Alles ist eingepreist

Neoliberale Ökonomik, Dieselgate und das Trugbild "Preis"

Es scheint so zu sein, dass die großen Krisen des neoliberalen Kapitalismus‘ in immer kürzeren Abständen die Wirtschaft erschüttern. Schon 1997 verzockte sich der Hedge Fond "Long Term Capital Management" (trotz zweier Nobelpreisträger Scholes and Merton), im Dezember 2001 musste der riesige Energiekonzern "Enron" Insolvenz anmelden, 2001 stürzten die Kurse des Neuen Marktes ins Uferlose, bis er schließlich aufgelöst wurde, und 2008 führte der Bankrott von Lehman Brothers zur internationalen Finanzmarktkrise, deren Auswirkungen insbesondere in der Griechenlandkrise noch heute zu besichtigen sind. Und nun Dieselgate und der Kartellverdacht gegenüber der Autoindustrie.

Fast könnte man meinen, dass der neoliberale Kapitalismus ohne Betrug und Täuschung auf Dauer nicht mehr rendite-effizient wirtschaften kann. Absprachen, Manipulationen, Korruption scheinen an der Tagesordnung zu sein, um Produkte überhaupt noch verkaufen zu können. Karl Marx‘ Feststellung, dass die Ware, das Produkt eine Hieroglyphe sei (heute auch die Finanzmarkt-"Ware"), die entziffert werden müsse, scheint in diesem Zusammenhang aktueller denn je. Wer heute ein T-Shirt für zehn Euro kauft, der weiß nichts darüber, ob diese Ware unter menschlichen Bedingungen hergestellt wurde, genauso wie Spezialisten komplexe Finanzmarktprodukte nicht immer verstanden; und wer weiß schon, was wie in seinem Neuwagen verbaut wurde, was der Preis seines Neuwagens möglicherweise verheimlicht.

Was sagt also der Preis aus, was ist eingepreist, wie es gebetsmühlenartig bei fast jeder Börsensendung zu hören ist? Waren z. B. die Risiken der hybriden Produkte der Finanzmarktindustrie eingepreist? Irgendwie schon, aber auch nicht. Mittels mathematischer Modelle schienen Risiken so minimiert, dass sie eigentlich nicht eintreffen konnten. Manager vertrauten wie die Finanzmarktexperten der Gaußschen Glockenkurve und der Normalverteilung von Risiken, weshalb Risiken an den Rändern so unwahrscheinlich seien, dass man sie vernachlässigen könne. Wie wir heute wissen, stimmte das nicht. Denn plötzlich war da ein "Schwarzer Schwan", der nicht für möglich gehalten wurde. Unvorhergesehenes war eben nicht eingepreist, die mathematischen Modelle im Grunde nutzlos.

Mathematik und Zahlen sind zwar in den Naturwissenschaften von essentieller Bedeutung, weil sie Experimente eines geschlossenen Systems der unbelebten Natur in Formeln oder mathematischen Modellen fassen können, sie haben aber ihre Grenzen, wenn es um gesellschaftliche oder menschliche Verhaltensweisen geht, die grundsätzlich offen sind. Das lässt sich schon daran ablesen, dass Experimente mit Menschen keine hundertprozentige Aussage zulassen. So müssen naturwissenschaftliche Experimente überall auf der Welt zu selben Ergebnissen führen, wenn sie von der naturwissenschaftlichen Community akzeptiert werden sollen; da aber menschliches Handeln und Erleben einzig sind, ist eine Generalisierung und mithin eine mathematisches Modell für Menschen unmöglich: Der erste Kuss ist einmalig und lässt sich nicht beliebig wiederholen!

Daher können ökonomische Entscheidungen generell für ein Land oder eine Region nicht nur durch Zahlen oder eine ökonomische Theorie gefällt werden, wie das bis heute häufig der Fall ist, da sie nur Teile der Wirklichkeit erfassen. So haben beispielsweise die Bilanzzahlen der Industrie jahrelang nicht die Nachteile ihres ökonomischen Tuns abgebildet, sie haben die Ränder ihres Tuns nicht gesehen oder sehen wollen. Die Verschmutzung des Rheins wurde daher nicht aufgrund marktwirtschaftlicher Effizienz durch den Preis, sondern mittels demokratisch-politischer Entscheidungen eingepreist - der Rhein wieder sauber.

Die Argumentation mancher Autohersteller, dass Kunden eben preiswerte Autos haben möchten, zeigt das ganze Dilemma vermeintlich eingepreister Fakten, da kein Kunde genau weiß, was der Preis tatsächlich aussagt, was eigentlich tatsächlich eingepreist ist. Denn überall dort, wo Menschen agieren, sind zahlenbasierte Entscheidungen, heute z. B. die KPIs (Key Peformance Indicators) mit spitzen Fingern anzufassen, da ihre Aussagekraft oft mehr verschleiert, behindert oder sogar verschlimmert, als dass sie Prozesse langfristig effizienter und sinnvoller machen.

Gerade in den USA sind solche formalen Entscheidungshilfen offenbar weit verbreitet. So werden Mitarbeiter nach bestimmten auf Algorithmen basierenden Tests ausgewählt. Hat ein Bewerber den Test nicht bestanden und bewirbt er sich bei einer anderen Firma, die denselben Test verwendet, hat er keine Chance auf eine Anstellung, weil er wieder durchfallen wird. Dass er gerade in dieser Firma aufgrund anderer menschlicher Verhaltensweisen, anderer Kunden, einer anderen Umwelt gute Arbeit leisten könnte, sagt der Test eben nicht aus.

Formalen und mathematischen Prinzipien wird zu häufig ein Wahrheitswert unterstellt, der in der ökonomischen Praxis nicht erfüllt werden kann, aber häufig plausibel scheint, weil er Komplexität reduziert. Und Menschen möchten einfache Lösungen für schwierige Aufgaben: Slogans wie Steuern runter, Arbeitsplätze rauf oder die Steuererklärung auf einem Bierdeckel.

Dieser Glaube, mit formal-rationalen Methoden ökonomische Prozesse effizient meistern zu können, geht zurück auf das 19. Jahrhundert, als die Ökonomen, wie viele andere auch, von den Leistungen der Naturwissenschaften, ihrer dominanten Hilfswissenschaft, der Mathematik, und deren praktischen Erfolge fasziniert waren (man denke an die Stahlherstellung, Eisenbahnen, den Eiffelturm, chemische Industrie etc.). Sie wollten genauso wissenschaftlich sein wie die Physiker und Ingenieure, und daher zog die Mathematik - als "Königin" der Wissenschaften - in die Ökonomik ein. Zahlen prägen seitdem wirtschaftliches und ökonomisches Denken.

Vor allem der Preis ist zu einer dominanten Figur geworden, obwohl er letztlich ein imperfektes Mittel ist, um ökonomische Fakten zu verstehen. Er reduziert komplexe Vorgänge auf eine Ziffer, die für den Verbraucher das Orientierungsmittel ist. Hätte der Verbraucher allerdings zusätzliche Informationen, die eben nicht im Preis sichtbar werden, wie z. B. die zu billige Milch im Supermarkt, die Milchbauern zwingt, das Milchkühe-Geschäft aufzugeben, und offenbar dazu führen könnte, dass bald keine Butter mehr in den Regalen liegt, dann würde der Kunde möglicherweise anders handeln, da er begreifen würde, dass der Preis diese Hintergründe nicht abbildet. Die Folge ist, dass sich Risiken entwickeln können, die viel zu spät in Preisen sichtbar werden, wie das in der Vergangenheit der Fall war.

Natürlich versucht der Verbraucher möglichst preiswert einzukaufen, er mache den Preis, wird oft behauptet. Aber der Preis wird eigentlich von den großen Unternehmen gemacht, der Autoindustrie, den Supermärkten, die ihren Lieferanten Preise nicht selten oktroyieren. Der Verbraucher sieht nur günstige Preise und kauft dann ein, vergleicht mit anderen Discountern (oder Autohändlern etc.) und kauft dort, wo es günstig ist; er sieht aber nicht, welche Auswirkungen damit zusammenhängen. Wüssten es die Verbraucher, würde sich deren Verhalten wahrscheinlich ändern, wie das zum Teil heute schon der Fall ist, wenn zu den Waren nicht nur der Preis, sondern zusätzliche Informationen wie "Bio" beigefügt werden.

Preisinformationen sind kein verlässlicher Indikator für wirtschaftliche Entscheidungen, Effizienz und ökologische Vernunft. Das zeigt sich in der gegenwärtigen Krise der Autoindustrie sehr deutlich, wo Preise nichts über Dieselmanipulationen oder Kartellvorwürfe aussagten, genauso wie blumige Renditeversprechen der Finanzmarktakteure viele Verbraucher in die Irre geführt hatten. Preise sind nur Abstraktionen verschiedener konkreter Inhalte, die im Preis nie zum Ausdruck kommen können.

Der Preis als normatives Merkmal ist unbrauchbar, verschleiert mehr, als dass er verdeutlicht; er ist immer noch eine Hieroglyphe und letztlich nur ein buchhalterisches Mittel, um Kosten, Renditen etc. auszurechnen; er gibt z. B. keinerlei Auskunft über ethisches Verhalten, vernachlässigt wichtige Informationen, erzeugt Krisen und damit meist unnötige Kosten und Schulden zu Lasten des Steuerzahlers oder Verbrauchers, die dann durch politische Entscheidungen korrigiert werden müssen - wie beim Dieselskandal.

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