Alte Pflanzen, neue Heilung?

Interview mit dem Experten für historische Pharmakologie Werner Dressendörfer

Die moderne Pharmazie hat die Natur wiederentdeckt. Die Urwälder Südamerikas sollen als Schatzkammer der pharmazeutischen Biotechnologie dienen, auch alte europäische Heilpflanzen werden von der Pharmaindustrie auf ihr Potential hin überprüft, Grundlage für neue Medikamente zu sein. Vergessen wird bei den Bemühungen oft der kulturelle Rahmen, in denen die Arzneimittel angewendet wurden. Der Experte für historische Pflanzenheilkunde, Werner Dressendörfer, lehrt Pharmaziegeschichte an der Universität Erlangen. Derzeit erforscht er die Geschichte von Heilpflanzen aus sozio-kulturellem Blickwinkel und widmet sich dabei vor allem der Symbolik der Pflanzen. Dressendörfer, Jahrgang 1947, leitete bis vor kurzem eine eigene Apotheke in Bamberg.

Professor Dressendörfer, Heilpflanzen dienten den Menschen einst als Arzneimittel gegen viele Beschwerden. Wie muss man sich die frühe Erforschung der Wirkung dieser Pflanzen vorstellen? Welcher Mensch kommt beispielsweise im Mittelalter darauf, Arnika als Wundmittel zu benutzen?

Werner Dressendörfer: Wenn wir ganz an den Anfang zurückgehen wollen, dann spielten sicherlich der Instinkt und der Zufall eine große Rolle. Im Lauf der Zeit probierte der Mensch aber auch viele Pflanzen bewusst aus, die beispielsweise durch ihren Duft oder Geschmack auffielen und stieß dann auf vermeintliche oder spürbare Wirkungen, die er registrierte und weiter empfahl. So bildete sich ein Pool empirischen Wissens, der sich der zunehmenden Erkenntnis anpasste, gleichzeitig aber auch hartnäckig spekulative Anschauungen enthielt.

Ganz große Bedeutung kam gerade im Mittelalter der sogenannten "Signaturenlehre" zu, die davon ausging, dass sich die medizinische Verwendbarkeit der Heilpflanzen und deren Anwendungsgebiet aus "Signa", also aus auffälligen Zeichen, ablesen ließe. Wenn also eine Pflanze gelben Milchsaft führte, wurde sie als gallewirksam eingestuft; die wie durchstochen wirkenden Blätter des Johanniskrauts versprachen deshalb Wirkung bei der Wundbehandlung, zumal die Blüten, zwischen den Fingern zerrieben, einen blutroten Saft erkennen ließen. Die Arnika speziell wird im Mittelalter zwar von Hildegard von Bingen erwähnt, findet jedoch erst ab dem 17. Jahrhundert nach und nach Verwendung in der heute üblichen Art.

Der Glaube an die Wirksamkeit lässt die Wirkung eher eintreten

Neben der Signaturlehre existierte ein großer Fundus an überlieferten Erzählungen und Mythen rund um viele Pflanzen. Kann man ganz allgemein von einer engen Verbundenheit der Menschen mit den sie umgebenden Pflanzen sprechen?

Werner Dressendörfer: Der Mensch früherer Zeiten hatte ohne Zweifel ein sehr enges Verhältnis zur Natur und besonders auch zu den Pflanzen, die ihm Lebensmittel, Gewürze und Heilmittel ebenso lieferten wie technisch verwertbare Materialien und vieles mehr. Er sah sich aber auch konfrontiert mit dramatischen Giftwirkungen, so dass sich für die Phantasie der Rahmen von "gut" bis "böse" spannte. Da jede Erscheinung irgendwie dazu reizt, erklärt zu werden, lag der Griff zu Mythen, Märchen oder sonstigen Erzählungen nahe.

Aber waren es nicht gerade diese Mythen, die ihren Teil zu der Wirkung beitrugen?

Werner Dressendörfer: Natürlich war dies der Fall. Der gemeine Mann im Mittelalter hatte nicht die Bildung, um selbst kompetent in Gesundheitsfragen zu urteilen. Er musste sich - soweit er sich nicht von einem gelehrten Arzt behandeln lassen konnte - auch auf die oftmals mündlich überlieferten spekulativen Heiltraditionen verlassen, wie sie in der Volksmedizin propagiert und von "weisen" Personen gebraucht wurden. Durch die lange Vertrautheit solcher Mythen erhielten diese Autorität und den Anspruch auf Wahrhaftigkeit, zumal das Gegenteil früher zumeist nur schwer zu beweisen war. Und der Glaube an die Wirksamkeit lässt in vielen Fällen eben die Wirkung eher eintreten. Das hoffnungsfrohe Argument "Was früher half, das hilft auch heute!" findet sich auch in der Gegenwart noch in der Vorstellung mancher Menschen sehr hartnäckig und wenig durchdacht, die ansonsten modernen Medikamenten oft sehr kritisch gegenüber stehen.

Lässt sich aus heutiger Sicht ein abschließendes Urteil über die Evidenz der Signaturenlehre fällen?

Werner Dressendörfer: Aus unserer heutigen Sicht handelt es sich bei der ursprünglichen Signaturenlehre um eine magische Praktik, weil sie vom Wirken und der Handhabung paranormaler Zusammenhänge ausgeht. Die Vorstellung, dass bei unterschiedlichen Dingen das Auftreten als übereinstimmend betrachteter äußerlicher Eigenschaften innere Wesenszusammenhänge und "Sympathien" beweisen würden, ist naturwissenschaftlich nicht haltbar. Allerdings kann man sich gut vorstellen, dass sich bei erkannter spezifischer Wirkung einer Heilpflanze Signaturen gezielt auswählen ließen, durch die die Realität in Einklang mit der Vorstellung gebracht wurde. So betrachtet finden sich also auch Aussagen, die zutreffend sind, aber keineswegs die Richtigkeit der Signaturenlehre beweisen.

Rituale spielen eine wichtige Rolle

Welche Rolle spielte das die Arzneianwendung begleitende Ritual? Und lässt es sich mit der Medikamentenverschreibung durch den Arzt von heute vergleichen?

Werner Dressendörfer: Rituale spielen eine wichtige Rolle. Das beginnt mit Sammelritualen, die bestimmte Situationen voraussetzten, betrifft auch die Pflanzenernte, die häufig ebenso von individuellen Bedingungen abhängig gemacht wird, geht weiter über die Umstände der Arzneibereitung und endet schließlich mit der Einnahme des Medikaments. Wenn man eine Arznei "3x täglich" einnehmen soll, bedeutet dies ein Ritual, das drei außerordentliche Fixpunkte im persönlichen Tagesablauf setzt, durch die die Krankheit bewusst gemacht wird, so dass man auch bewusst gegen sie ankämpfen kann. Jeder selbst aufgegossene Heiltee ist ein Beleg für den Gesundungswillen des Patienten, sein Vertrauen auf die Wirkung und seine Hoffnung auf Gesundung. Das gilt genauso noch heute auch für die vorschriftsmäßige Einnahme der vom Arzt verordneten modernen Medikamente und kann als Teil des Placebo-Effektes bezeichnet und genützt werden.

Heute herrscht Unmut über das als reduktionistisch empfundene Weltbild der Naturwissenschaft, zugleich ist der Rückgriff auf die magischen Rituale von einst blockiert. Wie sollte aus ihrer Sicht die Zukunft einer umfassende Arzneianwendung aussehen?

Werner Dressendörfer: Ich weiß nicht, ob der Rückgriff auf alte magische Rituale so völlig blockiert ist. Ich erlebe es immer wieder, dass Kunden in die Apotheke kommen und dort ein Arzneimittel erst auspendeln, bevor sie es kaufen oder ablehnen, und die Signaturenlehre findet sich in der Homöopathie und der anthroposophischen Medizin noch vielfältig. Das Letztere soll durchaus keine Wertung sein, sondern eine Feststellung!

Nun aber zu Ihrer Frage, die ich ein wenig ausführlicher beantworten muss. Die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften haben in den letzten 200 Jahren zu einem ungeheueren Fortschritt, auch in der Medizin und der Pharmazie, geführt. Kein vernünftiger Mensch wird sich heute noch nach dem Standard der Barockzeit operieren lassen, weil er klar erkennt, wie viel sich seither getan hat. Und auf dem Gebiet der Arzneimittel sollte dies nicht gelten? Das bedeutet nun nicht, dass wir alle Anschauungen, die vor einem bestimmten Zeitpunkt üblich waren, in Bausch und Bogen verdammen wollen. Wir dürfen diese alten Vorstellungen nur nicht von vorneherein als sicheren Beweis werten, wir sollten sie jedoch als möglichen Hinweis betrachten, dem wir in wichtigen Fällen mit den Methoden der heutigen Naturwissenschaften nachgehen müssten, um ihn zu bestätigen oder zu widerlegen.

Im Bereich der Heilpflanzenbewertung tut dies die wissenschaftliche Phytotherapie mit gutem Erfolg. Aber es gibt noch einen weiteren, ganz anderen Aspekt: unser Gesundheitswesen wird weitgehend solidarisch finanziert. Aus Gründen der Gerechtigkeit und der wirtschaftlichen Überschaubarkeit muss es deshalb einen Maßstab geben, anhand dessen entschieden wird, was als Leistung mit wahrscheinlicher und weitgehend gesicherter Wirkung betrachtet und übernommen wird und was auf der anderen Seite individuelle Wünsche ohne ausreichend belegte Hintergründe sind, für die deshalb der Einzelne aufkommen muss.

Wie oft beschweren wir uns berechtigt oder unberechtigt über "Kunstfehler" der Medizin. Wie sollte bei solchen Fragen entschieden werden, wenn es keinen eindeutigen, weitestgehend reproduzierbaren Maßstab gäbe? Und der kann zur Zeit wohl nur naturwissenschaftlich sein. Alles für möglich zu halten ist kein Zeichen von Aufgeschlossenheit, sondern ein Ausdruck von Orientierungslosigkeit. Und in Fragen der Gesundheit die Orientierung zu verlieren, kann lebensgefährlich werden. Natürlich soll jeder glauben können, was er will, er sollte sich aber des Unterschiedes zwischen "glauben" und "wissen" bewusst sein.

Die Bereitschaft, die Spielregeln des Systems zu akzeptieren

Wie kann dabei die Verflochtenheit des Patienten in den systemischen Gesamtzusammenhang berücksichtigt werden?

Werner Dressendörfer: Die Einbeziehung des Patienten in das geltende medizinische System wird sich in erster Linie danach richten, ob der Patient selbst überhaupt bereit ist, die "Spielregeln" des Systems zu akzeptieren, oder ob er sich ihnen nur notgedrungen unterwirft. Ob er also aktiver oder passiver Teil des Systems sein will.

Zur Aktivität gehört gesundheitsbewusstes Verhalten, das in der antiken Medizin unter dem Begriff der "Diätetik" verstanden wurde. Diese Aussagen gelten praktisch unverändert auch heute nach zweieinhalb Jahrtausenden immer noch. Wenn es aber trotzdem zu einer behandlungsbedürftigen Erkrankung kommt, sollte der Patient den Arzt seines Vertrauens aufsuchen und aus dieser Vertrautheit heraus dessen Ratschlägen und Anordnungen folgen, auch wenn er im Einzelfall deren Berechtigung nicht wirklich beurteilen kann. Wenn er aber meint, seinem Arzt nicht vertrauen zu können, dann sollte er sich einen anderen suchen. Die "Non-Compliance", das Nichtbefolgen der ärztlichen Anweisungen, kann selbst zum gravierenden Krankheitsfaktor werden.

Ich persönlich halte die gegenwärtige naturwissenschaftlich ausgerichtete Medizin trotz mancher fragwürdiger Entwicklungen und Fehlleistungen einzelner ihrer Vertreter für vertrauenswürdig und für das beste der momentan verfügbaren Systeme. Das gilt für ernsthafte Krankheiten. Bei Befindlichkeitsstörungen oder banalen Gesundheitsproblemen spricht - falls man dies möchte - nur wenig gegen die Anwendung sogenannter "alternativer Heilweisen", wenn sichergestellt ist, dass keine schwerwiegende Erkrankung bei der Selbstdiagnose übersehen wurde und deshalb die notwenige, vielleicht lebensrettende fachkundige Behandlung unterbleibt.

In jedem Fall sollten wir jedoch akzeptieren, dass der Körper keine Maschine ist, die bei Bedarf in kürzester Zeit nach Standardmethoden immer zuverlässig repariert werden kann. Vielmehr ist er eine individuelle komplexe Einheit von Leib, Geist und Seele, die im gleichberechtigten und ausgewogenen Nebeneinander unter dem Einfluss der Zeit unser Leben in Gesundheit und in Krankheit bestimmt. (Jörg Auf dem Hövel)