Als Patient in Schweden: Bitte warten

Ein Eindruck vom schwedischen Gesundheitssystem

Es gibt viel Gutes über Schweden zu sagen. Die schöne, aber nicht unberührte Natur. Die netten, aber distanzierten Menschen. Die offene, jetzt zunehmend restriktive Flüchtlingspolitik. Sogar die freundliche, aber unnachgiebige Steuerbehörde. Nur krank werden sollte man hier besser nicht. Schon gar nicht psychisch.

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Um die medizinische Versorgung ist es beim nördlichen Nachbarn Deutschlands eigentlich gut bestellt. Moderne Einrichtungen, Universitätskliniken, medizinische Forschung finden sich hier. Beliebt ist das Land als Auswanderungsziel für deutsche Ärzte wegen seiner ausgezeichneten Arbeitsbedingungen, so ist beispielsweise Dienstschluss nach Plan keine Seltenheit.

Die Unterschiede beschränken sich allerdings nicht allein auf die Ärzteschaft. Auch als Patient ist vieles anders. Im Krankheitsfall ruft man bei der örtlichen "Vårdcentral", einer Art Polyklinik, an. Bereits dies kann eine Herausforderung darstellen: In manchen Kliniken beginnen die Telefonzeiten um 8 Uhr, und zehn Minuten später sind bereits alle Zeiten ausgebucht. Zumal längst nicht jeder auch einen Termin bekommt.

Der Anruf wird von einer Krankenschwester entgegengenommen, die den Zustand des Anrufers abfragt. Erst dann entscheidet sie, ob sie einen Arzt hinzuzieht oder den Anrufer mit einigen Ratschlägen vertröstet. Selbst bei Verdacht auf Knochenriss seitens des Anrufers erhält dieser mit etwas Glück einen Termin bei einem Allgemeinarzt in der Vårdcentral. Ab Mai soll in mindestens einem Regierungsbezirk eine Strafzahlung von umgerechnet etwa 20 Euro verlangt werden, wenn man einen solchen Termin innerhalb von 24 Stunden absagt.

Nimmt man den Termin wahr, so wird der Arzt bzw. die Ärztin dann, wenn er oder sie es für notwendig erachtet, eine Überweisung ins nächste Krankenhaus ausstellen, das den Patienten dann beispielsweise röntgen und weiter versorgen kann. Handelt es sich um eine aufwändigere Operation, so ist es durchaus nicht unüblich, dass die Verletzung erst einmal provisorisch zwischenversorgt wird, bis ein Operationstermin in einigen Monaten gefunden werden kann.

Zwar ist es möglich, direkt online einen Antrag bei einer Spezialklinik zu stellen, aber auch dort werden Bearbeitungszeiten von bis zu zwei Wochen angegeben. Übrigens wird eine Patientengebühr ab etwa 15 Euro schon beim Vorsprechen beim Allgemeinarzt verlangt und kann für Besuche bei Fachärzten auf über 40 Euro ansteigen. Kinder allerdings bezahlen nichts.

Nach einer Therapie liegen die Dinge nicht unbedingt besser. Selbst nach Behandlungen wegen Bandscheibenvorfall bis hin zu schwerwiegenden Eingriffen wie Krebsoperationen wird zudem äußerst sparsam mit Rehabilitationsmaßnahmen umgegangen. Den Patienten werden einige Hinweise gegeben, welche Übungen sie machen sollen, und dann werden sie nach Hause entlassen. Das fördert zweifellos die Eigenverantwortung, ist jedoch in einem mit Kuren und Reha-Maßnahmen reichlich versorgten Land kaum vorstellbar.

Zumal den Ärzten zwar durchaus nicht Kompetenz abgesprochen werden kann. Nur inwieweit sie diese zugunsten des Patienten zur Anwendung bringen, steht auf einem anderen Blatt. Nicht umsonst ist das allzeit ärztlich empfohlene und häuslich als Universalheilmittelchen angewendete Präparat das Schmerzmittel Alvedon.

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Auf der anderen Seite wird durch dieses System dem deutschen Standard der schonungslosen Ausbeutung von Klinikärzten mit 48-Stunden-Schichten und Wochenendarbeit vorgebeugt. Manch ein deutscher Arzt dürfte sich im Paradies wähnen, wenn er an ein schwedisches Krankenhaus mit seinem pünktlichen Arbeitsschluss wechselt.

Die Gründe für diese Zustände sind zum einen sicherlich strukturell bedingt und in einem gewissen Maße in der Mentalität begründet, zum anderen mangelt es aber ganz schlicht an Ärzten. Und das nicht nur im dünn besiedelten Norden des Landes, sondern auch im vergleichsweise dichtbevölkerten Süden.

Ein "Ärzteschaulaufen", wie es aus Deutschland bekannt ist, wird durch dieses System effektiv unterbunden - eine schnelle Behandlung jedoch unter Umständen auch.


Das schwedische Psychiatriesystem erweckt den Eindruck, als wolle es die Vorliebe dieses Landes für besonders harte Kriminalliteratur erklären wollen. Ja, es erscheint wie bittere Realsatire auf das Land der Wallanders und Blomquists.

Die Zeitung Aftonbladet schreibt, dass 10% der Männer, die einen Mord an nächsten Angehörigen begingen, in den Wochen zuvor Kontakt mit der Psychiatrie gehabt hatten, und 5% baten sogar unmittelbar vor der Bluttat dort um Hilfe.

Beispiele finden sich reichlich: Eine kommunale Pflegehilfe erkannte, dass ein Klient extreme psychische Störungen entwickelte, jedoch war dafür die Psychiatrie zuständig. Als diese untätig blieb, wurde der Betroffene zum Mörder. Ein Hilfesuchender wurde von einer Stockholmer Psychiatrie mit Medikamenten abgespeist, legte daraufhin Feuer in seiner Wohnung und griff die eintreffende Polizei mit einer Machete an. Und eine Betroffene schreibt in ihrem Blog, die Psychiatrie habe ihr sinngemäß geantwortet: "Ja, es geht dir schlecht, aber nicht schlecht genug, um bei uns Hilfe zu bekommen."

Eine andere suizidgefährdete Person konnte zwar von ihrem Betreuer rechtzeitig in die Psychiatrie gebracht werden, wurde aber abgewiesen, da sie noch keinen Suizidversuch unternommen hätte. Den unternahm sie danach und musste schließlich doch eingeliefert werden.

Das schalenartig gestaffelte Gesundheitssystem ist eines der Gründe. Das Vorgehen ist für Betroffene das gleiche wie für physisch Kranke. Hier überlegt sich die Krankenschwester am Telefon, ob sie den Anrufer abwimmeln oder einen "Kurator" hinzuziehen möchte; dies ist oft ein Sozialarbeiter, kein Arzt. Wenn dieser Kurator glaubt, dass der Fall schwerwiegend genug ist, sendet er einen "Remiss" an die Psychiatrie, wo eine Remissgruppe darüber berät. Eventuell wird mit dem Betroffenen danach ein Termin vereinbart, durchaus auch erst in einem Vierteljahr. Da wird dann bestimmt, ob eine Kontaktperson abgestellt wird oder ob eine Einweisung in die Akutpsychiatrie erfolgt.

Die Akutpsychiatrie ist aber keine Lösung: Hier erfolgt zumeist medikamentöse Einstellung statt Therapie. Bestenfalls wird ausgelotet, ob der Hilfesuchende daheim einen ständigen Betreuer oder Medikamente bekommt. Wer selbst in die psychiatrische Notaufnahme geht, wird auch mal vier Stunden im Wartezimmer hingehalten; dass der Hilfesuchende irgendwann heimgeht und sich umzubringen versucht, ist nicht ungewöhnlich.

Selbst in einem Suizidbrennpunkt ist dieses Vorgehen Alltag. Mit potenziell fatalen Folgen: Kürzlich wurden bei dem Klienten eines Betreuers deutliche Anzeichen für "Leaking" entdeckt. Dies ist die bei Anschlägen wie in Columbine, Erfurt oder Emsdetten dokumentierte Anhäufung von Andeutungen, dass ein Amoklauf geplant wird. Zudem stand ein großes Straßenfest mit einigen tausend Besuchern vor der Tür. Der Sozialarbeiter rief in der Psychiatrie an. Auch er bekam zunächst nur eine Krankenschwester ans Telefon.

Anstatt ihn aber schnellstmöglich an einen Facharzt weiterzuleiten, wollte oder konnte sie nicht verstehen: Der Klient solle doch selber anrufen und einen Termin machen. Erst auf wiederholtes Drängen hin ließ sie sich dazu überreden, die Information weiterzugeben. Was zunächst misslang, da der Facharzt gerade Mittag machte. Als er dann aber zurückrief, gab er sich verwundert, sei es doch um die Organisation eines Krankentransports gegangen — nicht etwa um einen angekündigten Amoklauf. Während die Betreuer des Drohenden bereits in Alarmbereitschaft, aber handlungsunfähig waren, wäre der Facharzt ohne Hartnäckigkeit also nicht einmal über den Fall informiert worden.

Es hätte sich inmitten einer idyllischen Kleinstadt allzu leicht eine Bluttat wie in München wiederholen können. Immerhin werden solche Zustände gelegentlich kritisiert. So spricht der Psychologe Lennart Lundin in Dagens Nyheter von einem eklatanten Systemfehler. Dies schlägt sich in der mangelhaften Kommunikation zwischen Kliniken und kommunalen Betreuungseinrichtungen nieder, was gelegentlich am arrogant oder inkompetent anmutendem kooperativen Desinteresse sei es der vorgeschalteten Krankenschwestern und Pfleger, sei es der psychiatrischen Ärzte liegen mag. Lundin kritisiert, dass psychisch Kranke vom System hin- und hergeschoben würden.

Ob es an Wurstigkeit, Selbstzufriedenheit, Bequemlichkeit oder Naivität liegt, manch einem Betroffenen mag der direkte Weg in einen Eissee allemal als der einfachere erscheinen. Da wird er wenigstens nicht von Telefonisten abgewiesen.

Ruben Philipp Wickenhäuser ist Publizist und lebt mit seiner Familie in Mittelschweden. Neben Fachbüchern über das Phänomen School Shootings, die er gemeinsam mit einem Kriminologen veröffentlichte, hat er kürzlich eine Thrillernovelle veröffentlicht und schreibt Kolumnen über Land und Leute.

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