Altstadt und Heimatgefühl

Ein Streiflicht auf einen verzwickten Zusammenhang

Vor ein paar Jahren startete die deutsche Sektion von Wikipedia eine Unterschriftenaktion, mit der sie erreichen wollte, von der Unesco in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen zu werden. Die Begründung: Wikipedia sei mit nichts in der Geschichte der Menschheit zu vergleichen. Sozusagen eine Art achtes Weltwunder.

Daraus ist, man ahnt es, nichts geworden. Freilich zeigt sich hier eine grundlegende Tendenz, alles Mögliche in ein historisches Freilichtmuseum und öffentliches Konservierungslager zu verwandeln. Weshalb der Vorstoß von Wikipedia so absurd, wie er auf den ersten Blick anmutet, überhaupt nicht ist. Im Grunde muss man diesen Leuten dankbar für ihr Ansinnen sein, denn es wirft die Frage auf, was eigentlich unser kulturelles Erbe umfasst - und was nicht.

Was die hiesigen Altstädte anbelangt, sollte das eigentlich klar sein. Schließlich prägen sie doch das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft entscheidend mit. Oder etwa nicht? Es mag ja sein, dass Städte einen anziehen oder abstoßen; sie inspirieren, lassen kalt, verstören oder verlocken. Aber egal, in welche Stadt man reist, der erste Weg führt einen in die Altstadt. Dort liegen die Anfänge. Der Mensch mag es, sich umgeben von Geschichte zu bewegen, weil es ihm das Gefühl vermittelt, Teil dieser Geschichte zu sein. Man nennt das Geborgenheit. Und ein Geborgenheitsbaustein ist eben die Architektur.

Menschen seien zu ihrem Wohlbefinden auf eine differenzierte und ästhetisch ansprechende Umwelt angewiesen, die durch ihr komplexes präsentativ-symbolisches Angebot den lebensgeschichtlich geformten sinnlichen Bedürfnissen von Menschen entgegenkommt. Das zumindest sagt der Geograph Peter Jüngst. Und er formuliert weiter:

Bei den positiv bewerteten altstädtischen Arealen handelt es sich um Räume, die disfunktional zu den direkten Ansprüchen heutiger Arbeitswelt, außerhalb der von dieser ausgehenden Leistungsansprüche und psychischen Belastungen erscheinen. Altstädtische Strukturen geraten damit zu zeitlosen, von Belastungen der Gegenwart scheinbar mehr oder weniger losgelösten Gegenwelten.

Peter Jüngst

Es ist bezeichnend, dass die deutsche Sprache die Begriffe "Altbau" und "Neubau" kennt, die zwei bestimmte Welten meinen, zwei alternative Stadttypen, zwei soziale Systeme. Aus der Immobilienbranche wird häufig von Bauinteressenten berichtet, die danach fragen, ob sie nicht einen schönen Altbau realisieren könnten. Obgleich Normen und Regeln das kaum zulassen, ist diese Nachfrage ernst zu nehmen, weil sie implizit den Verlust von "städtischen" Qualitäten thematisiert.

Deswegen ist die historische Altstadt vielerorts von zentraler Bedeutung - und zwar sowohl für die Stadtbewohner selbst als auch für die Einwohner der umliegenden Region oder die Touristen. Der Wunsch nach festen Bezugspunkten wird durch den Prozess der fortschreitenden Individualisierung, der Pluralisierung der Lebensstile, der Ausdifferenzierung der Milieus nicht etwa verringert, sondern eher noch verstärkt.

Doch deshalb ist weder mit der City noch mit der Altstadt längst nicht alles in Ordnung. Allzu oft wird sie nur aus einem sektoralen Blickwinkel betrachtet und an dessen Ansprüchen bemessen. Was bietet sie an Shopping-Möglichkeiten? Welche Events - mögen sie nun Stadtmarathon oder Lange Nacht der Museen heißen, Mittelalter-Spektakel oder Love-Parade - kann man hier erfolgreich platzieren? Wie hoch sind die Mieten? Wie steht es um das Büroflächenangebot oder die Kaufkraft? Wie gut sie erreichbar, wie stark ihre Lärmbelastung?

Die Hauptverkehrsstraßen sind für das Gerüst der Städte von zentraler Bedeutung, doch sie sind häufig auch die Hauptproblemzonen, an denen sich etwa die Leerstandsproblematik häuft. Zugleich bedrohen Trends wie Filialisierung und Banalisierung des Einzelhandels die Attraktivität der Altstädte.

Dass es eine Sehnsucht nach historischen Stadtbildern gibt, wird insbesondere in Ostasien auf sehr explizite Weise deutlich gemacht. Das zeitgenössische China scheint geradezu ein El-Dorado für historisierende Stadtproduktionen zu sein. Eine davon, Thames Town, hat es sogar bis in die Tagesthemen geschafft - mit dem anklagenden Verweis, dass China ganze Dörfer fälsche.

In der Tat: Wo in der südwestlichen Peripherie von Schanghai bis vor kurzem lediglich Gemüsefelder zu begutachten waren, erhebt sich heute eine pittoreske mittelenglische Kleinstadt. Gregorianische Ziegelsteinbauten und gusseiserne Straßenlaternen, rote Telefonhäuschen, ein Pub mit verwittertem Holzschild über der Tür, Stadthäuser mit Säulen und viktorianischen Fassaden; im Zentrum eine imposante Kathedrale aus Sandstein. Ihre Entwerfer, das Büro Atkins aus Bristol, schufen eine Art gebauten Okzidentalismus: So anheimelnd, dass gutbetuchte Chinesen sich schnell zum Kauf der alles andere als preiswerten Immobilien animieren ließen. Möglicherweise aber auch vorschnell: denn das plumpe Remake eines malerischen Küstendorfes hat sich bislang keineswegs als tragfähiges Lebensmodell erwiesen.

Wie gut, dass wir hierzulande so bescheiden sind. Baulich-räumlich haben wir es ja doch eher mit Problemen im Bonsai-Format zu tun: etwa in Frankfurt bei der Wiederauferstehung der Altstadt als Fachwerkidyll; oder in Dresden mit dem Neumarkt als tollem Postkartenmotiv. Doch die Wunden, die die Debatten darum gerissen haben, sind längst nicht vernarbt.

Ich will hier gar nicht auf die kunst- und denkmalhistorische Problematik von Rekonstruktionen eingehen - das können andere besser. Vielmehr soll etwas Grundsätzliches angedeutet werden: Dass nämlich die Altstadt zunehmend als ein Teil der Erlebnisgesellschaft genutzt wird. Was wir vielerorts erleben, ist das performative Aufpeppen der Innenstädte im Zuge eines kompetitiven Stadtmarketings. Heute scheint Innenstadt ohne entsprechende Inszenierung kaum mehr zu haben zu sein. Manifestiert sich darin eine neue Wirklichkeit? Die Wahrheit nämlich, dass die "objektive Kultur" der Sachen und Sachanlagen einen viel größeren Raum einnimmt als die "subjektive Kultur" der Menschen?

Wie auch immer: Die Altstadt ist zum touristischen Anziehungspunkt und in dieser Hinsicht auch zum Wirtschaftsfaktor geworden. Besonders den kulturhistorisch wertvollen Innenstädten droht die Gefahr, zunehmend im touristischen Sinne schön sein zu müssen. Doch das Bedürfnis nach geschlossenen Stadtbildern ist weit verbreitet - und alles andere als illegitim. Die Menschen fahren eben nicht zufällig nach Rothenburg oder Hildesheim, nach Görlitz, Bamberg oder Quedlinburg und schauen sich die gut gefügten Stadtbilder an. Gleichgültig, ob es sich um eine Straße oder einen Platz handelt, der Mensch sucht nach Geborgenheit. Es ist dies eine genetische Vorprägung, die seit Jahrtausenden wirksam ist. Selbst das spektakulärste Bauwerk wird erst dann reizvoll, wenn es in einem harmonischen Rahmen steht.

Umgekehrt reicht es indes nicht, die Innenstädte mit historisierenden Fassaden zu schmücken, während daneben die banalen Hüllen der Shopping-Malls, Entertainment-Center und Multiplexe sprießen. In seinem Roman "Winter in Lissabon" merkt der spanische Autor Antonio Munoz Molina diesbezüglich an: "Eine Stadt vergißt man schneller als ein Gesicht: Reue oder Leere bleiben, wo vorher die Erinnerung war, und wie ein Gesicht, bleibt auch die Stadt nur dort unvergessen, wo das Bewußtsein sie nicht verschleißen konnte."

Man könnte Altstadt als einen Ort verstehen, an dem eine kollektive Vergangenheit konstruiert wird. Damit Menschen in einer Gemeinschaft sich darüber verständigen können, was sie sich für ihre Zukunft erwarten, müssen sie wissen, was sie miteinander teilen, was die Grundlage ist, von der aus sie Zukünftiges projizieren.

Die meiste Vergangenheit liegt außerhalb der persönlich Erlebten. Ist die Altstadt nicht eines der Instrumente, um sich einer potenziell gemeinsamen Vergangenheit zu vergewissern? Freilich wäre es naiv zu glauben, Heimat entstünde dadurch, dass wir durch unsere Stadt spazieren und uns an den bekannten Bildern erfreuen. Sie entwickelt sich erst, wenn wir selbst uns als Teil eines gesellschaftlichen Prozesses verstehen und nicht nur als Zuschauer und Besucher. Und das heißt nichts anderes als: Altstadt geht alle an! (Robert Kaltenbrunner)

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