Als ob der jüngste Tag kommen sey...

Die Menschen können sich nur auf sich selbst verlassen - seit der Zerstörung Lissabons vor 250 Jahren

Vor 250 Jahren zerstörte das Erdbeben von Lissabon die portugiesische Hauptstadt. Lissabon wurde zum Menetekel, das wie kein anderes Unglück das moralische und naturwissenschaftliche Denken verändert hat. Es war nicht eine weitere von vielen, es war "die" paradigmatische Katastrophe. Doch Lissabon erschütterte nicht etwa - wie oft behauptet wird - die Selbstgewissheit der Aufklärung, sondern vor allem den Glauben an einen gerechten Gott und eine harmonisch-gute Natur und bestätigte damit den Rationalismus des Zeitalters. Von einer Liquidierung des Optimismus kann keine Rede sein. Auf die Bestandsaufname der Fakten folgte zunächst ihre ästhetische, dann ihre theoretische Interpretation.

Es gab zwei Erdbeben von Lissabon. Das erste zerstörte am 1. November 1755 weite Teile der portugiesischen Hauptstadt und kostete insgesamt etwa 100.000 Menschen das Leben. Das zweite erschütterte in den folgenden Monaten nachhaltig die öffentliche Meinung des Kontinents und damit die europäische Geistesgeschichte. Noch bis heute sind gelegentlich Nachbeben dieses epochalen Ereignisses zu spüren, es bildet nach wie vor das Muster jeder Katastrophendeutung. Denn immer wieder wenn wieder irgendwo ein Hurrikan Städte und Landschaft verwüstet, eine Flut über die Ufer steigt oder technische Apparate wie Kernkraftwerke und Flugzeuge folgenreich versagen, bietet sich ein Anlass, an "Lissabon 1755", Voltaires "Candide" und selbstverständlich die fatale Dialektik der Aufklärung zu erinnern.

Mit dem Erdbeben beginnt die moderne Konjunktur des apokalyptischen Denkens, das neben allem Fortschrittsoptimismus einen eigenen roten Faden im 19. Jahrhundert bildet. "Lissabon 1755" brachte schon zur Entstehungszeit Theologen wie Philosophen in Schwierigkeiten. Die einen mussten diesen wüsten Eingriff Gottes in den doch eigentlich so ganz anders gearteten Schöpfungsplan integrieren und erklären, welche Schuld nun gerade den armen Einwohnern von Lissabon solch göttliches Strafgericht auferlegt habe, die anderen hatten alle Mühe, am philosophischen Optimismus des Zeitalters festzuhalten, an der Überzeugung, dass am Ende die vernünftige Ordnung der Dinge alles zum Rechten fügen werde.

Schrecken im Postkutschentempo

Knapp hunderttausend Tote, tagelange Brände, ganze Stadtviertel dem Erdboden gleichgemacht: Vor 250 Jahren herrschte in Lissabon das Grauen. Drei kurz aufeinander folgende Erdstöße hatten am Vormittag des 1. November 1755 gegen 9:30 Uhr die Iberische Halbinsel erschüttert, gefolgt etwa eine Stunde später von drei circa 7 Meter hohen Flugwellen. Drei Viertel der Stadt waren vernichtet, die viertgrößte Metropole Europas - nach wie vor einer der wichtigsten Warenumschlagplätze Europas, nicht zuletzt für Gold und Diamanten aus der brasilianischen Kolonie - zerstört. Nach heutigen Rekonstruktionen lag die Stärke des Bebens deutlich über 8 auf der Richterskala.

Im Postkutschentempo eilte die Schreckensnachricht in den folgenden Wochen um die damalige Welt. Schon in den ersten Stunden nach dem Erdbeben war eine gewaltige Flut - heute würden wir von Tsunami sprechen - an die europäischen Küsten gebrandet. "Die Fischerboote wirbelten herum wie Korken, mit einer Bewegung, so schnell wie das Flattern der Signalflaggen", schrieb der Korrespondent einer Londoner Zeitung aus Irland. "Die leeren Schiffe schlugen sich gegenseitig in Stücke und versanken sofort in den Strudeln. Andere wurden mit großer Gewalt an Land gespült." Ähnliche Nachrichten kamen mit der Zeit aus Cadiz, Amsterdam, Portsmouth, sogar aus Lübeck. Auch im Inneren des Kontinents wurde von merkwürdigen Vorgängen berichtet. So versiegte im Kurort Karlsbad kurzzeitig der Sauerbrunnen. Goethe, damals ein Kind, berichtet in seinen Erinnerungen:

Schneller als die Nachrichten hatten schon Andeutungen von diesem Vorfall sich durch große Landstrecken verbreitet; an vielen Orten waren schwächere Erschütterungen zu verspüren, an manchen Quellen, besonders den heilsamen, ein ungewöhnliches Innehalten zu bemerken gewesen.

Auf diese Weise formte sich bereits das Mosaik außerordentlicher Ereignisse. Doch erst 24 Tage nach dem Unglück wurde das ganze Ausmaß dessen, was heute unter dem Namen "Das Erdbeben von Lissabon" als schwerste Naturkatastrophe in der Geschichte Europas bekannt ist, klar. Da erst trafen in London und Paris, den Nachrichtenzentren der damaligen Welt, die Nachrichten aus Lissabon ein:

Das Handelshaus und der Königspalast sind vollständig zerstört, die Warenhäuser der Überseehändler verloren, und, um die Zerstörung der Stadt zu vervollständigen, wurde sie von schwefligen Eruptionen aus den Gedärmen der Erde in Brand gesetzt. Mehr als die Hälfte der Gebäude sind zerstört und ungefähr 100 000 Menschen haben ihr Leben verloren. Der König und seine Familie entkamen halbnackt aus dem Palast.

Am 12. Dezember berichtet die "Staats- und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten" ausführlich, Lissabon sei "gegenwärtig nichts, als ein Steinhaufen, worunter mehr als 100 000 Menschen lebendig begraben werden". Nicht anders als dies auch heute geschähe, begannen bald darauf in zeitgemäßer Weise die Reaktionen auf die Katastrophe. Als erstes lief eine bis dato ungekannte Maschinerie internationaler Solidarität und Hilfsleistungen an Der britische König spendete Reis, Weizen, eine Ladung Rindfleisch aus Irland "und viele andere nützliche Dinge" sowie 50 000 Pfund. Das englische Parlament gewährte eine weitere Soforthilfe von 100 000 Pfund. Auch der spanische König und andere Monarchen halfen großzügig. Die internationalen Börsen reagierten professionell und ließen die portugiesischen Wechsel nicht platzen. Mit Lissabon begann auch die Geschichte globaler Spendenbereitschaft.

Die Gunst der Katastrophe: Die Stunde des Marquês de Pombal

Vor Ort selbst hatte man in den vergangenen Wochen bereits mit diversen, sehr konkreten, zugleich in ihrer Fülle schier übermenschlichen Problemen zu kämpfen: Die Brände mussten gelöscht, die Kranken versorgt, alle Überlebenden mit dem Notdürftigsten versorgt werden. Unterdessen zogen Räuberbanden plündernd durch die Ruinen, neue Erdstöße versetzten die Menschen in Angst und Schrecken - das Szenario des Spätsommers in New Orleans kann eine Ahnung von den Verhältnissen geben - allerdings ohne Information durch Medien, ohne technische Hilfsmittel, mit denen schnelle Bewegung der Hilfskräfte möglich gewesen wäre.

Hier schlug nun die Stunde des Sebastião José de Carvalho e Melo (1699 - 1782), dem Ersten Minister des Königs, der zuvor als Kriegs- und Außenminister gedient hatte, und bald nach dem Erdbeben zum Marquês de Pombal geadelt wurde. Pombal, ebenso charismatisch wie von machiavellistischem Pragmatismus durchdrungen, erkannte die Gunst der Katastrophe: Die Notwendigkeit einschneidender Maßnahmen war auch eine Chance zur "Revolution von oben". Pombal war ein typischer aufgeklärter Absolutist.

Kühl, entschlossen und schnell nahm er mit praktischer Vernunft und gemäß der von ihm überlieferten Maxime "Die Toten begraben, für die Lebenden sorgen" die technokratische Bewältigung der Krise in Angriff. Pombals Regierung praktizierte das erste Katastrophenmanagement in einem modernen Sinne. In einer Art diktatorischem Regiment setzte er Truppen ein, um die Plünderungen und die Feuer unter Kontrolle zu bekommen. Bereits ein Jahr nach dem Beben war Lissabon frei von Schutt und Trümmern. Nach diesen ersten Erfolgen wurde Pombal mit dem Wiederaufbau der Stadt betraut. Bald kritisierte er - unbeeindruckt von der Kritik konservativer Kreise, den Drohungen der in Portugal allgegenwärtigen katholischen Inquisition und der längst entbrannten Philosophen-Debatte um die "metaphysische" Bedeutung des Erdbebens - die Hauptursachen für die gewaltigen Auswirkungen der Katastrophe. Sie waren zum einen in Baufehlern zu suchen, zugleich aber auch im Versagen der Organisation, im Schlendrian des Beamtenapparats und in der falschen Verwendung des Reichtums von Kirche und Adel. Indem er den König José I. überzeugte, Lissabon - nicht wieder so wie es vor dem Beben gewesen war - sondern sicher aufzubauen, wurde Pombal zum Initiator des modernen Lissabon.

Triumph der technokratischen Vernunft

Seine Pläne musste Pombal konsequent mithilfe königlicher Zentralgewalt gegen den Bürgerwillen durchsetzen. Pombals persönliches Glanzstück wurde die "Baixa", die unter dem verantwortlichen Architekten Eugénio dos Santos e Carvalho erdbebensicher nach aufklärerischen Prinzipien - in Portugal spricht man vom pombalinischen Stil - neu erbaute Unterstadt Lissabons. Die seinerzeit angelegten breiten schnurgeraden Straßen, die sich im rechten Winkel kreuzen, die weiten Plätze und die Prachtbauten mit begrenzter Geschosshöhe stehen noch heute und prägen die Schönheit Lissabons. Zugleich ist diese Bauweise, die in nichts den von manchen Aufklärern gefeierten Gesetzen der Natur folgt, ein Triumph der technokratischen Vernunft.

Mit der Modernisierung der Stadt einher ging die des Staates: Pombal deutete die Katastrophe in einen Motor des Fortschritts um, sah statt Zerstörung und Gottesstrafe die Chance auf Erneuerung. Erst das Erdbeben hatte Pombal die Macht und die Möglichkeiten verschafft, die er brauchte, um - zum Entsetzen von Adel und Kirche - seine aufgeklärten Visionen zu verwirklichen. Der Einfluss der Kirche, insbesondere des Jesuitenordens wurde beseitigt. Die radikalen Reformen betrafen die gesamte Gesellschaft. So brachte "Lissabon 1755" für Portugal selbst entgegen dem Mythos einer Erschütterung der Aufklärung einen entscheidenden Aufklärungsschub. Die Ära Pombals erscheint im Rückblick als eine neue, als die letzte große Glanzzeit der portugiesischen Geschichte.

Medienereignis und Katastrophendiskurs

Während Pombal die politische Bedeutung der Tatsache begriff, dass die Welt gründlich aus den Fugen geraten war, und die Gelegenheit nutzte, um Portugal in die Moderne zu führen, war in Europa eine Debatte entbrannt, die den Geist und die Errungenschaften der Aufklärung zur Disposition stellte.

Zunächst aber entwickelte sich das Beben von Lissabon zum internationalen Medienereignis. Monatelang bis ins Frühjahr 1756 hinein wurde das Neueste vom Schauplatz des Geschehens in bis dato nie gekannter Detailfülle berichtet. Die ästhetische und moralische Verarbeitung solcher Wahrnehmung ferner Katastrophen verläuft auch heute noch in ähnlichen Bahnen. Opferzahlen wurden diskutiert und ständig nach oben oder unten korrigiert. Schicksale bekannter Persönlichkeiten - der Königsfamilie, des portugiesischen Adels, der Botschafter der verschiedenen Nationen, kurzum des Jet Sets des 18. Jahrhunderts - wurden so detailliert berichtet, wie man dies genauer auch heute nicht in "Gala" oder "Bunte" nachlesen könnte. In den folgenden Wochen wurden weitere Augenzeugenberichte, nun auch von "normalen" Menschen in Europas Zeitungen abgedruckt - die Katastrophe als Massenereignis und Klassen übergreifender Gleichmacher.

Die Mechanismen des Umgangs, die Rituale des Katastrophendiskurses waren schon damals dieselben. Das beginnt mit ihrer Beschreibung: Wie später vom August 1914, vom Spätsommer 1939, vom Nachkriegssommer 1945 und noch vom Morgen des 11. September 2001 berichteten Augenzeugen im Rückblick auch vom Morgen des 1. November 1755, dessen besondere Schönheit. "Nie gab es einen herrlicheren Morgen als an diesem ersten November", schrieb ein britischer Überlebender, "Die Sonne schien mit all ihrer Kraft, der Himmel war, so weit das Auge reichte, vollkommen heiter und klar."

In den ersten Berichten der Zeitzeugen dominiert dann vor allem die Fassungslosigkeit, die Unfassbarkeit und der Topos der Unbeschreiblichkeit des Geschehens:

Das Fürchterliche dieses traurigen Anblickes läßt sich nicht mit Worten beschreiben. Kurz, es schien, als ob der jüngste Tag kommen sey, und kein Stein auf dem anderen bleiben sollte.

Und der Korrespondent einer Wiener Zeitung berichtet:

Ich hatte auf allen Wegen gräuliche Anblicke, Männer, Weiber und Kinder, theils sterbend, theils an ihren Gliedern gestümmelt, mit Blut und Staub bedecket, erfülleten die Luft mit entsetzlichem Geschrey, und vermehrten also den unbeschreiblichen Schrecken.

Parallel dazu erhält man Persönliches, wie die Schilderung unverhoffter Rettungen Überlebender, die stunden- gar tagelang unter den Trümmern gelegen hatten. Auch in den ersten Reaktionen auf diese Augenzeugenberichte überwiegt solche Emotionalisierung in ungeheurem Maß. Diese lässt dann zunehmend nach. Nun war es der Konflikt der Interpretationen, der den Schrecken der Katastrophe als Medienereignis ablöste.

Seismologie und Seismotheologie

Was folgte, waren die Wortmeldungen der akademischen Experten und ihre - bis heute genau genommen nicht abgeschlossene - Debatte über Folgen und Ursachen der Katastrophe. Eine Sturzflut von Erklärungen, Pamphleten und Rechtfertigungen ergoss sich über Europa. Denn Lissabon war nicht eine weitere von vielen, es war "die" paradigmatische Katastrophe. Obwohl es zuvor schon andere große Katastrophen gegeben hatte, das Beben, das 1570 Florenz und Ferrara verwüstete, die verheerenden Erdbeben von Santiago de Chile (1647) Japan (1730), Indien (1737) Peru (1746) oder Messina (1780). Aber Katastrophe ist nicht gleich Katastrophe, das belegte Lissabon. Es wurde zum Ur-Mythos aller Erschütterung zivilisatorischer Selbstgewissheit durch den Eingriff blinder Naturgewalt.

Typischerweise war die Reaktion schizophren: Einerseits begann man von nun an, auch dieser Art von Natur wissenschaftlich Herr zu werden. Das Erdbeben von 1755 war die Geburtsstunde der Seismologie, der Erdbebenwissenschaft. Bereits kurz nach dem Beben sorgte Pombal dafür, dass Daten erfasst wurden, die Dauer und Form des Bebens, Art und Ausmaß der Schäden erfassten. Damit legte der portugiesische Premier den Grundstein für die moderne Seismologie.

Doch neben die Seismologie trat auch eine Art Seismotheologie: Theologen aller Richtungen beuteten die Katastrophe demagogisch aus, und interpretierten sie als göttliches Strafgericht. Die katholische Gegenreformation verwies auf Gottlosigkeit und ein Leben in Sünde als Gründe für die Bestrafung Lissabons. Protestantische aus dem Norden Europas verwiesen dagegen auf katholischen Aberglauben und die Schrecken der Inquisition. Ihnen allen gemeinsam ist: Das Naturereignis sollte Beweis sein für die schon in der Vergangenheit zunehmend fragwürdig gewordene Existenz Gottes.

Noch heute, wenn Nachrichtenmagazine die Katastrophe im Indischen Ozean als "Sintflut im Paradies" beschreiben und dort "Szenen aus der biblischen Endzeit" entdecken und wenn zeitgenössische Kirchenfürsten wie der vermeintlich linksliberale Wolfgang Huber von den "Erschütterten Gewissheiten" sprechen, ("Nicht die Allmacht Gottes, sondern die Allmachtsvorstellungen des modernen Menschen werden durch dieses Geschehen in ihre Schranken gewiesen") oder behaupten: "Die Gewalt der Natur hat uns in die Grenzen gewiesen." schwingen ähnliche Töne mit.

Allerdings auch Angst vor endgültiger Unglaubwürdigkeit. Denn bereits vielen Aufklärern galt die Naturkatastrophe als Beweis dafür, dass eine metaphysische Instanz mit irgendeinem sorgenden Willen, dass ein Gott, jedenfalls im christlichen Sinne nicht existierte. Denn wenn Gott Gott ist, also allmächtig, ist er nicht gut, wenn er gut ist, ist er kein allmächtiger Gott. Auf den Zusammenbruch und das Feuer in Lissabon folgten Flutwellen des Zweifels und die eher theoretische Frage der Theodizee - Wie kann Gott existieren angesichts des Übels in der Welt? Wie kann er es zulassen? - wurde brandaktuell. Und erstmals wurde sie kontrovers beantwortet, verlor die Theologie ihr Interpretationsmonopol.

Die Frage der Rechtfertigung Gottes angesichts des Übels in der Welt löste eine dauerhafte, heute würde man sagen: "nachhaltige" literarische Debatte aus, die in zahlreichen Schriften ausgetragen wurde. Nicht zuletzt diese öffentliche Diskussion gab dem Geschehen von Lissabon den Rang eines "außerordentlichen Weltereignisses".

Die Natur als stumpfer Akteur

Ähnlich wie der südostasiatische Tsunami des Dezember 2004 brachte das Erdbeben von Lissabon die Natur als unbeeindruckt stumpfen Akteur in Erinnerung. Der Schock von Lissabon bestand vor allem darin, dass sich die Natur nicht berechnen ließ - dies erschütterte die rousseauistische Linie der aufgeklärten Naturauffassung nachhaltig, nach der die Natur an sich gut sei und nur durch Menschenleistung verdorben würde. Mit dem Beben beginnt sich die Naturauffassung der Menschen zu wandeln. Sie gilt nicht länger als Ausdruck eines höheren Willens, eines Heilsplans, zumindest einer harmonischen Ordnung. Sinnfrei, kontingent und absichtslos ist sie, ein "trauriges Spiel des Zufalls" (Voltaire), heillos. Die Einsicht beginnt sich durchzusetzen, dass Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme und Flutwellen normale Vorgänge an der Oberfläche eines unruhigen Planeten sind. Damit begann die ernsthafte Erforschung der Erde und ihrer Phänomene.

Erst die Ökologiebewegungen des 20. Jahrhunderts versuchten, das Rad der Naturbetrachtung vor die historische Grenzerfahrung von Lissabon zurück zu drehen. Heute suggerieren Klimakonferenzen und Umweltforen, der einzige Störfaktor auf der Erde sei der Mensch. Die Natur wäre in bester Ordnung, gelänge es nur, den Einfluss der Zivilisation auf sie einzuschränken. Das ist die Position Rousseaus, der gegenüber Voltaire in Reaktion auf Lissabon argumentiert:

Alles ist gut, soweit es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht, alles wird schlecht unter den Händen des Menschen.

Die gute Natur wird durch Kultur schlecht. Darum muss man "zurück zur Natur". Die Natur übernimmt heute in der öffentlichen Meinung - "Tsunami", "Katrina" und Oderfluten zum Trotz - wieder die Rolle des Guten und Menschenfreundlichen. Man denken nur an den inflationären Gebrauch der Formel von der "natürlichen Lebensweise", oder den Boom der Vorsilbe "Bio". Längst ist in Vergessenheit geraten, dass die Natur historisch gesehen ein ständiger Gegner des Menschen gewesen ist. Unsere heutige, sichere, verwaltete, ruhig gestellte Welt wurde gegen die Bedrohung der Natur errungen.

Voltaire vs. Rousseau

Auch viele Philosophen setzten den Schauder schnell in Denkprodukte um. Ein gewisser, längst und wohl nicht völlig zu Unrecht vergessener Louis de Beausobre sah im Lissaboner Erdbeben den rechten Anlass, ein Büchlein namens "Essai sur le Bonheur", "Versuch über das Glück", zu veröffentlichen, in dem er das Beben und dessen Opfer so lange hinwegrationalisierte, bis nichts mehr davon übrig war, außer der Erkenntnis, dass Menschen nun mal irgendwann sterben müssen. Es heißt, dieses Buch habe Voltaire zu seiner berühmten Novelle "Candide" inspiriert, in der er schreibt: "Wenn das die beste aller Welten ist, wie sehen dann erst die anderen aus?" Und in einem Brief schrieb er:

Da haben Sie, mein Herr, ein ziemlich grausames Naturschauspiel. Man dürfte verblüfft sein, wollte man sich begreiflich machen, wie die Bewegungsgesetze derartig furchtbare Desaster in der besten aller möglichen Welten verursachen. Einhunderttausend Ameisen, unser Nächster, sind auf einen Schlag in unserem Ameisenhaufen umgekommen, von denen sicher die Hälfte unter unsäglichen Ängsten unter den Trümmern starb, aus denen man sie nicht befreien konnte. Am anderen Ende Europas stehen Familien vor dem Aus, das Vermögen von hundert Kaufleuten Ihres Landes liegt unter den Ruinen von Lissabon begraben. Welch trauriges Glücksspiel ist das menschliche Leben! Ich ziehe meine Genugtuung allein daraus, dass wenigstens die verehrungswürdigen Väter der Inquisition wie alle anderen zerschmettert worden sind. Das wird die Menschen lehren, nicht ihresgleichen zu verfolgen, denn während einige heilige Schurken einige Fanatiker verbrennen, verschlingt die Erde die einen wie die anderen.

Bereits unmittelbar nach den ersten Nachrichten von der Katastrophe hatte er seinen berühmten Satz formuliert: "Lissabon liegt in Trümmern, und hier in Paris tanzen wir." Sein Gedicht "Poème sur le désastre de Lisbonne", ist Zeugnis persönlicher Erschütterung: "Betrogene Philosophen, ihr schreibt: 'Alles ist gut!'/ Kommt her und seht die gräßlichen Ruinen ... Wird aus Unglück im Chaos von euch nicht zuletzt/ ein allgemeines Glück doch zusammengesetzt?" Sein Gedicht gibt Platon und Leibniz den Abschied und rehabilitiert den Skeptizismus Pierre Bayles (1647-1705) als der Weisheit letzten Schluss. Der Zivilisationspessimist Jean-Jacques Rousseau reagierte - wie es eigentlich einem echten Aufklärer anstand - weitaus kühler und verwies auf die Relation von Ursache und Wirkung und die Notwendigkeit besseren Städtebaus. Die Unvernunft der Menschen, nicht metaphysisches Ungeschick trügen die Verantwortung am Schreckensübermaß. Zeitgleich und auch im Gefolge der Erdbeben- und Theodizeedebatten beginnt die Geschichtsphilosophie zu boomen.

Angesichts des Erdbebens von Lissabon kann man von nun an immer wieder auf die Dialektik der Aufklärung verweisen. Doch das Unglück ist nicht nur der Anfang aller modernen Fortschrittsskepsis und damit ein Lieblingsexempel aller Gegenaufklärer, es ist auch der Beginn der Katastrophen- und Ruinenästhetik.

Die Ästhetik des Schreckens und der schöne Schauer der Katastrophe

Grob lassen sich zwei gegensätzliche Reaktionen ausmachen: Selbstbestätigung oder ihr Gegenteil. Während die einen das Ereignis in ihre Ästhetik einfügten, beschrieben es die anderen als einen unfassbaren Bruch mit allem Gewesenen. In "Dichtung und Wahrheit" schilderte Goethe später mit einer gewissen Wohlgefälligkeit die Ereignisse und die eigene Erschütterung:

Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien: denn überall meldet sich Rauch und Brand in den Ruinen. Sechzigtausend Menschen, einen Augenblick zuvor noch ruhig und behaglich, gehen mit einander zugrunde, und der Glücklichste darunter ist der zu nennen, dem keine Empfindung, keine Besinnung über das Unglück mehr gestattet ist. Die Flammen wüten fort, und mit ihnen wütet eine Schar sonst verborgner, oder durch dieses Ereignis in Freiheit gesetzter Verbrecher. Die unglücklichen Übriggebliebenen sind dem Raube, dem Morde, allen Mißhandlungen bloßgestellt; und so behauptet von allen Seiten die Natur ihre schrankenlose Willkür.

Die Katastrophe wird ausgekostet und noch 50 Jahre später, in Kleists "Das Erdbeben in Chili" ist Lissabon die Referenzfolie für den schönen Untergang, für die Lust an der Katastrophe, die er in rasantem Stil der Aufeinanderreihung von Bildern, einer Art Kino avant la lettre darstellt:

Hier stürzte noch ein Haus zusammen ...; hier leckt die Flamme schon ...; hier lag ein Haufen Erschlagener, hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrieen Leute von brennenden Dächern herab, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen.

"Je schrecklicher je besser, vorausgesetzt man ist in Sicherheit."

Bereits kurz nach 1755 entwickelte dazu die ästhetische Theorie des Zeitalters den Begriff, indem man in Differenz zum klassischen Ideal des Schönen zur Vorstellung des "Erhabenen" kam. Edmund Burke zitierte ausdrücklich Darstellungen von Katastrophen und Schreckensereignissen, ein "Spiel mit dem Schauder". Kants formulierte: "Je schrecklicher je besser, vorausgesetzt man ist in Sicherheit". Und Moses Mendelssohn zitiert Lissabon als Beispiel für seine Theorie vom ästhetisch-angenehmen Grauen: Bei einem nicht von Menschen verschuldeten Unglück, so der Berliner Philosoph, "verspühret jeder Mensch einen starken Trieb das geschehene Uebel in Augenschein zu nehmen und der vermischten Empfindung zu geniessen, die ein solcher Anblick gewährt." Bild, Theater oder Literatur - kurz nach Lissabon kam es zur Geburt des modernen Horrorgenres in Horace Walpoles "The castle of Otranto" - könnten das Naturschauspiel der Wirklichkeit zumindest ersetzen, könnten die Darstellung unerhörter Begebenheiten und die Erschütterung des Publikums leisten, die die Theoretiker des späten 18. Jahrhunderts anstrebten.

Dem entspricht auch die visuelle Erzählung von Lissabon. 1757 publizierte Jacques Philippe Lebas eine Folge von sechs Kupferstichen. Die "Receuil des plus belles ruines de Lisbonne". Auf allen sechs werden die Ruinen öffentlicher Gebäude abgebildet: Ansichten vom zerstörten Palast, Überreste dreier Kirchen und der Oper. Idyllisch und pittoresk wirken die verfallenen Bauten. Die zum Teil tief in die Erde versunkenen Trümmer, auf denen Pflanzen wachsen, erinnern an die Überreste großer antiker Kulturen, an Stiche aus dem Rom der damaligen Zeit. Zwischen den Ruinen wandeln die Zeitgenossen nicht als Überlebende, auf denen sich analog zu den Bauten noch Spuren des Schreckens abzeichnen, sondern als quasi unbeteiligte, neugierig interessierte Besucher und Touristen. Lebas war ein überaus begabter Geschäftsmann: Seine "schönen Ruinen" von Lissabon erlebten in ganz Europa hohe Auflagen und wurden zum gewaltigen Erfolg. Sie stehen damit symbolisch auch für eine weitere, die letzte Phase des Medienereignisses Katastrophe und die anhaltende Gier des Publikums nach dem Schrecken.

Ohne Botschaft

Kein Ereignis hat, angeblich, die Ideenwelt der europäischen Intellektuellen des 18. Jahrhunderts ähnlich erschüttert wie das Erdbeben von Lissabon. Jedenfalls wird gern behauptet, dass im Gefolge des unerklärlichen Leids der Menschen auch der allgemeine Sinnzusammenhang und der metaphysische Optimismus eine ernste Krise erlebten. Doch der Realitätsschock fügte sich in die Debatten des Zeitalters und wurde selbst ihr Antrieb. Die Katastrophe wurde zum Mythos, aber zum Mythos der Aufklärung, indem sie auch die Dogmen der Theologie und der philosophischen Metaphysik als Ruine zurückließ. Die Geschichte der Verarbeitung und Interpretation des Erdbebens von Lissabon führt von der Bestandsaufname der Fakten zu ihrer ästhetischen und theoretische Verwertung. Mit "Lissabon 1755" beginnt auch die routinierte "Bewirtschaftung der Katastrophe" in der öffentlichen Meinung mit Medienmitteln: Skandalisierung, Emotionalisierung und Sensationsreportagen waren nicht weniger wichtig als philosophische Sinnsuche.

Zum Standardrepertoire der Rhetorik der Katastrophe gehört das Muster, es habe sich Ungeheuerliches ereignet, hiermit beginne heute eine neue Zeitrechnung. Nur wenn jetzt und hier die Menschheit ihren Weg korrigiere, habe die Katastrophe bei allem Schrecken auch einen "Sinn" gehabt. Solche Rhetorik der rabiaten Moralisierung lässt die Katastrophe selbst verschwinden, indem sie sie instrumentalisiert. Zugleich ist sie ein letztes Aufbäumen vormoderner Sinnstiftung durch Unglück.

Doch mit "Lissabon 1755" beginnt die moderne Emanzipation des Individuums, der Wandel der gottgewollten in eine von Menschen gemachte Ordnung und damit der Funktionsverlust der Katastrophe. Der durch Lissabon aufgewertete Pessimismus hat die Philosophie seitdem nicht mehr verlassen. Er grundiert und relativiert den grundsätzlichen Optimismus, der daran glaubt, dass die zivilisierte Menschheit Einfluss auf ihr Schicksal nehmen kann, ohne sich auf eine Natur zu verlassen, auf die man sich nicht verlassen kann. Das Erdbeben von Lissabon korrigiert die Illusion, dass die Natur ein Garten sei, der durch Hege und Pflege zu beherrschen wäre. Die Menschen können sich seit Lissabon nur auf sich selbst verlassen.

Heute ist die (Natur-)Katastrophe zur anhaltenden Gegenwart und damit banal geworden. In der globalisierten, geschlossenen Welt, in der sich Nachrichten im Sekundentakt über den Globus verbreiten, kommt die Katastrophe in stetigem Fluss. Sie kommt nicht mehr aus heiterem Himmel, sondern auf Ansage. Unter Umständen erhält sie verniedlichende Namen - "Katrina", "Rita". Und das, was die Menschheit schon erlebt hat, droht sich mit Gewissheit zu wiederholen. Die Katastrophe ist weder Erschütterung des Selbstbewusstseins, noch seine Chance. Sie verbreitet keine Botschaft mehr. Sie schweigt. Trotzdem gibt es auch heute immer noch Versuche, politisch-rationales Räsonnement durch das Pathos einer moralischen Anklage zu ersetzen - ein Rückfall in vormodernes Denken. Das Erdbeben von Lissabon ist nur noch in der Vergangenheit ein universales Ereignis. In der Gegenwart ist es zur Variablen geworden. Auch eine Aufklärung.

Literatur

Weitere Hinweise:

  1. Ein internationaler Kongress über die "historischen Auswirkungen" der Katastrophe findet vom 3. bis zum 5. November an den historischen und soziologischen Instituten der Lissabonner Universität statt. Mehr als 70 Wissenschaftler nehmen teil.
  2. In einem Kolloquium werden - ebenfalls in der Universität Lissabon - die geisteswissenschaftlichen Folgen des Bebens in Europa debattiert.
  3. Das portugiesische Nationalmuseum für alte Kunst widmet sich mit einer Ausstellung der Erinnerung an die Katastrophe: Auf alten Gemälden und Stichen sowie in Briefen und Reiseberichten wird die Stadt vor und nach dem Unglück dokumentiert.
  4. In der Carmo-Kirche im Chiado-Viertel, die beim Beben ihr Dach verlor und heute das Archäologische Museum beherbergt, kann man eine Ausstellung über die Katastrophe und die Geschichte dieser Kirche sehen.