Allgemeine Abschottung

Die "Gettoisierung" der europäischen Gesellschaften

Vor einiger Zeit war in einer englischen Sonntagszeitung ein Kommentar zu lesen, der konstatierte, dass die englische Gesellschaft deutliche Klassenunterschiede aufweise. Keine ganz neue Sichtweise; bemerkenswert an der Analyse war aber zum einen, dass der Autor kein ausgewiesener Neo-Marxist war, sondern ein ehemaliger enger Berater der Thatcher-Regierung, der es dieser Regierung anlastete, dass sie den Grundstein zu einer Entwicklung gelegt hat, in deren Folge sich die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Klassen vertieft hätten. Zum anderen hob der Autor ein Phänomen hervor, dass seiner Meinung nach eine neue historische Qualität markierte: Die Uppers, so bezeichnete er generell die oberen Klassen, hätten keine konkreten Erfahrungen über die Downers. Es gebe kaum Kommunikation zwischen den oberen und unteren Gesellschaftsschichten.

Wer der andere sei, würde man nur über Klischees aus dem Fernsehen oder über weitgehend sprachlose Begegnungen in den Shopping-Malls und Fußgängerzonen erfahren, die dann meist den Bildern zugeordnet würden, die man aus den Reality-Soaps kennt. Echte, direkte Kontakte zwischen den Uppers und Downers würde es im Unterschied zu früheren Zeiten kaum mehr geben. Die Kluft zwischen ihnen habe sich deutlich vertieft. Als weiteres geschichtliches Novum registrierte der Autor, dass die unteren Schichten im England der Jetztzeit im Gegensatz zu ihren "proletarischen" Vorgängergenerationen über kein historisches Bewusstsein mehr verfügten, keine Tradition, die ihnen Stolz und Selbstbewusstsein vermitteln könne. Die Unteren würden sich mit den Augen der Oberen wahrnehmen: als Verlierer.

In Frankreich sorgt derzeit ein junger Soziologe für einige Furore in der Debatte über die "Problemviertel" (vgl. Die Welt der Jungs ist nicht mehr die Welt der Mädchen) im Nachbarland. Seine Behauptung:

Der französische Handlungsverlauf der urbanen Absonderung ist nicht so, dass sie einer spontan und lokal ausbrechenden Feuersbrunst gleicht; sondern sie gleicht eher einer beständigen und stillen Zentralverriegelung der Räume und der sozialen Schicksale.

Eric Maurin

Die Politik, so die Quintessenz der neuesten Veröffentlichung des Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Eric Maurin "Le ghetto francais", würde in ihrem fixierten Blick auf einige hundert Enklaven, die so genannte "Problemviertel", eine Wirklichkeit nicht erkennen, die sehr viel größer ist: die einer Gesellschaft, welche die ségrégation im großen Stil schon seit etwa 20 bis 15 Jahren vollzogen hat und beständig weiter vollzieht. Seine Forschungsergebnisse ergeben das Bild einer französischen Gesellschaft, die "in extremer Weise aufgeteilt" ist.

Maurin arbeitet in der Forschungsgruppe für Wirtschaft und Statistik der bekannten französischen Forschungszentrum CNRS, sein Schwerpunkt ist die Sozialpolitik und die Chancengleichheit; für sein neuestes Buch hat er statistische Daten herangezogen, die von anderen Forschungsprojekten des INSEE-Instituts "übrig geblieben" sind. Seine Arbeit mit diesen statistischen Daten führte ihn zu Folgerungen, die auch hinsichtlich der Diskussion über den Integrationswillen der Zuwanderer interessant sind - und der Diskussion über die Bildungspolitik.

Die Fokussierung auf die "Problemviertel" verbirgt nach Maurins Ansicht das weitaus größere Übel, die Indikatoren über soziale Absonderung würden anzeigen, dass sich seit etwa zwei Jahrzehnten eine Realität in Frankreich fest eingeschrieben habe, der zufolge die Abschottung kein Problem sei, das nur die armen Gettos betreffe. Das ganze Land sei eine Art Getto, in dem sich die inclus (Eingeschlossenen) und exclus (Ausgeschlossenen) weniger in einer ständigen Auseinandersetzung befinden würden, wie so oft behauptet wird, stattdessen sei es vielmehr so, dass sie danach trachten würden, sich gegenseitig zu entkommen. Die Arbeiter den eingewanderten Arbeitslosen, die Besser- Verdienenden der oberen Mittelklasse, die obere Mittelklasse der unteren und so weiter. Die Angst vor dem sozialen Abstieg kennzeichne diese Fluchtbewegungen und die damit einhergehenden Abgrenzungen.

Die "wahre Gettoisierung" würde sich von oben nach unten vollziehen. Für die Reichen und Wohlhabenden sei der Wohnort schon lange der wichtigste "soziale Marker", das würde sich dann nach unten fortsetzen. Das ganze "soziale Schicksal" stünde mit der Wahl des Wohnort in engster Verbindung, die Zukunft der Kinder; die Ausbildungschancen und die Entwicklung der Kinder, so das entsprechende Credo dazu, würden entscheidend davon abhängen, in welcher Umgebung und Nachbarschaft man lebe, je ärmer und ungebildeter (und frustrierter, defätistischer) die Verhältnisse sind, umso schlechter die Chancen auf den Erfolg. So mag es öffentlich so manch sozial engagiertes Plädoyer geben, das, ein wenig wohlfeil, immer wieder denselben politischen Konsensus beschwört, wonach die Gesellschaft mehr Integration und Gemeinschaftsgeist braucht; im Privaten hält man es anders: man zieht tunlichst dorthin, wo kein großer Ausländer-oder Unterschichtsanteil den schulischen Erfolg bzw. die Entwicklung des Sprösslings stören könnte. Man möchte auf keinen Fall als "Rabeneltern" dastehen...

Wir glauben, dass die Qualität der direkten sozialen Umgebung mit seinem ganzen Gewicht auf dem Erfolg oder Misserfolg eines jeden lastet. Bis vor kurzem wurde diese praktische Intuition von den Sozialwissenschaften kaum auf den Prüfstand gestellt. Das fängt gerade erst an und die Arbeiten zu diesem Thema geben ihr (der Intuition) recht. Weit davon entfernt, eine Phantasievorstellung zu sein, stellt es sich in bemerkenswerter Weise als wahr heraus, dass die Interaktionen zwischen Nachbarn und das direkte soziale Umfeld eine schwergewichtige Rolle für das "soziale Schicksal" spielen. Tatsächlich besteht die Absonderung ("ségrégation") nicht nur darin, bestimmten Individuen bestimmte Gebiete zuzuweisen, jeden an seinem ihm gemäßen Platz unter Seinesgleichen "aufzuräumen": sie (die Absonderung) verriegelt auch die Zukunft. Sie öffnet oder schließt den Horizont, je nachdem ob man an der Seite von Eltern und Nachbarn mit Diplom aufwächst oder in einem Viertel, das vom Misserfolg gezeichnet ist...Das direkte soziale Umfeld ist nicht eine sekundäre Kontingenz der Existenz: sie tendiert im Gegenteil dazu, sich als existenzielle Bedingung der Entwicklung eines jeden aufzudrängen.

(Thomas Pany)

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