Am Internet-Pranger

Statt Fotos von der Ex nun Fotos vom Ex im Netz

Noch weit über das Mittelalter hinaus bis ins 19. Jahrhundert wurden Gesetzesbrecher an den Pranger gestellt, um sie öffentlichem Hohn und Spott auszusetzen. In den Zeiten des Internet geht das einfacher und auch ganz ohne einen von der Obrigkeit ernannten Richter.

Wenn das eine Firma trifft, wie im Fall von persönlichen Testberichten über Produkte, mag es als Verbraucherschutz sinnvoll sein, aber wenn enttäuschte Frauen die Namen ihrer untreuen Ex-Freunde online stellen, gilt nur mehr das Motto „Rache ist süß“.

Verständlich ist die Wut, wenn der Prinz sich nach vielen Küssen als Frosch entpuppt, wenn er lügt und betrügt oder sich schlicht als beziehungsunfähiger Fußschweißindianer erweist. Also ab in den Froschkönig-Brunnen mit diesem Seelenmüll. Das ist sicher besser, als die beste Freundin damit endlos zu nerven und andere können anhand der veröffentlichten Texte sehen, dass es vielen Frauen genauso geht wie ihnen selbst und zudem Warnsignale identifizieren, die auf typische Beziehungs-Bettnässer, Polygamie-Proleten und Muttersöhnchen-Machos hinweisen.

Am Pranger, Illustration aus dem Newgate Calendar

Sich nach Rache zu sehnen und dafür im Internet Tipps zu sammeln (Boese Taten), ist ja auch völlig in Ordnung, so lange das nicht in Verleumdung oder gar Cyber-Stalking ("Der Troll, der mich liebte") ausartet.

In der Vergangenheit bekamen Rache-Foren in Deutschland bereits Probleme mit dem hierzulande engen rechtlichen Rahmen des Persönlichkeitsschutzes (Der Schutz der Persönlichkeit im Internet). Dennoch wurde zehn Jahre lang auf der inzwischen nicht mehr existierenden Website Rache-ist-suess auf vielfältige Weise Vergeltung geübt, die Macher riefen dazu auf, Die geballte Faust aus der Tasche zu nehmen und virtuell zurückzuschlagen (Der virtuelle Pranger).

Vergewaltiger und Freier

Missstände öffentlich anzuprangern, ist an sich ein hehres Ziel. In den USA herrschen allerdings völlig andere Vorstellungen von Daten- und Persönlichkeitsschutz als in der Bundesrepublik. Erst kürzlich machte das amerikanische Justizministerium bei uns einige Schlagzeilen, als eine zentrale Datenbank mit Fotos und Angaben von verurteilten Sexualstraftäter online ging (Department of Justice activates National Sex Offender Public Registry Website). Bürger können sich auf der Site des National Sex Offender Public Registry (NSOPR) darüber informieren, ob einer ihrer Nachbarn in der Vergangenheit eine Sexualstraftat beging.

In den meisten US-Bundesstaaten ist auch Prostitution illegal und so ist es nur folgerichtig, dass die Polizei von Chicago seit neuestem die Fotos, Beschreibungen des Delikts, Altersangaben und Adressen von Freiern auf ihrer Website online stellt (Prostitution Patron Arrests). Dieser Internet-Pranger, der der Abschreckung dienen soll, erregt zumindest ein umfassendes voyeuristisches Interesse. Viele wollen einen Blick auf diese Männer werfen, deren „Verbrecherbilder“ nach ihrer Festnahme dreißig Tage lang zur Schau gestellt werden. Mehr als 400.000 Mal wurde die Website im ersten Monat angeklickt.

Kursiv und klein gedruckt klärt eine Schriftzeile darüber auf, dass die abgebildeten Personen nicht rechtskräftig verurteilt sind und deshalb vor dem Gesetz als unschuldig gelten („These individuals are presumed innocent until proven guilty in a court of law“). Wer sich letztlich als unschuldig erweist, also freigesprochen wird, könne ja dann nachträglich die Löschung seiner Verhaftungsakte beantragen, so argumentiert die Polizei.

Don’t date him Girl!

Wer braucht schon Polizei oder einen Richter, wenn es um Männer geht, die ihre Frauen betrügen. Flugs ein Internet-Forum gründen und die Prinzen, die sich nach vielen Küssen als Frösche entpuppten, nicht nur mit Klagegesang in den Brunnen werfen, sondern öffentlich vorführen. Auf dass jede mit faulen Tomaten nach ihnen werfe und keine Frau sie mehr ansehe.

Das sagte sich die US-Amerikanerin Tasha Joseph und gründete im Juli den virtuellen Pranger Don't date him Girl. Sie argumentierte gegenüber der Times, es handle sich bei den Seitensprüngen zwar nicht um strafbare Delikte, aber um moralische Verbrechen. Mit tatkräftiger Unterstützung lokaler Radiostationen wächst seither die Zahl der angeprangerten Männer ständig – inzwischen sind es bereits mehr als 250.

Die Macherin ist völlig von ihrer Aufgabe überzeugt, sie hält ihre Website für einen Dienst an der Menschheit – oder zumindest für den weiblichen Teil davon. Sie schreibt dazu in der Eigendarstellung:

Jeden Tag werden weltweit Tausende von Frauen von ihren Freunden, Verlobten oder Ehemännern betrogen. Die männliche Untreue verursacht die Zerstörung von Tausenden von Ehen, Verlöbnissen und Partnerschaften jedes Jahr. Was sollte eine Frau tun? Teure Privatdetektive beauftragen? Viel Geld ausgeben, um seinen Background zu durchleuchten? Jetzt haben Frauen eine neue, kosteneffektive Waffe im Kampf gegen den betrügerischen Mann!

Denn jetzt kann jede betrogene Frau ihren Ex-Geliebten, Ex-Freund oder Ex-Mann kostenfrei mit Foto, Name, Stadt und Kurztext in die Datenbank von Don’t date him Girl einspeisen. Und das praktischerweise auch ganz anonym. Suchen können dann alle Frauen nach den Namen der Männer, Wohnort, Alter, Größe oder bestimmten Stichworten.

Und da finden sich viele anonyme Einträge, die das Foto eines Mannes online gestellt haben, mit Angaben wer er ist (inklusive einiger Kurzbiografien ab Schulzeit) und darüber, wie und mit welcher Taktik er Frauen aufreißt, dass er verheiratet ist, welche Lügen er erzählt etc. Wobei es einige der Posterinnen auch nicht stört, dass sie offensichtlich immer wussten, dass „ihre“ Männer verheirat waren und sind, sie waren die Geliebten, ein Seitensprung, und nun prangern sie an, dass sowohl sie als auch die Ehefrauen mit einer Dritten betrogen wurden!

Die präsentierten Herren der Schöpfung haben die Möglichkeit, per E-Mail eine Gegendarstellung zu schicken, die dann neben ihrem Profil veröffentlicht werden sollen – wobei das anscheinend bisher noch keiner in Anspruch genommen hat. Einige der Männer haben auch mehrfache Einträge verschiedener Frauen aufzuweisen. Ergänzt wird das Ganze von einem Blog mit Leidensgeschichten und Tipps wie zum Beispiel die Top Ten der Anzeichen für den Seitensprung eines Mannes.

Die meisten der Hassbotschaften der enttäuschten Frauen sind nicht namentlich unterzeichnet. Aber wen sollte es bei der manifesten Frauensolidarität schon kümmern, dass hier vielleicht auch Männer für Untreue angeprangert werden, die in Wirklichkeit unbeliebte Chefs oder verhasste Kollegen sind? Oder die nur deshalb gehasst werden, weil eine verlassene Frau einsam und enttäuscht ist? Frei nach dem Motto: "Alle Männer sind potenzielle Betrüger und im Grunde gehören doch sowieso alle Kerls auf einen virtuellen Pranger, oder etwa nicht?" Sollten Männer etwa Rechte haben? Alle Frauen sind Schwestern oder wie eine der betrogenen Don’t date him Girl-Frauen, natürlich ANONYMOUS, schreibt:

Das ist eine Welt der Frauen, Männer leben nur in ihr! Machen wir ihnen das klar!

(Andrea Naica-Loebell)