"Alles unter 14 Prozent wäre für die FDP eine Niederlage"

Christian Lindner und Armin Laschet. Foto: Olaf Kosinsky (kosinsky.eu). Lizenz: CC BY-SA 3.0-de

Nach der Entscheidung der CDU für Laschet statt Merz werben die Liberalen um Unionswähler

Nachdem der erste digitale CDU-Parteitag am Samstag zur Wahl von Armin Laschet als neuem Vorsitzenden führte, debattiert man in den anderen deutschen Parteien, was das für die eigene Aufstellung zur Bundestagswahl im Herbst bedeutet. Besonders lebendig scheint die Diskussion derzeit in der FDP, wo man auf enttäuschte CDU-Wähler hofft, denen Friedrich Merz lieber gewesen wäre.

"Der Ball liegt nicht auf dem Elfmeterpunkt, er liegt auf der Torlinie und es gibt keinen Torwart"

Der twitterprominente Ex-Pirat und Ex-Moslem Ali Utlu lud beispielsweise am Wochenende ein: "Enttäuschte CDU-Wähler können gerne zur FDP kommen - zwischen einer linken CDU und den Rechten gibt es noch eine vernunftbasierte Partei." Andere den Liberalen zugehörige oder dem Liberalismus zuneigende Kommentatoren wie Frau Nulleberg bezogen sich dabei nicht alleine auf Armin Laschet, sondern auch darauf, dass der nordrhein-westfälische Ministerpräsident, den sich den Umfragen nach lediglich elf Prozent der Wahlberechtigten als Sieger wünschten, möglicherweise nicht der Kanzlerkandidat der Union wird, sondern der FFP2-Masken-Verordner Markus Söder oder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der noch am 1. September 2020 verlautbart hatte, "mit dem Wissen von heute" würde man "keinen Einzelhandel mehr schließen" und das werde "nicht nochmal passieren".

Angesichts solcher Aussichten legte Benedikt Brechtken, der nach Carlos Gebauer bekannteste Vertreter des libertären Flügels der Partei, die Latte hoch: "Bei den sich anbahnenden Kanzlerkandidaten" wäre seiner Meinung nach "alles unter 14 Prozent für die FDP eine Niederlage". "Der Ball", so der 21-jährige Kolumnist der Tageszeitung Die Welt, "liegt nicht auf dem Elfmeterpunkt, er liegt auf der Torlinie und es gibt keinen Torwart". Andere Nutzer, die skeptischer sind, griffen diese Fußball-Metapher auf und meinten beispielsweise, dass er dort bereits seit Jahren liege, aber von der FDP "noch immer im gegnerischen Strafraum" gesucht werde.

Lindner gratulierte überschwänglich

Diese Kritik an der Parteiführung gilt unter anderem dem amtierenden FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, dem viele übel nehmen, dass er die vor allem von Seiten der Grünen und deren Vorfeldorganisationen als zu migrationsskeptisch kritisierte ehemalige Generalsekretärin Linda Teuteberg fallen ließ. Einig scheinen sich Lindner und dessen Kritiker aber darin zu sein, dass Laschets Wahl eine Chance ist, weil er, Söder und Spahn - anders als vielleicht Merz - kaum Wähler anlocken dürften, die ihr Kreuz auch bei der FDP machen könnten.

Gerade auch deshalb dürfte Lindner dem "lieben Armin Laschet" nach dessen Erfolg so überschwänglich gratuliert haben. Außerdem verwies er auf die "gute Zusammenarbeit" in der schwarz-gelben Koalition in Nordrhein-Westfalen und meinte: "Daran lässt sich im Bund anknüpfen.". Bei der letzten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen landete die CDU bei 33 und die FDP bei 12,6 Prozent. In den Umfragen zur Bundestagswahl steht die Union derzeit bei Werten zwischen 35 und 37 Prozent - aber die FDP nur bei fünf bis neun, auch wenn sie in der ersten INSA-Umfrage nach Laschets Wahl gestern um eineinhalb Prozentpunkte zulegen konnte. Bei Sperrhürdenausschuss zwischen viereinhalb und sieben Prozent würde das zusammengerechnet immer nicht für eine absolute Mandatsmehrheit im Bundestag reichen. Gleiches gilt auch für den Fall, dass die FDP nur auf Kosten der Union deutlich zulegt, die am Montag bei INSA einen Prozentpunkt verlor.

Viele Beobachter gehen deshalb davon aus, dass es im Herbst zu einer schwarz-grünen Koalition kommen wird - auch wenn Laschet öffentlich verlautbart hat, das sei nicht sein "Wunschbündnis". Mit der FDP könnte er wohl nur dann koalieren, wenn es für die Union und die Grünen nicht reichen würde. Bei aktuell 18 bis 21 Prozent für die Tugendpartei scheint so sein Szenario weit entfernt - aber in acht Monaten kann sich viel ändern. Vor allem, wenn wirtschaftliche Folgen der Lockdowns vielleicht doch noch vor dem 26. September 2021 spürbar werden, könnten sie den einen oder anderen Bürger vielleicht dazu bringen, weniger "postmateriell" abzustimmen. (Peter Mühlbauer)