Am Beginn der Weimarer Republik standen Staatsmassaker

Antisemitismus war von Anfang dabei

Auch der Antisemitismus gehörte von Anfang an zum Instrumentarium der Gegenrevolution. Die Hetze gegen den angeblichen jüdischen Bolschewismus wurde in diesen Tagen wirkungsmächtig. Schon kurz vor dem 6.Dezember 1918, als eine Gruppe von Frontsoldaten mit einem Putsch den Sozialdemokraten Ebert zum Diktator ernennen und die Rätebewegung zerschlagen wollte, tauchten in Berlin massenhaft antisemitische Flugblätter auf, erklärt der Historiker Dietmar Lange.

Dieser Antisemitismus steigerte sich in den nächsten Wochen, immer dann, wenn die Rätebewegung stark war. Auch in SPD-nahen Publikationen bediente man sich antisemitischer Argumentationen und nannte führende Vertreter der radikalen Linken "land- und volksfremde Agitatoren".

Besonders in der Zeit der bayerischen Räterepublik wurde der Antisemitismus schon früh zur tödlichen Waffe der Rechten. Ihre Opfer waren so unterschiedliche Linke wie der geistige Anarchist Gustav Landauer, der nach seiner Verhaftung von rechten Freikorps erschlagen wurde oder Eugen Leviné, der wegen seiner führenden Rolle in der letzten Phase der bayerischen Räterepublik zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

In der Urteilsbegründung wurde das Stereotyp vom "landesfremden Agitatoren" strafverschärfend erwähnt. Vergeblich wiesen Mannheimer Sozialdemokraten und Gewerkschafter in Telegrammen darauf hin, dass Eugen Leviné, der in Russland geboren wurde, seit früher Kindheit in Deutschland lebte und jahrelang in der Mannheimer Gewerkschaftsbewegung aktiv war. Es war die Mischung aus Hass auf die Linke und Antisemitismus, mit der die Rechten nach der Zerschlagung der Rätebewegung in Deutschland Massen gewannen.

Am Anfang gab es noch Streit um die Führung der völkischen Bewegung. Doch nachdem sich die NSDAP als stärkste Kraft durchsetzte, stellten sich die führenden Kapitalkräfte hinter diese Partei. Sie sahen in ihr in der Weltwirtschaftskrise das stärkste Bollwerk gegen eine Rückkehr linker Umtriebe und einer möglichen Revolution.

Die Angst vor der Revolution trieb die herrschenden Kreise nach rechts

In Italien, Ungarn und anderen europäischen Ländern hatten sich schon vorher unterschiedliche faschistische Regime etabliert. Unterstützt wurden sie von den alten Mächten, Kapital, Klerus und Großgrundbesitzern. Sie hatten in den revolutionären Monaten 1918/19 die Ahnung bekommen, dass es mit ihrer Macht zu Ende gehen könnte. Die Angst hat damals für kurze Zeit die Seiten gewechselt.

Das sollten die herrschenden Klassen nie vergessen und daher sahen sie in den unterschiedlichen Faschismen eine Möglichkeit, endgültig mit sämtlichen linken Umtrieben Schluss zu machen. Das machten die Referenten der internationalen Konferenz "Die zweite Revolution" deutlich, die am vergangenen Samstag, am 9. März, im Rathaus Lichtenberg stattgefunden hat.

Dort berichteten Historiker aus Großbritannien, Deutschland, Italien und Ungarn über die revolutionäre Bewegung in ihren Ländern vor 100 Jahren. So ließ die britische Regierung sogar ein Kriegsschiff am Strand von Liverpool gegen streikende und revoltierende Arbeiter auffahren. Der ungarische Historiker Belá Bodó ging auf die heute kaum bekannte ungarische Räterepublik ein, die sich für die Emanzipation der Arbeiter einsetzte.

In den Bibliotheken und ehemaligen Palästen des Adels wurden Konzerte und Bildungsveranstaltungen für die organisiert, die lange davon ausgeschlossen waren. Auch die jüdische Bevölkerung war in der Räterepublik gleichberechtigt.

Die Rechte mobilisierte dagegen mit dem Schlagwort vom "jüdischen Bolschewismus" und fand Gehör bei den Bauern, die oft noch in reaktionären Vorstellungen befangen waren. Der italienische Historiker Pietro Di Paola zitierte den Anarchisten Errico Malatesta mit den prophetischen Worten, dass die herrschenden Kreise mit einem Blutbad antworten werden, wenn sie die Möglichkeit haben.

Das ist die Rache für die Zeit der Revolution, als sie ernsthaft Angst haben mussten, ihre Macht zu verlieren. Wenn man heute nach Brasilien und andere Länder blickt, sieht man, dass sich daran auch heute nichts geändert hat. (Peter Nowak)

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