Alles wie immer

Das Netz wird melancholisch

Kurz nach 40, das ist so ein schwieriges Alter für Männer wie Frauen. Und anscheinend durchlebt auch die Netzgemeinde ihre midlife crisis.

Kurz vor Weihnachten war’s, da sagte der Herr Schirrmacher mal wieder der Nation Bescheid: Alles wird immer schneller immer mehr, vor allem durch das Netz, und das sei nicht in jedem Fall bekömmlich. Zu Ein- und Heimkehr mahnte er, der jugendbewegte Teil der Netzgemeinde biss an, und Schirrmacher hatte die Publicity, die er brauchte. Damit könnte diese "Debatte" beigelegt sein.

Aber da ist schon so ein Ton, so eine Stimmungslage, wenn Bekannte sagen: "Ja, zwischen 2002 und 2005, da war das noch richtig gut mit den Blogs, aber jetzt …" Große Kolumnen in der FAZ fragen sich, was denn mit den deutschen Bloggern eigentlich so los ist, andernorts geht man ohne Umweg gleich die ganz großen Fragen an, die von Tod und Gegentod von Archiv und Kultur; selbst die Wachsleichen vom Begriffsfriedhof der Postmoderne haben noch einmal Ausgang. Obwohl Frühjahr ist, weht etwas Herbstliches durch das Netz, und man fühlt sich an Rilke erinnert:

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Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Oder auch:

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Datenherbst

Herr, es ist Zeit. Die Freiheit war zu groß.
Leg deinen Schatten auf die Netze nun
und in den Foren lass die Spitzel los.

Befiehl den Usern, still zu sein;
gib ihnen Anlass zu der Frage,
wo dies und jenes landet, und jage
ihnen Angst bei jedem Posting ein.

Wer jetzt kein PGP nutzt, lädt sich keines mehr.
Wer in Verdacht gerät, wird's lange bleiben,
wird grübeln, jammern, überwachte E-Mails schreiben,
und wird beim Surfen hin und her
unruhig wandern, oder lieber offline bleiben.

Wobei letzteres natürlich nicht von Rilke ist, sondern eine Parodie von mir auf eins seiner Stücke.

Hier und da kommt Freude auf, wenn das Verfassungsgericht mal die Würgeschlinge um die Pressefreiheit ein wenig lockert, und wenn die Piratenpartei bei irgendeiner Wahl mal wieder einen Zehntelprozentpunkt mehr Stimmen einfährt - aber sag mir, wo die Blumen der digitalen Revolution sind? Die über Vierzigjährigen, Netzskeptiker wie Netizens, bereiten sich auf eine Zeit vor, in der mit leiser Wehmut Sprüche wie "Es war nicht alles schlecht in den Nuller Jahren" zu geflügelten Worten mutieren. Und die ganz alten Kämpen werden hinzufügen, dass es vorher noch viel besser war.

Die midlife crisis des Netzes regt zu allerhand "Debatten" an, und das könnte man bedenkenträgerisch für eine Form selbstreferentieller Frühvergreisung halten. Aber selbst das hieße, das Gestrampel zu überschätzen

Was passiert, ist dies: Ähnlich wie das Radio und das Fernsehen hat ein neues Medium die überzogenen Erwartungen, die an es gerichtet waren, nicht erfüllt. Und die Alten rhabarbern über die Tempi passati, als alles noch gleichzeitiig heimelig, weltumspannend und ein bisschen revolutionär war, und die Jungen beugen sich der Multitaskingdressur, die das Metaproduktionsmittel Internet ihnen abverlangt, so gut sie nur können. Eine winzige Minderheit, Alte wie Junge, macht etwas aus dem ganzen Kladderadatsch, was man ohne Kopfweh wahrnehmen kann. Mit einem Wort: Alles wie immer. (Marcus Hammerschmitt)

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