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Allianz zwischen Ökologie und Technik

Interview mit Wolfgang Drucker über die veränderte Welt-Wahrnehmung durch Technologie

In seinem Buch Von Sputnik zu Google Earth [1] geht Wolfgang Drucker der Frage nach, wie Technik die Sicht des Menschen auf seinen Planeten und somit auch zur Ökologie verändert. Darin behandelt er unter anderem Antizipationen von Denkern wie Pierre Teilhard de Chardin [2], Richard Buckminster Fuller [3] oder Stewart Brand [4].

Herr Drucker, inwieweit hat Sie persönlich das Nachdenken über Ökologie infolge der technischen und medialen Umwälzungen der letzten Jahre verändert?
Wolfgang Drucker: Am stärksten hat mich der Gedanke der Counterculture verändert, als in den 1960er Jahren propagiert wurde, man könne ökologisch denken und handeln und dennoch neue Technologien nutzen. Dass es kein Widerspruch, sondern unter gewissen Voraussetzungen sogar die Lösung, ist, neue Techniken (und in unserer Situation neue Medien) einzusetzen und gleichzeitig für unseren Planeten einzutreten, fand ich sehr befreiend.
Schließlich möchte ich auf viele Dinge nicht verzichten müssen. Ich werde weiterhin beispielsweise Google verwenden, auch wenn jeder Suchvorgang eine gewisse CO2-Belastung bedeutet. Gleichzeitig bieten sich mir zum Beispiel auf Google Earth eine Fülle von Information, wo Umweltorganisationen tätig sind, was hier zu tun ist und wie ich etwas beitragen kann. Das entlässt uns nicht aus der Verantwortung, selbst tätig zu werden, aber es zeigt auch, dass die Grundannahme nicht sein kann: Wenn wir für Natur - meiner Meinung nach eigentlich Umwelt - eintreten wollen, müssen wir auf Technik verzichten. Sondern eher: Wenn wir eine intakte und funktionierende Umwelt ermöglichen wollen, müssen wir Technik und Medien gezielt einsetzen.
Wenn ich das auch gerne so stehen lassen würde, hat sich während der Arbeit an meinem Buch auch eine weniger erbauliche Perspektive ergeben: Bereits in den 1950er und stärker in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre gab es eine Reihe von Personen, die dafür eingetreten sind, unter Natur- und Umweltschutz nicht die Erhaltung einer unberührten Wildnis zu verstehen, sondern einen bewussten Umgang von Ressourcen.
Die Kommunen der 1960er Jahre versuchten nicht nur aus politischen Gründen, sich autark zu erhalten. Dazu gehörte, eigene Lebensmittel anzubauen, aber auch mit Solarenergie selbst Strom zu erzeugen. Fred Turner erklärt es sehr schön, wenn er schreibt, 'gewisse Gruppen der Counterculture verstanden unter Umweltschutz nicht, dass sie aus dem Fenster schauen und Natur sehen, sondern sie versuchten, eher von außen auf und in die Häuser zu sehen'. Die grundlegende Frage war also, wie sich unsere Häuser in die Umwelt einfügen.
Diese Erkenntnis finde ich sehr wichtig- Aktuell zeigt sich aber, dass sich in den letzten 50 Jahren noch etwas zu wenig getan hat. In ganz Europa gründen sich derzeit - das ist also keineswegs ein deutsches Problem - Protestgruppen, die gegen Windkraft eintreten. Ihr Hauptargument (das sich nicht alle aussprechen trauen) ist: Windräder zerstören das Landschaftsbild. Das Landschaftsbild dürfte hier aber eigentlich keine Rolle spielen - dafür trat die ökologische Counterculture bereits in den 1960er Jahren ein.
Wenn wir nun Satellitenbilder betrachten (oder uns auf der Google Earth bewegen) zeigt sich: Das Landschaftsbild ist kein festes Bild. Hier erkennen wir wenige Unterschiede zwischen Kultur und Natur. Urwälder sehen natürlich anders aus, beleuchtete Städte fügen sich aber ebenso harmonisch ins Gesamtbild. Viel eher stellen sich bei der Betrachtung Fragen nach Ressourcenverbrauch und wie wir mit einer begrenzten Menge an Platz und Rohstoffen auskommen können. Ich persönlich sehe hier massiven Handlungsbedarf, der gesamtgesellschaftlich in den letzten 50 - 60 Jahren noch zu wenig ernst genommen wurde.
Ich würde sagen, der größte Unterschied, der sich in den letzten 50 Jahren entwickelt hat (und um den es mir auch vorrangig ging) ist, dass wir wirklich von Ökologie sprechen können und nicht von Natur. Es funktioniert nicht mehr, nachdem wir auf den Satellitenbildern sehen, dass der Mensch einen Einfluss auf die Erde hat, Natur auszulagern - unter dem Motto: Natur und Kultur sind getrennt. Das ist natürlich nicht ganz neu, aber auch eine Einsicht, die sich immer noch nicht ganz durchgesetzt hat, wenn man bedenkt, dass es nach wie vor Leute gibt, die den Klimawandel nicht als Ergebnis menschlichen Handelns anerkennen. Dass wir nun von Ökologie und nicht von Natur sprechen, ist meiner Ansicht nach darauf zurückzuführen, dass Satellitenbilder der Erde gemacht und in weiterer Folge verbreitet wurden.

"Wir können von Ökologie sprechen, nicht von Natur"

Was unterscheidet denn Google Earth vom Diercke Weltatlas?
Wolfgang Drucker: Ganz grundlegend ist anzumerken, dass Google Earth hier nur ein, aber das wohl populärste Beispiel ist. Ich sehe drei wesentliche Unterschiede: die Perspektive, die intuitive und flüssige Bedienbarkeit sowie die dargestellten Informationen.
Wie Stewart Brand im Vorwort des Whole Earth Catalogs 1968 und Peter Sloterdijk 2008 in dem Buch Globaler Wandel: Die Erde aus dem All ausführen, übernimmt die Menschheit durch den technisch ermöglichten Blick von außen auf die Erde eine gottähnliche Funktion. Damit, dass wir sehen, was wir auf und mit unserer Erde anstellen, ist die Erkenntnis verknüpft, dass wir es auch in der Hand haben, verantwortungsvoller mit ihr umzugehen.
Sloterdijk meint, damit werde unser Gewissen angesprochen, nachhaltig und verantwortungsvoll zu handeln. Brand formulierte es etwas optimistischer und frecher:

We are as gods and might as well get used to it … personal power is developing - power of the individual to conduct his own education, find his own inspiration, shape his own environment, and share his adventure with whoever is interested. Tools that aid this process are sought and promoted by the WHOLE EARTH CATALOG.

Ein ganz interessanter Nebenaspekt ist hier, dass die Art der Nutzung und die Auswirkungen nicht bereits in der Etablierung der Technik eingeschrieben waren. Die NASA wollte mit ihrem Raumfahrtprogramm hinaus ins All. Dass der Blick zurück auf die Erde veröffentlicht wurde, war auch eine Forderung von Brand - dieses Bild hatte wohl die größte Auswirkung, wenn wir bedenken, dass auch aufgrund des Satellitenbildes eine Ökologiebewegung entstehen konnte und (noch wichtiger) Ökologie denkbar wurde.
Den zweiten großen Unterschied sehe ich in der intuitiven und 'flüssigen' Bedienbarkeit. Aufgrund der Möglichkeit, die ganze Welt auf Straßenniveau zu zoomen, wird die Ganzheit der Erde besser wahrnehmbar. Übertrieben formuliert sehen wir in Programmen wie Google Earth nicht Bilder der Erde, sondern wir können uns darauf bewegen. Dieses Gefühl der Ganzheit konnte in Atlanten nicht aufkommen.
Bereits in den 1950er Jahren hat Buckminster Fuller [5] verstanden, dass zur Darstellung der Ganzheit der Erde andere Wege gefunden werden müsse, als sie herkömmliche Atlanten und Mercator-Karten ermöglichen. Seine Forderung war, die Erde müsse im richtigen Maßstab und als Ganzes wahrnehmbar werden. Fuller arbeitete deshalb an einer neuen Weltkarte, der Dymaxion World Map, und später an einem riesigen Hohlglobus, der in Sichtweite der UN nicht nur geografische Informationen visualisieren könnte, sondern auch Informationen zur Entwicklung der Weltbevölkerung und zum Ressourcenverbrauch.
Das führt mich zum dritten großen Unterschied: In Programmen wie Google Earth geht es nicht vorrangig um Geografie, sondern um die geografische Strukturierung von Informationen. Ebenso wird es plötzlich sehr einfach möglich, Umwelt- und andere Probleme multimedial geografisch einzubetten: Binnen kürzester Zeit war es auf Google Earth möglich, die Ölpest im Golf von Mexiko zu beobachten. Es war ersichtlich, wo Auswirkungen zu finden waren, mit einer Timeline lässt sich der Ölteppich und die geografische Ausdehnung beobachten, mit Zusatzinformationen verknüpft. Meiner Meinung nach ist es in keinem anderen Medium möglich, einen so umfassenden und informativen Überblick zu schaffen. Google Earth übertrifft die Forderungen, die Buckminster Fuller an sein Geoscope gestellt hat.
Sind diese Reflexionszusammenhänge komplett neu oder wurden diese bereits von Theoretikern in der Vergangenheit angedacht?
Wolfgang Drucker: Zugegeben sind nicht alle Zusammenhänge neu. Bei der Recherche für die Arbeit bin ich sehr schnell darauf gestoßen, dass es zum Thema 'Satelliten und Ökologie' viel Material gibt. Ansätze wie der Overview Effect beschreiben die Aussagen. Was in meinem Buch neu ist, ist zum einen der medientheoretische Fokus und zum anderen habe ich versucht, Theoretiker und Ansätze zu beleuchten, die im deutschsprachigen Bereich eher unbeleuchtet blieben. Die Noosphären-Konzepte oder der Whole Earth Catalog sind mit Sicherheit bekannt, meines Wissens bin ich aber der Erste, der Buckminster Fuller aus einer medientheoretischen Perspektive behandelt und nicht wie üblich aus einer architektonischen beziehungsweise architekturgeschichtlichen.
Ebenfalls neu ist die theoretische Einbettung von Google Earth. Wie dies ja bereits McLuhan einmal feststellte, erkennen wir Auswirkungen von Kultur- und Medientechniken zumeist im Nachhinein, im Rückspiegel. Jetzt ist Google Earth nicht mehr wirklich neu - wissenschaftlich fand dies aber bis jetzt kaum Beachtung.
Dass der Blick von außen eine ökologische Perspektive etabliert, haben bereits McLuhan, Fuller und Brand festgestellt. In meinem Buch ging es auch darum, dies zu überprüfen. Auch wenn es noch an empirischen Daten fehlt, lässt sich doch festhalten, dass Medientechnik hier neue Denkräume ermöglicht hat und weiter ermöglicht.

"Natur ist ein Konzept, das so nicht mehr haltbar ist"

Einerseits ermöglichen die neuen Medientechniken eine neue globale Sicht der Dinge, andererseits bleibt der gesellschaftliche Blick auf die Natur wesentlich durch ihre unmittelbare ökonomische Verwertbarkeit geprägt. Welche der beiden Sichtweisen ist Ihrer Meinung nach die dominante - und inwiefern ist man durch die voranschreitende technologische Entwicklung der Medien in der Lage, der zunehmenden Naturzerstörung erfolgreich zu begegnen?
Wolfgang Drucker: Unbestreitbar wird Natur in großem Stil der ökonomischen Verwertbarkeit untergeordnet, denkt man an die Abholzung von Regenwäldern für Palmöl oder die Viehhaltung. Auf der anderen Seite war das Bewusstsein für ökologische globale Probleme wohl noch nie größer. Fuller und die Counterculture zeigen hier positiv, dass es nicht entweder Natur oder Wirtschaft sein müsste, sondern dass beides durchaus vereinbar ist.
Ich glaube, dass diese Einsicht sich in den letzten Jahren durchzusetzen beginnt: Mit erneuerbarer Energie lässt sich ja bereits Geld verdienen - auch wenn es hier immer wieder an recht haarsträubenden Dingen scheitern kann (zum Beispiel Netzausbau, et cetera). Positiv bleibt, dass man sich auch mit ökologischen Produkten durchsetzen kann. Man müsste also nicht das gesamte Wirtschaftssystem ändern, um einen positiven Beitrag für unseren Planeten zu leisten.
Das mag nach (liberaler) Ideologie klingen, aber ich glaube der Gedanke ist hilfreich, um wieder mit gutem Mut Dinge verändern zu wollen. Vor allem Unternehmer aus dem Umfeld der US-amerikanischen Counterculture haben es geschafft, ökologisch zu denken und mit mehr oder weniger grünen Produkten auch Geld zu verdienen. Doch natürlich bleibt Handlungsbedarf - zu viele Fragen sind noch offen: Was passiert mit unseren Elektrogeräten? Und so weiter …
Wie können wir mithilfe neuer Medien dagegen vorgehen? Fuller war der Meinung, einer der wichtigsten Schritte müsse sein, ein Verständnis für die Ganzheit der Erde zu bekommen. Dieses Verständnis setzt sich mit Programmen wie Google Earth (vorerst in der 'westlichen' Welt) langsam durch. Trotz aller noch bestehenden Probleme trat Fuller immer dafür ein, sich nicht von Bürokratien blockieren zu lassen. Diese Ansicht finde ich auch 60 Jahre später noch angenehm erfrischend und positiv.
Wenn sich schon die Welt nicht von selbst ändert, müssen wir uns selbst zuerst ändern und das Umfeld mitziehen, so Fullers Forderung. Es ließen sich auch politische Forderungen aus Fullers und Brands Ansätzen ziehen: So trat Fuller für eine Art Grundsicherung ein, mit der Begründung, nachdem der Mensch schrittweise von körperlicher und geistiger Arbeit befreit wurde, könnte die frei werdende Energie für sinnvollere Dinge eingesetzt werden.
Und wenn nur einer von hundert, die eine Art Grundsicherung beziehen und forschen, eine gute Idee hätte, würde sich das auch wirtschaftlich rentieren. [6] Hier ließe sich einhaken - schließlich gibt es durch Do-It-Yourself-Initiativen oder Crowd-Funding ja bereits gute Konzepte, wie wir mithilfe neuer Technologien aus den immer noch bestehenden Bürokratien und Kreisläufen ausbrechen könnten.
Die politischen Forderung überlasse ich aber anderen. Mit dem Buch habe ich versucht zu zeigen, dass Medientechniken die Art, wie wir unser Umfeld und unsere Umwelt sehen, prägen. Aber es ist keine Einbahnstraße: Wie wir Medien benutzen, hängt auch davon ab, welchen Bedarf eine Gesellschaft hat. Erfrischend fand ich dabei den Ansatz, dass Modernisierung und Technologie eben nicht Feinde der Natur sind. Vielmehr ist Natur ein Konzept, das so nicht mehr haltbar ist.
Wie gesagt: Es geht nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein gutes Zusammenspiel, in dem Technologie dazu dient, effizient und bewusst mit Ressourcen umzugehen. Hier kann der Blick zurück helfen, denn beispielsweise der Energiemix, der heute diskutiert wird, hätte auch schon viel früher kommen können. Die neuen Medien helfen dabei, uns der Probleme bewusster zu werden, und bieten vermehrt Möglichkeiten, aktiv zu werden.

URL dieses Artikels:
https://www.heise.de/-3390405

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.vwh-verlag.de/vwh/?p=600
[2] https://www.heise.de/tp/features/Gottes-Geist-in-der-Noosphaere-3420635.html
[3] https://www.heise.de/tp/features/Massenstipendien-statt-Hartz-IV-3419501.html
[4] https://www.heise.de/tp/features/Tune-in-turn-on-boot-up-3401602.html
[5] http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzreflexionen/kompendium/27305_Das-Bild-der-ganzen-Erde.htm
[6] https://www.heise.de/tp/features/Massenstipendien-statt-Hartz-IV-3419501.html