Als Polen beschloss, seine Grenzen zu schließen

Michael Kurzwelly

Michael Kurzwelly über das Leben an der deutsch-polnischen Grenze - Die Corona-Krise als Labor für gesellschaftliche Veränderungen

Im Rahmen der Reihe über die Auswirkungen von Corona schauen wir heute erstmals in den Osten. Seit 1998 lebt Michael Kurzwelly direkt an der deutsch-polnischen Grenze in der Doppelstadt Frankfurt (Oder) und Słubice.

Als Vater von Jonatan Kurzwelly hat Michael jüngst ganz persönliche Erfahrungen mit dem Virus sammeln können. Jonatan ist "Patient Nummer 3 aus Brandenburg", der COVID-19 gerade in Frankfurt/Oder hinter sich gebracht hat. Jonatan ist ein typischer moderner Weltbürger. Er ist in Bonn geboren, in Poznan aufgewachsen. Er arbeitet als Anthropologe auf der ganzen Welt. Seinen Master hat er in Manchester gemacht, danach ein Doktorandenstipendium in Schottland. Dafür hat er in Paraguay geforscht und bekleidet nun eine Postdoc-Stelle in Bloemfontein/Südafrika. Das ist eine Biografie, wie sie von unserer voll vernetzten Welt idealisiert und gefördert wird. Kommt es zu irgendwelchen Störungen, ist genau eine solche Biografie jedoch ein großes Problem.

Jonatan ist auf dem Weg von Barcelona zu einem Forschungsauftrag nach Sibirien am Sars-Virus erkrankt, wahrscheinlich weil er dort auf eine internationale Forschergruppe traf, zu der auch viele Italiener gehörten. Nach einer Odyssee über Moskau, Minsk und andere Flugplätze in Osteuropa ist er nach Deutschland gelangt. Auslöser der unfreiwilligen Rundreise war, dass keine Flüge von Moskau in Jonatans aktuelle Heimat Südafrika mehr abgingen, weil dort der Zugang gesperrt war. Das größere Problem allerdings ist, dass Jonatans südafrikanische Krankenversicherung nirgendwo, auch nicht in Deutschland, für die Kostendeckung einer Behandlung anerkannt wurde. Michael hat seinem Sohn eine Plattenbauwohnung am Grenzübergang zu Polen besorgt, um ihn dort 14 Tage zu isolieren. Michael hat ihn in dieser Zeit per Eimer und Seil mit Lebensmitteln versorgt.

Bild: Michael Kurzwelly

Als Künstler hat Michael eine virtuelle deutsch-polnische Republik gegründet. Zunächst hat er als Teil seiner Strategie der "Wirklichkeitskonstruktion als angewandte Methode" aus beiden Städten eine werden lassen. Sie heißt Słubfurt. Seit 2010 ist Słubfurt die Hauptstadt von Nowa Amerika, einer Umdeutung der gesamten deutsch-polnischen Grenzregion zu einem gemeinsamen Raum. Nowa Amerika hat sogar eine eigene Hymne.

Michael Kurzwelly schreibt:

1. Grenze

Mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union und dem Beitritt zum Schengener Abkommen fielen zunächst die Grenzkontrollen und dann 2007 auch die Zollkontrollen weg. Die Grenzgebäude wurden abgerissen und die Grenzbrücke über die Oder wurde zu einer Stadtbrücke, die die beiden Ortsteile Słub und Furt miteinander verbindet. Auch in der Realpolitik sind beide Städte zusammen gewachsen. Sie verbindet eine Buslinie, eine Fernwärmeleitung, viele kulturelle Veranstaltungen und ein gemeinsames Stadtmarketing mit der Dachmarke "Europäische Doppelstadt Frankfurt-Słubice".

Die Bürger*innen beider Städte kaufen auf beiden Seiten der Oder ein. Słubicer arbeiten in Frankfurt, im Umland und in Berlin und deutsch-polnische Familien gibt es beiderseits der deutsch-polnischen Grenze. Słubicer schicken ihre Kinder in Frankfurter Kindergärten und Schulen, in der Frankfurter Stadtverwaltung arbeiten Polen. Es sind viele Freundschaften über die Grenze hinweg entstanden.

Der Vorsitzende des in Frankfurt registrierten gemeinnützigen Vereins Słubfurt lebt in Słubice und der Vorsitzende des in Słubice registrierten gemeinnützigen Vereins Lebuser Ziemia wohnt in Frankfurt (Oder). Gemeinsam arbeiten beide Städte an einer Bewerbung als "Europäische Kulturhauptstadt" für das Jahr 2029.

Das änderte sich schlagartig am 14. März 2020, als Polen beschloss, seine Grenzen zu schließen. Polen, die in ihr Land zurückkehren, müssen sich seitdem in eine zweiwöchige Quarantäne begeben. Zunächst durften Berufspendler noch täglich die Grenze passieren. Bald war auch das nicht mehr erlaubt. Viele Polen entschieden sich dafür, in Frankfurt zu bleiben, um ihre Arbeit nicht zu verlieren. Eine Rettung für manche Frankfurter Hoteliers, die nun diese Polen beherbergen. Die in Frankfurt gebliebenen Polen konnten aber nicht einmal zu Ostern zu ihren Familien nach Polen fahren. Manche haben ihre Arbeit verloren, weil sie sich entschieden haben, bei ihren Familien in Polen zu bleiben und ihre deutschen Arbeitgeber kein Erbarmen kannten.

Im Raum Szczecin hingegen sind es Polen, die sich auf deutscher Seite ein Haus gekauft hatten und nun nicht mehr zur Arbeit nach Polen fahren können. Berliner Freunde, die einen alten Bauernhof bei Myślibórz in Polen besitzen, harren nun dort aus, in der Hoffnung, dass dieser Zustand bald vorbei ist. Doch gerade hat Polen die Grenzschließung bis zum 3. Mai verlängert.

Die Lebensbedingungen in der Corona-Krise auf deutscher und polnischer Seite könnten unterschiedlicher nicht sein. Im föderalen Deutschland entscheiden die Bundesländer über die Maßnahmen. Die Polizei verhält sich deeskalierend und verhängt nur in Ausnahmefällen Bußgelder und die meisten Bürger*innen haben das Grundprinzip des "Social Distancing" verstanden.

2. Was in Polen anders ist

In Polen sind die Verordnungen sehr restriktiv und werden von der Polizei scharf verfolgt, wobei manche Ordnungsbeamte ihre Machtposition für willkürliche Strafaktionen missbrauchen. Die Zivilgesellschaft muss sehr harte Ausgangssperren erdulden, die insbesondere Menschen in Wohnblöcken und kleinen Wohnungen hart treffen. Das Haus darf nur für die nötigsten Erledigungen verlassen werden, Spaziergänge, Sitzen auf Bänken und das Betreten des Waldes sind bei Höchststrafen verboten.

Meine Tochter lebt mit ihrem Mann und zwei Kleinkindern in einer 30 Quadratmeter großen Wohnung in Poznań. Sie trauen sich aus Angst vor Strafen nicht mehr aus dem Haus. Draußen auf der Straße fährt die Polizei vorbei und droht den Bürger*innen mit drakonischen Strafen, sollten sie die Anordnungen nicht befolgen. Ein inoffizieller Ausnahmezustand, den die polnische Regierung offiziell nicht ausruft, damit sie die Präsidentschaftswahlen trotz Protesten am 10. Mai durchführen können.

Dabei sind Frankfurt und Słubice bisher von der Pandemie kaum betroffen. Auf Słubicer Seite gab es offiziell bisher nur einen Corona-Kranken, auf Frankfurter Seite sind es 22 Erkrankte.

3. Die Notwendigkeit eines globalen Gesundheitssystems

Was die Ausnahmesituation für die Zukunft der deutsch-polnischen Grenzregion bedeutet, das lässt sich nur schwer abschätzen. Die Situation macht aber deutlich, wie sehr beide Seiten miteinander vernetzt sind und wie sehr beide Stadtteile Słub und Furt aufeinander angewiesen sind.

Die Situation macht aber auch deutlich, dass die Krise ärmere Länder mit einem schwächeren Gesundheits- und Sozialsystem wesentlich härter trifft. Deshalb bin ich der Ansicht, dass wir dringend ein EU-weites Gesundheits- und Sozialsystem benötigen, damit wir uns in Zukunft nicht mehr in kleinlich-egoistischem Nationalstaatshandeln verschanzen. Die deutsch-polnische Grenzregion ist das Labor, in dem die transnationalen Verflechtungen deutlich werden und als gutes Beispiel dienen können für die Richtung, die europäische Politik einschlagen sollte.

4. Covid 19 als Chance zu mehr Solidarität

Die deutsch-polnische Grenzregion ist aber auch ein Labor für globale Solidarität. Seit 2014 gehören zu Słubfurt nicht mehr hauptsächlich Deutsche und Polen. Alle in Słubfurt gestrandeten Flüchtlinge aus Kamerun, Kenia, Somalia, Eritrea, Syrien, Irak, Iran, Kurdistan und Afghanistan haben sofort den Słubfurter Personalausweis erhalten und sind somit vollwertige Bürger*innen unserer (virtuellen) Stadt. Mit unserem Brückenplatz | Plac Mostowy haben wir eine Agora für die Słubfurter*innen geschaffen, einen Freiraum, den alle mit ihren eigenen Ideen gestalten. Derzeit ist das eine ehemalige Turnhalle mit den sie umgebenden Grünflächen mitten im Stadtzentrum - als Zwischennutzung, solange, bis dort ein Investor ein Kongresshotel baut.

Bild: Michael Kurzwelly

Dort ist eine interkulturelle Gemeinschaft entstanden, die nun aufgrund der Corona-Krise die Turnhalle nicht mehr nutzen kann. Wir arbeiten dennoch als Gemeinschaft weiter, einerseits mit Live-Streams, Podcasts und Aktionen auf Facebook, Instagram und WhatsApp. Andererseits aber auch mit konkreter Nachbarschaftshilfe, an der momentan bereits 36 Leute teilnehmen.

Wir nähen Gesichtsmasken aus afrikanischen Stoffen und verschenken sie an Bürger*innen der Stadt. Wir machen Einkäufe und Gartenarbeiten für Hilfsbedürftige, meist Senioren und alleinstehende Kranke. Majeed aus Afghanistan und Piya aus Indien betreuen den 76-jährigen Herrn Müller, Steve aus Kamerun die 80-jährige Frau Hederer, und Agna aus Kenia, Heidi aus Deutschland, Camara aus Guinea, Agata aus Polen und Dorothee aus Kamerun nähen die Gesichtsmasken. Majeed sammelt zudem Spenden für sechs afghanische Familien, die als Flüchtlinge im Iran vom Hunger bedroht sind, da sie dort keinerlei Hilfe erhalten. Erste Spender haben sich bereits gefunden.

Wir helfen damit nicht nur ganz konkret anderen Menschen, sondern machen deutlich, dass Majeed, Piya, Steve, Agna, Camara, Agata, Dorothee und auch die seit 25 Jahren arbeitslose Heidi vollwertige Mitglieder einer Gesellschaft sind, wenn man es ihnen zugesteht.

Das geschieht durch konkrete Begegnungen im Alltag, bei denen sich manchmal die Rollen umkehren. Die Hilfsbedürftigen werden zu Helfenden. Sie erfahren nun jeden Tag große Dankbarkeit. Ich sehe, dass das in der Stadt wahrgenommen wird und ich wünsche mir, dass somit die Corona-Krise auch zu einer Chance für gesellschaftliche Veränderungen wird, die wir weltweit dringend brauchen.

(Olaf Arndt)