen sei. Als 13-Jährige wurde sie von einem Mann missbraucht. Gleich nach dieser Enthüllung kommt Little Dog mit seiner schönen Schwester zum Fort und bringt ein Geschenk. Ann wird an den Rand gedrängt.

White Feather

Man konnte nicht immer wieder dieselbe Geschichte von der Indianerin erzählen, die sich in den weißen Mann verliebt und am Schluss getötet wird. Also mussten Mittel und Wege gefunden werden, die im Grunde verpönte rot-weiße Paarbeziehung akzeptabler zu machen. White Feather führt - auf eher plumpe Weise - vor, wie das funktionieren könnte: man bietet eine Alternative an, die noch "schlimmer" ist. In diesem Fall wäre das eine Ehe Josh Tanners mit Ann Magruder, die keine Jungfrau mehr und außerdem "beschmutzt" ist, weil sie vergewaltigt wurde. Mag sein, dass dieser Film die Indianer mag. Die Frauen mag er nicht.

Mit insgesamt vier Filmen zum Thema, an denen er in den 1950ern beteiligt war, gilt Delmer Daves als Hollywoods Experte in Indianerfragen. Am besten ist The Last Wagon (1956, wieder Regie). Richard Widmark spielt Comanche Todd, der in einer Identitätskrise steckt, weil er als Weißer bei Indianern aufgewachsen ist. Am Anfang rächt er sich an den Weißen, die seine Frau und seine beiden Kinder ermordet haben. Dann rettet er die Überlebenden eines von den Apachen massakrierten Siedlertrecks. In die junge Jenny verliebt er sich. Am Ende sind sogar einige - nun geläuterte - Rassisten seine Freunde. Der Film ist ungewöhnlich, weil er es so hinbiegt, dass Comanche Todd trotz der von ihm geübten Selbstjustiz nicht sterben muss (das Gesetz der Indianer steht über den Regeln des Hollywood Production Code).

The Last Wagon

Statt als Siedler ein neues Leben anzufangen, wie es zu erwarten wäre, reitet Todd am Schluss mit neuer Sofort-Familie (Jenny und ihr kleiner Bruder) zurück zu den Comanchen. Das ist Daves' Spezialität: Subversives mit gebremstem Schaum. Durch die Liebe zu Jenny wird die Gefahr gebannt, dass Witwer Todd ein zweites Mal eine Indianerin heiraten und mit ihr wieder Kinder haben könnte. Die Botschaft lautet: Leben bei den Indianern - gern; mit ihnen Rassenmischung betreiben - bitte nicht. Sonst kommt doch noch einer und bringt alle um, die nicht ins Schema passen. (The Last Wagon ist aber trotzdem sehr sehenswert.)

Wozu es führt, wenn sich der weiße Held für die Indianerin entscheidet, muss auch Kirk Douglas erfahren. Ihm sind wir zuletzt mit Elsa Martinelli beim fröhlichen Paar-Baden begegnet. In The Last Train from Gun Hill (1959) von John Sturges (ein inoffizielles Remake von Delmer Daves' 3:10 to Yuma) hat er es zum Marshall gebracht. Am Anfang ist er glücklich mit einer Indianerin verheiratet. Prompt kommen zwei Cowboys, um sie zu vergewaltigen und umzubringen. Einer der beiden Mörder ist der Sohn von Craig Belden. Craig ist der beste Freund des Marshalls und Herrscher von Gun Hill, was es doppelt schwer macht, den Täter festzunehmen.

The Last Train from Gun Hill

Craig Belden wird überraschenderweise von Anthony Quinn verkörpert, Hollywoods Ethno-Schauspieler für alle Lebenslagen. Quinn war immer zur Stelle, wenn ein Mexikaner, Spanier, Grieche, Franzose, Zigeuner, Italiener, Hunne oder Eskimo gebraucht wurde. Aber als Großgrundbesitzer Belden würde man ihn nicht erwarten. Das wirkt wie eine Überreaktion. Weil Kirk Douglas eine Indianerin geheiratet und mit ihr sogar ein Kind gezeugt hat, müssen alle anderen Charaktere im Film weiße Angloamerikaner sein - auch Anthony Quinn, der sich nie ganz von den Anfangsjahren seiner Hollywood-Karriere befreien konnte, in denen er regelmäßig aufgeboten wurde, wenn der weiße Held einen ethnisch Andersartigen verprügeln sollte.

Seminole

Natürlich hatte man Anthony Quinn auch schon als Indianer erlebt, zum Beispiel als Yellow Hand in Buffalo Bill (1944). In Seminole (1953), einem studiodiktierten Frühwerk von Budd Boetticher, tritt er als Osceola auf, der Häuptling der Seminolen. Als solcher will er nicht nur Frieden, sondern auch die Ehe mit Revere Muldoon (Barbara Hale), seiner weißen Jugendfreundin, die außerdem noch von Rock Hudson begehrt wird (nur im Film). Man ahnt, was kommt: Weil bei solchen Beziehungen lieber die roten als die weißen Partner umgebracht werden, muss diesmal der Häuptling daran glauben. Schuld ist nicht das Drehbuch, sondern Kajeck, der kriegslüsterne Seminole (Hugh O'Brian übt hier schon für seine Rolle als halbstarker Cheyenne in White Feather). So muss es sein, damit die Welt schön übersichtlich bleibt.

Das große Schlachten

Ein untypischer Indianerfilm ist Richard Brooks' The Last Hunt (1955), der erste der großen Psychopathen-Western. Hintergrund ist die Ausrottung der Büffel. Das war mutig in einem Land, in dem ein Mann wie William F. Cody, besser bekannt als "Buffalo Bill", zum Helden der Populärkultur aufgestiegen war. Codys Ruhm gründete sich unter anderem auf einen Wettbewerb um die Weltmeisterschaft im Büffelschießen, bei dem er innerhalb von acht Stunden 69 Tiere tötete (sein Gegner brachte es nur auf 46). Anschließend durfte er sich "Champion Buffalo Hunter of the Plains" nennen. Das sinnlose Abschießen der Büffel, deren Fleisch von den Weißen nicht gebraucht wurde und verrottete, steht in enger Verbindung zum Genozid an den Indianern, deren Lebensgrundlage damit zerstört wurde. Deutlich wird der Zusammenhang in einer der verstörendsten Szenen von John Fords The Searchers. Ethan Edwards (John Wayne) steigert sich da in einen Blutrausch, als er Bisons tötet, weil dann die Comanchen verhungern müssen. Der Ethan Edwards des Films zieht Indianern genauso die Kopfhaut ab wie Buffalo Bill im echten Leben. Nach Custers Tod am Little Big Horn schloss sich Cody einer Strafexpedition an, in deren Verlauf er Yellow Hand (alias Anthony Quinn, siehe oben) tötete und skalpierte.

The Searchers

Mit dem Bau des Northern Pacific Railway durch Staaten wie Oregon, North Dakota und Montana trat das Abschlachten der Büffel in seine Endphase, weil die Eisenbahn die Jäger in das Herzland der großen Herden brachte und den Abtransport der Beute erleichterte. Norman B. Wiltsey macht in The Great Buffalo Slaughter folgende Angaben: 1881 transportierte die Eisenbahn 50 000 Büffelhäute, 1882 waren es schon 200 000, 1883 ging die Zahl auf 40 000 zurück, und 1884 waren die Tiere so stark dezimiert, dass nur noch 300 Häute verfrachtet wurden. Für ein Bisonfell wurden 2 Dollar gezahlt, dann 5, bald 30, und 1885 waren die Felle so selten geworden, dass ein Jäger 75 Dollar pro Stück erhielt.

Von dieser Endphase des großen Abschlachtens erzählt The Last Hunt. Robert Taylor spielt den Rassisten Charley Gibson, der im Bürgerkrieg die Lust am Töten gelernt hat. Gibson wird Büffeljäger, weil sich so der Spaß mit dem Geschäft (und der Ausrottung der Indianer) verbinden lässt. Der Film nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt im Dialog ganz explizit, dass Charley beim Töten in sexuelle Ekstase gerät, also einen Orgasmus hat. Vom Abschlachten längst genug hat dagegen sein Partner Sandy McKenzie (Stewart Granger), der früher die Armee mit Büffelfleisch belieferte und nur mitmacht, weil er Geld braucht, nachdem seine Rinder von einer Büffelherde totgetrampelt wurden. Als Abhäuter sind der sarkastische, für das unverblümte Aussprechen unangenehmer Wahrheiten zuständige "Woodfoot" (Lloyd Nolan) und Jimmy (Russ Tamblyn), Sohn einer indianischen Mutter und eines irischen Vaters, mit dabei.

The Last Hunt

Die Außenaufnahmen entstanden in Naturschutzgebieten in South Dakota, wo Brooks und sein Team auch das jährliche Ausdünnen der größten Büffelherde Nordamerikas filmen durften. Die lange Sequenz, in der Charley und Sandy beim geschäftsmäßigen Massakrieren der letzten großen Herde gezeigt werden, wird dadurch noch frostiger, dass man das echte, in der Realität ökologisch begründete Abschießen von Büffeln sieht (in vielen Ländern wurden diese Einstellungen wegzensiert; ein paar davon tauchen in Winnetou wieder auf, wenn Santer auf die Jagd geht - er schießt sogar denselben weißen Büffel wie Charley Gibson). Das finanzielle Desaster war damit vorprogrammiert. The Last Hunt wurde auch dadurch nicht populärer, dass der Film mit der Idee abrechnet, das Abschießen von Tieren (mit dem Gewehr als Penisersatz) habe etwas mit Virilität zu tun. Brooks in einem Interview:

Man kann sich vorstellen, mit welchem Widerwillen und welchem schlechten Gewissen man sich diesen Film ansieht. Die Amerikaner müssen unweigerlich an die Tiere denken, die sie selbst jagen und schießen, und sie merken, dass da kein großer Unterschied besteht: Man drückt ab, das Tier fällt um etc. Kurz gesagt: Der Film vermittelte seinem Publikum das Gefühl, es bestehe selbst aus Mördern. Man kann es ihm nicht verdenken, dass es nicht wild darauf war, sich den Film anzuschauen.

Kalte Welt

Es gab bis dahin auch nur wenige Filme, die Indianer als so rechtlose Wesen zeigten wie The Last Hunt. Noch schockierender wird das dadurch, dass sie viel zu schwach sind, um sich zur Wehr zu setzen. Es gibt weder einen Geronimo noch einen Cochise, sondern nur ein paar versprengte Sioux, die versuchen, der Jagdgesellschaft die Maultiere zu stehlen und von Charley genauso problemlos abgeschossen werden wie die Büffel. Am Leben lässt er nur eine namenlose Indianerin (wieder mal Debra Paget) mit ihrem kleinen Kind. Die Frau beansprucht er als Jagdbeute. Sie wird seine Köchin und seine Sexsklavin. Auch so etwas hatte man im Western bis dahin nicht gesehen. Die Frau muss bei ihm bleiben, weil das Kind sonst verhungern würde.

The Last Hunt

Sandy erfährt, dass die Indianerin eine Missionsschule besucht hat und dass das Kind nicht ihres ist. Das sind wieder diese Drehbucherfindungen, mit denen die Beziehung des weißen Helden zur roten Squaw akzeptabler gemacht wird. Sogar ein Film wie The Last Hunt kann scheinbar ohne sie nicht auskommen. Eine jungfräuliche Indianerin ist besser als eine, die von einem Stammesgenossen geschwängert wurde. Charley hat sie zumindest physisch nicht vergewaltigt, weil er impotent ist, wenn er nicht töten kann. Das führt ihn in Bereiche, in denen man auch Ethan Edwards (The Searchers) antreffen kann. Der Indianerhass beider Charaktere ist in Wirklichkeit ein Selbsthass. Das Wilde und Primitive, das sich in ihrem eigenen Wesen findet, projizieren sie auf den Indianer. Charley Gibson wird am Ende zur pathetischen Figur, weil es unter den dahinvegetierenden Sioux keinen mehr gibt, der als Projektionsfläche dienen und die alten Klischeebilder transportieren könnte.

Als die Spannungen in der Gruppe unerträglich werden, flieht Sandy mit der Indianerin, um sie in die Reservation der Sioux zu bringen. Aber dort gibt es nur ausgehungerte Gestalten, die bei anbrechendem Winter vergeblich auf die versprochene Lebensmittellieferung der Regierung warten und froh sind, Sandys Maultiere essen zu dürfen. In The Searchers überfällt die Kavallerie ein Lager der Comanchen und richtet ein Gemetzel an. The Last Hunt führt vor, wie man durch Passivität dasselbe Resultat erzielen kann. Der Film zeigt uns die wesentliche kulturelle Errungenschaft, welche die Weißen den Indianern gebracht haben: die in der Reservation verhungerten Sioux werden jetzt in Holzsärgen beigesetzt.

The Last Hunt

Als Sandy und die Indianerin den Armeeposten in der Stadt erreichen, finden sie dort die Reste der für die Reservation bestimmten Rinderherde vor. Die Kavallerie hat sie einfach nicht hingebracht. Auf dem Rückweg werden die Flüchtenden von Charley eingeholt. Inzwischen hat er auch Woodfoot umgebracht, und er leidet unter Wahnvorstellungen. Durch das massenhafte Abschlachten der Büffel ist er endgültig verrückt geworden. Jimmy, Sandy und die Indianerin verbringen die eisig kalte Nacht in einer Höhle. Charley erschießt einen einsamen Büffel und zieht ihm das Fell ab, um sich darin zu wärmen. Als Sandy am nächsten Morgen zu ihm geht, um sich mit ihm zu schießen, ist Charley zu Eis erstarrt. Sandy und die Indianerin lieben sich. Gemeinsam reiten sie durch die trostlose Winterlandschaft davon. Zurück bleiben Charleys erstarrter Leichnam, die Skelette der massakrierten Büffel und eine indianische Begräbnisstätte. In The Big Sky gibt es dunkle, gespenstisch anmutende Bilder, die andeuten, dass die utopische Reise auf dem Fluss in einen Albtraum umschlagen könnte wie in Heart of Darkness von Joseph Conrad. Mit The Last Hunt hält endgültig der Horrorfilm im Western Einzug.

The Last Hunt

Eine Frau und ihr Klavier

The Unforgiven (1960) macht da weiter, wo The Last Hunt aufgehört hat. Durch jedes Bild weht der Hauch des Wahnsinns. Jeder hat einen Grund zum Hass, und keinem wird vergeben. Nachts, wenn der Sandsturm tobt, macht der Held Jagd auf einen Mann mit Säbel, der Lieder aus dem Bürgerkrieg singt und von dem man nicht recht weiß, ob er ein Mensch ist oder ein vom Wind angewehtes Geschöpf aus der Schattenwelt. Seit der Regisseur John Huston aus der Mode gekommen ist, gilt der Film als missglückt, an der eigenen Ambitioniertheit gescheitert, mit Audrey Hepburn als peinlicher Fehlbesetzung.

The Unforgiven

Ganz so schlecht kann ein Film aber eigentlich nicht sein, wenn er so übertriebene Reaktionen hervorruft wie dieser. Es schadet nicht zu wissen, dass Ben Maddow, der Drehbuchautor, 1936 einer der Mitbegründer der linken Wochenschau The World Today war und in den 1950ern als Mitglied eines linken Filmkollektivs auf die schwarze Liste der Kommunistenjäger geriet. Wie Albert Maltz, der Autor von Broken Arrow, war er darauf angewiesen, dass ihm andere ihren Namen zur Verfügung stellten. Noch 1958 wurde Philip Yordan als Drehbuchautor von God's Little Acre genannt, obwohl das Buch von Maddow stammte.

The Unforgiven war der erste Film seit Jahren, bei dem sein Name wieder im Vorspann stand. Weil es am bequemsten war, hatte man sich in Hollywood darauf geeinigt, dass die Opfer der Blacklist viel politisches Bewusstsein und wenig künstlerisches Potential gehabt hätten. Als sie wieder offiziell an Filmen mitwirken durften, hatten sie wenig zu gewinnen. Zum Standardrepertoire der Kritiker gehörte die Feststellung, dass ihre Drehbücher zwanghaft um die politische Aussage bemüht und leider misslungen seien. In zeitgenössischen Kritiken zu The Unforgiven, von denen bis heute abgeschrieben wird, kann man das immer finden: gut gemeint, aber intellektuell unbefriedigend. Solche Einlassungen sind mit Vorsicht zu genießen, weil sie unter Umständen mehr über die in Hollywood praktizierte Art der Vergangenheitsbewältigung aussagen als über den jeweiligen Film.

An The Unforgiven scheiden sich bis heute die Geister, was zumindest zeigt, dass der Film weiter faszinierend ist. "Formal beachtlicher Edelwestern, der John Hustons Fähigkeit zu kraftvoller Inszenierung bezeugt, das Thema Rassenhass jedoch nicht aufarbeitet", steht im Lexikon des internationalen Films. Zu finden ist mittlerweile alles von "einer der schönsten Western der Filmgeschichte" (Jean-Louis Bory, Le Western) bis zu "der indianerfeindlichste Film, der je gedreht wurde" (Ralph und Natasha Friar, The Only Good Indian). Weil das mit dem Rassenhass irgendwie schwierig und widersprüchlich ist, weichen viele Rezensenten gern auf die Produktionsgeschichte aus. Auch sie war kompliziert. Audrey Hepburn fiel vom Pferd, verletzte sich Rippen und Rückenwirbel und erlitt in Folge des Sturzes eine Fehlgeburt. John Huston hatte schon bei den Dreharbeiten Zoff mit seinem Hauptdarsteller (und Produzenten) Burt Lancaster und gab später an, das sei der einzige seiner Filme, den er überhaupt nicht leiden könne.

The Unforgiven

Stanley Kauffmann meint, The Unforgiven sei der dümmste Film über eine Frau und ihr Klavier vor The Piano. Das Klavier gehört Mattilda Zachary, und wer denkt, dass es ein Symbol von Kultiviertheit und Feinsinn ist, der irrt. Ben Zachary hat es seiner Mutter aus Wichita mitgebracht. Das nie zu sehende, aber von allen begehrte Wichita ist das Sinnbild der weißen Zivilisation. Geld allerdings gibt man dort nur für Whiskey, Huren und pornographische Photos aus. Ben hat gewettet, das Klavier hochheben zu können und es durch puren Krafteinsatz gewonnen. In einer der denkwürdigsten Szenen des Films wird es als Waffe im Kampf gegen die Indianer eingesetzt. Während sich die Kiowa mit den vom Medizinmann vollführten Ritualen und mit Flötenspiel auf den Angriff vorbereiten, halten die Zacharys dagegen, indem Mattilda klassische Musik zum Besten gibt. Das ist weniger dumm, als Kauffmann glaubt. Während die ach so unkultivierten Indianer auf dem Klavier herumschlagen, werden sie von Familie Zachary abgeschossen wie die Hühner. Die (weiße) Kultur in The Unforgiven ist ein Lockmittel und ein Tötungsinstrument.

Blaue Indianer

Texas nach dem Bürgerkrieg. Die Zacharys haben es durch harte Arbeit zu einer großen Rinderherde gebracht. Die Familie besteht aus der Witwe Mattilda (Lillian Gish, die hier ihre Rolle in Duel in the Sun wieder aufnimmt), den drei Söhnen Ben (Lancaster), Cash (Audie Murphy) und Andy (Doug McClure) sowie deren Schwester Rachel (Audrey Hepburn). Die erste Begegnung Rachels mit ihrem großen, soeben aus Wichita zurückgekehrten Bruder Ben verläuft so, dass man sich gleich denkt: da liegt ein Inzest in der Luft. Man erfährt aber auch, dass Rachel, die einzige Überlebende eines von den Kiowa massakrierten Siedlertrecks, als Säugling von den Zacharys adoptiert wurde. Ben steht trotzdem so stark unter dem Eindruck des Inzesttabus, dass er seine Liebe zur "Schwester" nur in Form von Ersatzhandlungen ausagieren kann. Er tritt als ihr Beschützer und als Vaterersatz auf, der andere Männer von ihr fernhält.

The Unforgiven

Der Film ist viel dafür gescholten worden, dass er die Geschichte aus Sicht der Weißen und nicht der Kiowa erzählt. Aber was sind das für Indianer? Folkloristisches wie in Broken Arrow gibt es hier kaum. In vergangenen Jahrzehnten ritten die Stuntmen im Kreis um die Ranch oder die Wagenburg herum und ließen sich als Hollywood-Indianer vom Pferd schießen. In The Unforgiven machen sie das wieder, wofür sich Huston viel Kritik einhandelte. Aber als sie das erste Mal vor dem Haus der Zacharys auftauchen, in dem nicht zufällig der Stummfilmstar Lillian Gish wohnt, sind sie im blauen Licht des Mondes zu sehen wie Wesen aus einer anderen Welt, oder auch wie Vampire und Werwölfe aus der Frühzeit des Films, als die Bilder von der Nacht noch blau eingefärbt wurden. Das Haus der Zacharys wird so zum Kino, der durch das Fenster vorgegebene Bildausschnitt zur Leinwand.

Die Zacharys schießen weniger auf Indianer als auf ein durch zahllose Filme vermitteltes Klischeebild. Huston inszeniert die Angriffe auf das Haus denn auch betont unrealistisch: jeder Schuss der Verteidiger ist ein Treffer. Eine Schlüsselstelle ist die, in der Charley Rawlins, ein tumber Tor, erfolgreich um Rachels Hand anhält. Ben, der mehr als brüderliche Liebe für Rachel empfindet, dies aber nicht zugeben kann (der gefühlte Inzest), kündigt mit übertriebener Begeisterung, die an Verzweiflung grenzt, eine große Hochzeit an. Aber gleich, nachdem Charley Rachel das erste Mal geküsst hat, erscheinen die Indianer und ermorden ihn. Sie kommen weniger aus dem Dunkel der Nacht als aus Bens Unbewusstem, agieren seine geheimen Bedürfnisse aus. Diese Kiowa sind wieder die Projektionsfläche für die Wünsche und Ängste der Weißen.

The Unforgiven

In Gestalt des unheimlichen, offenbar geistig verwirrten Reiters mit Säbel taucht die Vergangenheit aus der Wüste auf. Der Bibelsprüche zitierende Abe Kelsey (Joseph Wiseman) ist wie ein Gespenst, wie eine Figur aus dem Alten Testament und wie der Verkünder eines Fluchs, vor dem es kein Entrinnen gibt. Noch mit der Schlinge um den Hals behauptet er, dass Rachel eine Indianerin sei. Das glauben nicht nur viele von den Weißen, sondern auch die Kiowa, die auf den Kriegspfad gehen, als die Zacharys nicht bereit sind, ihre vermeintliche Stammesangehörige herauszugeben. Mattilda ist schließlich gezwungen, ihrer Familie gegenüber die Wahrheit einzugestehen: Als Vergeltung für ein Massaker metzelten die weißen, von ihrem Mann William und von Abe Kelsey angeführten Siedler die Bewohner eines Kiowa-Dorfes nieder. Einzige Überlebende war ein Indianerbaby (Rachel), das Zachary, des vielen Tötens müde, seiner Frau mitbrachte und das die beiden als ein weißes Findelkind ausgaben.

The Unforgiven

Wer sich - wie viele Kritiker es gemacht haben - darüber beklagt, dass Audrey Hepburn als junge Kiowa-Frau nicht glaubwürdig sei (nicht dunkel genug, falscher Akzent), wandelt auf dünnem Eis, weil er letztlich nur fordert, das eine Konstrukt durch das andere zu ersetzen. Hohn und Spott hat die Szene auf sich gezogen, in der Hepburn, nach dem Geständnis Mattildas vor dem Spiegel stehend, ihr Kleid aufknöpft und die Pigmentierung ihrer Haut betrachtet. Ihr hätte, heißt es dann, schon früher auffallen müssen, dass sie eine Rothaut ist. Dabei will die Szene genau das sagen: ob Indianer oder nicht, liegt im Auge des Betrachters. Seit sie weiß, dass sie die einzige Überlebende des von Weißen im Kiowa-Dorf angerichteten Massakers ist, sieht Rachel sich als Indianerin. Vorher tat sie das nicht.

In der Inzucht-Falle

Das bevorzugte Kommunikationsmittel in The Unforgiven ist die Gewalt. Die Szene mit dem Klavier führt das drastisch vor Augen. Der Film hat dazu eine dezidierte Meinung und bringt Pioniere auf die Leinwand, die dringend eine Blutauffrischung benötigen würden. Die geistig eher beschränkten Söhne des bigotten, immer die Bibel mit sich führenden und an Krücken gehenden Patriarchen Zeb Rawlins (Charles Bickford) legen die Vermutung nahe, dass es an der Frontier ein Inzucht-Problem mit Folgen für das genetische Material gibt. Das Angebot an fortpflanzungsfähigen - und, aus Sicht der Rassisten: fortpflanzungswürdigen - Partnern ist so gering, dass im ersten Drittel des Films dauernd davon gesprochen wird, wer wen heiraten könnte.

The Unforgiven

Trotzdem müssen die Indianer mit aller Macht von Heim und Herd ferngehalten werden. Die Weißen sind dabei, immer dümmer zu werden und sich selbst abzuschaffen - wenn auch ganz anders, als Herr Sarrazin sich das denkt. Aus Rassenhygiene wird Degeneration. Kaum ist Rachel, die soeben noch als beste Partie im Land gehandelt wurde, als Kiowa entlarvt, ist sie auch schon ein Monster. In der rassistischen Frontier-Gesellschaft gibt es keinen Platz mehr für sie. Ginge es nach Zeb Rawlins, dem gnadenlosen Bibelleser, blieben ihr, die sie als Weiße bei Weißen aufgewachsen ist, noch genau zwei Möglichkeiten: sie geht zurück zu "ihren Leuten" (den Kiowa), oder sie wird Soldatenhure in Wichita. Die wirklichen Ungeheuer im Film sind nicht "die Indianer", sondern die weißen Rassisten.

Die Zacharys, die nicht bereit sind, ihre nun stigmatisierte Familienangehörige fortzuschicken, werden selbst gesellschaftlich geächtet und mit dem wirtschaftlichen Ruin bestraft (die anderen sortieren ihr Vieh aus der Herde aus, die gemeinsam nach Wichita getrieben werden soll). Audie Murphy hat der Konflikt eine seiner besten Rollen beschert. Als Cash Zachary, der alle Indianer hasst, seit diese seinen Vater umgebracht haben, ist er hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu seiner Familie, in der es plötzlich eine indianische Schwester gibt und der zu den auf Abgrenzung bedachten Rassisten.

Der Film bietet auch ihm nur zwei Möglichkeiten an: Cash kann sich mit Georgia, einer aus der Rawlins-Sippe (und, zumindest vom intellektuellen Standpunkt aus, keine Werbung für die endogene Lebensform), im Heu tummeln und sie heiraten; oder er plündert das - auch metaphorisch zu verstehende - Munitionsdepot von Vater Rawlins und kämpft an der Seite seiner Geschwister gegen die Kiowa. Als Aufarbeitung des Themas Rassenhass ist das natürlich unbefriedigend. Man kann dem Film aber auch zugute halten, dass er nicht so tut, als ließe sich der Rassismus dadurch überwinden, dass Cochise und sein weißer Bruder die Friedenspfeife rauchen und die Indianer glücklich und zufrieden in ihrem grünen Tal leben, das ihnen von Präsident Grant oder anderen "weißen Vätern" in Washington garantiert wird.

The Unforgiven

The Unforgiven endet so, wie Rachels Geschichte begonnen hat: mit einem Massaker. Mutter Mattilda stirbt im Kampf gegen die Kiowa. Ben, Rachel und Andy befinden sich in einer schier ausweglosen Lage, als doch noch Cash als Retter in der Not erscheint. Die verbliebenen Kiowa, die Rachel wiederhaben wollten, werden umgebracht. Sehr oft werden die Indianer innerhalb eines Rahmens gezeigt, um deutlich zu machen, dass es sich nur um ein Abbild handelt, das sich die Weißen von ihnen machen. In einer der stärksten Szenen des Films tritt Lost Bird, Rachels wirklicher Bruder, aus dem Rahmen heraus. Erstmals im Film steht er seiner Schwester direkt gegenüber. Rachel erschießt ihn. Das ist der Preis, den sie zu entrichten hat, um eine Zachary bleiben bzw. werden zu dürfen. Und es wirft die Frage auf, was schwerer zu ertragen ist: das Bild, das sich eine rassistische Gesellschaft von den Indianern macht oder die Erkenntnis, dass sie doch keine Monster sind (was den Taten der Weißen die Legitimation entzieht).

The Unforgiven ist so besetzt, dass es zum Liebespaar Rachel und Ben keine erkennbare Alternative gibt. Die Vorstellung, dass Albert Salmi, der als Charley Rawlins nicht nur uncharismatisch ist, sondern auch noch einen Trottel spielen muss, Audrey Hepburn zum Traualtar führen könnte, ist so unbefriedigend, dass man als Zuschauer kaum anders kann, als darüber froh zu sein, dass er gleich nach der Verlobung von den Kiowa überfallen und skalpiert wird (als Zeichen der Entmannung). Huston macht das mit einer an Alfred Hitchcock gemahnenden Finesse (Hitchcock war ein Experte, wenn es darum ging, dass sich das Publikum in Gedanken versündigen sollte). Ben will Charleys Tod, und wir wollen ihn auch.

The Unforgiven

Wie man von dort zur Eheschließung kommt, wissen wir schon: Man spielt mit einer Möglichkeit, die noch weniger akzeptabel ist als die rot-weiße Beziehung. In diesem Fall ist das der Inzest. Nachdem Rachels wahre Identität gelüftet ist, kann Ben erstmals wirklich zärtlich zur geliebten "Schwester" sein. Mitten im Gemetzel, als das Haus und die bürgerliche Existenz der Zacharys in Rauch aufgehen, gibt er ihr den ersten Kuss. Vorher war das nicht möglich, weil sich das Inzesttabu trotz fehlender Blutsverwandtschaft als zu stark erwies. Bis zu diesem Kuss haben Regie und Drehbuch eine Geschichte entwickelt, in der man sich als Zuschauer sehr leicht verfängt. Einen Beitrag dazu leistet auch das Hollywood-Starsystem. Die Kraft der von der Traumfabrik garantierten Konventionen ist nicht zu unterschätzen.

The Unforgiven

Der Film geht von der - vermutlich nicht so falschen - Annahme aus, dass die Mitglieder einer rassistischen Gesellschaft selbst mehr (Cash) oder weniger (Ben) rassistisch sind, ob sie das wollen oder nicht. Würde Ben Zachary unter normalen Umständen eine Indianerin heiraten? Sicher nicht. Noch weniger allerdings würde er die Frau heiraten, die als seine Schwester mit ihm aufgewachsen ist. Doch in dem Moment, in dem die Kiowa draußen vor der Tür stehen und ihre Blutsverwandte zurückfordern, ist das Inzest-Problem wie weggeblasen. Die Enthüllung von Rachels wahrer Identität wird als Erleichterung erfahren. Sie ist jetzt primär die Nicht-mehr-Schwester, nicht die Indianerin. Mit ihr will Ben nach Wichita fahren und Hochzeit feiern. Wichita ist der Ort, wo sie zwanzig Filmminuten früher, da noch in ihrer Rolle als Indianerin, nur als Hure hätte unterkommen können.

Der Vorwurf der Indianerfeindlichkeit wird üblicherweise damit begründet, dass für das Happy Ending alle Kiowa umgebracht werden wie in einem Western der Stummfilm- oder der frühen Tonfilmzeit. Wer das macht, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht jemanden vergessen hat? The Unforgiven ist so geschickt erzählt und inszeniert, dass alle Ausgrenzungsversuche scheitern müssen, auch die gegenüber den Rassisten. So endet das Jahrzehnt, das mit Filmen in der Art von Broken Arrow begonnen hat (die den weißen Helden liebende Indianern wird das letzte Opfer der rassistisch motivierten Gewalt) damit, dass die Indianerin nach einer langen Abfolge scheinbar sinnloser Gewalttaten den weißen Helden heiraten darf, nachdem ihre Stammesgenossen getötet wurden.

The Unforgiven

Am Himmel über der Zachary-Ranch treten die Wildgänse zum Formationsflug an. Unten auf der Erde stehen die vier, durch den Kampf gegen die Kiowa wieder vereinten Geschwister. Rings um sie herum liegen die toten Indianer. Dieses Ende ist so gruselig wie wenige im Western. Am Schluss scheint die Familie über die Vergangenheit, über gesellschaftliche Konventionen und über Vorurteile zu siegen. Ein so vergiftetes Familienidyll allerdings hatte man selten zuvor in einem Hollywood-Film gesehen. Aber ein Idyll ist es irgendwie dann doch, mit Braut und Bräutigam. Der Film hinterlässt einen so zwiespältigen und verstörenden Eindruck, weil er im Moment der Katastrophe die Möglichkeit einer radikalen Neugründung von Gesellschaft offen lässt. Die Katastrophe ist dafür sogar die Voraussetzung. So öffnet The Unforgiven dem Indianerfilm die Tür in die 1960er und 1970er. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Indianer-DVDs: Winnetou bei Kinowelt. Devil's Doorway ist kürzlich in der Warner Archive Collection erschienen (DVD-R, Region 1). Broken Arrow bei Koch Media (Der gebrochene Pfeil) oder Fox (Region 1). Across the Wide Missouri (Más allá del Missouri) und Drum Beat (Tambores de guerra, digitalisiertes Video) bisher nur in Spanien. Die Kinowelt-Doppel-DVD mit beiden Fassungen von The Big Sky (Der weite Himmel) ist vergriffen und wird zu Wucherpreisen gehandelt. Besser fährt man ohnehin mit der in Frankreich (Editions Montparnasse) erschienenen, in einer Pralinenschachtel gelieferten Ausgabe: La captive aux yeux clairs (auch 2 DVDs, Studiofassung in besserer Qualität). The Indian Fighter (Als Vergeltung sieben Kugeln) bei MGM, Region 1 und 2. The Last Wagon bei Fox (nur Region 1). White Feather bei Fox (Region 1) oder Koch Media als Die weiße Feder (beide nicht so toll). The Last Hunt kriegt man in Frankreich als La dernière chasse (leider nicht anamorph). The Unforgiven (Denen man nicht vergibt) bei MGM.