Allianz zwischen Ökologie und Technik

"Natur ist ein Konzept, das so nicht mehr haltbar ist"

Einerseits ermöglichen die neuen Medientechniken eine neue globale Sicht der Dinge, andererseits bleibt der gesellschaftliche Blick auf die Natur wesentlich durch ihre unmittelbare ökonomische Verwertbarkeit geprägt. Welche der beiden Sichtweisen ist Ihrer Meinung nach die dominante - und inwiefern ist man durch die voranschreitende technologische Entwicklung der Medien in der Lage, der zunehmenden Naturzerstörung erfolgreich zu begegnen?
Wolfgang Drucker: Unbestreitbar wird Natur in großem Stil der ökonomischen Verwertbarkeit untergeordnet, denkt man an die Abholzung von Regenwäldern für Palmöl oder die Viehhaltung. Auf der anderen Seite war das Bewusstsein für ökologische globale Probleme wohl noch nie größer. Fuller und die Counterculture zeigen hier positiv, dass es nicht entweder Natur oder Wirtschaft sein müsste, sondern dass beides durchaus vereinbar ist.
Ich glaube, dass diese Einsicht sich in den letzten Jahren durchzusetzen beginnt: Mit erneuerbarer Energie lässt sich ja bereits Geld verdienen - auch wenn es hier immer wieder an recht haarsträubenden Dingen scheitern kann (zum Beispiel Netzausbau, et cetera). Positiv bleibt, dass man sich auch mit ökologischen Produkten durchsetzen kann. Man müsste also nicht das gesamte Wirtschaftssystem ändern, um einen positiven Beitrag für unseren Planeten zu leisten.
Das mag nach (liberaler) Ideologie klingen, aber ich glaube der Gedanke ist hilfreich, um wieder mit gutem Mut Dinge verändern zu wollen. Vor allem Unternehmer aus dem Umfeld der US-amerikanischen Counterculture haben es geschafft, ökologisch zu denken und mit mehr oder weniger grünen Produkten auch Geld zu verdienen. Doch natürlich bleibt Handlungsbedarf - zu viele Fragen sind noch offen: Was passiert mit unseren Elektrogeräten? Und so weiter …
Wie können wir mithilfe neuer Medien dagegen vorgehen? Fuller war der Meinung, einer der wichtigsten Schritte müsse sein, ein Verständnis für die Ganzheit der Erde zu bekommen. Dieses Verständnis setzt sich mit Programmen wie Google Earth (vorerst in der 'westlichen' Welt) langsam durch. Trotz aller noch bestehenden Probleme trat Fuller immer dafür ein, sich nicht von Bürokratien blockieren zu lassen. Diese Ansicht finde ich auch 60 Jahre später noch angenehm erfrischend und positiv.
Wenn sich schon die Welt nicht von selbst ändert, müssen wir uns selbst zuerst ändern und das Umfeld mitziehen, so Fullers Forderung. Es ließen sich auch politische Forderungen aus Fullers und Brands Ansätzen ziehen: So trat Fuller für eine Art Grundsicherung ein, mit der Begründung, nachdem der Mensch schrittweise von körperlicher und geistiger Arbeit befreit wurde, könnte die frei werdende Energie für sinnvollere Dinge eingesetzt werden.
Und wenn nur einer von hundert, die eine Art Grundsicherung beziehen und forschen, eine gute Idee hätte, würde sich das auch wirtschaftlich rentieren. Hier ließe sich einhaken - schließlich gibt es durch Do-It-Yourself-Initiativen oder Crowd-Funding ja bereits gute Konzepte, wie wir mithilfe neuer Technologien aus den immer noch bestehenden Bürokratien und Kreisläufen ausbrechen könnten.
Die politischen Forderung überlasse ich aber anderen. Mit dem Buch habe ich versucht zu zeigen, dass Medientechniken die Art, wie wir unser Umfeld und unsere Umwelt sehen, prägen. Aber es ist keine Einbahnstraße: Wie wir Medien benutzen, hängt auch davon ab, welchen Bedarf eine Gesellschaft hat. Erfrischend fand ich dabei den Ansatz, dass Modernisierung und Technologie eben nicht Feinde der Natur sind. Vielmehr ist Natur ein Konzept, das so nicht mehr haltbar ist.
Wie gesagt: Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein gutes Zusammenspiel, in dem Technologie dazu dient, effizient und bewusst mit Ressourcen umzugehen. Hier kann der Blick zurück helfen, denn beispielsweise der Energiemix, der heute diskutiert wird, hätte auch schon viel früher kommen können. Die neuen Medien helfen dabei, uns der Probleme bewusster zu werden, und bieten vermehrt Möglichkeiten, aktiv zu werden. (Reinhard Jellen)