Als die Daten reisen lernten

Disk(i)mag(e)s

Die Diskette war der Datenträger, der Speichermenge, Haltbarkeit, Unempfindlichkeit und leichte Transportierbarkeit von Daten in sich vereinigte. 1969 vom US-amerikanischen Ingenieur Alan Shugart erfunden, bildete sie sich über die nächsten drei Jahrzehnte zum wichtigste externen Massenspeichermedium für Computer heraus und ist für diesen Zweck so "ikonisch" geworden, dass noch in Programmen aktueller Computer, die längst gar keine Disketten mehr nutzen (können), das Disketten-Icon für Datenschreib- und -leseoperationen steht.

Disketten gab es in unzähligen Formaten; angefangen mit 8 Zoll großen, quadratischen Scheiben, bei denen innerhalb einer PVC-Hülle eine biegsame, runde Kunststoffscheibe, beschichtet mit einem magnetisierbaren Material, verpackt war, über kleinere Formate in Hartplastik-Hüllen bis hin zu Wechselplattensystemen mit hunderten Megabyte Speicherkapazität.

5,25-Zoll-Diskette auf der dieser Beitrag per Post verschickt wurde. Bild: Stefan Höltgen

Das definierende Merkmal der Diskette war bei all ihren Unterschieden in Form und Kapazität ihre Mobilität. Bei vergleichsweise kleinen Ausmaßen und sehr geringem Gewicht eignete sie sich perfekt für den Transport in Taschen und Briefen. Aufgrund ihres geringen Gewichts, Maßes und Preises ermöglichte die Diskette erstmals den privaten und diskreten Austausch großer Datenmengen. Sie war damit das ideale Speichermedium für die Homecomputerära (wenngleich der Erwerb eines Diskettenlaufwerks zu Beginn für die meisten Computerbesitzer ein Luxus darstellte).

Das Dis-Swapping über die oben beschriebenen informellen Netze stellte lange Zeit einen "Warez"-Prototypen dar, bei dem (rechtlich) geschützte Daten unter der Hand weitergereicht wurden - sei's zu Geheimhaltungszwecken, aus Geldmangel sich die Originalsoftware zu kaufen, oder aus idealistischem Protest gegen die medienökonomische Vereinnahmung des Computerhobbies - denn alle Daten haben ja frei zu sein!

Im Retrocomputing ist die Diskette heute immer noch in Benutzung und zugleich zu einem manifesten Symbol für die Überbrückung von vergangener zu aktueller Mikrocomputer-Ära geworden. Software Preservation bedeutet zumeist: Datenübertragung von realen/materiellen/alten Disketten auf virtuelle Disk-Images. Letztere wurden in den vergangenen zwanzig Jahren für beinahe jedes historische Computersystem entwickelt und haben damit den Platz und die Bedeutung realer Disketten eingenommen.

Die ehemals notwendige Materialisierung der Daten, von der ich oben geschrieben habe, wird damit wieder kassiert und die Diskette von einem physikalischen Medium zu einem (Datei)Format. Der Gewinn ist die (wieder hergestellte) Übertragbarkeit der Daten durch elektronische Netze und ihre Portierbarkeit auf heutige Systeme und Speichermedien. Nicht wenige lesen diese Ausgabe der Digital Talk sicherlich in einem C64-Emulator, in den sie das virtuelle Disk-Image (das sie zuvor von der Homepage des Magazins geladen haben) laufen lassen. Ihnen entgeht dabei aber mehr als bloß das liebevoll gestaltete papierne Disk-Sleeve. Die gesamte Haptik, das Reale und das Einzigartige des Computing, das sich durch die Algorithmisierung von Hardware im Emulator aufgelöst hat.

Original-Diskettenausgabe der Digital Talk (Ausgabe 93). / Disk-Sleeve der Digital Talk (Ausgabe 106) zum Selbstausdrucken. Bilder: Stefan Höltgen

Die dreifache Aufhebung der Diskmags

Noch aber - hier vielleicht zum letzten mal? - sind Diskmags ein lebendiges Medien/Format-Relikt; diese Ausgabe der Digital Talk kann daher noch für eine Computerarchäologie der historischen Gegenwart herangezogen werden, um zu fragen, welche Spuren Diskmags in der Mediengegenwart hinterlassen hat. Und diese erscheinen mir zahlreich und tief. Seit 1981 die erste Ausgabe des "Softdisk Magazette" für den Apple II erschienen ist, gab es eine wahre Fülle von Disketten-Magazinen für alle möglichen Homecomputer-Systeme. Die meisten sind heute verschwunden, einige dauern jetzt noch als Formate fort und werden als Download vertrieben. Nur dieses erreicht seine Leser noch per Post auf Diskette.

Doch so, wie eine Medientechnologie keinen Anfang hat, so hat sie auch kein Ende. Das Riepl’sche Gesetz behauptet, dass Medien einander nicht ablösen, sondern von ihren Nachfahren absorbiert werden. Das, was man Konversion nennt - die Aufhebung aller historischen Medienformate im Computer - verdeutlicht dies ... und gilt auch für Diskette-Magazine.

Doch diese Einverleibung geschieht nicht ohne Spuren zu hinterlassen. Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel spricht von einer Dreifachen "Aufhebung" als Überwindung von Widersprüchen, die sich hier als die Wiedersprüche zwischen Gestern und Heute, Format und Medium, Symbol und Signal, Realem und Virtuellem, Zeitung und Webseite usw. gezeigt haben. Aufhebung meint 1. die Beendigung einer Entwicklungsstufe: Etwas, das veraltet ist und nicht mehr benötigt wird, dessen Bedeutung ist aufgehoben (suspendiert). 2. die Aufbewahrung: Etwas, das wertvoll und erhaltenswert erscheint, wird bewahrt, konserviert, archiviert, musealisiert o.ä. Und 3. die Emporhebung der vermeintlichen Gegensätze zu einem neuen, "höheren" Dritten.

Mein Beitrag sollte zeigen, welche technischen, kommunikativen und sozialen Aspekte der Vergangenheit zur Entwicklung der Diskmags beigetragen und zu ihrer Entstehung (schon beinahe zwangsläufig) geführt haben. Durch die Digitalisierung und Algorithmisierung der Computergeschichte (ihrer Hardware und Software) und der Entwicklung neuer Speichermedien (von der CD-ROM bis zum USB-Flashspeicher) wurde die Bedeutung der Diskette als wichtig(st)er Datenspeicher aufgehoben. Als historisches Relikt (das unter Umständen sogar noch wichtige alte Daten enthält), als grafisches Icon für die Speicherung neuer Daten und das Laden "alter" Daten und selbst im ersten Namenbestandsteil von "Disk-Image" hat die Diskette bis heute überdauert - wurde im zweiten Sinne aufgehoben.

Man kann mit einigem Recht behaupten, dass die Brückentechnologie und das Brückenformat der Diskmags eine bedeutsame Zwischenstufe zwischen papierbasierter und webbasierter Kommunikation, zwischen virtueller und physikalischer Datenübertragung, zwischen maschinellem und menschlichem Informationsaustausch dargestellt hat. Computerarchäologie sucht nach genau solchen Brücken als Umbruchstellen zwischen Zeiten, Technologien und Kulturen, die durch Medien verbunden sind und stellt ihre Bedeutung für die Gegenwart heraus. Wir können viel von solchen Monumenten lernen, wenn wir sie nicht vorschnell als überholt, veraltet, nutzlos - als historisch - abtun und wegwerfen, sondern sie "aufheben".

Directory Art: Das Disketteninhaltsverzeichnis der Digital Tal (Ausgabe 100) enthält politische Botschaften. Bilder: Stefan Höltgen

Was es aber unbedingt jenseits der Technologien und Formate noch aufzuheben gilt, sind die Inhalte der Diskmags! Allein von der Digital Talk sind seit 1993 108 Ausgaben erschienen, mit ganz unterschiedlichen Beiträgen von verschiedenen Autoren. Diese Nachrichten der Vergangenheit sind ebenso zu archivieren wie die Technologie ihrer Erstellung und Distribution.

Unter dem Begriff der Knowledge Preservation werden deshalb das Wissen der Vergangenheit mit Hilfe unterschiedlicher Bewahrungsstrategien in der Gegenwart für die Zukunft erhalten. Niemand kann und darf heute entscheiden, was morgen für die Kultur, die Wissenschaft oder auch bloß den einzelnen, historisch Interessierten wichtig werden könnte. Daher gilt es die Möglichkeiten, die uns heutige Technologien bieten, um dieses Ziel zu erreichen, zu begrüßen.

Alle 108 Nummern der Digital Talk können auch dann noch aus Internet-Archiven abgerufen werden, wenn die Original-Disketten längst verschollen oder unlesbar geworden sind. Sie können als virtuelle Disketten-Images auf moderne Speichern geladen und in C64-Emulatoren gestartet werden, wenn die physikalischen Systeme vielleicht nicht mehr existieren. Denn Retrocomputing bedeutet auch, die (Computer)Gegenwart nicht zu verachten.

Epilog

Dieser Text basiert auf einer empirischen Studie - quasi einem Re-Enactment (im Sinne der experimentellen Archäologie). Ich habe hier zum ersten mal einen Beitrag für ein Disketten-Magazin geschrieben und entschieden mich dabei so weit wie möglich auf das Zielsystem (hier einen Commodore SX-64 mittels DT-Editor) einzulassen und von ihm einschränken zu lassen. (Dieser Beitrag in Telepolis stellt ein Transkript dar, dass ich später vom Monitor abgetippt habe.) Dies bedeutete eine markante Veränderung meiner gewöhnlichen Arbeitsweise: ein nur fünf Zoll großer CRT-Monitor, langsames Speichern und Lesen des Editors und der Textdateien von/auf Diskette, ungewohnte Tastatur und Tastenbelegung (wie oft habe ich wohl die "Home"-Taste getroffen als ich "Del" drücken wollte? Wie oft "y" statt auf "z" getippt?).

Beim Korrigieren und Editieren hat mir die Unmöglichkeit, Textteile von einer Dokumentseite auf eine andere zu verschieben, ein gänzlich ungewohnte Überarbeitungsmethoden aufgezwungen. Anders als bei einem Textverarbeitungsprogramm, wo der Entwurf im Kopf und die Niederschrift fast simultan auf dem Monitor möglich sind und dabei Korrekturen und Umformulierungen beim Schreiben passieren, musste ich jeden Satz genau planen und möglichst fehlerfrei eingeben. Das ist diesem Text anzusehen (wie ich als Autor meine).

Das Setup, auf dem dieser Text geschrieben wurde: Ein Commodore SX-64 mit MSD2IEC. Bild: Stefan Höltgen

Ich habe den Text schließlich in zwei Dateien auf eine 5,25-Zoll-Diskette abgespeichert und diese per Post an die Digital-Talk-Redaktion geschickt. Nicht verschweigen möchte ich aber, dass mir, quasi als "Rettungsnetz" ein MSD2IEC zur Verfügung stand, damit ich die Artikel-Dateien zur Not auch per E-Mail einreichen konnte. Diese Produktionsweise sollte - ganz im Sinne der Argumentation des Beitrags - eine "Best of both Worlds"-Erfahrung ermöglichen - das, was Retrocomputing eigentlich ausmacht. Vielleicht zieht in Zukunft ja doch noch einmal jemand diesen gedanklichen "Lochstreifen" aus der "Schublade", um ihn aufzugreifen, zu ergänzen oder zu kritisieren und das Ergebnis in einer neuen Ausgabe auf Diskette abzuspeichern.

Nachtrag: Auch das ist ein Novum digitaler Textproduktion: dass die Inhalte nicht irgendwann überholt sein müssen, sondern korrigiert und ergänzt werden können. So habe ich - Stand 30.04. - erfahren, dass es von der Digital Talk wohl auf jeden Fall noch mindestens eine weitere Ausgabe geben wird. (Stefan Höltgen)